Die Welträtsel
Drittes Kapitel. Unser Leben.
D r i t t e s K a p i t e l .
Unser Leben.
Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie.
Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der
Säugetiere.
Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des
19. Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen W i s s e n s c h a f t
erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die P h y s i o l o g i e, hat
sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja notwendige
Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar gemacht, in engem
Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom Körperbau. Aber sie konnte
erst viel später und langsamer als letztere gründlich erforscht werden, da sie auf
viel größere Schwierigkeiten stieß.
Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon sehr
frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete am lebenden
Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von eigentümlichen
Veränderungen, vorzugsweise B e w e g u n g e n, welche den »toten«
Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen, Atemzüge,
Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen Bewegungen« von
ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern war nicht leicht und
oft verfehlt; das fließende Wasser, die flackernde Flamme, der wehende Wind,
der stürzende Fels zeigten dem Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es
war sehr natürlich, daß der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein
selbständiges Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich
bei den letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den
ersteren.
Menschliche Physiologie. Die ältesten wissenschaftlichen Betrachtungen über
das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen wir (ebenso wie
diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den griechischen
Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften Jahrhundert v. Chr. Die
reichste Sammlung von bezüglichen, damals bekannten Tatsachen finden wir in
der Naturgeschichte des A r i s t o t e l e s.
Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben, gebührt dem
großen griechischen Arzte G a l e n u s, den wir auch als den ersten großen
Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen Untersuchungen über
die O r g a n e des menschlichen Körpers stellte er sich beständig auch die Frage
nach ihren Lebenstätigkeiten oder F u n k t i o n e n, und auch hierbei verfuhr er
vergleichend und untersuchte vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die
A f f e n. Die Erfahrungen, die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den
Menschen. Er erkannte auch bereits den hohen Wert des physiologischen
E x p e r i m e n t e s: bei Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er
verschiedene interessante Versuche an. Die V i v i s e k t i o n e n sind neuerdings
nicht nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von
wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen vielfach
auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu den
u n e n t b e h r l i c h e n M e t h o d e n der Lebensforschung und haben uns
unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben.
Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine Physiologie
das System des G a l e n u s während des langen Zeitraums von dreizehn
Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse. Der kulturfeindliche
Einfluß des Christentums bereitete auch auf diesem, wie auf allen anderen
Gebieten, der Naturerkenntnis die unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten
bis zum sechzehnten Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt
hätte, selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen
und über das System von G a l e n u s hinauszugehen. Erst im 16. Jahrhundert
wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen Ärzten und
Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte der englische Arzt
H a r v e y seine große Entdeckung des B l u t k r e i s l a u f s und wies nach, daß
das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch regelmäßige, unbewußte
Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle unablässig durch das
kommunizierende Röhrensystem der Adern oder Blutgefäße treibt. Nicht minder
wichtig waren H a r v e y s Untersuchungen über die Zeugung der Tiere, infolge
deren er den berühmten Satz aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus
einem Ei« (omne vivum ex ovo).
Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,
welche H a r v e y gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert zu einer
großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte A l b r e c h t
H a l l e r um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male zusammen; in
seinem großen Werke »Elementa physiologiae« begründete er den selbständigen
Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber H a l l e r für die Nerventätigkeit eine besondere
»Empfindungskraft oder Sensibilität« und ebenso für die Muskelbewegung eine
besondere »Reizbarkeit oder Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er
mächtige Stützen für die irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen
»L e b e n s k r a f t«.
Lebenskraft (Vitalismus). Über ein volles Jahrhundert hindurch, von der Mitte
des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in der Medizin, und speziell in
der Physiologie, die alte Anschauung herrschend, daß zwar ein Teil der
Lebenserscheinungen auf physikalische und chemische Vorgänge
zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil derselben durch eine besondere,
davon unabhängige L e b e n s k r a f t (Vis vitalis) bewirkt werde. So
verschiedenartig auch die besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und
besonders von ihrem Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so
stimmten doch alle darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-
chemischen Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich
verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur fehlende
»U r k r a f t« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen. Nicht allein die
Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven und die Irritabilität der
Muskeln, sondern auch die Vorgänge der Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und
Entwickelung erschienen allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so
rätselhaft, daß es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische
Naturprozesse zurückzuführen.
Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie). Schon in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph D e s c a r t e s, fußend
auf H a r v e y s Entdeckung des Blutkreislaufs, den Gedanken ausgesprochen,
daß der Körper des Menschen ebenso wie der Tiere eine komplizierte
M a s c h i n e sei, und daß ihre Bewegungen nach denselben mechanischen
Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom Menschen für einen bestimmten
Zweck gebauten Maschinen. Allerdings nahm D e s c a r t e s trotzdem für den
Menschen allein eine vollkommene Selbständigkeit der immateriellen Seele an
und erklärte sogar deren subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in
der Welt, von dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»Cogito, ergo
sum!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die Erkenntnis
der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im Anschluß daran
führte B o r e l l i (1660) die Bewegungen des Tierkörpers auf rein physikalische
Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte S y l v i u s, die Vorgänge bei der
Verdauung und Atmung als rein chemische Prozesse zu erklären. Allein diese
vernünftigen Ansätze zu einer naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten keine allgemeine Anwendung und Geltung zu
erringen; und im Laufe des 18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich
der Vitalismus entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und
Rückkehr zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des
19. Jahrhunderts die neue v e r g l e i c h e n d e Physiologie sich zu fruchtbarer
Geltung erhob.
Vergleichende Physiologie. Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau des
Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit ursprünglich
größtenteils nicht durch direkte Beobachtung am menschlichen Organismus
selbst gewonnen, sondern an den nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor
allem den S ä u g e t i e r e n. Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«,
welche das ganze Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis
zum Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft des
19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war J o h a n n e s M ü l l e r in Berlin
(1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und Physiologie des
Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der höheren und niederen Tiere
in den Kreis seiner Vergleichung. Indem er zugleich die Bildung der
ausgestorbenen Tiere mit den lebenden, den gesunden Organismus des
Menschen mit dem kranken verglich, indem er wahrhaft philosophisch alle
Erscheinungen des organischen Lebens zusammenzufassen strebte, erhob er sich
zu einer bis dahin unerreichten Höhe der biologischen Erkenntnis.
Allerdings war M ü l l e r ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner Zeit,
Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm bei ihm eine
neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr prinzipielles Gegenteil.
Denn auf allen Gebieten der Physiologie war M ü l l e r bestrebt, die
Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären; seine reformierte Lebenskraft
steht nicht über den physikalischen und chemischen Gesetzen der übrigen Natur,
sondern sie ist streng an dieselben g e b u n d e n; sie ist schließlich weiter nichts
als das »L e b e n« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die
wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt, dieselben
mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in der Tätigkeit der
Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der Atmung und Verdauung wie
in den Erscheinungen der Fortpflanzung und Entwickelung. Die größten
Fortschritte führte hier M ü l l e r dadurch herbei, daß er überall von den
einfachsten Lebenserscheinungen der niederen Tiere ausging und Schritt für
Schritt ihre allmähliche Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum
Menschen, hinauf verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der
k r i t i s c h e n Ve r g l e i c h u n g ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.
Zellularphysiologie. Unter den zahlreichen Schülern von J o h a n n e s
M ü l l e r, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem Tode die
verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer der
glücklichsten T h e o d o r S c h w a n n. Als 1838 der geniale Botaniker
S c h l e i d e n in Jena die Z e l l e als das gemeinsame Elementarorgan der
Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers als
zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte J o h a n n e s
M ü l l e r sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen
Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des Tierkörpers die
gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und veranlaßte sodann seinen Schüler
S c h w a n n, diesen Nachweis auf alle tierischen Gewebe auszudehnen. Diese
schwierige Aufgabe löste der letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen
Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum
der Tiere und Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die
Z e l l e n t h e o r i e gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für
die Anatomie seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer
allgemeiner bewährt hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf
diejenige ihrer Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden
müsse, führten namentlich zwei andere Schüler von J o h a n n e s M ü l l e r aus,
der scharfsinnige Physiologe E r n s t B r ü c k e in Wien und der berühmte
Histologe A l b e r t K ö l l i k e r in Würzburg. Der erstere bezeichnete die
Zellen richtig als »E l e m e n t a r - O r g a n i s m e n« und zeigte, daß sie ebenso
im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen
Faktoren des Lebens sind. K ö l l i k e r erwarb sich besondere Verdienste nicht
nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch durch den
Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden
»Furchungskugeln« einfache Zellen sind.
So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für alle
biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die darauf gegründete
Z e l l u l a r - P h y s i o l o g i e erst in neuester Zeit selbständig ausgebaut. Hier
hat namentlich M a x Ve r w o r n sich ein doppeltes Verdienst erworben. In
seinen »Psychophysiologischen Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf
Grund sinnreicher experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir
(1866) aufgestellte »T h e o r i e d e r Z e l l s e e l e« durch das genaue Studium
der einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die
psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die
chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf die moderne
Entwickelungslehre hat Ve r w o r n diese Ansichten in seiner »Allgemeinen
Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht zum ersten Male wieder auf den
umfassenden Standpunkt von J o h a n n e s M ü l l e r zurück, im Gegensatze zu
den einseitigen und beschränkten Methoden jener modernen Physiologen,
welche glauben, ausschließlich durch physikalische und chemische Experimente
das Wesen der Lebenserscheinungen ergründen zu können. Ve r w o r n zeigte,
daß nur durch die v e r g l e i c h e n d e Methode M ü l l e r s und durch das
Vertiefen in die Physiologie der Z e l l e jener höhere Standpunkt gewonnen
werden kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle
Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen wir zu
der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des Menschen
denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie diejenigen aller
anderen Tiere.
Zellularpathologie. Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie für alle
Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
nicht allein in den großartigen Fortschritten der gesamten Morphologie und
Physiologie, sondern auch besonders in der totalen Reform derjenigen
biologischen Wissenschaft, welche vermöge ihrer Beziehungen zur praktischen
Heilkunst von jeher die größte Bedeutung in Anspruch nahm, der P a t h o l o g i e
oder Krankheitslehre. Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen
Lebewesen N a t u rerscheinungen sind und also gleich den übrigen
Lebensfunktionen nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja
schon vielen älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten
schon im 17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht,
die Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische
Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand der
Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser berechtigten
Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die das Wesen der
Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen suchten, bis zur Mitte
des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.
Erst um diese Zeit hatte R u d o l f V i r c h o w, ebenfalls ein Schüler von
J o h a n n e s M ü l l e r, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie vom
gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er suchte in den
feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus ihnen zusammengesetzten
Gewebe die wahre Ursache jener gröberen Veränderungen, welche als bestimmte
»Krankheitsbilder« den lebenden Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen.
Besonders während der sieben Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte V i r c h o w diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch,
daß seine Z e l l u l a r p a t h o l o g i e mit einem Schlage die ganze Pathologie
und die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare Bahnen
lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin deshalb so
bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein wissenschaftlichen
Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke Mensch, ebenso wie der
gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen Gesetzen«, wie die ganze übrige
organische Welt.
Physiologie der Säugetiere. Unter den zahlreichen Tierklassen, welche die
neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die S ä u g e t i e r e nicht allein in
morphologischer, sondern auch in physiologischer Beziehung eine ganz
besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch seinem ganzen Körperbau nach
zur Klasse der Säugetiere gehört, muß er auch den besonderen Charakter seiner
Lebenstätigkeiten mit den übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die
Atmung vollziehen sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in
derselben eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren
zukommt; sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und
ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der linken
Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt, während dies
bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien durch beide
Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet sich vor
demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus ihren roten Blutzellen
der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen werden nur in dieser
Tierklasse vorzugsweise durch das Z w e r c h f e l l vermittelt, weil dasselbe nur
hier eine vollständige Scheidewand zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet.
Ganz besonders wichtig aber ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die
Produktion der Milch in den Brustdrüsen (Mammae) und die besondere Form der
Brutpflege, welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit
sich bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der
eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere aus dieser
innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat, erinnert uns der
Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In Millionen von Bildern,
zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges, wird »d i e M a d o n n a mit dem
Christuskinde« verherrlicht als das reinste und erhabenste Urbild der
Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen extremste Form die übertriebene
Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt.
Physiologie der Affen. Da unter allen Säugetieren die Affen im gesamten
Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in
Wahrheit der Fall. Wie sehr die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die
Sinnesfunktionen, das Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des
Menschen nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie
weist dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger
bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die
Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung ist
besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei vielen
Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter erleiden,
entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des menschlichen Weibes.
Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und das Säugegeschäft geschieht
bei den weiblichen Affen genau ebenso wie bei den Frauen.
Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die L a u t s p r a c h e d e r
A f f e n, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten menschlichen
Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden Menschenaffen gibt es eine
indische Art, welche musikalisch ist: der Hylobates syndactylus auf Sumatra singt in
vollkommen reinen und klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den
unbefangenen Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen,
daß unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus
der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat.