Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 7 von 26

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Die Welträtsel

Drittes Kapitel. Unser Leben.

D r i t t e s K a p i t e l .

 

Unser Leben.

 

Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie.

Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der

Säugetiere.

Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des

19. Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen W i s s e n s c h a f t

erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die P h y s i o l o g i e, hat

sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja notwendige

Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar gemacht, in engem

Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom Körperbau. Aber sie konnte

erst viel später und langsamer als letztere gründlich erforscht werden, da sie auf

viel größere Schwierigkeiten stieß.

Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon sehr

frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete am lebenden

Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von eigentümlichen

Veränderungen, vorzugsweise B e w e g u n g e n, welche den »toten«

Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen, Atemzüge,

Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen Bewegungen« von

ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern war nicht leicht und

oft verfehlt; das fließende Wasser, die flackernde Flamme, der wehende Wind,

der stürzende Fels zeigten dem Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es

war sehr natürlich, daß der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein

selbständiges Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich

bei den letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den

ersteren.

Menschliche Physiologie. Die ältesten wissenschaftlichen Betrachtungen über

das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen wir (ebenso wie

diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den griechischen

Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften Jahrhundert v. Chr. Die

reichste Sammlung von bezüglichen, damals bekannten Tatsachen finden wir in

der Naturgeschichte des A r i s t o t e l e s.

Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben, gebührt dem

großen griechischen Arzte G a l e n u s, den wir auch als den ersten großen

Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen Untersuchungen über

die O r g a n e des menschlichen Körpers stellte er sich beständig auch die Frage

nach ihren Lebenstätigkeiten oder F u n k t i o n e n, und auch hierbei verfuhr er

vergleichend und untersuchte vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die

A f f e n. Die Erfahrungen, die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den

Menschen. Er erkannte auch bereits den hohen Wert des physiologischen

E x p e r i m e n t e s: bei Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er

verschiedene interessante Versuche an. Die V i v i s e k t i o n e n sind neuerdings

nicht nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von

wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen vielfach

auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu den

u n e n t b e h r l i c h e n M e t h o d e n der Lebensforschung und haben uns

unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben.

Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine Physiologie

das System des G a l e n u s während des langen Zeitraums von dreizehn

Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse. Der kulturfeindliche

Einfluß des Christentums bereitete auch auf diesem, wie auf allen anderen

Gebieten, der Naturerkenntnis die unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten

bis zum sechzehnten Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt

hätte, selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen

und über das System von G a l e n u s hinauszugehen. Erst im 16. Jahrhundert

wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen Ärzten und

Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte der englische Arzt

H a r v e y seine große Entdeckung des B l u t k r e i s l a u f s und wies nach, daß

das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch regelmäßige, unbewußte

Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle unablässig durch das

kommunizierende Röhrensystem der Adern oder Blutgefäße treibt. Nicht minder

wichtig waren H a r v e y s Untersuchungen über die Zeugung der Tiere, infolge

deren er den berühmten Satz aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus

einem Ei« (omne vivum ex ovo).

Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,

welche H a r v e y gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert zu einer

großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte A l b r e c h t

H a l l e r um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male zusammen; in

seinem großen Werke »Elementa physiologiae« begründete er den selbständigen

Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber H a l l e r für die Nerventätigkeit eine besondere

»Empfindungskraft oder Sensibilität« und ebenso für die Muskelbewegung eine

besondere »Reizbarkeit oder Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er

mächtige Stützen für die irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen

»L e b e n s k r a f t«.

Lebenskraft (Vitalismus). Über ein volles Jahrhundert hindurch, von der Mitte

des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in der Medizin, und speziell in

der Physiologie, die alte Anschauung herrschend, daß zwar ein Teil der

Lebenserscheinungen auf physikalische und chemische Vorgänge

zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil derselben durch eine besondere,

davon unabhängige L e b e n s k r a f t (Vis vitalis) bewirkt werde. So

verschiedenartig auch die besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und

besonders von ihrem Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so

stimmten doch alle darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-

chemischen Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich

verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur fehlende

»U r k r a f t« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen. Nicht allein die

Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven und die Irritabilität der

Muskeln, sondern auch die Vorgänge der Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und

Entwickelung erschienen allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so

rätselhaft, daß es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische

Naturprozesse zurückzuführen.

Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie). Schon in der ersten

Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph D e s c a r t e s, fußend

auf H a r v e y s Entdeckung des Blutkreislaufs, den Gedanken ausgesprochen,

daß der Körper des Menschen ebenso wie der Tiere eine komplizierte

M a s c h i n e sei, und daß ihre Bewegungen nach denselben mechanischen

Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom Menschen für einen bestimmten

Zweck gebauten Maschinen. Allerdings nahm D e s c a r t e s trotzdem für den

Menschen allein eine vollkommene Selbständigkeit der immateriellen Seele an

und erklärte sogar deren subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in

der Welt, von dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»Cogito, ergo

sum!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die Erkenntnis

der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im Anschluß daran

führte B o r e l l i (1660) die Bewegungen des Tierkörpers auf rein physikalische

Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte S y l v i u s, die Vorgänge bei der

Verdauung und Atmung als rein chemische Prozesse zu erklären. Allein diese

vernünftigen Ansätze zu einer naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten keine allgemeine Anwendung und Geltung zu

erringen; und im Laufe des 18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich

der Vitalismus entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und

Rückkehr zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des

19. Jahrhunderts die neue v e r g l e i c h e n d e Physiologie sich zu fruchtbarer

Geltung erhob.

Vergleichende Physiologie. Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau des

Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit ursprünglich

größtenteils nicht durch direkte Beobachtung am menschlichen Organismus

selbst gewonnen, sondern an den nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor

allem den S ä u g e t i e r e n. Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«,

welche das ganze Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis

zum Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft des

19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war J o h a n n e s M ü l l e r in Berlin

(1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und Physiologie des

Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der höheren und niederen Tiere

in den Kreis seiner Vergleichung. Indem er zugleich die Bildung der

ausgestorbenen Tiere mit den lebenden, den gesunden Organismus des

Menschen mit dem kranken verglich, indem er wahrhaft philosophisch alle

Erscheinungen des organischen Lebens zusammenzufassen strebte, erhob er sich

zu einer bis dahin unerreichten Höhe der biologischen Erkenntnis.

Allerdings war M ü l l e r ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner Zeit,

Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm bei ihm eine

neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr prinzipielles Gegenteil.

Denn auf allen Gebieten der Physiologie war M ü l l e r bestrebt, die

Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären; seine reformierte Lebenskraft

steht nicht über den physikalischen und chemischen Gesetzen der übrigen Natur,

sondern sie ist streng an dieselben g e b u n d e n; sie ist schließlich weiter nichts

als das »L e b e n« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die

wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt, dieselben

mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in der Tätigkeit der

Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der Atmung und Verdauung wie

in den Erscheinungen der Fortpflanzung und Entwickelung. Die größten

Fortschritte führte hier M ü l l e r dadurch herbei, daß er überall von den

einfachsten Lebenserscheinungen der niederen Tiere ausging und Schritt für

Schritt ihre allmähliche Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum

Menschen, hinauf verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der

k r i t i s c h e n Ve r g l e i c h u n g ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.

Zellularphysiologie. Unter den zahlreichen Schülern von J o h a n n e s

M ü l l e r, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem Tode die

verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer der

glücklichsten T h e o d o r S c h w a n n. Als 1838 der geniale Botaniker

S c h l e i d e n in Jena die Z e l l e als das gemeinsame Elementarorgan der

Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers als

zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte J o h a n n e s

M ü l l e r sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen

Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des Tierkörpers die

gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und veranlaßte sodann seinen Schüler

S c h w a n n, diesen Nachweis auf alle tierischen Gewebe auszudehnen. Diese

schwierige Aufgabe löste der letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen

Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum

der Tiere und Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die

Z e l l e n t h e o r i e gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für

die Anatomie seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer

allgemeiner bewährt hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf

diejenige ihrer Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden

müsse, führten namentlich zwei andere Schüler von J o h a n n e s M ü l l e r aus,

der scharfsinnige Physiologe E r n s t B r ü c k e in Wien und der berühmte

Histologe A l b e r t K ö l l i k e r in Würzburg. Der erstere bezeichnete die

Zellen richtig als »E l e m e n t a r - O r g a n i s m e n« und zeigte, daß sie ebenso

im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen

Faktoren des Lebens sind. K ö l l i k e r erwarb sich besondere Verdienste nicht

nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch durch den

Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden

»Furchungskugeln« einfache Zellen sind.

So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für alle

biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die darauf gegründete

Z e l l u l a r - P h y s i o l o g i e erst in neuester Zeit selbständig ausgebaut. Hier

hat namentlich M a x Ve r w o r n sich ein doppeltes Verdienst erworben. In

seinen »Psychophysiologischen Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf

Grund sinnreicher experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir

(1866) aufgestellte »T h e o r i e d e r Z e l l s e e l e« durch das genaue Studium

der einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die

psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die

chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf die moderne

Entwickelungslehre hat Ve r w o r n diese Ansichten in seiner »Allgemeinen

Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht zum ersten Male wieder auf den

umfassenden Standpunkt von J o h a n n e s M ü l l e r zurück, im Gegensatze zu

den einseitigen und beschränkten Methoden jener modernen Physiologen,

welche glauben, ausschließlich durch physikalische und chemische Experimente

das Wesen der Lebenserscheinungen ergründen zu können. Ve r w o r n zeigte,

daß nur durch die v e r g l e i c h e n d e Methode M ü l l e r s und durch das

Vertiefen in die Physiologie der Z e l l e jener höhere Standpunkt gewonnen

werden kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle

Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen wir zu

der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des Menschen

denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie diejenigen aller

anderen Tiere.

Zellularpathologie. Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie für alle

Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

nicht allein in den großartigen Fortschritten der gesamten Morphologie und

Physiologie, sondern auch besonders in der totalen Reform derjenigen

biologischen Wissenschaft, welche vermöge ihrer Beziehungen zur praktischen

Heilkunst von jeher die größte Bedeutung in Anspruch nahm, der P a t h o l o g i e

oder Krankheitslehre. Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen

Lebewesen N a t u rerscheinungen sind und also gleich den übrigen

Lebensfunktionen nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja

schon vielen älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten

schon im 17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht,

die Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische

Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand der

Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser berechtigten

Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die das Wesen der

Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen suchten, bis zur Mitte

des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.

Erst um diese Zeit hatte R u d o l f V i r c h o w, ebenfalls ein Schüler von

J o h a n n e s M ü l l e r, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie vom

gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er suchte in den

feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus ihnen zusammengesetzten

Gewebe die wahre Ursache jener gröberen Veränderungen, welche als bestimmte

»Krankheitsbilder« den lebenden Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen.

Besonders während der sieben Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte V i r c h o w diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch,

daß seine Z e l l u l a r p a t h o l o g i e mit einem Schlage die ganze Pathologie

und die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare Bahnen

lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin deshalb so

bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein wissenschaftlichen

Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke Mensch, ebenso wie der

gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen Gesetzen«, wie die ganze übrige

organische Welt.

Physiologie der Säugetiere. Unter den zahlreichen Tierklassen, welche die

neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die S ä u g e t i e r e nicht allein in

morphologischer, sondern auch in physiologischer Beziehung eine ganz

besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch seinem ganzen Körperbau nach

zur Klasse der Säugetiere gehört, muß er auch den besonderen Charakter seiner

Lebenstätigkeiten mit den übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die

Atmung vollziehen sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in

derselben eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren

zukommt; sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und

ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der linken

Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt, während dies

bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien durch beide

Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet sich vor

demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus ihren roten Blutzellen

der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen werden nur in dieser

Tierklasse vorzugsweise durch das Z w e r c h f e l l vermittelt, weil dasselbe nur

hier eine vollständige Scheidewand zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet.

Ganz besonders wichtig aber ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die

Produktion der Milch in den Brustdrüsen (Mammae) und die besondere Form der

Brutpflege, welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit

sich bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der

eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere aus dieser

innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat, erinnert uns der

Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In Millionen von Bildern,

zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges, wird »d i e M a d o n n a mit dem

Christuskinde« verherrlicht als das reinste und erhabenste Urbild der

Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen extremste Form die übertriebene

Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt.

Physiologie der Affen. Da unter allen Säugetieren die Affen im gesamten

Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in

Wahrheit der Fall. Wie sehr die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die

Sinnesfunktionen, das Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des

Menschen nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie

weist dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger

bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die

Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung ist

besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei vielen

Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter erleiden,

entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des menschlichen Weibes.

Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und das Säugegeschäft geschieht

bei den weiblichen Affen genau ebenso wie bei den Frauen.

Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die L a u t s p r a c h e d e r

A f f e n, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten menschlichen

Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden Menschenaffen gibt es eine

indische Art, welche musikalisch ist: der Hylobates syndactylus auf Sumatra singt in

vollkommen reinen und klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den

unbefangenen Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen,

daß unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus

der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat.