Die Welträtsel
Neunzehntes Kapitel. Unsere monistische Sittenlehre.
N e u n z e h n t e s K a p i t e l .
Unsere monistische Sittenlehre.
Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe.
Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der
christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.
Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz bestimmten
sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt werden können, wenn sie
in reinem Einklang mit seiner vernünftigen Weltanschauung stehen. Diesem
Grundsatze unserer monistischen Philosophie zufolge muß unsere gesamte
S i t t e n l e h r e oder Ethik in vernünftigem Zusammenhang mit der
einheitlichen Auffassung des »Kosmos« stehen, welche wir durch unsere
fortgeschrittene Erkenntnis der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze
unendliche Universum im Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes
darstellt, so bildet auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen
Teil dieses »K o s m o s«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine
einheitliche sein. E s g i b t n i c h t z w e i v e r s c h i e d e n e , g e t r e n n t e
W e l t e n: eine p h y s i s c h e , m a t e r i e l l e und eine m o r a l i s c h e ,
i m m a t e r i e l l e Welt.
Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen und
Theologen noch heute; sie behaupten mit I m m a n u e l K a n t, daß die sittliche
Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz anderen Gesetzen
gehorche; also müsse auch das s i t t l i c h e B e w u ß t s e i n d e s
M e n s c h e n, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig von der
w i s s e n s c h a f t l i c h e n W e l t e r k e n n t n i s sein und sich vielmehr auf
den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen Welt soll danach
durch die gläubige p r a k t i s c h e Ve r n u n f t geschehen, hingegen die der
Natur oder der physischen Welt durch die t h e o r e t i s c h e Ve r n u n f t.
Dieser unzweifelhafte und bewußte D u a l i s m u s in K a n t s Philosophie war
ihr größter und s c h w e r s t e r F e h l e r; er hat unendliches Unheil angerichtet
und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte der k r i t i s c h e K a n t in der
großartigen und bewunderungswürdigen Kritik der reinen Vernunft einleuchtend
gezeigt, daß die drei großen Z e n t r a l d o g m e n d e r M e t a p h y s i k: der
persönliche Gott, der freie Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer unbegründet bleiben werden. Später aber führte der
d o g m a t i s c h e K a n t das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen
Vernunft auf, in welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener
drei mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die
Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren, kehrten sie
nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens wieder zurück.
Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernünfte von K a n t, der
prinzipielle Antagonismus der r e i n e n und der p r a k t i s c h e n Vernunft,
schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt und widerlegt wurde, blieb er
doch bis heute in weiten Kreisen herrschend. Die moderne Schule der
N e o k a n t i a n e r predigt noch heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich
gerade w e g e n dieses willkommenen D u a l i s m u s, und die streitende Kirche
unterstützt sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu
vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben erst die
moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; die
Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden dadurch hinfällig.
Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz ruhen, bedürfen keines
»persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende und genetische Psychologie
zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht existieren kann, und die Physiologie
wies nach, daß die Annahme des »freien Willens« auf Täuschung beruht. Die
Entwickelungslehre endlich machte klar, daß die »e w i g e n , e h e r n e n
N a t u r g e s e t z e« der anorganischen Welt auch in der organischen und
moralischen Welt Geltung haben.
Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische Philosophie und
Ethik nicht nur n e g a t i v, indem sie den Kantischen Dualismus zertrümmert,
sondern auch p o s i t i v, indem sie an dessen Stelle das neue Gebäude des
e t h i s c h e n M o n i s m u s setzt. Sie zeigt, daß das P f l i c h t g e f ü h l des
Menschen nicht auf einem eingeimpften »k a t e g o r i s c h e n I m p e r a t i v«
beruht, sondern auf dem r e a l e n B o d e n d e r s o z i a l e n I n s t i n k t e,
die wir bei allen gesellig lebenden höheren Tieren finden. Sie erkennt als
höchstes Ziel der Moral die Herstellung einer gesunden Harmonie zwischen
E g o i s m u s und A l t r u i s m u s, zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor
allen anderen war es der große englische Philosoph H e r b e r t S p e n c e r, dem
wir die Begründung dieser monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre
verdanken.
Egoismus und Altruismus. Der Mensch gehört zu den s o z i a l e n
W i r b e l t i e r e n und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei verschiedene
Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der S e l b s t l i e b e (Egoismus), letztere Gebote
der N ä c h s t e n l i e b e (Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt,
gleich natürlich und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter
Gesellschaft existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes
Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er angehört, und
der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden. Er muß erkennen, daß ihr
Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden sein Leiden. Diese sozialen
Grundgesetze sind so einfach und so naturnotwendig, daß man schwer begreift,
wie ihnen theoretisch und praktisch widersprochen werden kann; und doch
geschieht das noch heute, wie es seit Jahrtausenden geschehen ist.
Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus. Die gleiche Berechtigung dieser
beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit der Selbstliebe und der
Nächstenliebe ist das wichtigste F u n d a m e n t a l p r i n z i p u n s e r e r
M o r a l. Das höchste Ziel aller vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr
einfach, die Herstellung des »n a t u r g e m ä ß e n G l e i c h g e w i c h t s
z w i s c h e n E i g e n l i e b e u n d N ä c h s t e n l i e b e«. Das Goldene
Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute tun sollen, das tue du ihnen
auch.« Aus diesem höchsten Gebot des Christentums folgt von selbst, daß wir
ebenso heilige Pflichten gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben.
Ich habe meine Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem
»M o n i s m u s« auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei
wichtige Sätze betont: I. Beide konkurrierende Triebe sind N a t u r g e s e t z e,
die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und gleich
notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des
I n d i v i d u u m s, der Altruismus diejenige der Gattung und S p e z i e s, die sich
aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt. II. D i e s o z i a l e n
P f l i c h t e n, welche die Gesellschaftsbildung den assoziierten Menschen
auferlegt, und durch welche sich diese erhält, sind nur höhere
Entwickelungsformen der s o z i a l e n I n s t i n k t e, welche wir bei allen
höheren, gesellig lebenden Tieren finden. III. Beim Kulturmenschen steht alle
Ethik, sowohl die theoretische wie die praktische Sittenlehre, als
»Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der W e l t a n s c h a u u n g und
demnach auch mit der R e l i g i o n.
Das ethische Grundgesetz. (D a s G o l d e n e S i t t e n g e s e t z.) Aus der
Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich unmittelbar das
höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das man jetzt oft als das
G o l d e n e S i t t e n g e s e t z oder kurz als die »Goldene Regel« bezeichnet.
C h r i s t u s sprach dasselbe wiederholt in dem einfachen Satze aus: »D u s o l l s t d e i n e n N ä c h s t e n l i e b e n w i e d i c h s e l b s t« (Matth. 19,
19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In diesem wichtigsten und höchsten Gebote
stimmt unsere m o n i s t i s c h e E t h i k vollkommen mit der c h r i s t l i c h e n
überein. Nur müssen wir gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die
Aufstellung dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie
die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen Gläubigen
unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese G o l d e n e R e g e l mehr als
fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen verschiedenen Weisen
Griechenlands und des Orients als wichtigstes Sittengesetz anerkannt.
P i t t a k o s von Mytilene, einer der sieben Weisen Griechenlands, sagte 620
Jahre vor Christus: »Tue deinem Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.«
— K o n f u t s e, der große chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die
Unsterblichkeit der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre
vor Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue keinem
anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst nur dieses Gebot
allein; es ist d i e G r u n d l a g e a l l e r a n d e r e n G e b o t e.«
A r i s t o t e l e s lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.: »Wir
sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß andere gegen uns
handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit denselben Worten wird
auch die goldene Regel von T h a l e s, I s o k r a t e s, A r i s t i p p u s, dem
Pythagoräer S e x t u s und anderen Philosophen des klassischen Altertums —
m e h r e r e J a h r h u n d e r t e v o r C h r i s t u s! — ausgesprochen. Aus
dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das Goldene Grundgesetz zu
verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten von mehreren Philosophen —
unabhängig voneinander — aufgestellt worden ist. Anderenfalls müßte man
annehmen, daß Jesus es aus anderen orientalischen Quellen (aus älteren
semitischen, indischen, chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen
Lehren) übernommen habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen
Glaubenslehren nachgewiesen ist.
Christliche Sittenlehre. Da das ethische Grundgesetz demnach bereits seit 2500
Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe ausdrücklich als höchstes, alle
anderen umfassendes Gebot an die Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere
m o n i s t i s c h e E t h i k in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen
älteren heidnischen Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in
vollkommenem Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie
dadurch gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere
Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu
widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der
christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen geradezu
schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen Moral gegen das
eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die Kultur, die Familie und die
Frau.
I . D i e S e l b s t v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Als obersten und
wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel geradezu
aufhebt, müssen wir die Ü b e r t r e i b u n g der Nächstenliebe auf Kosten der
Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und verwirft den
E g o i s m u s im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb zur Selbsterhaltung
absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß auch der A l t r u i s m u s, sein
scheinbares Gegenteil, im Grunde ein verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes,
nichts Erhabenes ist jemals ohne Egoismus geschehen und ohne die
L e i d e n s c h a f t, welche uns zu großen Opfern befähigt. Nur die
A u s s c h r e i t u n g e n dieser Triebe sind verwerflich. Zu denjenigen
christlichen Geboten, welche uns in frühester Jugend als wichtigste eingeprägt
und welche in Millionen von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz
(Matthäus 5, 44): »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen,
die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses ideale
Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält es sich mit der
Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib auch den Mantel«;
d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich ein gewissenloser Schuft um
die eine Hälfte deines Vermögens betrügt, dann schenke ihm auch noch die
andere Hälfte.« Die vielbewunderte Weltmachtspolitik der modernen
Kulturstaaten steht in s c h n e i d e n d e m W i d e r s p r u c h zu allen
Grundlehren der christlichen Liebe, welche von ihnen i m M u n d e geführt
wird. Übrigens ist ja der offenkundige Widerspruch zwischen der empfohlenen
i d e a l e n, altruistischen Moral des e i n z e l n e n Menschen und der r e a l e n,
rein egoistischen Moral der menschlichen G e m e i n d e n, und besonders der
christlichen Kulturstaaten, eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant,
mathematisch festzustellen, bei welcher Z a h l von vereinigten Menschen das
a l t r u i s t i s c h e Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil
verwandelt, in die rein e g o i s t i s c h e »Realpolitik« der Staaten und Nationen.
II. D i e L e i b e s v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Da der christliche
Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der
unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen Leibe
anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel höherer Wert beigemessen
wird als dem letzteren. Daraus folgt jene Vernachlässigung der Leibespflege, der
körperlichen Ausbildung und Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen
klassischen Altertums auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene
strengen Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege,
die wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht
nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen. Das Ideal
des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch, der sich niemals
ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige Kutte niemals wechselt, und
der statt ordentlicher Arbeit sein faules Leben mit gedankenlosen Betübungen,
sinnlosem Fasten usw. zubringt. Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge
noch an die widerwärtigen Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker
erinnert werden.
I I I. D i e N a t u r v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Eine Quelle von
unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von geduldeten
Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem falschen
A n t h r o p i s m u s d e s C h r i s t e n t u m s, in der exklusiven Stellung,
welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze zu der
übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst schädlichen
Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur« beigetragen, sondern auch
zu einer bedauernswerten Verachtung der übrigen Organismen. Das Christentum
kennt nicht jene rühmliche L i e b e z u d e n T i e r e n, jenes Mitleid mit den
nächststehenden, uns befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern
usw.), welche zu den Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören,
vor allem der weitestverbreiteten, des B u d d h i s m u s. Wer längere Zeit im
katholischen Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen
Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid als den
höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen« Vorwürfe über
ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort: »Ja, die Tiere sind
doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum auch durch D e s c a r t e s
befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende Seele zuschrieb, nicht aber den
Tieren. Wie erhaben steht in dieser Beziehung unsere monistische Ethik über der
christlichen! Der D a r w i n i s m u s lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten
und weiterhin von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese
»u n s e r e B r ü d e r« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere
dieselben Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und
Schmerz empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird
sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der
gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn — als »Kind des Gottes
der Liebe!« — gedankenlos begeht. — Außerdem aber entzieht die prinzipielle
Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft erhebenden
N a t u r g e n u ß.
IV. D i e K u l t u r v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Da nach Christi
Lehre unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und nur
eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so verlangt sie
folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im Diesseits zu
verzichten und alle dazu erforderlichen i r d i s c h e n G ü t e r gering zu achten
hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den modernen
Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel der Technik, der
Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges Kulturleben angenehm gestalten;
— zu diesen »irdischen Gütern« gehören alle die hohen Genüsse der bildenden
Kunst, der Tonkunst, der Poesie, welche schon während des christlichen
Mittelalters (trotz seiner Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und
welche wir als »ideale Güter« hochschätzen; — zu diesen »irdischen Gütern«
gehören die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der
Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur, welche
nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert besitzen, sind
nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils verwerflich, und die strenge
christliche Moral muß das Streben nach diesen Gütern mißbilligen. Das
Christentum zeigt sich also auch auf diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich;
der Kampf, welchen die moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen
gezwungen sind, ist auch in diesem Sinne ein wirklicher »K u l t u r k a m p f«.
V. D i e F a m i l i e n v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Zu den
bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die Geringschätzung,
welche dasselbe gegen das F a m i l i e n l e b e n besitzt, d. h. gegen jenes
naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten Blutsverwandten, welches für
den normalen Menschen ebenso unentbehrlich ist wie für alle höheren sozialen
Tiere. Die »Familie« gilt uns ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft«
und das gesunde Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben.
Ganz anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter
Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen Güter des
»Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern und Geschwistern
wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen; das Verhältnis zu seiner
Mutter Maria war danach keineswegs so zart und innig, wie es uns Tausende von
schönen Bildern in p o e t i s c h e r Ve r k l ä r u n g vorführen; er selbst war
nicht verheiratet. Die Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der
Familienbildung ist, erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter
ging darin sein eifrigster Apostel, P a u l u s, der es für besser erklärte, nicht zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein Weib berühre«
(1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen guten Rat befolgte,
würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid und Elend loswerden; sie
würde durch diese Radikalkur innerhalb eines Jahrhunderts aussterben.
VI. D i e F r a u e n v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s . Da Christus selbst
die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine Veredelung des
wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen Zusammenleben
des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle Verkehr, auf
welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts beruht, ist dafür ebenso
wichtig wie die geistige Durchdringung beider Geschlechter und die
gegenseitige Ergänzung, die sich beide gleicherweise in den praktischen
Bedürfnissen des täglichen Lebens wie in den höchsten idealen Funktionen der
Seelentätigkeit gewähren. Denn Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber
gleichwertige Organismen, jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und
Mängeln. Je höher sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale
Wert der sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau,
besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus welcher die
herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen sind. Christus dagegen
lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem ganzen Altertum; er teilte die
allgemein herrschende Anschauung des O r i e n t s, daß das Weib dem Manne
untergeordnet und der Verkehr mit ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat
sich für diese Mißachtung furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind
namentlich in der Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger
Schrift verzeichnet.
Papistische Moral. Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen
Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister verschmähte,
fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung jener »unreinen«
Anschauung und in der Pflege der asketischen Vorstellung, daß die Enthaltung
vom Frauenverkehr an sich eine Tugend sei. Schon in den ersten Jahrhunderten
nach Christus enthielten sich viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der
vermeintliche Wert dieses Z ö l i b a t s so hoch, daß dasselbe für obligatorisch
erklärt wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die
Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon im
Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch katholische
Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle spielte) ein öffentliches
Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf, daß zur Verhütung derselben den
»keuschen« Priestern das K o n k u b i n a t gestattet werde! Auf den christlichen
Konzilien, auf welchen ungläubige Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle und Bischöfe mit ganzen Scharen von
Freudenmädchen. Die geheimen und öffentlichen Ausschweifungen des
katholischen Klerus wurden so schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor
L u t h e r die Empörung darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation
der Kirche an Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese
unsittlichen Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn
auch mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer von
Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats, so in den
Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen Ländern. Leider
bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem das ultramontane
Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der sexuellen Unsittlichkeit
vorschlägt, denkt noch heute keine Partei daran, die Abschaffung des Zölibats im
Interesse der öffentlichen Moral zu beantragen. (Vergl. H o e n s b r o e c h, Das
Papsttum, Leipzig 1901).
Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch das
moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das Recht und die
Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände aufzuheben. Das
o b l i g a t o r i s c h e Z ö l i b a t der katholischen Geistlichen ist ebenso
verderblich und unsittlich wie die O h r e n b e i c h t e und der A b l a ß k r a m;
alle drei Einrichtungen haben mit dem u r s p r ü n g l i c h e n C h r i s t e n t u m
n i c h t s zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral ins Gesicht; alle drei
sind nichtswürdige Erfindungen des P a p i s m u s, darauf berechnet, die absolute
Herrschaft über die leichtgläubigen Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie
nach Kräften materiell auszubeuten.
Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen
Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen Menschen, die
durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück gebracht wurden, werden
dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den Todesstoß zu versetzen —
wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«. Man hat neuerdings berechnet, daß
die Zahl der Menschen, welche durch die papistischen Ketzerverfolgungen, die
Inquisition, die christlichen Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über
zehn Millionen beträgt. Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach
größere Zahl der Unglücklichen, welche den Satzungen und der
Priesterherrschaft der entarteten christlichen Kirche m o r a l i s c h zum Opfer
fielen? — gegen die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie
getötet, deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde?
Hier gilt das wahre Wort aus G o e t h e s Gedicht »Die Braut von Korinth«:
»Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,
A b e r M e n s c h e n o p f e r u n e r h ö r t!«
Staat und Kirche. In dem großen »K u l t u r k a m p f e«, der infolge dieser
traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte das erste Ziel die
vollständige T r e n n u n g v o n S t a a t u n d K i r c h e sein. Die »freie
Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche soll frei sein in voller
Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien, auch im Ausbau ihrer
phantastischen Dichtungen und abergläubigen Dogmen — jedoch unter der
Vo r a u s s e t z u n g, daß sie dadurch nicht die öffentliche Ordnung und
Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches Recht für alle gelten! Die freien
Gemeinden und die monistischen Religions-Gesellschaften sollen ebenso
geduldet und ebenso frei in ihren Bewegungen sein wie die liberalen
Protestantenvereine und die orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle
diese »Gläubigen« der verschiedensten Konfessionen soll d i e R e l i g i o n
P r i v a t s a c h e bleiben; der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige
Ausschreitungen verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen.
Auch sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die
Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »G l a u b e n s« herzugeben, der
nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher A b e r g l a u b e ist. In den
Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen kleineren Ländern
ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von Staat und Kirche« längst
durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller Beteiligten, ebenso neuerdings in
Frankreich. Damit ist dort zugleich die ebenso wichtige Trennung von der
Schule bestimmt, unzweifelhaft ein wesentlicher Grund für den Aufschwung der
Wissenschaft und des höheren Geisteslebens überhaupt.
Kirche und Schule. Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der Kirche aus
der Schule sich bloß auf die K o n f e s s i o n bezieht, auf die besondere
Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im Laufe der Zeit
entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist reine Privatsache und
Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger Priester oder Lehrer, denen
diese ihr persönliches Vertrauen schenken. Dagegen treten an Stelle der
ausgeschiedenen »Konfession« zwei verschiedene wichtige
Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische Sittenlehre und zweitens die
vergleichende Religionsgeschichte. Über die neue m o n i s t i s c h e E t h i k,
welche sich auf der festen Basis der modernen Naturerkenntnis — vor allem der
E n t w i c k e l u n g s l e h r e — erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine
umfangreiche Literatur erschienen. Unsere neue v e r g l e i c h e n d e
R e l i g i o n s g e s c h i c h t e knüpft naturgemäß an den bestehenden
Elementarunterricht in »biblischer Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche
Bildungselemente. Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze
b i l d e n d e K u n s t auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der
hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher
Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen und
christlichen Sagen und Legenden nicht als »W a h r h e i t« gelehrt werden,
sondern gleich den griechischen und römischen als D i c h t u n g e n; was sie an
ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch nicht vermindert,
sondern erhöht. — Was die B i b e l betrifft, so sollte dieses »Buch der Bücher«
den Kindern nur in sorgfältig gewähltem Auszuge in die Hand gegeben werden
(als »Schulbibel«); dadurch würde die Befleckung der kindlichen Phantasie mit
den zahlreichen unsauberen Geschichten und unmoralischen Erzählungen
verhütet werden, an denen namentlich das Alte Testament so reich ist.
Staat und Schule. Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die Schule
von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so mehr seine Kraft
und Fürsorge der Pflege der S c h u l e widmen können. Der unschätzbare Wert
eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr zum Bewußtsein gekommen, je
reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts alle Zweige des modernen
Kulturlebens entfaltet haben. Aber die Entwickelung der Unterrichtsmethoden
hat damit keineswegs gleichen Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer
umfassenden S c h u l r e f o r m drängt sich uns immer entschiedener auf.
Besonders dürften dabei folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im
bisherigen Unterricht spielte allgemein der M e n s c h die Hauptrolle und
besonders das grammatische Studium seiner S p r a c h e; die Naturkunde wurde
darüber ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die N a t u r das
Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von der Welt
gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur stehen oder gar im
Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes und edelstes Erzeugnis
erscheinen. 3. Das Studium der k l a s s i s c h e n S p r a c h e n (Lateinisch und
Griechisch), das bisher den größten Teil der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm,
bleibt zwar sehr wertvoll, muß aber stark beschränkt und auf die Elemente
reduziert werden (das Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch).
4. Dafür müssen die m o d e r n e n K u l t u r s p r a c h e n auf allen höheren
Schulen um so mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch,
Italienisch). 5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere
Geistesleben, die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche
Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die Grundzüge
der E n t w i c k e l u n g s l e h r e sind im Zusammenhange mit denjenigen der
K o s m o l o g i e zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie, Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der B i o l o g i e
müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der moderne
»Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in die biologischen
Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik). Im Beginne ist von der
beschreibenden Systematik auszugehen (im Zusammenhang mit Ökologie oder
Bionomie); später sind die Elemente der Anatomie und Physiologie
anzuschließen. 8. Ebenso muß von P h y s i k und C h e m i e jeder Gebildete die
Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder Schüler muß gut z e i c h n e n lernen, und
zwar nach der Natur; womöglich auch aquarellieren. Das Entwerfen von
Zeichnungen und Aquarellskizzen nach der Natur (von Blumen, Tieren,
Landschaften, Wolken usw.) weckt nicht nur das Interesse an der Natur und
erhält die Erinnerung an ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch
überhaupt erst richtig s e h e n und das Gesehene v e r s t e h e n. 10. Viel mehr
Sorgfalt und Zeit als bisher ist auf die k ö r p e r l i c h e A u s b i l d u n g zu
verwenden, auf Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich
gemeinsame S p a z i e r g ä n g e und jährlich in den Ferien mehrere
F u ß r e i s e n zu unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von
höchstem Wert.
Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten
Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines gewissen
Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des Staatsbürgers. Die
Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als Hauptziel die Ausbildung des
s e l b s t ä n d i g e n D e n k e n s verfolgen, das klare Verständnis der
erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in den natürlichen Zusammenhang der
Erscheinungen. Wenn der moderne Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine
gleiche Wahlrecht zugesteht, muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute
Schulbildung seinen Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten
eine vernünftige Anwendung zu machen.