Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 20 von 26

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Die Welträtsel

Sechzehntes Kapitel. Wissen und Glauben.

S e c h z e h n t e s K a p i t e l .

 

Wissen und Glauben.

 

Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit und

Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und

Offenbarung.

Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der W a h r h e i t. Unser

echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus Vorstellungen,

welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir sind zwar unfähig, das

innerste Wesen dieser realen Welt — »das Ding an sich« — zu erkennen; aber

unbefangene und kritische Beobachtung und Vergleichung überzeugt uns, daß

bei normaler Beschaffenheit des Gehirns und der Sinnesorgane die Eindrücke

der Außenwelt auf diese bei allen vernünftigen Menschen dieselben sind, und

daß bei normaler Funktion der Denkorgane bestimmte, überall gleiche

Vorstellungen gebildet werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt,

daß ihr Inhalt dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir w i s s e n, daß

diese Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.

Erkenntnisquellen. Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei

verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen

Funktionen des Menschen; erstens auf der E m p f i n d u n g der Objekte mittels

der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so gewonnenen

Eindrücke durch Assozion zur Vo r s t e l l u n g im Subjekt. Die Werkzeuge der

Empfindung sind die S i n n e s o r g a n e; die Werkzeuge, welche die

Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die D e n k o r g a n e. Diese letzteren

sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren N e r v e n s y s t e m s,

jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems der höheren Tiere,

dessen Funktion einzig und allein die gesamte Seelentätigkeit ist.

Sinnesorgane (Sensilla). Die Sinnestätigkeit des Menschen, welche der e r s t e

A u s g a n g s p u n k t a l l e r E r k e n n t n i s ist, hat sich langsam und

allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere, der Primaten,

entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser höchstentwickelten Tierklasse

überall von wesentlich gleichem Bau, und ihre Funktion erfolgt überall nach

denselben physikalischen und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben

in derselben historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der Hautdecke, und

die empfindlichen Zellen der O b e r h a u t sind die Ureltern aller der

verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung an verschiedene Reize

(Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre spezifische Energie erlangt haben.

Sowohl die Stäbchenzellen der Retina in unserem Auge und die Hörzellen in der

Schnecke unseres Ohres, als auch die Riechzellen in der Nase und die

Schmeckzellen auf unserer Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen

indifferenten Zellen der Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres

Körpers überziehen. Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die

unmittelbare Beobachtung am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen

Tiere direkt bewiesen. Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem

Biogenetischen Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß

auch in der langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren

Sinnesorgane mit ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut

niederer Tiere entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine

solchen gesonderten Sensillen enthielt.

Spezifische Energie der Sensillen. Von größter Bedeutung für die menschliche

Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven unseres Körpers imstande

sind, ganz verschiedene Qualitäten der Außenwelt und nur diese wahrzunehmen.

Der Sehnerv des Auges vermittelt nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres

nur Schallempfindung, der Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw.

Gleichviel, welche Reize das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre

Reaktion behält dieselbe Qualität. Aus dieser s p e z i f i s c h e n E n e r g i e der

Sinnesnerven, welche von J o h a n n e s M ü l l e r zuerst in ihrer weitreichenden

Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen worden,

besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen Erkenntnistheorie.

Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur einen gewissen Zustand des

erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus nichts auf die Existenz und

Beschaffenheit der erregenden Außenwelt geschlossen werden könne. Die

skeptische Philosophie zog daraus den Schluß, daß diese letztere selbst

zweifelhaft sei, und der extreme Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität,

sondern er negierte sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer

Vorstellung existiere.

Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die »spezifische

Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene besondere Qualität einzelner

Nerven, sondern durch A n p a s s u n g an die besondere Tätigkeit der

Oberhautzellen entstanden ist, in welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen

der Arbeitsteilung nahmen die ursprünglich indifferenten »H a u t s i n n e s z e l l e n« verschiedene Aufgaben in Angriff, indem die einen

den Reiz der Lichtstrahlen, die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine

dritte Gruppe die chemische Einwirkung riechender Substanzen usw.

aufnahmen. Im Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine

allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der

morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit zugleich

veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen aufgenommenen

Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte Schritt für Schritt die

besonderen Umbildungen derselben, welche sich als nützlich erwiesen; sie schuf

so zuletzt im Laufe vieler Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen

Instrumente, welche als A u g e und O h r unsere teuersten Güter darstellen. Ihre

Einrichtung ist so wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen

Annahme einer »Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die

besondere Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven

hat sich aber erst durch Gewohnheit und Übung — d. h. durch A n p a s s u n g —

allmählich entwickelt und ist dann durch Ve r e r b u n g von Generation zu

Generation übertragen worden.

Grenzen der Sinneswahrnehmung. Die kritische Vergleichung der

Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt eine

Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von den beiden

höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«, Auge und Ohr. Sie

zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und verwinkelteren Bau als bei

den übrigen Tieren und entwickeln sich auch im Embryo derselben auf

eigentümliche Weise. Diese typische Ontogenese und Struktur der Sensillen bei

sämtlichen Wirbeltieren erklärt sich durch Ve r e r b u n g von einer

gemeinsamen Stammform. Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große

Mannigfaltigkeit der Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die

A n p a s s u n g an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten

oder geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.

Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne keineswegs

als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das Auge der Vögel ist

viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände auf weite Entfernung viel

deutlicher als das menschliche Auge. Das Gehör vieler Säugetiere, besonders der

in Wüsten lebenden Raubtiere, Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher

als das menschliche und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen

wahr; darauf weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die

Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine höhere

Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren, viel mehr ausgebildet als

beim Menschen; wenn der Hund seine eigene feine Spürnase mit der des

Menschen vergleichen könnte, würde er mitleidig auf letztere herabsehen. Auch

in bezug auf die niederen Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den

Tastsinn und den Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder

Beziehung die höchste Entwickelungsstufe.

Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen urteilen,

die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie im Körper vieler Tiere

noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane nach. So besitzen die Fische und

andere niedere, im Wasser lebende Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der

Haut, welche mit besonderen Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten

des Fischkörpers verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe

in mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen« liegen

Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen Nervenhügeln

verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte »Hautsinnesorgan« zur

Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck oder in chemischen

Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch durch den Besitz anderer

eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren Bedeutung uns unbekannt ist.

Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche Sinnestätigkeit

beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer als in qualitativer Hinsicht. Wir

können also mit unseren Sinnen, vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer

nur einen Teil der Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt

besitzen. Aber auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern

unsere Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als

Dolmetscher dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke

mitteilen.

Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns aber nicht

hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die edelsten Organe zu

erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des Gehirns sind sie das wertvollste

Geschenk der Natur für den Menschen. In voller Wahrheit sagt A l b r e c h t

R a u (a. a. O.): »A l l e W i s s e n s c h a f t i s t i n l e t z t e r L i n i e

S i n n e s e r k e n n t n i s; die Data der Sinne werden darin nicht negiert, sondern

interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und besten Freunde; lange bevor sich

der Verstand entwickelt, sagen die Sinne dem Menschen, was er tun und lassen

soll. Wer die S i n n l i c h k e i t überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu

entgehen, der handelt ebenso unbesonnen und töricht als der, welcher seine

Augen ausreißt, weil sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der,

welcher seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb F e u e r b a c h alle

Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der

S i n n l i c h k e i t widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar

g r u n d v e r d e r b l i c h e. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »Nihil est in intellectu, quod

non fuerit in sensu!« (L o c k e.)

Hypothese und Glaube. Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten

Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis der

Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane gewinnt. Er

bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche er durch dieselben

gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er verwandelt sie in den

Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische Sinnesempfindungen und

verbindet diese durch A s s o z i o n in deren Denkherden zu Vorstellungen; durch

weitere Verkettung der Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu

zusammenhängendem Wissen. Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und

unbefriedigend, wenn nicht die P h a n t a s i e die ungenügende

Kombinationskraft des erkennenden Verstandes ergänzt und durch Assozion von

Gedächtnisbildern entfernt liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden

Ganzen verknüpft. Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche

erst die wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der

Vernunft befriedigen«.

Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an dessen

Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »G l a u b e n« bezeichnen. So

geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir irgend eine Tatsache

nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie. In diesem Sinne sind wir auch

in der Wissenschaft selbst zum Glauben gezwungen; wir vermuten oder nehmen

an, daß ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl

wir es nicht sicher kennen. Wir bilden eine H y p o t h e s e. Indessen dürfen in

der Wissenschaft nur solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des

menschlichen Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen

widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von

Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren

Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur des

lebendigen Plasmas usw.

Theorie und Glaube. Die Erklärung einer größeren Reihe von

zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen

Ursache nennen wir T h e o r i e. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, ist

der G l a u b e (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn auch hier

ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt. Die Theorie kann daher

immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit betrachtet werden; es muß

zugestanden werden, daß sie später durch eine andere, besser begründete Theorie

verdrängt werden kann. Trotz dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die

Theorie für jede wahre Wissenschaft unentbehrlich; denn sie e r k l ä r t erst die

Tatsachen durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten

und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will (wie es oft

von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten »exakten

Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die Erkenntnis der

Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des Kausalitätsbedürfnisses

der Vernunft.

Die Gravitationstheorie in der Astronomie (N e w t o n), die Nebulartheorie in

der Kosmogenie (K a n t und L a p l a c e), das Energieprinzip in der Physik

(M a y e r und H e l m h o l t z), die Atomtheorie in der Chemie (D a l t o n), die

Zellentheorie in der Gewebelehre (S c h l e i d e n und S c h w a n n), die

Deszendenztheorie in der Biologie (L a m a r c k und D a r w i n) sind gewaltige

Theorien ersten Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen

Naturerscheinungen durch Annahme e i n e r g e m e i n s a m e n U r s a c h e für

alle einzelnen Tatsachen ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle

Erscheinungen in demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen

Ursache ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache

selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische Hypothese«

sein. Die »S c h w e r k r a f t« in der Gravitationstheorie und in der Kosmogenie,

die »E n e r g i e« selbst in ihrem Verhältnis zur Materie, das »A t o m« in der

Chemie, das lebendige »P l a s m a« in der Zellenlehre, die »Ve r e r b u n g« in

der Abstammungslehre — diese und ähnliche Grundbegriffe in anderen großen

Theorien können von der skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als

Erzeugnisse des wissenschaftlichen G l a u b e n s betrachtet werden, aber sie

bleiben uns als solche u n e n t b e h r l i c h, so lange, bis sie durch eine bessere

Hypothese ersetzt werden.

Glaube und Aberglaube. Ganz anderer Natur als diese Formen des

wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in den

verschiedenen R e l i g i o n e n zur Erklärung der Erscheinungen benutzt und

schlechtweg als G l a u b e im engeren Sinne bezeichnet werden. Da aber diese

beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der Wissenschaft und der

»übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten verwechselt werden und so

Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja notwendig, ihren p r i n z i p i e l l e n

G e g e n s a t z scharf zu betonen. Der »religiöse« Glaube ist stets W u n d e r g l a u b e und steht als solcher mit dem natürlichen Glauben der

Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im Gegensatz zu letzterem behauptet

er übernatürliche Vorgänge und kann somit als »Ü b e r g l a u b e« oder

»O b e r g l a u b e« bezeichnet werden, die ursprüngliche Form des Wortes

A b e r g l a u b e. Der wesentliche Unterschied dieses Aberglaubens von dem

»vernünftigen Glauben« besteht eben darin, daß er übernatürliche Kräfte und

Erscheinungen annimmt, welche die Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt,

welche durch irrtümliche Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen

erzeugt sind; der Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten

Naturgesetzen und ist als solcher u n v e r n ü n f t i g.

Aberglaube der Naturvölker. Durch die moderne Ethnologie ist uns eine

erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen des

Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen

Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und mit den

entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten, so ergibt sich

eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung und schließlich eine

einfache Urquelle für alle. Diese finden wir in dem natürlichen

K a u s a l i t ä t s b e d ü r f n i s s e d e r Ve r n u n f t, in dem Suchen nach

Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer Ursachen.

Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die Gefahr drohen

und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben, Mondfinsternis usw. Das

Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher Naturerscheinungen besteht schon bei

den Naturvölkern der niedersten Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen

durch Vererbung übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren.

Wenn ein Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel

er sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er dabei

nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis der Ursache

dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge der primitiven

Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem erblichen Aberglauben

ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus, in verschiedenen

Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen Gewohnheiten.

Aberglaube der Kulturvölker. Die religiösen Glaubensvorstellungen der

modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz gelten,

pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der Naturvölker gestellt

zu werden; man preist den großen Fortschritt, welchen die aufklärende Kultur

durch Beseitigung des letzteren herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum!

Bei unbefangener kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur

durch die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der Ve r n u n f t

erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten Kirchenreligionen —

insofern er klar erkannten und festen Naturgesetzen widerspricht — genau so als

unvernünftiger Aberglaube, wie der rohe Gespensterglaube der primitiven

Fetischreligionen, auf welchen jene stolz herabsehen.

Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen Blick auf die

gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen der heutigen

Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von traditionellem Aberglauben

durchdrungen. Der christliche Glaube an die Schöpfung, die Dreieinigkeit

Gottes, an die unbefleckte Empfängnis Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung

und Himmelfahrt Christi usw. ist ebenso r e i n e D i c h t u n g und kann

ebensowenig mit der vernünftigen Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden,

als die verschiedenen Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der

buddhistischen und brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für

den wahrhaft »G l ä u b i g e n« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen

betrachtet jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je

mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende« hält — für

die »k a t h o l i s c h e« —, und je inniger diese Überzeugung als heiligste

Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß sie naturgemäß alle anderen

Konfessionen bekämpfen, und desto fanatischer gestalten sich die fürchterlichen

Glaubenskriege, welche die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte

bilden. Und doch überzeugt uns die unparteiische »K r i t i k d e r r e i n e n

Ve r n u n f t«, daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße

unwahr und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der

unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und sonders

als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.

Glaubensbekenntnis (Konfession). Der unermeßliche Schaden, welchen der

unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen Menschheit

angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger als in dem

unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter allen Kriegen,

welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander geführt haben, sind die

Religionskriege die blutigsten gewesen; unter allen Formen der Zwietracht,

welche das Glück der Familien und der einzelnen Personen zerstört haben, sind

die religiösen, dem Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die

gehässigsten. Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den

Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des Islam

und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse ihr Leben

verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist geraten, ihr Ansehen

bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung im Staate verloren oder aus dem

Vaterlande haben auswandern müssen. Die verderblichste Wirkung übt das

offizielle Glaubensbekenntnis dann, wenn es mit den politischen Zwecken des

Kulturstaates verknüpft und als »konfessioneller Religionsunterricht« in den

Schulen zwangsweise gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon

frühzeitig von der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben

zugeführt. Jeder Menschenfreund sollte daher die k o n f e s s i o n s l o s e

S c h u l e, als eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates,

mit allen Mitteln zu fördern suchen.

Der Glaube unserer Väter. Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute in den

weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht beigelegt wird, ist

nicht allein durch den Konfessionszwang des rückständigen Kulturstaates und

dessen Abhängigkeit von klerikaler Herrschaft bedingt, sondern auch durch das

Gewicht von alten Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener

Art. Unter diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche

in weitesten Kreisen der k o n f e s s i o n e l l e n T r a d i t i o n gezollt wird, dem

»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und

Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz und als eine

heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes Nachdenken über die

G e s c h i c h t e d e s G l a u b e n s, um uns von der völligen Ungereimtheit

jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der herrschende evangelische

Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist

wesentlich verschieden von dem in der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem

des 18. Jahrhunderts. Der letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer

Väter« im 17. und noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die

geknechtete Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von

dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus selbst

hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und wie verschieden ist

der Glaube der getauften Christen von dem ihrer heidnischen Väter! Jeder

selbständig denkende Mensch bildet sich eben seinen eigenen, mehr oder

weniger »persönlichen Glauben«, und immer ist dieser verschieden von dem

seiner Väter; denn er ist abhängig von dem gesamten Bildungszustande seiner

Zeit. Je weiter wir in der Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint

uns der gepriesene »Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen

Formen sich beständig umbilden.

Spiritismus. Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist diejenige,

welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus, der moderne G e i s t e r g l a u b e. Es ist

eine ebenso befremdende wie betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen

gebildeter Kulturmenschen von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht

sind; ja sogar einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht

losmachen können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen

Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten

Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu lassen, welche

klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits« machen usw. Man beruft

sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, daß selbst angesehene

Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. Die bedauerliche Tatsache, daß

selbst hervorragende Physiker und Biologen sich dadurch haben irre führen

lassen, erklärt sich teils aus ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils

aus dem mächtigen Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem

kindlichen Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei

den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen die Physiker

Z ö l l n e r, F e c h n e r und W i l h e l m W e b e r durch den schlauen

Taschenspieler S l a d e irre geführt wurden, dessen Schwindel nachträglich klar

zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger entlarvt und bestraft. Auch in

allen anderen Fällen, in welchen die angeblichen »Wunder des Spiritismus«

gründlich untersucht werden konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder

feinere Täuschung herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen

Geschlechts) sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse

Personen von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche

T e l e p a t h i e (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle

Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die

»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche C a r l d u

P r e l und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen« geben,

beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel an Kritik und

an physiologischen Kenntnissen.

Offenbarung. Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen

Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer

mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel des

Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft nicht möglich

ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben zu können; zugleich

leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder Glaubenssätze ab, welche als

»göttliche Gesetze« die Sittenlehre ordnen und die Lebensführung bestimmen

sollen. Derartige göttliche Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher

Mythen und Legenden, deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt.

Zwar erscheint der Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt, sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen

Busch oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem

gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch gedacht, als

Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau so formuliert und

ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch die Großhirnrinde und

durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In den indischen und ägyptischen

Religionen, in der hellenischen und römischen Mythologie, im Talmud wie im

Koran, im Alten wie im Neuen Testament — denken, sprechen und handeln die

Götter ganz wie die Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die

Geheimnisse des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind

D i c h t u n g e n der menschlichen Phantasie. Die W a h r h e i t, welche der

Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche Glaube« an

diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube.

Die w a h r e O f f e n b a r u n g, d. h. die wahre Quelle vernünftiger Erkenntnis,

ist nur in der N a t u r zu finden. Der reiche Schatz wahren Wissens, der den

wertvollsten Teil der menschlichen Kultur darstellt, ist einzig und allein den

Erfahrungen entsprungen, welche der forschende Verstand durch

N a t u r e r k e n n t n i s gewonnen hat, und den Ve r n u n f tschlüssen, welche er

durch richtige Assozion dieser empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder

vernünftige Mensch mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei

unbefangener Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit

sich damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion

aufgebürdet haben.