Die Welträtsel
Sechzehntes Kapitel. Wissen und Glauben.
S e c h z e h n t e s K a p i t e l .
Wissen und Glauben.
Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit und
Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und
Offenbarung.
Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der W a h r h e i t. Unser
echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus Vorstellungen,
welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir sind zwar unfähig, das
innerste Wesen dieser realen Welt — »das Ding an sich« — zu erkennen; aber
unbefangene und kritische Beobachtung und Vergleichung überzeugt uns, daß
bei normaler Beschaffenheit des Gehirns und der Sinnesorgane die Eindrücke
der Außenwelt auf diese bei allen vernünftigen Menschen dieselben sind, und
daß bei normaler Funktion der Denkorgane bestimmte, überall gleiche
Vorstellungen gebildet werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt,
daß ihr Inhalt dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir w i s s e n, daß
diese Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.
Erkenntnisquellen. Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei
verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen
Funktionen des Menschen; erstens auf der E m p f i n d u n g der Objekte mittels
der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so gewonnenen
Eindrücke durch Assozion zur Vo r s t e l l u n g im Subjekt. Die Werkzeuge der
Empfindung sind die S i n n e s o r g a n e; die Werkzeuge, welche die
Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die D e n k o r g a n e. Diese letzteren
sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren N e r v e n s y s t e m s,
jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems der höheren Tiere,
dessen Funktion einzig und allein die gesamte Seelentätigkeit ist.
Sinnesorgane (Sensilla). Die Sinnestätigkeit des Menschen, welche der e r s t e
A u s g a n g s p u n k t a l l e r E r k e n n t n i s ist, hat sich langsam und
allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere, der Primaten,
entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser höchstentwickelten Tierklasse
überall von wesentlich gleichem Bau, und ihre Funktion erfolgt überall nach
denselben physikalischen und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben
in derselben historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der Hautdecke, und
die empfindlichen Zellen der O b e r h a u t sind die Ureltern aller der
verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung an verschiedene Reize
(Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre spezifische Energie erlangt haben.
Sowohl die Stäbchenzellen der Retina in unserem Auge und die Hörzellen in der
Schnecke unseres Ohres, als auch die Riechzellen in der Nase und die
Schmeckzellen auf unserer Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen
indifferenten Zellen der Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres
Körpers überziehen. Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die
unmittelbare Beobachtung am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen
Tiere direkt bewiesen. Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem
Biogenetischen Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß
auch in der langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren
Sinnesorgane mit ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut
niederer Tiere entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine
solchen gesonderten Sensillen enthielt.
Spezifische Energie der Sensillen. Von größter Bedeutung für die menschliche
Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven unseres Körpers imstande
sind, ganz verschiedene Qualitäten der Außenwelt und nur diese wahrzunehmen.
Der Sehnerv des Auges vermittelt nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres
nur Schallempfindung, der Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw.
Gleichviel, welche Reize das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre
Reaktion behält dieselbe Qualität. Aus dieser s p e z i f i s c h e n E n e r g i e der
Sinnesnerven, welche von J o h a n n e s M ü l l e r zuerst in ihrer weitreichenden
Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen worden,
besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen Erkenntnistheorie.
Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur einen gewissen Zustand des
erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus nichts auf die Existenz und
Beschaffenheit der erregenden Außenwelt geschlossen werden könne. Die
skeptische Philosophie zog daraus den Schluß, daß diese letztere selbst
zweifelhaft sei, und der extreme Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität,
sondern er negierte sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer
Vorstellung existiere.
Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die »spezifische
Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene besondere Qualität einzelner
Nerven, sondern durch A n p a s s u n g an die besondere Tätigkeit der
Oberhautzellen entstanden ist, in welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen
der Arbeitsteilung nahmen die ursprünglich indifferenten »H a u t s i n n e s z e l l e n« verschiedene Aufgaben in Angriff, indem die einen
den Reiz der Lichtstrahlen, die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine
dritte Gruppe die chemische Einwirkung riechender Substanzen usw.
aufnahmen. Im Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine
allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der
morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit zugleich
veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen aufgenommenen
Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte Schritt für Schritt die
besonderen Umbildungen derselben, welche sich als nützlich erwiesen; sie schuf
so zuletzt im Laufe vieler Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen
Instrumente, welche als A u g e und O h r unsere teuersten Güter darstellen. Ihre
Einrichtung ist so wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen
Annahme einer »Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die
besondere Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven
hat sich aber erst durch Gewohnheit und Übung — d. h. durch A n p a s s u n g —
allmählich entwickelt und ist dann durch Ve r e r b u n g von Generation zu
Generation übertragen worden.
Grenzen der Sinneswahrnehmung. Die kritische Vergleichung der
Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt eine
Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von den beiden
höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«, Auge und Ohr. Sie
zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und verwinkelteren Bau als bei
den übrigen Tieren und entwickeln sich auch im Embryo derselben auf
eigentümliche Weise. Diese typische Ontogenese und Struktur der Sensillen bei
sämtlichen Wirbeltieren erklärt sich durch Ve r e r b u n g von einer
gemeinsamen Stammform. Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große
Mannigfaltigkeit der Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die
A n p a s s u n g an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten
oder geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.
Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne keineswegs
als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das Auge der Vögel ist
viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände auf weite Entfernung viel
deutlicher als das menschliche Auge. Das Gehör vieler Säugetiere, besonders der
in Wüsten lebenden Raubtiere, Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher
als das menschliche und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen
wahr; darauf weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die
Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine höhere
Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren, viel mehr ausgebildet als
beim Menschen; wenn der Hund seine eigene feine Spürnase mit der des
Menschen vergleichen könnte, würde er mitleidig auf letztere herabsehen. Auch
in bezug auf die niederen Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den
Tastsinn und den Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder
Beziehung die höchste Entwickelungsstufe.
Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen urteilen,
die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie im Körper vieler Tiere
noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane nach. So besitzen die Fische und
andere niedere, im Wasser lebende Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der
Haut, welche mit besonderen Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten
des Fischkörpers verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe
in mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen« liegen
Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen Nervenhügeln
verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte »Hautsinnesorgan« zur
Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck oder in chemischen
Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch durch den Besitz anderer
eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren Bedeutung uns unbekannt ist.
Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche Sinnestätigkeit
beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer als in qualitativer Hinsicht. Wir
können also mit unseren Sinnen, vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer
nur einen Teil der Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt
besitzen. Aber auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern
unsere Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als
Dolmetscher dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke
mitteilen.
Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns aber nicht
hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die edelsten Organe zu
erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des Gehirns sind sie das wertvollste
Geschenk der Natur für den Menschen. In voller Wahrheit sagt A l b r e c h t
R a u (a. a. O.): »A l l e W i s s e n s c h a f t i s t i n l e t z t e r L i n i e
S i n n e s e r k e n n t n i s; die Data der Sinne werden darin nicht negiert, sondern
interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und besten Freunde; lange bevor sich
der Verstand entwickelt, sagen die Sinne dem Menschen, was er tun und lassen
soll. Wer die S i n n l i c h k e i t überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu
entgehen, der handelt ebenso unbesonnen und töricht als der, welcher seine
Augen ausreißt, weil sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der,
welcher seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb F e u e r b a c h alle
Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der
S i n n l i c h k e i t widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar
g r u n d v e r d e r b l i c h e. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »Nihil est in intellectu, quod
non fuerit in sensu!« (L o c k e.)
Hypothese und Glaube. Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten
Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis der
Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane gewinnt. Er
bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche er durch dieselben
gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er verwandelt sie in den
Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische Sinnesempfindungen und
verbindet diese durch A s s o z i o n in deren Denkherden zu Vorstellungen; durch
weitere Verkettung der Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu
zusammenhängendem Wissen. Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und
unbefriedigend, wenn nicht die P h a n t a s i e die ungenügende
Kombinationskraft des erkennenden Verstandes ergänzt und durch Assozion von
Gedächtnisbildern entfernt liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden
Ganzen verknüpft. Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche
erst die wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der
Vernunft befriedigen«.
Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an dessen
Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »G l a u b e n« bezeichnen. So
geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir irgend eine Tatsache
nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie. In diesem Sinne sind wir auch
in der Wissenschaft selbst zum Glauben gezwungen; wir vermuten oder nehmen
an, daß ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl
wir es nicht sicher kennen. Wir bilden eine H y p o t h e s e. Indessen dürfen in
der Wissenschaft nur solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des
menschlichen Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen
widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von
Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren
Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur des
lebendigen Plasmas usw.
Theorie und Glaube. Die Erklärung einer größeren Reihe von
zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen
Ursache nennen wir T h e o r i e. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, ist
der G l a u b e (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn auch hier
ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt. Die Theorie kann daher
immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit betrachtet werden; es muß
zugestanden werden, daß sie später durch eine andere, besser begründete Theorie
verdrängt werden kann. Trotz dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die
Theorie für jede wahre Wissenschaft unentbehrlich; denn sie e r k l ä r t erst die
Tatsachen durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten
und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will (wie es oft
von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten »exakten
Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die Erkenntnis der
Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des Kausalitätsbedürfnisses
der Vernunft.
Die Gravitationstheorie in der Astronomie (N e w t o n), die Nebulartheorie in
der Kosmogenie (K a n t und L a p l a c e), das Energieprinzip in der Physik
(M a y e r und H e l m h o l t z), die Atomtheorie in der Chemie (D a l t o n), die
Zellentheorie in der Gewebelehre (S c h l e i d e n und S c h w a n n), die
Deszendenztheorie in der Biologie (L a m a r c k und D a r w i n) sind gewaltige
Theorien ersten Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen
Naturerscheinungen durch Annahme e i n e r g e m e i n s a m e n U r s a c h e für
alle einzelnen Tatsachen ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle
Erscheinungen in demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen
Ursache ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache
selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische Hypothese«
sein. Die »S c h w e r k r a f t« in der Gravitationstheorie und in der Kosmogenie,
die »E n e r g i e« selbst in ihrem Verhältnis zur Materie, das »A t o m« in der
Chemie, das lebendige »P l a s m a« in der Zellenlehre, die »Ve r e r b u n g« in
der Abstammungslehre — diese und ähnliche Grundbegriffe in anderen großen
Theorien können von der skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als
Erzeugnisse des wissenschaftlichen G l a u b e n s betrachtet werden, aber sie
bleiben uns als solche u n e n t b e h r l i c h, so lange, bis sie durch eine bessere
Hypothese ersetzt werden.
Glaube und Aberglaube. Ganz anderer Natur als diese Formen des
wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in den
verschiedenen R e l i g i o n e n zur Erklärung der Erscheinungen benutzt und
schlechtweg als G l a u b e im engeren Sinne bezeichnet werden. Da aber diese
beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der Wissenschaft und der
»übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten verwechselt werden und so
Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja notwendig, ihren p r i n z i p i e l l e n
G e g e n s a t z scharf zu betonen. Der »religiöse« Glaube ist stets W u n d e r g l a u b e und steht als solcher mit dem natürlichen Glauben der
Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im Gegensatz zu letzterem behauptet
er übernatürliche Vorgänge und kann somit als »Ü b e r g l a u b e« oder
»O b e r g l a u b e« bezeichnet werden, die ursprüngliche Form des Wortes
A b e r g l a u b e. Der wesentliche Unterschied dieses Aberglaubens von dem
»vernünftigen Glauben« besteht eben darin, daß er übernatürliche Kräfte und
Erscheinungen annimmt, welche die Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt,
welche durch irrtümliche Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen
erzeugt sind; der Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten
Naturgesetzen und ist als solcher u n v e r n ü n f t i g.
Aberglaube der Naturvölker. Durch die moderne Ethnologie ist uns eine
erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen des
Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen
Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und mit den
entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten, so ergibt sich
eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung und schließlich eine
einfache Urquelle für alle. Diese finden wir in dem natürlichen
K a u s a l i t ä t s b e d ü r f n i s s e d e r Ve r n u n f t, in dem Suchen nach
Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer Ursachen.
Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die Gefahr drohen
und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben, Mondfinsternis usw. Das
Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher Naturerscheinungen besteht schon bei
den Naturvölkern der niedersten Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen
durch Vererbung übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren.
Wenn ein Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel
er sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er dabei
nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis der Ursache
dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge der primitiven
Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem erblichen Aberglauben
ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus, in verschiedenen
Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen Gewohnheiten.
Aberglaube der Kulturvölker. Die religiösen Glaubensvorstellungen der
modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz gelten,
pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der Naturvölker gestellt
zu werden; man preist den großen Fortschritt, welchen die aufklärende Kultur
durch Beseitigung des letzteren herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum!
Bei unbefangener kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur
durch die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der Ve r n u n f t
erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten Kirchenreligionen —
insofern er klar erkannten und festen Naturgesetzen widerspricht — genau so als
unvernünftiger Aberglaube, wie der rohe Gespensterglaube der primitiven
Fetischreligionen, auf welchen jene stolz herabsehen.
Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen Blick auf die
gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen der heutigen
Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von traditionellem Aberglauben
durchdrungen. Der christliche Glaube an die Schöpfung, die Dreieinigkeit
Gottes, an die unbefleckte Empfängnis Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung
und Himmelfahrt Christi usw. ist ebenso r e i n e D i c h t u n g und kann
ebensowenig mit der vernünftigen Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden,
als die verschiedenen Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der
buddhistischen und brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für
den wahrhaft »G l ä u b i g e n« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen
betrachtet jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je
mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende« hält — für
die »k a t h o l i s c h e« —, und je inniger diese Überzeugung als heiligste
Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß sie naturgemäß alle anderen
Konfessionen bekämpfen, und desto fanatischer gestalten sich die fürchterlichen
Glaubenskriege, welche die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte
bilden. Und doch überzeugt uns die unparteiische »K r i t i k d e r r e i n e n
Ve r n u n f t«, daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße
unwahr und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der
unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und sonders
als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.
Glaubensbekenntnis (Konfession). Der unermeßliche Schaden, welchen der
unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen Menschheit
angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger als in dem
unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter allen Kriegen,
welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander geführt haben, sind die
Religionskriege die blutigsten gewesen; unter allen Formen der Zwietracht,
welche das Glück der Familien und der einzelnen Personen zerstört haben, sind
die religiösen, dem Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die
gehässigsten. Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den
Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des Islam
und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse ihr Leben
verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist geraten, ihr Ansehen
bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung im Staate verloren oder aus dem
Vaterlande haben auswandern müssen. Die verderblichste Wirkung übt das
offizielle Glaubensbekenntnis dann, wenn es mit den politischen Zwecken des
Kulturstaates verknüpft und als »konfessioneller Religionsunterricht« in den
Schulen zwangsweise gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon
frühzeitig von der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben
zugeführt. Jeder Menschenfreund sollte daher die k o n f e s s i o n s l o s e
S c h u l e, als eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates,
mit allen Mitteln zu fördern suchen.
Der Glaube unserer Väter. Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute in den
weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht beigelegt wird, ist
nicht allein durch den Konfessionszwang des rückständigen Kulturstaates und
dessen Abhängigkeit von klerikaler Herrschaft bedingt, sondern auch durch das
Gewicht von alten Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener
Art. Unter diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche
in weitesten Kreisen der k o n f e s s i o n e l l e n T r a d i t i o n gezollt wird, dem
»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und
Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz und als eine
heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes Nachdenken über die
G e s c h i c h t e d e s G l a u b e n s, um uns von der völligen Ungereimtheit
jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der herrschende evangelische
Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist
wesentlich verschieden von dem in der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem
des 18. Jahrhunderts. Der letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer
Väter« im 17. und noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die
geknechtete Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von
dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus selbst
hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und wie verschieden ist
der Glaube der getauften Christen von dem ihrer heidnischen Väter! Jeder
selbständig denkende Mensch bildet sich eben seinen eigenen, mehr oder
weniger »persönlichen Glauben«, und immer ist dieser verschieden von dem
seiner Väter; denn er ist abhängig von dem gesamten Bildungszustande seiner
Zeit. Je weiter wir in der Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint
uns der gepriesene »Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen
Formen sich beständig umbilden.
Spiritismus. Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist diejenige,
welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus, der moderne G e i s t e r g l a u b e. Es ist
eine ebenso befremdende wie betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen
gebildeter Kulturmenschen von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht
sind; ja sogar einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht
losmachen können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen
Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten
Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu lassen, welche
klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits« machen usw. Man beruft
sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, daß selbst angesehene
Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. Die bedauerliche Tatsache, daß
selbst hervorragende Physiker und Biologen sich dadurch haben irre führen
lassen, erklärt sich teils aus ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils
aus dem mächtigen Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem
kindlichen Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei
den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen die Physiker
Z ö l l n e r, F e c h n e r und W i l h e l m W e b e r durch den schlauen
Taschenspieler S l a d e irre geführt wurden, dessen Schwindel nachträglich klar
zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger entlarvt und bestraft. Auch in
allen anderen Fällen, in welchen die angeblichen »Wunder des Spiritismus«
gründlich untersucht werden konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder
feinere Täuschung herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen
Geschlechts) sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse
Personen von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche
T e l e p a t h i e (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle
Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die
»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche C a r l d u
P r e l und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen« geben,
beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel an Kritik und
an physiologischen Kenntnissen.
Offenbarung. Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen
Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer
mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel des
Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft nicht möglich
ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben zu können; zugleich
leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder Glaubenssätze ab, welche als
»göttliche Gesetze« die Sittenlehre ordnen und die Lebensführung bestimmen
sollen. Derartige göttliche Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher
Mythen und Legenden, deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt.
Zwar erscheint der Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt, sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen
Busch oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem
gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch gedacht, als
Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau so formuliert und
ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch die Großhirnrinde und
durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In den indischen und ägyptischen
Religionen, in der hellenischen und römischen Mythologie, im Talmud wie im
Koran, im Alten wie im Neuen Testament — denken, sprechen und handeln die
Götter ganz wie die Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die
Geheimnisse des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind
D i c h t u n g e n der menschlichen Phantasie. Die W a h r h e i t, welche der
Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche Glaube« an
diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube.
Die w a h r e O f f e n b a r u n g, d. h. die wahre Quelle vernünftiger Erkenntnis,
ist nur in der N a t u r zu finden. Der reiche Schatz wahren Wissens, der den
wertvollsten Teil der menschlichen Kultur darstellt, ist einzig und allein den
Erfahrungen entsprungen, welche der forschende Verstand durch
N a t u r e r k e n n t n i s gewonnen hat, und den Ve r n u n f tschlüssen, welche er
durch richtige Assozion dieser empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder
vernünftige Mensch mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei
unbefangener Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit
sich damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion
aufgebürdet haben.