Die Welträtsel
Zweites Kapitel. Unser Körperbau.
Z w e i t e s K a p i t e l .
Unser Körperbau.
Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie.
Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des
Menschen und der Säugetiere.
Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung und
Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper ins Auge
zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und
physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt ebenso für
den M e n s c h e n wie für alle anderen belebten Naturkörper. Dabei darf sich die
Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren Gestalt begnügen, sondern
sie muß in das Innere derselben eindringen und ihre Zusammensetzung aus den
gröberen und feineren Bestandteilen erforschen. Die Wissenschaft, welche diese
grundlegende Untersuchung im weitesten Umfange auszuführen hat, ist die
A n a t o m i e.
Menschliche Anatomie. Die erste Anregung zur Erkenntnis des menschlichen
Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da diese bei den ältesten
Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern ausgeübt wurde, dürfen wir
annehmen, daß diese höchsten Vertreter der damaligen Bildung schon im
zweiten Jahrtausend vor Christo und früher über ein gewisses Maß von
anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber genauere Erfahrungen, gewonnen
durch die Zergliederung von Säugetieren und von diesen übertragen auf den
Menschen, finden wir erst bei den Griechen, von denen H i p p o k r a t e s lange
als vorzüglichste Autorität galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender
Anatom im Altertum, der Arzt C l a u d i u s G a l e n u s. Alle diese älteren
Anatomen erwarben ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die
Untersuchung des menschlichen Körpers selbst — die damals noch streng
verboten war! —, sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere,
besonders der A f f e n; sie waren also alle eigentlich schon »v e r g l e i c h e n d e
Anatomen«.
Das Emporblühen des C h r i s t e n t u m s und der damit verknüpften mystischen
Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen Naturwissenschaften,
den Niedergang. Die römischen P ä p s t e waren vor allem bestrebt, die Menschheit in U n w i s s e n h e i t und in blindem Aberglauben zu erhalten; sie
hielten die Kenntnis des menschlichen Organismus mit Recht für ein
gefährliches Mittel der Aufklärung über unser wahres Wesen. Während des
langen Zeitraums von dreizehn Jahrhunderten blieben die Schriften des
G a l e n u s fast die einzige Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie
diejenigen des A r i s t o t e l e s für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im
sechzehnten Jahrhundert n. Chr. durch die R e f o r m a t i o n die geistige
Weltherrschaft des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des
K o p e r n i k u s die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung
zerstört wurde, begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine
neue Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen Ve s a l i u s,
E u s t a c h i u s und F a l l o p i u s förderten durch eigene gründliche
Untersuchungen die genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren
zahlreichen Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur
Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie geistreiche
A n d r e a s Ve s a l i u s ging bahnbrechend allen voran; er vollendete schon in
seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich durchgeführte Werk »De humani
corporis fabrica« (1543) und gab der ganzen menschlichen Anatomie eine neue,
selbständige Richtung und sichere Grundlage.
Vergleichende Anatomie. Die Verdienste, welche das neunzehnte Jahrhundert
sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues erworben hat, bestehen
vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus wichtigen
Forschungsrichtungen, der »v e r g l e i c h e n d e n A n a t o m i e« und der
»G e w e b e l e h r e« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere war
allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie eng verknüpft
gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere ersetzt, als die Sektion
menschlicher Leichen für ein todeswürdiges Verbrechen galt — und das war
selbst noch im 15. Jahrhundert der Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der
folgenden drei Jahrhunderte beschränkten sich größtenteils auf die genaue
Untersuchung des menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte
Disziplin, die wir heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im
Jahre 1803 geboren, als der große französische Zoologe G e o r g e C u v i e r
seine grundlegenden »Leçons sur l'Anatomie comparée« herausgab und darin zum
ersten Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere
festzustellen suchte. Während seine Vorläufer — unter ihnen auch G o e t h e
1790 — hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit demjenigen der
übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte C u v i e r s weiter
Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation; er unterschied in derselben
vier große, voneinander unabhängige Hauptformen oder T y p e n: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser
Fortschritt insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des
Menschen zum Typus der W i r b e l t i e r e — sowie seine Grundverschiedenheit
von allen anderen Typen — ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der
scharfblickende Linné in seinem ersten »Systema naturae« (1735) dem Menschen
definitiv seinen Platz in der Klasse der S ä u g e t i e r e angewiesen; er vereinigte
sogar in der Ordnung der H e r r e n t i e r e die drei Gruppen der Halbaffen, Affen
und Menschen. Aber es fehlte diesem kühnen systematischen Griffe noch jene
tiefere empirische Begründung durch die vergleichende Anatomie, die erst
C u v i e r herbeiführte. Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen
vergleichenden Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch F r i e d r i c h M e c k e l,
J o h a n n e s M ü l l e r, R i c h a r d O w e n, T h o m a s H u x l e y und C a r l
G e g e n b a u r. Indem dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden
Anatomie (1870) zum ersten Male die durch D a r w i n neu begründete
Abstammungslehre auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten
Range unter den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der
Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf welchem sich
unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen nach allen
Richtungen hin klar beweisen läßt.
G e w e b e l e h r e (Histologie) und Z e l l e n l e h r e (Cytologie). In ganz anderer
Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
die m i k r o s k o p i s c h e A n a t o m i e. Schon im Anfange desselben (1802)
unternahm ein französischer Arzt, B i c h a t, den Versuch, mittels des
Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in ihre einzelnen feineren
Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen dieser verschiedenen G e w e b e
festzustellen. Aber dieser erste Versuch führte nicht weit, da ihm das
gemeinsame Element für die zahlreichen, verschiedenen Gewebe unbekannt
blieb. Dies wurde erst 1838 für die Pflanzen in der Z e l l e von M a t t h i a s
S c h l e i d e n entdeckt und gleich darauf auch für die Tiere von T h e o d o r
S c h w a n n nachgewiesen. A l b e r t K ö l l i k e r und R u d o l f V i r c h o w
führten dann im sechsten Dezennium des 19. Jahrhunderts die
Z e l l e n t h e o r i e und die darauf gegründete Gewebelehre für den gesunden
und kranken Organismus des Menschen im einzelnen durch; sie wiesen nach,
daß auch im Menschen, wie in allen anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den
gleichen mikroskopischen Formbestandteilen, den einfachen Z e l l e n,
zusammensetzen, und daß diese »Elementar-Organismen« die wahren,
selbsttätigen Staatsbürger sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den
»Zellenstaat«, aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte
Teilung aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »S t a m m z e l l e« oder »befruchteten Eizelle« (Cytula). Die allgemeine Struktur und Zusammensetzung
der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den übrigen Wirbeltieren. Unter
diesen zeichnen sich die Säugetiere, die jüngste und höchst entwickelte Klasse,
durch gewisse besondere, spät erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B.
die mikroskopische Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der
Blutzellen bei den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von
derjenigen der übrigen Wirbeltiere; der M e n s c h ist auch in allen diesen
feinsten histologischen Beziehungen ein e c h t e s S ä u g e t i e r.
Wirbeltiernatur des Menschen. Unser gesamter Körperbau zeigt sowohl in der
gröberen als in der feineren Zusammensetzung den charakteristischen Typus der
W i r b e l t i e r e (Vertebrata). Diese höchst entwickelte Hauptgruppe des
Tierreichs wurde in ihrer natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen
L a m a r c k erkannt; er faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen
von L i n n é zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden
niederen Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »W i r b e l l o s e«
(Invertebrata) gegenüber. C u v i e r bestätigte (1812) die Einheit des
Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine vergleichende Anatomie.
In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den Fischen aufwärts bis zum
Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen überein; sie besitzen alle ein
festes inneres Skelett, Knorpel- und Knochengerüst, und dieses besteht überall
aus einer Wirbelsäule und einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des
letzteren ist zwar im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf
dieselbe Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der
Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale
Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von
diesem wichtigen G e h i r n gilt dasselbe wie von der es umschließenden
Knochenkapsel, dem S c h ä d e l; im einzelnen ist seine Ausbildung und Größe
höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die charakteristische
Zusammensetzung dieselbe.
Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe unseres
Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen: überall bleibt infolge
von Ve r e r b u n g die ursprüngliche Anlage und die relative Lagerung der
Organe dieselbe, obgleich die Größe und Ausbildung der einzelnen Teile höchst
mannigfaltig sich sondert, entsprechend der A n p a s s u n g an sehr verschiedene
Lebensbedingungen. So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren
kreist, von denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene)
unter dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer ganz
bestimmten Stelle das H e r z entsteht; dieses »Ventralherz« ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das Rückengefäß oder
»Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere. Nicht minder eigentümlich ist
bei allen Vertebraten die frühzeitige Scheidung des Darmrohres in einen zur
Atmung dienenden K o p f d a r m (oder »Kiemendarm«) und einen die
Verdauung bewirkenden R u m p f d a r m mit der Leber (daher »Leberdarm«);
ferner die Gliederung des Muskelsystems, die besondere Bildung der Harn- und
Geschlechtsorgane usw. In allen diesen anatomischen Beziehungen ist d e r
M e n s c h e i n e c h t e s W i r b e l t i e r.
Tetrapodennatur des Menschen. Mit der Bezeichnung V i e r f ü ß l e r
(Tetrapoda) hatte schon A r i s t o t e l e s alle jene höheren, blutführenden Tiere
belegt, welche sich durch den Besitz von zwei Beinpaaren auszeichnen. Später
wurde dieser Begriff erweitert, nachdem C u v i e r gezeigt hatte, daß auch die
»zweibeinigen« Vögel und Menschen eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach,
daß das innere Knochengerüst der vier Beine bei allen höheren
landbewohnenden Wirbeltieren, von den Amphibien aufwärts bis zum
Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus einer bestimmten Zahl von
Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme« des Menschen, die »Flügel«
der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben typischen Skelettbau wie die
»Vorderbeine« der laufenden, eigentlich vierfüßigen Tiere.
Diese a n a t o m i s c h e E i n h e i t des verwickelten Knochengerüstes in den
vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist s e h r w i c h t i g. Um sich wirklich davon
zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders oder Frosches
mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu vergleichen. Da
sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und hinten der Beckengürtel aus
denselben Hauptstücken zusammengesetzt ist wie bei den übrigen
»Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste Glied des eigentlichen Beines
nur einen einzigen starken Röhrenknochen enthält (vorn den Oberarm, hinten
den Oberschenkel); dagegen wird das zweite Glied ursprünglich stets durch zwei
Knochen gestützt (vorn Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und
Schienbein). Vergleichen wir dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen
Fußes, so überrascht uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben
zusammensetzenden, kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und
gesondert sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei
Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): I. Handwurzel,
II. Mittelhand und III. fünf Finger; ebenso hinten die drei Knochengruppen des
Hinterfußes: I. Fußwurzel, II. Mittelfuß und III. fünf Zehen. Sehr schwierig war
die Aufgabe, alte diese zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst
mannigfaltig gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die
Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese wichtige
Aufgabe wurde erst vollständig von C a r l G e g e n b a u r gelöst. Er zeigte in
seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere« (1864),
wie diese charakteristische »fünfzehige Beinform« der landbewohnenden
Vierfüßler ursprünglich (erst in der Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen
»Flosse« (Brustflosse oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische
entstanden ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das
Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden aus
der älteren Schädelform der Fische ab.
Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei den alten
Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene F ü n f z a h l d e r Z e h e n an allen
vier Füßen sich infolge strenger Ve r e r b u n g noch beim Menschen bis auf den
heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich ist dementsprechend auch die
typische Bildung der Gelenke und Bänder, der Muskeln und Nerven der zwei
Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe geblieben wie bei den übrigen
»Vierfüßlern«; auch in diesen w i c h t i g e n B e z i e h u n g e n i s t d e r
M e n s c h e i n e c h t e r T e t r a p o d e.
Säugetiernatur des Menschen. Die Säugetiere (Mammalia) bilden die jüngste
und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind zwar ebenso wie die
Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der A m p h i b i e n abzuleiten; sie
unterscheiden sich aber von allen diesen anderen Tetrapoden durch eine Anzahl
von sehr auffallenden anatomischen Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die
H a a r b e d e c k u n g der Haut hervor, sowie der Besitz von zweierlei
Hautdrüsen: Schweißdrüsen und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung
dieser Drüsen an der Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die
Klasse besonders charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das
»G e s ä u g e«. Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt
aus den M i l c h d r ü s e n (Mammae) und den »Mammar-Taschen« (Falten der
Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder
»M i l c h w a r z e n« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter
saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz eines
vollständigen Z w e r c h f e l l s, einer muskulösen Scheidewand, welche bei
allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich abschließt; bei
allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung. Durch eine Anzahl von
merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der S c h ä d e l der Mammalien
aus, besonders der Bau des Kieferapparates (Oberkiefer, Unterkiefer und
Gehörknochen). Aber auch das Gehirn, das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile
zeigen bei den Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und
feineren Bau; diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige
Trennung derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und
Amphibien hin, welche s p ä t e s t e n s i n d e r T r i a s - P e r i o d e
stattgefunden hat. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist d e r M e n s c h
e i n e c h t e s S ä u g e t i e r.
Plazentaliennatur des Menschen. Die zahlreichen Ordnungen, welche die
moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere unterscheidet,
werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen geordnet, welchen man
den Wert von Unterklassen zuspricht: I. G a b e l t i e r e (Monotrema),
II. B e u t e l t i e r e (Marsupialia) und III. Z o t t e n t i e r e (Placentalia). Diese drei
Unterklassen unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des
Körperbaues und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei
verschiedenen h i s t o r i s c h e n B i l d u n g s s t u f e n der Klasse, wie wir
später sehen werden. Auf die älteste Gruppe, die M o n o t r e m e n der
Triasperiode, sind in der Jurazeit die M a r s u p i a l i e n gefolgt, und auf diese
erst in der Kreideperiode die P l a z e n t a l i e n. Zu dieser jüngsten Unterklasse
gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle die
Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von den
Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden. In erster Linie
gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der Plazentaliengruppe ihren
Namen gegeben hat, der M u t t e r k u c h e n (Placenta). Dasselbe dient dem
jungen, im Mutterleibe noch eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit
zur Ernährung; es besteht in blutführenden Z o t t e n, welche von der Zottenhaut
der Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut des
mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte Haut zwischen
beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die ernährenden Stoffe aus
dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch in das kindliche Blut übertreten
können. Diese vortreffliche, erst spät entstandene Ernährungsart des Keimes
ermöglicht demselben einen längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in
der schützenden Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der
Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische Merkmale,
insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den Verlust der
Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die letzteren. In allen diesen
wichtigen Beziehungen ist d e r M e n s c h e i n e c h t e s Z o t t e n t i e r.
Primatennatur des Menschen. Die formenreiche Subklasse der Placentaltiere
wird neuerdings in eine große Zahl von O r d n u n g e n geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir hier nur die Nagetiere,
Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur Legion der H e r r e n t i e r e
(Primates) gehören die drei Ordnungen der Halbaffen, der echten Affen und der
Menschen. Alle Angehörigen dieser drei Ordnungen stimmen in vielen
wichtigen Eigentümlichkeiten überein und unterscheiden sich dadurch von den
übrigen Ordnungen der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange
Beine aus, welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen
angepaßt sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich
zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen entweder
teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist vollständig, aus
allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne, Eckzähne,
Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige Eigentümlichkeiten im
besonderen Bau des Schädels und des Gehirns unterscheiden sich die Herrentiere
von den übrigen Zottentieren, und zwar um so auffälliger, je höher sie
ausgebildet, je später sie in der Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen
wichtigen anatomischen Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus
mit demjenigen der übrigen P r i m a t e n überein: d e r M e n s c h i s t e i n
e c h t e s H e r r e n t i e r .
Affennatur des Menschen. Eine unbefangene gründliche Vergleichung des
Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst entwickelten
Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: H a l b a f f e n (Prosimiae) und
A f f e n (Simiae). Die ersteren erscheinen in jeder Beziehung als die niedere und
ältere, die letzteren als die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der
Halbaffen ist noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren;
bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig
verschmolzen; sie bilden einen b i r n f ö r m i g e n U t e r u s, wie ihn außerdem
nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am Schädel
die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne Scheidewand
vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch gar nicht oder nur
unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den Halbaffen das große Gehirn noch
glatt oder nur schwach gefurcht und verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es
viel größer, und besonders der graue Hirnmantel, das Organ der höheren
Seelentätigkeiten, ist viel besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die
charakteristischen Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er
sich dem Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen,
besonders auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der M e n s c h
a l l e a n a t o m i s c h e n M e r k m a l e d e r e c h t e n A f f e n.
Katarrhinennatur des Menschen. Die formenreiche Ordnung der Affen wurde schon 1812 von G é o f f r o y in zwei natürliche Unterordnungen geteilt, die
noch heute allgemein in der systematischen Zoologie angenommen sind:
Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen ausschließlich die westliche, letztere
die östliche Erdhälfte. Die amerikanischen W e s t a f f e n heißen
»P l a t t n a s e n« (Platyrrhinae), weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher
seitlich gerichtet und deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die O s t a f f e n,
welche die Alte Welt bewohnen, sämtlich »S c h m a l n a s e n« (Catarrhinae); ihre
Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da ihre Scheidewand
schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen besteht darin, daß das
Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich, dagegen bei den Ostaffen tiefer,
im Innern des Felsenbeins liegt; hier hat sich ein langer und enger knöcherner
Gehörgang entwickelt, während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist
oder selbst ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender
Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung des
Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne (in jeder
Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und 3 Mahlzähne).
Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte einen Lückenzahn mehr,
also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen Unterschiede beider
Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind, und da sie mit der
geographischen Verbreitung in den beiden getrennten Hemisphären der Erde
zusammenstimmen, ergibt sich daraus die Berechtigung ihrer scharfen
systematischen Trennung; weiterhin knüpft sich daran die phylogenetische
Folgerung, daß seit sehr langer Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen
und östlichen Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für
die Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch
teilt alle Merkmale der e c h t e n K a t a r r h i n e n; er hat sich aus älteren
ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt.
Anthropomorphengruppe. Die zahlreichen Formen der Ostaffen, welche noch
heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit langer Zeit in zwei natürliche
Sektionen geteilt: die geschwänzten H u n d s a f f e n (Cynopitheca) und die
schwanzlosen M e n s c h e n a f f e n (Anthropomorpha). Diese letzteren stehen dem
Menschen viel näher als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes
und in der allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern
auch durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer
Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen, wie beim
Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt, dagegen bei den
Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln. Im Gebiß der
C y n o p i t h e k e n sind die Lückenzähne länger als breit, in demjenigen der
A n t h r o p o m o r p h e n breiter als lang; und der erste Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf Höcker. Ferner ist im Unterkiefer
jederseits bei den Menschenaffen, wie beim Menschen, der äußere Schneidezahn
breiter als der innere, bei den Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von
besonderer Bedeutung die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem
Menschen auch die eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner
scheibenförmigen Placenta, der Docidua reflexa und des Bauchstiels teilen (vergl.
Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung der Körperform
der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl die asiatischen Vertreter
dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als die afrikanischen Vertreter (Gorilla und
Schimpanse) dem Menschen im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche
Hundsaffen. Unter diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen
P a p s t a f f e n (Papiomorpha), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen
Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen Papstaffen
und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder Beziehung größer als
derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen.
Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und kritischen
Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des Menschen und
der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich, sondern in allen
wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben 200 Knochen, in der gleichen
Anordnung und Zusammensetzung, bilden unser inneres Knochengerüst;
dieselben 300 Muskeln bewirken unsere Bewegungen; dieselben Haare
bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen von Seelenzellen setzen den
kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns zusammen; dasselbe vierkammerige
Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne
setzen in der gleichen Anordnung unser Gebiß zusammen; dieselben
Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen vermitteln unsere Verdauung; dieselben
Organe der Fortpflanzung ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts.
Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in der
G r ö ß e und G e s t a l t der meisten Organe zwischen dem Menschen und
Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken wir auch
bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen Menschenrassen, ja
sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen Individuen unserer eigenen
Rasse. Wir finden nicht zwei Personen, welche ganz genau dieselbe Größe und
Form der Nase, der Ohren, der Augen usw. haben. Man braucht bloß
aufmerksam in einer größeren Gesellschaft diese einzelnen Teile der
menschlichen G e s i c h t s b i l d u n g bei zahlreichen Personen zu vergleichen,
um sich von der erstaunlichen Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu
überzeugen. Oft sind ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung, daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare
kaum glaublich erscheint. Alle diese i n d i v i d u e l l e n Unterschiede
beeinträchtigen aber nicht das Gewicht der f u n d a m e n t a l e n
G l e i c h h e i t i m K ö r p e r b a u; denn sie sind nur bedingt durch geringe
Verschiedenheiten im Wachstum der einzelnen Teile.