Die Welträtsel
Achtzehntes Kapitel. Unsere monistische Religion.
A c h t z e h n t e s K a p i t e l .
Unsere monistische Religion.
Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie
mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und
Schönen.
Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart,
welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion
überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht in die
Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten des
19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis unserer
Ve r n u n f t vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten
Gefühlsbedürfnisse unseres G e m ü t e s. Diese Ansicht ist in gewissem Sinne
richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen Auffassung des
Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion und Wissenschaft zu
einem mit einander verschmelzen. Indessen nur wenige entschlossene Denker
ringen sich zu dieser höchsten und reinsten Auffassung von S p i n o z a und
G o e t h e empor; vielmehr verharren die meisten Gebildeten unserer Zeit bei der
Überzeugung, daß die Religion ein selbständiges, von der Wissenschaft
unabhängiges Gebiet unseres Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und
unentbehrlich als die letztere.
Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung zwischen
jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten in der Auffassung finden,
welche ich 1892 in meinem Altenburger Vortrage niedergelegt habe: »Der
Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In
dem Vorwort zu diesem »Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich
mich über dessen doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens
möchte ich damit derjenigen v e r n ü n f t i g e n W e l t a n s c h a u u n g
Ausdruck geben, welche uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen
Naturerkenntnis mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im
Innersten von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn
auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu bekennen.
Zweitens möchte ich dadurch ein B a n d z w i s c h e n R e l i g i o n u n d
W i s s e n s c h a f t knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten menschlichen
Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird; das ethische Bedürfnis
unseres G e m ü t e s wird durch den Monismus ebenso befriedigt wie das
logische Kausalitätsbedürfnis unseres Ve r s t a n d e s.«
Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist, daß ich
mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das vieler Naturforscher,
sondern auch zahlreicher gebildeter Männer und Frauen aus verschiedenen
Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich durfte diesen unerwarteten Erfolg um so
höher anschlagen, als jenes Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie
Gelegenheitsrede war, die unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg
während des Jubiläums der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes
entstand. Natürlich erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der
anderen Seite; ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des
P a p i s m u s auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern
des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des
evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche Wahrheit als
auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun hat sich aber der
große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft und dem orthodoxen
Christentum seitdem immer drohender gestaltet; er ist für die erstere um so
gefährlicher geworden, je mächtigere Unterstützung das letztere durch die
wachsende geistige und politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen
Ländern schon so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und
Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat der große
weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen J o h n D r a p e r in seiner
»Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« vortrefflich
schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt wie nie zuvor; man
bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als »K u l t u r k a m p f«.
Der Kulturkampf. Die berühmte E n z y k l i k a nebst S y l l a b u s, welche der
streitbare Papst Pius IX. 1864 in alle Welt gesandt hatte, erklärte in der
Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft den Krieg; sie forderte blinde
Unterwerfung der Vernunft unter die Dogmen des »unfehlbaren Statthalters
Christi«. Das Ungeheuerliche und Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen
die höchsten Güter der Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente
Gemüter aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der
nachfolgenden Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die
Enzyklika eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr,
welche zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche,
das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des Papismus besonders
schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland die Geburtsstätte der
Reformation und der modernen Geistesbefreiung; andererseits aber besitzt es
leider in seinen 20 Millionen Katholiken ein mächtiges Heer von streitbaren
Gläubigen, welches an blindem Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten
von keinem anderen Kulturvolke übertroffen wird. C h r i s t u s sagt zu P e t r u s:
»Weide meine Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das
»W e i d e n« in »S c h e e r e n« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren
erkannte mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische
Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch seine
bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler Einheit
und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen denkwürdigen, vom
Vatikan aufgedrungenen K u l t u r k a m p f, der von dem ausgezeichneten
Kultusminister F a l k durch die »Maigesetzgebung« (1873) ebenso klug als
energisch geführt wurde. Leider mußte er schon sechs Jahre später aufgegeben
werden. Obwohl unser größter Staatsmann ein ausgezeichneter Menschenkenner
und kluger Realpolitiker war, hatte er doch die Macht von drei gewaltigen
Hindernissen unterschätzt: erstens die unübertroffene Schlauheit und
gewissenlose Perfidie der römischen Kurie, zweitens die entsprechende
Gedankenlosigkeit und Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen,
auf welche sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des
Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn schon
1878, nachdem der klügere Papst Leo XIII. seine Regierung angetreten hatte, der
schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden. Die neu gestärkte Macht des
Vatikans nahm seitdem wieder mächtig zu, einerseits durch die gewissenlosen
Ränke und Schlangenwindungen seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits
durch die falsche Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die
merkwürdige politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn
am Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß das
sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß die
Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen Partei
geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der ganzen
Bevölkerung beträgt.
Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er m i t v o l l e m R e c h t e
von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der
Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur von dem
Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte liberale Presse
feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als den gewaltigen Helden, der
nicht nur die nationale Einigung, sondern auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später, nachdem der Papismus gesiegt hatte,
behauptete dieselbe »liberale Presse« das Gegenteil und erklärte den
Kulturkampf für einen großen Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese
Tatsache beweist nur, wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie
mangelhaft ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre
philosophische Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und
Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus, getreu den
absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien, will und muß die
A l l e i n h e r r s c h a f t über die leichtgläubigen Seelen behaupten; er muß die
absolute Unterwerfung des Kulturstaates fordern, der als solcher die Rechte der
Vernunft und Wissenschaft vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn
einer der beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt
die »alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und freie
Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in Konvikte,
unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt der moderne
Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die menschliche Bildung,
Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße fortschreitend entwickeln,
als es im 19. erfreulicherweise der Fall gewesen ist. (Vergl. hierüber E d u a r d
H a r t m a n n, Die Selbstzersetzung des Christentums, 1874.)
Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig, daß die
moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des Aberglaubens
zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt, sondern daß sie
auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues wohnliches Gebäude für das
menschliche Gemüt herrichtet; einen P a l a s t d e r Ve r n u n f t, in welchem
wir mittels unserer neu gewonnenen monistischen Weltanschauung die wahre
»Dreieinigkeit« des 19. Jahrhunderts andächtig verehren, die T r i n i t ä t d e s
W a h r e n, G u t e n u n d S c h ö n e n. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale
greifbar zu gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den
herrschenden Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die
Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch erstere zu
erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt (in ihrer
u r s p r ü n g l i c h e n, reinen Form!) trotz aller Irrtümer und Mängel einen so
hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit anderthalb Jahrtausenden so eng mit
den wichtigsten sozialen und politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens
verwachsen, daß wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion
möglichst an die bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine
gewaltsame R e v o l u t i o n, sondern eine vernünftige R e f o r m a t i o n unseres
religiösen Geisteslebens.
I. Das Ideal der Wahrheit. Wir haben uns durch die vorhergehenden
Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt, daß die
reine Wahrheit nur in dem Tempel der N a t u r e r k e n n t n i s zu finden ist, und
daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die kritische »Beobachtung
und Reflexion« sind, die empirische Erforschung der Tatsachen und die
vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden Ursachen. So gelangen wir
mittels der r e i n e n Ve r n u n f t zur wahren Wissenschaft, dem kostbarsten
Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen müssen wir aus den gewichtigen, im
16. Kapitel erörterten Ursachen jede sogenannte »O f f e n b a r u n g« ablehnen,
jede Glaubensdichtung, welche behauptet, auf übernatürlichem Wege
Wahrheiten zu erkennen, zu deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht.
Da nun das ganze Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso
wie das islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen
Offenbarungen beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der
klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher, daß wir die
Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten W i s s e n s c h a f t finden
können, nicht mittels der Phantasiedichtung des mystischen Glaubens.
Die Göttin der W a h r h e i t wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde, auf
dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; — aber nicht in den
dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der Konviktschulen und nicht
in den weihrauchduftenden christlichen Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns
dieser herrlichen Göttin der Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle
Erforschung der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen
Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt mittels des
Mikroskops; — aber nicht sinnlose Andachtsübungen und gedankenlose Gebete,
nicht die Opfergaben des Ablasses und der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben,
mit denen uns die Göttin der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte
vom Baume der Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren,
einheitlichen Weltanschauung, — aber nicht der Glaube an übernatürliche
»Wunder« und das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«.
II. Das Ideal der Tugend. Anders als mit dem ewig Wahren verhält es sich mit
dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis der Wahrheit die
Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und allein die Erforschung der
Natur zu befragen ist, fällt dagegen der Inbegriff des G u t e n, den wir Tugend
nennen, in unserer monistischen Religion größtenteils mit der christlichen
Tugend zusammen; natürlich gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen
Christentum der drei ersten Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den
Evangelien und in den paulinischen Briefen niedergelegt sind; — es gilt aber nicht von der vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die
europäische Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte
beherrscht hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,
bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der Hilfe.
Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche Moral« (im besten
Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des Christentums, sondern sie
sind von diesem aus älteren Religionsformen herübergenommen. In der Tat ist ja
die »G o l d e n e R e g e l«, welche diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt,
Jahrhunderte älter als das Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde
dieses natürliche Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen
sorgsam befolgt als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch
beging die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig den
A l t r u i s m u s zum Gebote erhob, den E g o i s m u s dagegen verwarf.
U n s e r e m o n i s t i s c h e E t h i k l e g t b e i d e n g l e i c h e n W e r t bei
und findet die vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von
Nächstenliebe und Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)
III. Das Ideal der Schönheit. In vielfachen Gegensatz zum Christentum tritt
unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das ursprüngliche, reine
Christentum predigte die Wertlosigkeit des irdischen Lebens und betrachtete
dasselbe bloß als eine Vorbereitung für das ewige Leben im »J e n s e i t s«.
Daraus folgt unmittelbar, daß alles, was das menschliche Leben im
»D i e s s e i t s« darbietet, alles Schöne in Kunst und Wissenschaft, im
öffentlichen und privaten Leben, keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich
von ihm abwenden und nur daran denken, sich für das Jenseits würdig
vorzubereiten. Die Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren
unerschöpflichen Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte
Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der Mensch
sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in Klöstern oder
Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes« beschäftigte.
Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische Christenmoral,
die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge das Gegenteil bewirkte. Die
Klöster, die Asyle der Keuschheit und Zucht, wurden bald die Brutstätten der
tollsten Orgien. Der Kultus der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit
der gepredigten »Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt
von dem Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben
des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung der
christlichen Kirchen und Klöster entwickelten.
Christliche Kunst. Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche besonders in der
Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke schuf. Die prachtvollen
gotischen Dome und byzantinischen Basiliken, die Hunderte von prächtigen
Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen christlicher Heiliger und Märtyrer,
die Millionen von schönen Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen
von Christus und der Madonna — sie zeugen alle von einer Entwickelung der
schönen Künste im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen
Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten ihren
hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene Mischung von
»Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles mit der reinen
Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung, welche von allem
irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen Schönheit und Kunst sich
abwendete, welche das Familienleben und die Frauenliebe gering schätzte,
welche allein die Sorge um die immateriellen Güter des »ewigen Lebens«
predigte? Der Begriff der »christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in
sich. Die reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten
damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig. Indem sie
das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes im Mittelalter auf die
christliche K i r c h e und deren eigentümliche K u n s t lenkten, wendeten sie
dasselbe von der N a t u r ab und von der Erkenntnis der hier verborgenen
Schätze, die zu selbständiger W i s s e n s c h a f t geführt hätten. Außerdem aber
erinnerte der tägliche Anblick der überall massenhaft ausgestellten
Heiligenbilder, der Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen
Christen jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche
angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen, die
Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.
Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen ungeheuren
Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf die Festigung des
Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen Kulturwelt bis auf den
heutigen Tag geltend macht.
Monistische Kunst. Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden
christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden Kunst, die sich erst
im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der N a t u r w i s s e n s c h a f t
entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung unserer Weltkenntnis, die
Entdeckung von unzähligen schönen Lebensformen, die wir der letzteren
verdanken, hat in unserer Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und
damit auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche
wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung unbekannter
Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten organischen Formen
zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten wuchs bald ins
Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den früher vernachlässigten
niederen Gruppen) fanden sich Tausende schöner und interessanter Gestalten,
ganz neue Motive für Malerei und Bildhauerei, für Architektur und
Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß in dieser Beziehung besonders die
ausgedehntere m i k r o s k o p i s c h e Forschung in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts und namentlich die Entdeckung der fabelhaften
Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte Challenger-Expedition (1872-
1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende von zierlichen Radiolarien und
Thalamophoren, von prächtigen Medusen und Korallen, von abenteuerlichen
Mollusken und Krebsen eröffneten uns da mit einem Male eine ungeahnte Fülle
von verborgenen Formen, deren eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle
von der menschlichen Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft.
Allein schon in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000
Tafeln eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen
anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische und
botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen reizender
Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen der Natur« eine
Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten weiteren Kreisen
zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften. Leipzig 1899-1903.)
Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um jedem
Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr müssen dafür
nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden. Überall bietet die
umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen und interessanten Objekten
aller Art. In jedem Moose und Grashalme, in jedem Käfer und Schmetterling
finden wir bei genauer Untersuchung Schönheiten, an denen der Mensch
gewöhnlich achtlos vorübergeht. Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei
schwacher Vergrößerung betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere
Vergrößerung eines guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der
organischen Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize.
Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und Kleinsten,
sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der Natur hat uns erst das
19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im Beginne desselben war die Ansicht
herrschend, daß die Hochgebirgsnatur zwar großartig, aber abschreckend, das
Meer zwar gewaltig, aber furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die
meisten Gebildeten — und besonders die Bewohner der Großstädte — glücklich,
wenn sie jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der
Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner Küsten
erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses sind uns erst
neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und verständlich geworden, und
die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst
den Unbemittelteren die Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese
Fortschritte im ästhetischen Naturgenusse — und damit zugleich im
wissenschaftlichen Naturverständnis — bedeuten ebenso viele Fortschritte in der
höheren menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer
monistischen Religion.
Landschaftsmalerei und Illustrationswerke. Der Gegensatz, in welchem unser
n a t u r a l i s t i s c h e s Jahrhundert zu den vorhergehenden
a n t h r o p i s t i s c h e n steht, prägt sich besonders in der verschiedenen
Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten
Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse für ihre
bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten unbekannt war; es wird
unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte der Technik und des Verkehrs,
welche eine allgemeine Verbreitung derselben in weitesten Kreisen gestatten.
Zahlreiche illustrierte Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung
zugleich den Sinn für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten.
Besonders ist es die L a n d s c h a f t s m a l e r e i, die hier eine früher nicht
geahnte Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher,
A l e x a n d e r v o n H u m b o l d t, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung
der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum
Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher Bedeutung
sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles Bildungsmittel
hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch bedeutend weiter
entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die Kinder frühzeitig zum
Genusse der L a n d s c h a f t anzuleiten und zu der höchst dankbaren Kunst, sie
durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem Gedächtnis einzuprägen.
Moderner Naturgenuß. Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem und
Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen Sinn
besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben. So wertvoll und
beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder einzelnen Gabe ist, so wird
deren Wert doch noch hoch gesteigert durch die Erkenntnis ihrer Bedeutung und
ihres Zusammenhanges mit der übrigen Natur. Als A l e x a n d e r v o n
H u m b o l d t (1845) in seinem großartigen »K o s m o s« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als er in seinen mustergültigen »Ansichten
der Natur« wissenschaftliche und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise
verband, da hat er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß
mit der »wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und
wie beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe der
Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den gestirnten
Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen betrachten, die
Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der Energie in der bewegten
Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher wir die Geltung des
allumfassenden Substanzgesetzes im Universum verehren, — sie alle sind
Bestandteile unseres G e m ü t s l e b e n s, die unter den Begriff der
»n a t ü r l i c h e n R e l i g i o n« fallen.
Diesseits und Jenseits. Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit in der
Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso einerseits
einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als sie andererseits in
feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen. Denn der menschliche Geist
lebt dort in dem bekannten »D i e s s e i t s«, hier in einem unbekannten
»J e n s e i t s«. Unser Monismus lehrt, daß wir sterbliche Kinder der Erde sind,
die ein oder zwei, höchstens drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben,
im Diesseits die Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche
Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner
Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde ein
elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns zu
kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges Leben
voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie diese Herrlichkeit
des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll, das hat uns noch keine
»Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für den Menschen ein blaues Zelt
war, ausgespannt über der scheibenförmigen Erde und erleuchtet durch das
blinkende Lampenlicht einiger tausend Sterne, konnte sich die menschliche
Phantasie oben in diesem Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der
olympischen Götter oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun
ist aber für alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen
Seelen« die offenkundige W o h n u n g s n o t eingetreten. »Himmelsbild und
Weltanschauung«, wie sie T r o e l s - L u n d in ihrem tiefen Zusammenhange
historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen Fortschritte
der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren. Wir wissen jetzt
durch die A s t r o p h y s i k, daß der unendliche Raum mit schwingendem Äther
erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach ewigen ehernen Gesetzen
bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen.
Monistische Kirchen. Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch sein
religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner Anbetung
verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die Pagoden im
buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen Altertum, die
Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die katholischen Dome im
südlichen und die evangelischen Kathedralen im nördlichen Europa — alle diese
»Gotteshäuser« sollen dazu dienen, den Menschen über die Misere und Prosa
des realen Alltagslebens zu erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie
einer höheren, idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen
tausend verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen
und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und Kunst«
besitzt — und damit zugleich auch Religion —, bedarf keiner besonderen
Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall in der freien
Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum oder auf einen Teil
desselben richtet, überall findet er zwar den harten »Kampf ums Dasein«, aber
daneben auch das »Wahre, Schöne und Gute«; überall findet er seine »K i r c h e«
in der herrlichen N a t u r selbst.