NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Editorial
»Ich überlegte und überlegte in diesem den Heimtransport der nunmehr als
Zug, der mich nach so vielen Monaten »Displaced Persons« (DPs) bezeichne-
wieder nach Hause brachte. Wie wür- ten überlebenden KZ-Häftlinge sowie
den sie mich empfangen? Was würde vormaligen Zwangsarbeiterinnen und
ich vorfinden? Und wer würde mir Zwangsarbeiter. Die Kategorisierung glauben, wenn ich erzählte, was ich als DP schloss jedoch Personen aus,
gesehen, was ich durchgemacht hatte?« 1 die die deutsche bzw. österreichische
Mit diesen Worten beschrieb Ida De- Staatsangehörigkeit hatten, wie auch
sandré, eine in den Konzentrationsla- die als Jüdin verfolgte Margot Heuman,
gern Ravensbrück, Neuengamme und damals 17 Jahre alt, nach ihrer Be-
Bergen-Belsen inhaftierte Partisanin, freiung im KZ Bergen-Belsen erfahren
rückblickend die Zweifel, die sie bei musste: »Halb kroch ich, halb ging ich
ihrer lang ersehnten Heimkehr nach zum ersten Posten. Dort wurde ich Italien im September 1945 beschlichen. gefragt: ›Was ist ihre Nationalität?‹ und
Ihre Skepsis war berechtigt. Nur eine ich sagte: ›Ich bin Deutsche.‹ Darauf
Minderheit der in ihre europäischen sagten sie: ›Für Deutsche sind wir nicht
Heimatländer zurückkehrenden Über- zuständig.‹ Also sagte ich: ›Aber ich bin
lebenden nationalsozialistischer Verfol- Jüdin!‹ Und sie sagten: ›Für Deutsche
gung wurde bei der Ankunft stürmisch sind wir nicht zuständig.‹ Okay. Also
gefeiert und mitfühlend umsorgt. So marschierte ich zurück, wandte mich
unterschiedlich die Wege und Einliefe- an den nächsten Posten und gab mich
rungsgründe in die Konzentrationslager dort als Tschechin aus, um Hilfe zu
und Haftstätten gewesen waren, so ver- 2 bekommen.«
schieden waren auch die Erfahrungen Die Erstversorgung der deutschen
der Verfolgten nach ihrer Rückkehr. In Überlebenden verblieb in den Hän-
Frankreich etwa wurden Angehörige den der nunmehr unter Aufsicht der
der Résistance mit Glockengeläut und Besatzungsmächte tätigen deutschen
Festbanketten empfangen, während Sozialverwaltungen. Diese etablierten
vormalige Zwangsarbeiterinnen und meist innerhalb weniger Wochen ein Zwangsarbeiter deutlich zurückhalten- System unterschiedlicher Anspruchs-
der begrüßt wurden – eine Unterschei- berechtigungen je nach Verfolgungs-
dung, die sich in den folgenden Jahren grund: Überlebende wurden entspre-
verfestigte, ausdifferenzierte und noch chend ihrer Haftkategorie unterstützt
über Jahrzehnte nachwirken sollte. oder auch – wie etwa die als »asozial«
Bereits unmittelbar nach der Be- oder als »kriminell« Verfolgten – vom
freiung galten für die NS-Verfolgten Leistungsbezug ausgeschlossen.
unterschiedliche Maßstäbe. Zentrales Für die Alliierten entwickelte sich
Kriterium war zunächst die Nationali- die Versorgung der »Displaced Per-
tät. Die alliierten Truppen übernahmen sons« in den Wochen nach Kriegs-
nach der Befreiung in Abstimmung ende zu einer der wichtigsten Auf-
mit der United Nations Relief and Re- gaben der Militärverwaltungen. Sie
habilitation Administration (UNRRA) brachten die Überlebenden überwie-
die Versorgung, die Unterbringung und gend getrennt nach Nationalitäten in
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Transit- oder Sammellagern unter und entschieden sich für eine Emigration.
arbeiteten unter Hochdruck daran, so In besonderer Weise betraf dies jüdi-
schnell wie möglich die Repatriierung sche Überlebende aus Osteuropa, deren
in die Herkunftsländer zu organisieren. Familienangehörige im Zuge der natio-
Die sow jetische Regierung hatte be- nalsozialistischen Vernichtungspolitik
reits im Zuge der Konferenz von Jalta ermordet worden waren. Sie befürch-
mit den westlichen Alliierten verein- teten zudem erneute antisemitische An-
bart, dass sowjetische Staatsbürgerinnen feindungen in ihren Herkunftsländern,
und Staatsbürger zügig und ausnahms- denen sie bereits in den Jahren vor der
los – gegebenenfalls also auch zwangs- deutschen Besatzung ausgesetzt gewe-
weise – repatriiert werden sollten. Sie sen waren. Der Aufbruch in ein neues
mussten sich vor ihrer Rückkehr in den Leben war für sie oft noch langwieriger
»Filtrationslagern« des sowjetischen und mühsamer als der »lange Weg nach
Geheimdienstes Hause«3 NKWD einer Über- der Repa triantinnen und Re-prüfung auf eine mögliche Kollabo- patrianten. Dies galt nicht zuletzt für
ration mit den Deutschen stellen. Fiel eine Emigration nach Palästina. Vor der
diese zu ihrem Nachteil aus, konnte das Gründung des Staates Israel konnte das
ihre Einweisung in ein Arbeitslager zur Land aufgrund der rigiden britischen
Folge haben. Aufnahmebestimmungen vielfach nur
In die übrigen Länder erfolgte die auf dem Weg illegaler Einwanderung
Rückkehr freiwillig. Der Zeitpunkt erreicht werden.
und die Transportwege hingen dabei
maßgeblich von den in den Herkunfts- Für Repatriierte wie auch für Emigrier-
ländern getroffenen Vorbereitungen ab. te war die Rückkehr in ein normales
Während etwa Verfolgte aus Frankreich, Leben zumeist ein schwieriger Prozess.
Belgien, den Niederlanden und Luxem- »Der Weg in ein neues Leben«, erinner-
burg häufig innerhalb weniger Tage oder te sich Margit Herrmann, tschechische
Wochen und manche sogar mit dem Überlebende der Konzentrationslager
Flugzeug heimkehren konnten, muss- Auschwitz, Neuengamme und Bergen-
ten sich viele ungarische und polnische Belsen, »führte durch Ämter und In-
Überlebende auf eigene Faust einen Weg stitutionen. Man stand stundenlang mit
durch das von den Deutschen zerstörte geschwollenen Beinen Schlange, um
Europa suchen und lange Strecken müh- sich von einer Nummer wieder in Fräu-
sam zu Fuß bewältigen. lein oder Frau Sowieso, in einen nor-
Überlebende aus Staaten, die zeit- 4 malen Bürger rückzuverwandeln.« Für
weilig oder dauerhaft als Teil der »Ach- weibliche Überlebende kam häufig er-
senmächte« Kriegsgegner der Alliier- schwerend die explizite oder implizite
ten gewesen waren, mussten lange in Unterstellung hinzu, sie hätten sich ihr
den DP-Camps ausharren und konnten Überleben durch sexuelle Dienstleis-
meist nicht vor Herbst 1945 in ihre tungen erkauft. »Ich war die Attraktion
Heimatländer zurückkehren. des Stadtviertels«, beschrieb Micheline
Viele KZ-Überlebende, aber auch Maurel ihre Rückkehr nach Toulouse.
befreite Zwangsarbeiterinnen und »Die Fragen, die man mir stellte, waren
Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefan- immer die gleichen. ›Hat man Sie auch
gene konnten oder wollten nicht in vergewaltigt?‹ […] ›Und wie kommt es,
ihr Herkunftsland zurückkehren und 5 dass Sie nicht gestorben sind?‹« EDITORIAL 11
Der Schriftsteller Primo Levi hat Heimweg nach der Befreiung aus dem
die Monate nach der Befreiung aus KZ Ravensbrück stellen mussten, wie dem KZ Auschwitz als eine »Atem- auch die Schwierigkeiten ihrer Reinte-
pause […] am Rande der Zivilisation« gration in die von traditionellen Rol-
beschrieben. Bei seiner Ankunft in Tu- lenbildern geprägte italienische Nach-
rin stand »das Haus […] noch, alle kriegsgesellschaft. Familienangehörigen waren am Leben, Die drei folgenden Aufsätze neh-
niemand hatte mich erwartet. Ich war men Überlebende als politische Ak-
aufgedunsen, bärtig und zerlumpt und teurinnen und Akteure in den Blick.
sie erkannten mich nur mit Mühe. […] Sarah Grandke untersucht das erfolg-Es dauerte noch viele Monate, bis ich reiche Engagement von vornehmlich
die Gewohnheit verlor, den Blick beim nicht jüdischen polnischen DPs für
Gehen stets auf den Boden zu heften, ein Gedenkzeichen auf dem Gelände
als sei ich immer noch auf der Suche des vormaligen KZ Flossenbürg. Len-nach Eßbarem oder nach Dingen, die nart Onken thematisiert anhand des
sich schnell einstecken und gegen Brot »Zentralkomitees der befreiten Juden
austauschen ließen.« 6 in der britischen Zone« Erfahrungen
und Bedeutung jüdischer Selbstorgani-
Das vorliegende Heft ist den vielfäl- sation nach Kriegsende. Nadine Jenke
tigen Erfahrungen der überlebenden schließlich untersucht die Rolle der
Frauen und Männer gewidmet. The- Zentralkomitees der befreiten Juden in
matisiert werden die Auswirkungen der der britischen und in der US-amerika-unterschiedlichen Verfolgungskontexte nischen Besatzungszone für die frühe
auf ihren weiteren Lebensweg. Gefragt Strafverfolgung von NS-Verbrechen.
wird nach den Lebensbedingungen der Dem erinnerungspolitischen Enga-
ehemaligen Häftlinge in den verschie- gement von Überlebenden nach ihrer
denen Ländern West- und Osteuropas Heimkehr bzw. nach ihrer Auswande-
und nach den Reaktionen ihres sozia- rung widmen sich zwei Aufsätze. Pavla
len Umfelds auf ihre Verfolgungserfah- Plachá untersucht die Möglichkeiten
rung. Welche Formen der Unterstüt- und Grenzen politischen Engagements
zung erfuhren die überlebenden Frauen ehemaliger Häftlinge des Frauen-KZ
und Männer? Wo konnten sie sich poli- Ravensbrück in der tschechoslowaki-
tisch artikulieren? Wo mussten sie mit schen Nachkriegsgesellschaft vor und
fortgesetzten oder auch neuen Formen nach der Machtübernahme der Kom-
der Ausgrenzung zurechtkommen? munistischen Partei. Im Zentrum des
Die ersten in diesem Heft versam- Aufsatzes von Sharon Geva stehen
melten Studien legen den Fokus auf die die Biografien von drei weiblichen
Erfahrungen der NS-Verfolgten wäh- Holocaust-Überlebenden und deren
rend ihres Wegs in die Heimat. Gero politische und erinnerungskulturelle
Fedtke untersucht das von einem ehe- Aktivitäten in der jungen israelischen
maligen Rotarmisten publizierte Tage- Gesellschaft der 1950er-Jahre.
buch über die Erfahrungen bei seiner Es folgen fünf Aufsätze zu gesell-
mehrere Monate dauernden Heimkehr schaftlichen Ausschlussprozessen von
nach Kasachstan. Johanna Kootz be- NS-Verfolgten. Jens Binner thematisiert
schreibt die Herausforderungen, de- die fortdauernde politische wie gesell-
nen sich italienische Frauen auf ihrem schaftliche Stigmatisierung der 12 EDITORIAL
lebenden von Konzentrationslagern, Zwangsunterbringung zeitlich erheb-
Kriegsgefangenschaft und Zwangs arbeit lich auseinanderfallen konnten und dass
in der Sowjetunion nach 1945. Christine eine gesellschaftliche Anerkennung ih-
Eckel untersucht die zwischen Depor- rer NS-Verfolgung erst heute allmäh-
tierten aus der Résistance und anderen lich einsetzt.
Verfolgten vorgenommene Unterschei- Das vorliegende Heft führt vor
dung und deren Folgen im Nachkriegs- Augen, wie stark die Nachkriegserfah-
frankreich. Claudia Bade wirft am Bei- rungen der NS-Verfolgten von ihren
spiel der Akteure und Akteurinnen des jeweiligen Verfolgungskontexten, ihrer
Internationalen Sozialistischen Kampf- Staatsangehörigkeit, der gesellschaftspo-
bundes (ISK) ein Schlaglicht auf von litischen Situation in ihren Herkunfts-
Enttäuschungen geprägte Nachkriegser- bzw. neuen Heimatländern und ihrem
fahrungen ehemals politisch Verfolgter Geschlecht geprägt waren und wie sich
in der Bundesrepublik. Yvonne Robel früh etablierte gesellschaft liche Aus-und Laura Hankeln thematisieren anti- schlussmechanismen über Jahrzehnte
ziganistische Kontinuitäten in der deut- festsetzen.
schen Nachkriegsgesellschaft. Yvonne Abgerundet wird das Heft durch die
Robel stellt am Beispiel Hamburgs die Dokumentation einer Rede von Bill vielfältigen Akteurinnen und Akteure Niven zur irrtümlichen Bombardierung
vor, die gesellschaftliche Ausschlusspro- der KZ-Schiffe in der Lübecker Bucht
zesse von Sintize und Sinti sowie Romn- durch die britische Luftwaffe am 3. Mai
ja und Roma bis Mitte der 1950er-Jahre 1945 (»›Cap Arcona‹-Katastrophe«) in
in Gang setzten. Laura Hankeln nimmt der deutschen und britischen Erinne-
die Rolle der baden-württembergischen rung und durch Rezensionen von Pu-
Kriminalpolizei unter die Lupe, die aktiv blikationen, die die angesprochenen
an Entschädigungsverfahren von Sintize Themen ergänzen und vertiefen. Für
und Sinti sowie Romnja und Roma mit- die vielfältigen und vielschichtigen Ein-
wirkte und dazu beitrug, deren Entschä- blicke in ihre wichtigen Forschungen
digungsansprüche abzuwehren. wie auch für die ausgezeichnete Zu-
Den Abschluss des Heftes bildet sammenarbeit dankt die Redaktion der
der Aufsatz von Andreas Kranebitter »Beiträge« allen Autorinnen und Auto-
und Dagmar Lieske über den fortge- ren sehr herzlich.
setzten Ausschluss und die Stigmatisie-
rung von als »asozial« und »kriminell« Für die Redaktion Verfolgten in Deutschland und Ös- Alyn Beßmann
terreich nach 1945. Für beide Verfolg- Insa Eschebach
tengruppen gilt, dass Kriegsende und Oliver von Wrochem Freilassung aus der Haft bzw. aus der
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Anmerkungen
1 Ida Desandré: Vita da donne, Mailand 5 Micheline Maurel: Kein Ort für Tränen.
1995, S. 38, Übers. aus d. Italienischen: Bericht aus einem Frauenlager, Übers.
Susanne Wald. aus d. Französischen: Wolfgang A. Peters,
2 Interview mit Margot Heuman, 4.5.2019, Hamburg 1960, S. 136. Vgl. dazu ausführ-
Transkript, Archiv der KZ-Gedenkstätte lich Insa Eschebach / Katharina Zeiher: Ra-
Neuengamme, HB 2159, S. 9, Übers. aus vensbrück 1945. Der lange Weg zurück
d. Englischen: Alyn Beßmann. ins Leben. Autobiografische Zeugnisse
3 Nikolaj Georgievič Lavrinov: Dolgij put’ von Überlebenden des Frauen-Konzen-
domoj. Zapiski iz dnevnika [Der lange trationslagers, in: dies. (Hg.): Ravensbrück
Weg nach Hause. Tagebuchaufzeichnun- 1945. Der lange Weg zurück ins Leben.
gen], Kurgan 1997. Ausstellungskatalog, Berlin 2016, S. 9-24.
4 Margit Herrmann: Hamburger Intermez- 6 Primo Levi: Die Atempause, Übers. aus
zo, in: Harburger Jahrbuch 18 (1993), d. Italienischen: Barbara Picht / Robert
S. 175-192, hier S. 192. Picht, 2. Aufl., München 1995, S. 244 f.