NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Jens Binner: Stigmatisierung als biografische Konstante. Repatriantinnen und Repatrianten in der Sowjetunion nach 1945
Jens Binner
Stigmatisierung als biografische Konstante
Repatriantinnen und Repatrianten
in der Sowjetunion nach 1945
Die Verschleppung nach Deutschland waren. Meist war der Regelfall, dass
während des Zweiten Weltkrieges war die Verfolgungsgeschichte der Repatri-
für alle Betroffenen eine Erfahrung, die antinnen und Repatrianten prinzipiell
ihren weiteren Lebensweg fundamen- als besonders schwer anerkannt wur-
tal beeinflusste, gleichgültig aus wel- de, unabhängig davon, ob es sich um
chem Land sie stammten. Die Jahre ehemalige Zwangsarbeiterinnen und
der Gefangenschaft und Zwangsarbeit Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge oder
unter den durch das rassistische System Kriegsgefangene handelte. Die Sowjet-
der nationalsozialistischen Verfolgung union stellt in dieser Hinsicht einen
bestimmten Bedingungen bedeuteten Sonderfall dar, dessen Bedingungen mit
eine lebensbedrohliche physische und ihren Auswirkungen auf die Repatrian-
psychische Belastung. Die Befreiung tinnen und Repatrianten im Folgenden markierte daher für das Gros der Über- 1 näher betrachtet werden. Vergleichs-
lebenden einen nicht mehr für möglich maßstab sind aufgrund der Spezifik der
gehaltenen Glücksmoment, mit dem Verfolgung und Nachkriegsgeschichte
sich vielfach große Hoffnungen auf von Jüdinnen und Juden dabei die nicht eine bessere Zukunft verbanden. All jüdischen Rückkehrerinnen und Rück-
jene Verschleppten, die sich nicht für kehrer anderer Staaten.
eine Emigration in ein anderes Land Auch epistemologisch sind in Be-
entschieden bzw. entscheiden konn- zug auf die Menschen aus der Sowjet-
ten, sondern in ihr Herkunftsland zu- union Besonderheiten festzustellen,
rückkehrten, mussten erkennen, dass von der die Art der Darstellung ihrer
sich auch ihre Herkunftsgesellschaften Geschichte häufig bis heute geprägt
durch die Jahre des Krieges, der Besat- ist. Dies hängt damit zusammen, dass
zung und der Gewalt grundlegend ver- während der sowjetischen Zeit keine
ändert hatten. Nur selten gelang daher durchschlagskräftigen und autonomen
eine konfliktfreie Reintegration, viel- Selbstorganisationen von Repatriantin-
mehr gerieten auch die Heimkehrenden nen und Repatrianten gegründet wer-
regelmäßig zwischen die Fronten von den konnten, die auf ähnlich effekti-
Deutungskämpfen und Konkurrenzen ve Weise in der Lage gewesen wären,
bei der Restrukturierung der jeweiligen historistische Diskurse zu prägen, wie
Staaten. das etwa Gruppen in Frankreich oder
Dennoch existieren bei diesen Pro- Belgien gelang. Ebenso wurde erst nach
zessen bedeutende qualitative Unter- Ende der Sowjetunion und recht eigent-
schiede, die in erster Linie durch die lich erst im Zusammenhang mit der
Grundhaltung von Politik und Gesell- Entschädigungsdiskussion um das Jahr
schaft gegenüber den Heimkehrenden 2000 damit begonnen, Selbstzeugnisse,
sowie durch den Grad der Demokra- vor allem Interviews, aus dieser Gruppe
tisierung im jeweiligen Land bestimmt zu sammeln. Die Lücken, die durch
STIGMATISIERUNG ALS BIOGRAFISCHE KONSTANTE 131
diese Art der verspäteten Hinwendung ren Beleg für die Unmenschlichkeit
entstanden sind, können nachträglich des stalinistischen Systems anzuführen. kaum mehr geschlossen werden. Bis Aus diesem Grund bestand kein ausge-
in die jüngste Zeit spielen die Themen prägtes Interesse an den »durchschnitt-
Repatriierung und Wiedereingliederung lichen« sowjetischen Repatriantinnen
in die sowjetische Gesellschaft auch und Repatrianten, wie sie etwa durch in der wissenschaftlichen Forschung ukrainische Zwangsarbeiterinnen und
der Nachfolgestaaten der Sowjetunion Zwangsarbeiter oder einfache Solda-
nur eine untergeordnete Rolle. 2 Zwar ten der Roten Armee verkörpert wur-
gibt es verhältnismäßig zahlreiche Dar- den. Vielmehr sollte an bestimmten
stellungen, die sich den technischen Gruppen aufgezeigt werden, wie un-
Aspekten der Repatriierung widmen, barmherzig die stalinistische Sowjet-
aber zu gesellschaftsgeschichtlichen union aus ideologischen Gründen mit
Fragestellungen dringen diese Arbeiten ihren Bürgern4 umgegangen ist. Großes in der Regel nicht vor.3 Angesichts der Interesse fanden daher Berichte über
zunehmenden erneuten ideologischen Massenselbstmorde und Hinrichtungen
Ausrichtung auf eine heroische Ge- nach der Übergabe an die Sowjetunion,
schichtsschreibung ist hier zumindest die jedoch nur zahlenmäßig kleine und für Russland auch keine Intensivierung spezielle Gruppen wie ehemalige Ange-
einer entsprechenden Forschung zu er- 5 hörige der Wlassow-Armee, Kosaken-
warten. Kampfverbände oder Emigranten aus
der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg
Geschichtswissenschaftliche betrafen. Grundlage für diese Darstel-
Fehldeutungen Publikationen, die häufig von Kreisen lungen waren frühe englischsprachige
Im Mittelpunkt der folgenden Betrach- des ukrainischen Exils in den USA und
tung steht die Zeit vom Kriegsende bis Kanada verfasst oder beeinflusst wa-
zum Jahr 1955, die in der Sowjetunion 6 ren. Deutschsprachige Darstellungen in besonderer Hinsicht eine Zeit der ge- zur Zwangsarbeit waren lange von die-
samtgesellschaftlichen Weichenstellun- 7 sem Blickwinkel geprägt.
gen ist, die bis heute Auswirkungen ha- Die schwerwiegende Folge dieser
ben. Neben dieser realgeschichtlichen Fehl- oder Teilperzeption war, dass die Ebene existiert jedoch noch eine Ebene Erfahrungen der überwiegenden Zahl
des spezifischen Blicks auf die sowje- der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen
tischen Repatriantinnen und Repatri- und Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge so-
anten. Denn das Interesse an ihnen in wie Kriegsgefangenen aus der Sowjet-
der westlichen Historiografie – dass sie union keine Beachtung fanden oder
aufgrund des ideologisch bestimmten nur aus dem Blickwinkel des Kalten
Geschichtsbildes in der sowjetischen Krieges betrachtet wurden. Grund da-
Geschichtsschreibung keinen Platz hat- für war nicht nur, dass die Kenntnis
ten, wird noch erläutert – war lange ihrer Geschichten fehlte, sondern auch,
Zeit von den Schemata des Kalten Krie- dass kein Interesse an einer ausgewo-
ges geprägt. Dabei ging es im Ergebnis genen und subjektzentrierten Darstel-
weniger um die Wahrnehmung und lung bestand. Denn leichtfertig und bis Würdigung ihrer speziellen Erfahrun- heute nachwirkend wurde denjenigen,
gen als vielmehr darum, sie als weite- die schnell und ohne ersichtliche 132 JENS BINNER
genwehr in die Sowjetunion zurück- in erster Linie an konkretem Wissen
kehrten, entweder eine politische Moti- über einen geografischen Raum oder
vation unterstellt und sie wurden, ohne ein Unternehmen bestand und daher
genauer hinzusehen, zu Unterstütze- die Ergebnisse der Befragungen nicht
rinnen und Unterstützern des Stalinis- in vollem Umfang lebensgeschichtlich
mus erklärt, oder sie wurden als reine betrachtet wurden. Und auch vonsei-
Objekte betrachtet, die ausnahmslos ten der Befragten wurde ausführlicher
zwangsweise und ohne eigenen Willen über die Zeit in Deutschland erzählt
nach Hause zurücktransportiert wor- als über die Zeit nach der Rückkehr
den sind. Aus dieser oberflächlichen in die Sowjetunion. Zum einen wurde Betrachtungsweise heraus entwickelte angenommen, dass dies der hauptsäch-
sich kein echtes Interesse an den diffe- liche Zweck des Interviews sei. Zum
renzierten Handlungsmotivationen und anderen bestand ein hohes Interesse
-strategien der sowjetischen Repatrian- der Befragten, nun zum ersten Mal
tinnen und Repatrianten. ihre Geschichte von Verschleppung
und Zwangsarbeit im nationalsozialis-
tischen Deutschland zu erzählen.8 Erst
(Nicht-)Wahrnehmung
der Nachkriegsgeschichte jüngere Interviewprojekte, die in Zu-
sammenarbeit mit ukrainischen oder
Bei historiografischen Fragestellungen russischen Wissenschaftlerinnen und
mit Bezug zum Nationalsozialismus ist Wissenschaftlern entstanden sind, wid-
es inzwischen selbstverständlich, nicht men dem Aspekt des Lebens in der
mehr beim Jahr 1945 als einer vermeint- 9 Sowjetunion breiteren Raum.
lichen »Stunde null« stehen zu bleiben,
sondern die Darstellung über diese zeit- Rückkehr in die spätstalinistische
liche Scheingrenze hinaus fortzusetzen. Sowjetunion Daher ist es weiterhin erstaunlich, wie
wenig dieses Prinzip bei Arbeiten zur Doch was waren die Rahmenbedin-
Zwangsarbeit im Nationalsozialismus gungen, in welche Gesellschaft kehrten
Anwendung findet, wenn Menschen die sowjetischen Repatriierten zurück
aus der Sowjetunion im Fokus ste- und welche Entwicklungen haben die-
hen. Häufig bleibt es immer noch bei se Gesellschaft in den Jahren bis 1955
wenigen Anmerkungen, in denen die geprägt? Um sich diesen Fragen zu nä-
Begriffe »Zwang« und »GULag« eine hern, ist zunächst ein Blick auf die Vor-
zentrale Rolle spielen. Das Problem hat erfahrungen der Betroffenen und auf
sich auch nicht dadurch gelöst, dass im 10 den Prozess der Repatriierung not-Gefolge der Debatte um eine finanziel- wendig. Die Mehrzahl der während des
le Entschädigung für Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieges aus der Sowjet-
nationalsozialistischen Deutschland um union nach Deutschland verschleppten
das Jahr 2000 verstärkt Interviewpro- Menschen war nach der Russischen Re-
jekte mit Menschen aus der ehemaligen volution im Jahr 1917 geboren worden
Sowjetunion initiiert worden sind. Bei und hat in der Mehrheit bereits in der
der Mehrzahl dieser Projekte stand aus stalinistischen Ära nach 1927 die Schu-
guten Gründen die Zeit der Zwangs- 11 le besucht. Das bedeutet, dass diese arbeit in Deutschland im Mittelpunkt Menschen zum einen bereits unter der
der Gespräche, weil Interesse häufig ideologischen Beeinflussung des STIGMATISIERUNG ALS BIOGRAFISCHE KONSTANTE 133
nistischen Systems aufgewachsen sind, aber sich der Repatriierung zu entzie-
sie zum anderen dieses System aber hen, stellte nur für eine Minderheit eine auch gut einschätzen konnten, vor al- 14 Option dar. Zum einen hatten die
lem aufgrund direkter Erfahrungen mit Menschen aus der Sowjetunion große
den gewalttätigen Seiten dieser Dikta- Sorge um ihre Angehörigen, Freundin-
tur. In besonderer Weise trifft dies auf nen und Freunde, Nachbarinnen und
die zivilen Zwangsarbeiterinnen und Nachbarn. Sie hatten in den Jahren vor
Zwangsarbeiter zu, die in der Mehrzahl der Befreiung nur wenige, unzuverläs-
aus der heutigen Ukraine stammten und sige Informationen über die Situation
damit aus denjenigen Gebieten, die am in ihren Herkunftsdörfern oder -städ-
stärksten von der Hungersnot der Jahre ten erhalten. Zum anderen handelte es
1932/33 betroffen waren.12 Den Gro- sich um Menschen, für die ein Leben
ßen Terror der Jahre 1937/38 hatten sie in einem anderen Land in der Regel
ebenfalls bewusst miterlebt, sodass über außerhalb der Vorstellungskraft lag und
die Natur der stalinistischen Diktatur eine mögliche Emigration mit großen
bei ihnen keine Illusionen herrschten. Unsicherheitsgefühlen behaftet war. Sie
Es trifft zu, dass sich die Repatri- waren in der geschlossenen Gesellschaft
ierung der aus der Sowjetunion Ver- der stalinistischen Sowjetunion aufge-
schleppten besonders schnell vollzog wachsen, stammten in der Mehrheit
und sich ihr niemand entziehen sollte. vom Land und hatten vor 1941 nur in
Dies hatte sich Stalin in den Verhand- einem geografisch begrenzten Gebiet
lungen mit den Alliierten vorbehalten, Erfahrungen gemacht. In vielen lebens-
weil er wusste, dass der Wiederaufbau geschichtlichen Berichten ehemaliger
der großflächig zerstörten Sowjetunion Verschleppter aus der Sowjetunion
auch an einem Mangel an Arbeitskräf- finden sich Überlegungen zur Moti-
ten scheitern konnte. Dementsprechend vation der Rückkehr. Reiner Zwang
wurde bereits während des Krieges die wird vergleichsweise selten angeführt.
notwendige Infrastruktur geschaffen, So äußerte Khristina Gerbej, die im
und seit Oktober 1944 bestand eine ein- KZ Bergen-Belsen befreit worden war,
flussreiche Behörde mit Generaloberst in einem Interview ihre Haltung wie
Filipp I. Golikov als »Bevollmächtig- folgt: »Uns befreiten Amerikaner und
tem des Rates der Volkskommissare Engländer. Später baten sie mich sehr,
der UdSSR für Angelegenheiten der dass ich nach Amerika gehen solle, aber
Repatriierung von Bürgern der UdSSR ich wollte die Mama und meine Ver-
aus Deutschland und von diesem be- 15 wandten nicht im Stich lassen.«
setzten Ländern« an der Spitze, deren Für den konkreten Vorgang der Re-
Aufgabe die Organisation der Repa- patriierung war ein mehrstufiges Sys-
triierung war.13 Hinter diesen äuße- tem geschaffen worden, das die Be-
ren Bedingungen kann leicht aus dem troffenen in verschiedenen Etappen in
Blick geraten, dass die Rückkehr in die 16 die Heimat führte. Dass dabei eine
Sow jetunion meist auf einer bewussten geheimdienstliche Überprüfung vorge-
Entscheidung beruhte. Sicher waren die sehen war, war für niemanden eine
Handlungsspielräume nicht groß und Überraschung. Die Verhöre werden
der Zeitraum, in dem eine Entschei- jedoch vor allen von den Frauen als
dung getroffen werden musste, kleiner reine Gesprächssituationen geschildert,
als bei Angehörigen anderer Nationen, Zwang oder Gewalt scheinen dabei 134 JENS BINNER
ne Rolle gespielt zu haben. Ob die häu- den oder sie entgegen den Vorschriften
figere Charakterisierung durch männ- 18 behandelt wurden. liche Befragte als Verhör einem realen Diese Vorschriften waren nicht
Unterschied der Prozeduren entsprach, grundsätzlich diskriminierend, sondern
ist anhand der Quellen nicht endgültig stellten Reintegration, aber natürlich
zu entscheiden, aber wahrscheinlich. auch politisch-ideologische Schulung Ausschlaggebend war, was am Ende in den Vordergrund. Es kam also zum
dieses Prozesses stand. Hier scheint bis einen darauf an, ob und wie diese Vor-
heute häufig unvorstellbar, dass dieser schriften von den örtlich Verantwort-
Weg an einem anderen Ort als in einem lichen umgesetzt wurden. Aus den Be-
der Straflager des GULag endete. Die- richten der Repatriierungsbehörde geht
se Sichtweise ignoriert jedoch nicht hervor, dass hier ein Element alltägli-
nur die statistischen Zahlen, sondern cher Ausgrenzung bestand, das erheb-
blendet auch die realen Probleme der liche Auswirkungen auf die Lebensge-
Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus. 19 staltung der Repatriierten hatte. Zum
Denn es wird damit häufig unbewusst anderen – und langfristig bedeutsamer –
die Vorstellung tradiert, dass nach der war wichtig, wie in den informellen
Lagerhaft, spätestens nach Stalins Tod Lebensbereichen über die Repatriantin-
1953, auch für diese Gruppe ein norma- nen und Repatrianten gedacht und wie
les Leben beginnen konnte. ihnen dort begegnet wurde. Die Ein-
Auch wenn Willkür eines der prä- stellungen von Verwandten, Freundin-
genden Merkmale des stalinistischen nen und Freunden, Nachbarinnen und Systems gewesen ist, waren die Kate- Nachbarn sowie Arbeitskolleginnen
gorien derjenigen, die im Ergebnis der und -kollegen waren also in der Gestal-
»Filtration« genannten geheimdienst- tung des Alltags ausschlaggebend.
lichen Überprüfung in ein Straflager Die Entwicklung in der Sowjetunion
gebracht wurden, vergleichsweise ge- im ersten Nachkriegsjahrzehnt war zu-
nau definiert. Dabei handelte es sich nächst von einer ausgeprägten Hun-
z. B. um ehemalige kriegsgefangene gersnot geprägt, die bis zum Jahr 1947
Offiziere und um Personen, denen das Leben der Menschen bestimmte. aktive Zusammenarbeit mit dem NS- Die Repatriierten kehrten also nicht
Regime nachgewiesen werden konnte. nur in ein großflächig zerstörtes und
Die Mehrzahl der Überprüften kehrte ausgeplündertes Land zurück, sondern
hingegen an ihren Vorkriegswohnort noch zwei Jahre nach der Befreiung zurück, sofern es sich dabei nicht um beherrschte eine Situation extremen
Großstädte wie Kiew, Leningrad oder und lebensbedrohlichen Mangels die
Moskau handelte.17 In der Repatriie- Existenz. In dieser Situation war ein
rungsbehörde hatten die ehemaligen Anknüpfen an Bildungskarrieren der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsar- Vorkriegszeit oder eine zielgerichte-
beiter, KZ-Häftlinge sowie Kriegsge- te Planung der Zukunft erheblich er-
fangenen sogar eine Art Interessen- schwert.
vertretung, deren Motive zwar eher
Pflichterfüllung und bürokratisches
Beharrungsvermögen waren, die aber
dennoch häufig eingriff, wenn Repat-
riierten ihre Rechte vorenthalten wur-
STIGMATISIERUNG ALS BIOGRAFISCHE KONSTANTE 135
Gesellschaftliche von Partei und Staat zu spüren, sondern
Restrukturierung der Sowjetunion wirkte auch in den Bereich von Familie
und Freundeskreis hinein. Die Her-
Gesamtgesellschaftlich gesehen gab es vorhebung der »heroischen Persönlich-
vor allem zwei Entwicklungen, die ver- keit« als gesellschaftliches Ideal wurde
hinderten, dass die Repatriierten ihre am sichtbarsten in der allgegenwärtigen
Zukunft frei und gleichberechtigt ge- Vorbildfunktion der »Frontiviki«, also
stalten konnten. Vielmehr bilden die der ehemaligen Soldaten der Roten Ar-
Jahre des Spät- und Nachstalinismus mee. Ihnen wurden Mut, Treue und der
für sie eine Zeit, in der ihnen Chancen- Wille zur Verteidigung des Vaterlan-
gerechtigkeit verwehrt wurde und sich des zugesprochen, Eigenschaften, die
bei ihnen ein tief sitzendes Gefühl der den Repatriierten, egal welcher Gruppe
Zurücksetzung entwickelte. Die bei- sie angehörten, pauschal abgesprochen
den genannten Tendenzen sind zum wurden.22 einen die ideologische Entwicklung Diese ideologischen Vorgaben präg-
der heroischen Persönlichkeit als ge- ten auch weitgehend die Historiografie
sellschaftliches Ideal und zum anderen des Zweiten Weltkrieges in der Sow-
die Herausbildung einer neuen tech- jetunion, bei der die Geschichte des
nisch-bürokratischen Elite, die beim Kriegsverlaufs und der militärischen
Wieder- bzw. Neuaufbau der Sowjet- Ereignisse ebenso breiten Raum er-
union wirtschaftlich-politische Schlüs- hielt wie die Darstellung heldenhaf-
selstellungen besetzte, verbunden in der ter Persönlichkeiten, häufig Marschälle
Regel mit einer Mitgliedschaft in der oder Generäle der Roten Armee. Das
KP 20 d SU . Generell bilden die Jahre von Leiden der Bevölkerung der besetzten
1945 bis zu Stalins Tod 1953 eine Phase Gebiete war dagegen nur selten Gegen-
der intensiven Reideologisierung, nach- stand tiefergehender Untersuchungen,
dem sich während des Krieges in be- und für eine ausgewogene Darstellung
grenztem Umfang pragmatische Frei- des Schicksals der Zwangsarbeiterin-
räume eröffnet hatten.21 Nun besannen nen und Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge
sich Partei und Staat wieder auf das sowie Kriegsgefangenen war in diesem Prinzip der totalen Kontrolle aller ge- 23 Weltbild ebenfalls kein Platz.
sellschaftlichen Teilbereiche. Eines der Inklusion und Exklusion wurden be-
nun intensiv hervorgehobenen Feind- stimmende Prinzipien beim Wiederauf-
bilder wurde der »Kosmopolitismus«. bau der Sowjetunion, bei dem ideologi-
Dadurch gerieten alle Sowjetbürgerin- sche Zuverlässigkeit mindestens ebenso
nen und -bürger, die Auslandserfahrun- entscheidend war wie ökonomischer
gen hatten, unter Verdacht, auch wenn Pragmatismus. Um die Unzulänglich-
dieser Auslandsaufenthalt, wie im Fall keiten des politisch-wirtschaftlichen
der nach Deutschland Verschleppten, Systems zu verdecken, war die stali-
nicht freiwillig erfolgt war. Das Miss- nistische Diktatur auf die Markierung
trauen, dem die Repatriierten allein aus von Gruppen als »unzuverlässig« an-
dem Grund begegneten, dass sie sich gewiesen. Zu dieser Reservearmee der eine Zeitlang außerhalb der Sowjet- potenziell »Schuldigen« gehörten sehr
union aufgehalten hatten, spiegelt sich prominent die Repatriierten, daneben
in zahlreichen Erinnerungsberichten. auch generell Bewohnerinnen und Be-
Es war nicht nur in Funktionärskreisen wohner der von den Deutschen im
136 JENS BINNER
Zweiten Weltkrieg zeitweise besetzten es die Familie, die Nachbarschaft oder
Gebiete sowie Angehörige bestimm- der Arbeitsplatz. Besonders ausgeprägt
ter Nationalitäten. Die Repatriierten war dieses Misstrauen gegenüber ehe-
waren somit zwar nur eine der »Op- maligen KZ-Häftlingen, in der Regel
fergruppen der Neustrukturierung der aus der Ansicht heraus, dass im Kon-
Sowjetgesellschaft«24, doch trug ihre zentrationslager nur überlebt haben Benachteiligung spezifische Züge, die konnte, wer in irgendeiner Form mit
in ihren Selbstzeugnissen deutlich er- den Nationalsozialisten zusammenge-
kennbar sind. Typische Aussagen in arbeitet hatte. Diese spürbare Distanz
diesem Zusammenhang sind: »Ich be- in allen Lebensbereichen hat wesentlich
stand meine Aufnahmeprüfung, aber dazu beigetragen, dass die ehemaligen
sie sagten mir, dass ich in Deutschland Verschleppten ihre Erfahrungen aus
war und man mir nicht vertrauen wird, der Zeit in Deutschland während der
und deshalb nahmen sie mich nicht sowjetischen Zeit nur selten mitgeteilt auf. Ich bestand die Aufnahmeprüfung haben und sich auch nur kleine und
in einem anderen Institut und auch von der KPdSU dominierte Verfolg-
dort antworteten sie mir, dass man 30 tenverbände gründen konnten. Diese
mir nicht glauben wird, trotz meiner Zurücksetzungen konnten vor allem im
ausgezeichneten Noten.«25 »Wir haben privaten Umfeld zwar unbedeutend er-
immer gefühlt, dass die Behörden sich scheinen, doch sie taten ihre Wirkung.
uns gegenüber wie zu Menschen einer So berichtet Anastasija Gulej, die im
anderen Art verhalten haben.«26 Häufig KZ Bergen-Belsen befreit worden ist, mussten die Zurückgekehrten feststel- davon, dass sie nach ihrer Rückkehr an
len, dass sie gewissermaßen »Menschen ihren Vorkriegswohnort versuchte, in
dritter Klasse«27 waren, in der Rang- der Schule die 10. Klasse fortzusetzen,
folge der Diskriminierten also ganz obwohl sie bereits 20 Jahre alt war. unten standen. Diese Benachteiligung Dies gelang ihr nur mit Unterstützung
war in späteren Jahren nur schwer durch ihren Bruder, der als Kriegs-
wieder zu beseitigen, weil »die Nach- veteran ein höheres Ansehen genoss.
kriegszeit, besonders die ersten zwei, Als sie dann schließlich in der Klasse
drei Jahre nach Kriegsende, eine der Platz nehmen konnte, stand der neben
Schlüsseletappen in der Entwicklung ihr sitzende Junge auf und setzte sich
des sowjetischen Systems und der sow- zu zwei Mitschülern in eine Bankreihe,
jetischen Gesellschaft bilden« 28 und der die eigentlich nur für zwei Schülerinnen
Tod Stalins und die beginnende Entsta- 31 oder Schüler vorgesehen war. Derar-
linisierung unter Chruschtschow nur tige alltägliche kleine und unscheinbare
wenig grundlegende Änderungen her- Zurückweisungen summierten sich für
beiführten. 29 die Repatriierten zu einem Klima um-
fassenden Argwohns.
Benachteiligung Der nächste Faktor, der das gesam-
und Zurücksetzung ten fundamental beeinflusst hat, ist die te weitere Leben der Zurückgekehr-
Ein wesentlicher Faktor dabei war zu- Verhinderung von Bildungskarrieren
nächst ein generelles Klima des Miss- und beruflichem Aufstieg. Der Status
trauens, das den Repatriierten in allen »Repatriant« war in den Akten und
Lebenssphären begegnen konnte, sei Personalpapieren vermerkt. Er STIGMATISIERUNG ALS BIOGRAFISCHE KONSTANTE 137
te offiziell keine Rolle, aber es liegen Lebensunterhalt als unqualifizierte Bau-
zahlreiche Berichte darüber vor, dass 34 arbeiterin zu verdienen. In Bezug auf etwa bei der Auswahl von Beschäftig- diese Gesamtbilanz des Lebens ähneln
ten für eine berufliche Weiterqualifizie- sich auch die Aussagen von ehemaligen
rung Repatriierte nicht berücksichtigt Zwangsarbeiterinnen und Zwangsar-
wurden, obwohl sie bessere Leistungen beitern, KZ-Häftlingen sowie Kriegsge-erbracht hatten. Zudem kam es vor, fangenen. Der frühere Kriegsgefangene
dass Repatriantinnen und Repatrianten, Maksim Tretjak z. B. äußerte in einem
denen zunächst eine hervorgehobene Interview mit der Gedenkstätte Bergen-
berufliche Position zugeteilt worden Belsen mehrere derartige Sätze im Sinne war, diese wieder verlieren konnten, einer Gesamtbilanz: »So ist es mein gan-
weil im Hintergrund die geheimdienst- zes Leben gegangen. Ich konnte keine
lichen Überprüfungen weiterliefen. Die Karriere machen, die meinen Fähigkei-
konkreten Gründe, die jeweils zur Zu- ten entsprach.« »Jeder noch so kleine
rückstufung führten, waren dabei in der Bürokrat hat mich von oben angeschaut.
Regel undurchschaubar und unterlagen Ich konnte keine Karriere machen. So
auch keiner neutralen Überprüfung.32 35 verging mein Leben.« Eine ähnli-
Diese Erfahrungen führten insge- che Bilanz zieht Maria K. Barbascho-
samt dazu, dass Repatriantinnen und va: »Wer in Deutschland gewesen war,
Repatrianten sich zunehmend seltener wurde nirgends angestellt. Wir waren
um einen Bildungsaufstieg bemühten 36 Verräter.« Sie führt zwei Kündigungen
und auch generell vermieden, dass sie auf den Vermerk in ihren Akten über
aus der Masse in irgendeiner Form ihren Aufenthalt in Deutschland zurück.
hervorstachen. Speziell in den Sektoren, Insgesamt verloren die Repatriierten
die für den wirtschaftlichen Wieder- auf diese Weise den Anschluss an dieje-
aufstieg zentral waren und die auch nigen Schichten der sowjetischen Ge-gesamtgesellschaftlich das höchste An- sellschaft, die in den Jahren nach 1947
sehen genossen, wie etwa technischen den Grundstein für einen sozialen und
Berufen, war der Ausschluss am deut- ökonomischen Aufstieg legen konn-
lichsten sichtbar. In anderen Bereichen ten. Teilweise konnte zwar ein beruf-
dagegen war über die Jahre durchaus liches Vorwärtskommen unter Chru-
ein beruflicher Aufstieg möglich, etwa 37 schtschow erreicht werden, doch der
im Bildungssystem. 33 verspätete Start und eine gewisse ideo-
Die Erfahrung der willkürlichen Ver- logische Restalinisierung unter Bresch-
hinderung einer Höherqualifizierung new machten diese Fortschritte meist
und des sozialen Aufstiegs spiegelt sich wieder zunichte. Außerdem blieb Re-
auch häufig in Interviews und anderen patriierten in der Regel auch nach Sta-
Berichten von Repatriierten. Eine Aus- 38 lins Tod der Parteieintritt verwehrt.
sage wie »Ich bin mein ganzes Leben Ihnen fehlte damit eine wesentliche
lang unglücklich [gewesen]« begegnet Voraussetzung, um leitende Positionen
dabei regelmäßig als Gesamtbilanz. In zu erreichen. Folgen, die teilweise erst
diesem Fall stammt sie von einer Ukra- sehr viel später sichtbar wurden, waren
inerin, die ihre Berufsschule nicht been- eine allgemeine »Unsichtbarkeit« ihrer
den konnte und eine interessante Arbeit Leidensgeschichte als Verschleppte und
bei einem Rundfunksender aufgeben auf sozialem Gebiet eine auch im Alter
musste. Sie sah sich gezwungen, ihren höhere ökonomische Unsicherheit, die
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sich etwa in niedrigen Renten infolge nach ihrer Rückkehr regelmäßig mit
des verhinderten beruflichen Aufstiegs Lagerhaft bestraft worden, nicht zu-
ausdrückt. Die russische Historikerin treffend. Viele befreite Kriegsgefangene
Natalia Timofeeva fasst dies sehr tref- mussten auch weiterhin Dienst in der
fend zusammen: »Die Resozialisierung Roten Armee leisten, vor allem im fer-
der ehemaligen Zwangsarbeiter nach nen Osten, wo die Kampfhandlungen ihrer Repatriierung in die UdSSR ging nach dem Kriegsende in Europa noch
mit einem unfreiwilligen Konformis- andauerten. Und die Arbeitsbataillone
mus und der schmerzhaften Verdrän- waren ein spezifisches Instrument, das
gung der traumatischen Erinnerungen als Bestrafung wahrgenommen wur-
an die Zwangsarbeit im nationalsozia- de, weil die Betroffenen nicht sofort
listischen Deutschland einher.«39 zu ihrer Familie zurückkehren konn-
ten und die Arbeitsumstände in die-
Zahlenmäßige Dimensionen sen Bataillonen häufig zumindest als
zwangsarbeitsähnlich beschrieben wer-
Direkte Bestrafungen als Folge der ge- den. Aber insgesamt war das Leben in
heimdienstlichen Überprüfung während den Arbeitsbataillonen zwar strikt re-
der Repatriierung hatten demgegenüber glementiert, aber nicht mit der brutalen
vergleichsweise wenig Bedeutung, auch Unfreiheit in den Lagern des GULag zu
wenn der Einschnitt, den etwa eine vergleichen. Zudem konnten die meis-
Lagerhaft darstellte, für die Einzelnen ten Angehörigen der Arbeitsbataillone
existenziell war. Nach den offiziellen nach wenigen Jahren zu ihren Familien
Zahlen waren im März 1946, als die Re- zurückkehren, nachdem der unmittel-
patriierung in die Sowjetunion bereits bare ökonomische Zweck vor allem
weitgehend abgeschlossen war, zwar von Aufräum- und Aufbauarbeiten, der knapp 270 000 Menschen dem NKWD zur Aufstellung dieser Einheiten ge-
übergeben worden, was in der Regel 42 führt hatte, erfüllt war.
Lagerhaft bedeutete, und über 600 000
Männer waren speziellen Arbeitsbatail- Fazit lonen zugeordnet worden, doch dabei
handelte es sich lediglich um 6,5 % bzw. Eine alleinige Fokussierung auf den
14,5 % der Überprüften. Dem standen GULag erfasst daher bei Weitem nicht
mehr als 2,4 Millionen Menschen ge- alle, und vor allem nicht die lang anhal-
genüber, die wieder an ihren Vorkriegs- tenden Folgen, die die Verschleppung
wohnort gebracht worden waren, dies nach Deutschland für die Betroffenen
waren fast 60 % der Überprüften.40 Die hatte und die ihr gesamtes späteres Le-
Arbeitsbataillone waren dabei in erster ben prägten. Sie sind in der Mehrheit
Linie für ehemalige Kriegsgefangene weniger Opfer direkter politischer Ver-
vorgesehen, sofern es sich um einfache folgung in der spät- und nachstalinisti-
Soldaten oder niedere Dienstränge han- schen Diktatur als vielmehr lebenslang
delte. Auch bei dieser Gruppe, die be- Benachteiligte der spezifischen Gesell-
reits kurz nach dem Überfall Deutsch- schaftsstruktur, die in den Jahren nach
lands auf die Sowjetunion von Stalin als dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis
»Verräter« 41 gebrandmarkt worden ist, zu Stalins Tod geschaffen worden war
ist daher die Vorstellung, sie seien auf- und in vielen Grundzügen bis zum
grund dieser pauschalen Verurteilung Ende der Sowjetunion bestanden hat. STIGMATISIERUNG ALS BIOGRAFISCHE KONSTANTE 139
Ihr gesamter Lebensweg ist somit da- rücksetzung anerkannt. Wichtig war in
durch bestimmt, dass sie »Opfer zweier diesem Zusammenhang bürgerschaft-
Diktaturen«43 wurden. liches Engagement wie es sich etwa
Die Aufarbeitung der Geschichte in dem gemeinsamen Projekt »Opfer
derjenigen Menschen, die zur Zwangs- zweier Diktaturen« der inzwischen ver-
arbeit nach Deutschland verschleppt botenen russischen Menschenrechtsor-worden sind und nach ihrer Rückkehr ganisation »Memorial« und der Hein-
weiter lebenslanger Diskriminierung 44 rich-Böll-Stiftung geäußert hat. Das
unterlagen, hat sehr spät im Zusam- bedeutet allerdings gleichzeitig, dass die
menhang mit den Entschädigungszah- Repatriantinnen und Repatrianten im
lungen der deutschen Wirtschaft und Zuge der Zerstörung der russischen
des deutschen Staates begonnen. In der Zivilgesellschaft und der Reheroisie-
Folge hatten viele Betroffene das erste rung des Gedenkens an den »Großen
Mal die Gelegenheit, ihren Lebensweg Vaterländischen Krieg« erneut aus der
zu schildern. Auch in den Nachfol- historischen Erinnerung ausgeschlossen
gestaaten der Sowjetunion wurden sie 45 werden.
nun gehört, wurde ihre lebenslange Zu-
Anmerkungen
1 Der Beitrag knüpft an einen früheren Auf- 3 Vgl. z. B. Viktor Zemskov: K voprosu
satz an: Jens Binner: »Ich hatte das Ge- o sud’be sovetskich repatriantov v SSSR
fühl, dass ich überall als Mensch zweiter (1944-1955) [Zur Frage des Schick-
Klasse angesehen wurde.« Die Repatriie- sals der sowjetischen Repatrianten in
rung ehemaliger Häftlinge des KZ Bergen- der UdSSR (1944-1955)], in: Politi-
Belsen in die Sowjetunion, in: Konzen- tscheskoe prosveschtschenie 60 (2011),
trationslager. Studien zur Geschichte des Nr. 1, S. 78-91; Ju. N. Arsamaskin / A. P.
NS-Terrors 2 (2016) [Schwerpunktthema: Volkov: Salozhniki vtoroj mirovoj voj-
Repatriierung in Europa 1945], S. 79-97, ny: itogi repatriazii sovetskich i ino-
insbes. S. 93-97. Vgl. grundlegend ders.: strannych grazhdan v 1944-1953 gg.
»Ostarbeiter« und Deutsche im Zweiten [Geiseln des Zweiten Weltkrieges: Er-
Weltkrieg. Prägungsfaktoren eines selek- gebnisse der Repatriierung sowjetischer
tiven Deutschlandbildes, München 2008, und ausländischer Bürger in den Jahren
insbes. S. 393-446. 1944-1953], in: Vestnik Ekaterininskogo
2 Vgl. zu knappen Forschungsüberblicken instituta 17 (2012), Nr. 1, S. 103-110.
für Russland A. V. Rjabova: Isutschenie 4 Die maskuline Form hat hier dadurch
problemy »fil’trazii« sovetskich grazh- ihre Berechtigung, dass es sich bei den
dan v 1940-1950-e gody v otetschestven- genannten Gruppen um rein männliche
noj istoriografii [Die Erforschung der gehandelt hat.
Probleme der »Filtration« sowjetischer 5 Eine zeitgemäße Darstellung der Ge-
Bürger in den 1940er- bis 1950er-Jahren schichte der Wlassow-Armee ist ein De-
in der vaterländischen Historiografie], siderat. Grundlegend daher immer noch
in: Vestnik NGU 7 (2008), Nr. 1, S. 192- Joachim Hoffmann: Die Geschichte der
198; K. M. Aleksandrov: Repatriazija so- Wlassow-Armee, Freiburg im Breisgau
vetskich grazhdan posle vtoroj mirovoj 1984.
vojny: K istorii isutschenija [Die Repa- 6 Vgl. z. B. Nicholas Bethell: Das letz-
triierung sowjetischer Bürger nach dem te Geheimnis. Die Auslieferung russi-
Zweiten Weltkrieg: Zur Geschichte der scher Flüchtlinge an die Sowjets durch
Forschung], in: RSUH/RGGU Bulletin die Alliierten 1944-47, Frankfurt am
(2013), Nr. 10, S. 231-245. Main / Berlin 1975, Übers. aus d. 140 JENS BINNER
lischen: Otto Wilck / Hubert Gaethe repatriiert worden, während knapp
(Original: The last secret. Forcible Re- 450 000 nicht zurückgekehrt waren. Von
patriation to Russia, London 1974); Ni- diesen lebten zu diesem Zeitpunkt etwa
kolai Tolstoy: Die Verratenen von Jalta. 100 000 in den von den westlichen Alli-
Englands Schuld vor der Geschichte, ierten kontrollierten Gebieten Deutsch-
Übers. aus d. Englischen: Elke Jessett, lands und Österreichs, weitere 100 000
München/Wien 1978 (Original: The Vic- in Großbritannien. Daneben hielten sich
tims of Yalta, o. O. 1977). größere Kontingente in Australien (ca.
7 Vgl. z. B. die Pionierarbeit von Ulrich 50 000), Kanada (ca. 38 000), den USA
Herbert: Fremdarbeiter. Politik und (ca. 35 000), Schweden (ca. 28 000) und
Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Frankreich (ca. 20 000) auf.
Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, 15 Zitiert nach Hans-Heinrich Nolte (Hg.):
Berlin 1985. Häftlinge aus der UdSSR in Bergen-Bel-
8 Vgl. Binner: »Ostarbeiter« (Anm. 1), sen. Dokumentation der Erinnerungen.
S. 16-29. »Ostarbeiterinnen« und »Ostarbeiter«,
9 Hier ist an erster Stelle das Projekt Kriegsgefangene, Partisanen, Kinder und
»Zwangsarbeit 1939-1945« zu nennen zwei Minsker Jüdinnen in einem deut-
(https://www.zwangsarbeit-archiv.de, schen KZ, Frankfurt am Main, S. 141.
Zugriff: 21.4.2022). Die Website ist auch 16 Ausführliche Darstellung bei Binner:
in einer russischsprachigen Version ver- »Ostarbeiter« (Anm. 1), S. 407-409. Die
fügbar (https://archiv.zwangsarbeit-ar wesentlichen Stationen waren Sammel-
chiv.de/ru, Zugriff: 21.4.2022). lager in dem von der Roten Armee
10 Für eine detaillierte Betrachtung des befreiten Gebiet, Grenz- und Weiter-
Prozesses der Repatriierung in ihren leitungslager in den Grenzgebieten der
organisatorischen Aspekten vgl. Binner: Sow jetunion und Verteilungslager in
Repatriierung (Anm. 1); ders.: »Ostar- den Kreisen und Gebieten.
beiter« (Anm. 1), S. 402-415. 17 Vgl. ebd., S. 406-415, insbes. S. 408 f. 11 Spoerer gibt an, dass über die Hälf- 18 Beispiele für die effektive Vertretung
te der zivilen Zwangsarbeiterinnen aus der Interessen der Repatriierten in Na-
der Sowjetunion in den Jahren 1923 bis talia Timofeeva: Der schwere Weg nach
1927 geboren worden ist. Soldaten der Hause: Die Resozialisierung der »Ost-
Roten Armee waren durchschnittlich arbeiter« nach ihrer Rückkehr in die
wenige Jahre älter. Vgl. Mark Spoerer: UdSSR, in: Deutsche und sowjetische
Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Gesellschaften im ersten Nachkriegs-
Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefan- jahrzehnt. Traumata und Hoffnungen,
gene und Häftlinge im Deutschen Reich hg. v. Aleksandr O. Tschubar’jan u. An-
und im besetzten Europa 1939-1945, dreas Wirsching im Auftrag d. Gemein-
Stuttgart/München 2001, S. 223. samen Kommission für die Erforschung
12 Einige ehemalige KZ-Häftlinge berich- der jüngeren Geschichte der deutsch-
ten z. B., dass ihnen die Erfahrung dieser russischen Beziehungen, München 2021,
Hungersnot im Anschluss an die Befrei- S. 4-12, hier S. 8. Vgl. außerdem Tetjana
ung geholfen hat, weil sie wussten, dass Pastuschenko: »Das Niederlassen von
nach Phasen des langen Hungerns nicht Repatriierten in Kiew ist verboten …«.
sofort wieder unbegrenzt Nahrung zu Die Lage von ehemaligen Zwangsar-
sich genommen werden darf. beiter/innen und Kriegsgefangenen in
13 Vgl. Pavel Poljan: Zhertvy dvuch dik- der Ukraine nach dem Krieg, Kiew
tatur. Zhizn’, trud, unizhenie i smert’ 2011. Dort wird auf S. 67 aus einem
sovetskich voennoplennych i ostarbaj- Bericht zitiert, der Verbesserungen für
terov na tschuzhbine i na rodine [Op- Repatriierte in einem Betrieb auflistet,
fer zweier Diktaturen. Leben, Arbeit, nachdem die Repatriierungsbehörde auf
Erniedrigung und Tod der sowjetischen Beschwerden reagiert und den Betrieb
Kriegsgefangenen und Ostarbeiter in der überprüft hatte.
Fremde und in der Heimat], 2. Aufl., 19 Dies geht z. B. aus einem bilanzierenden
Moskau 2002, S. 334. Bericht hervor, der im Sommer 1945 für
14 Zahlen hierzu ebd., S. 812 f., 823-825. ZK-Sekretär Georgij M. Malenkov ange-
Danach waren bis zum Januar 1952 4,3 fertigt worden ist. Der Bericht ist abge-
Millionen Menschen in die Sowjetunion druckt in Elena Ju. Zubkova u. a. (Hg.):
STIGMATISIERUNG ALS BIOGRAFISCHE KONSTANTE 141
Sovetskaja Zhizn’ 1945-1953, Moskau hielt, im Jahr 1951 jedoch abgesetzt und
2003, S. 368-377. verhaftet wurde, weil angeblich belas-
20 Vgl. Binner: »Ostarbeiter« (Anm. 1), tende Beutedokumente aufgetaucht wa-
S. 425-428, mit weiterführender Litera- ren, die ihn als Kollaborateur überführ-
tur. ten. Ebenso erging es einem ehemaligen
21 Ebd. »Ostarbeiter«, der 1949 seine Stellung
22 Ebd., S. 427 f. als Meister in einem Stahlwerk verlor. 23 Vgl. Poljan: Zhertvy dvuch diktatur 33 Detailliert dazu Binner: »Ostarbeiter«
(Anm. 13), S. 15-18; Lev Gudkov: Die (Anm. 1), S. 436-446; Pastuschenko
Fesseln des Sieges. Rußlands Identität aus (Anm. 18), S. 101-125.
der Erinnerung an den Krieg, in: OST- 34 Zit. nach Pastuschenko (Anm. 18), S. 106 f.
EUROPA 55 (2005), Nr. 4-6, S. 56-72. Erschwerend kam in ihrem Fall hinzu,
24 Binner: »Ostarbeiter« (Anm. 1), S. 430. dass ihr Vater von der Geheimpoli-
25 Nadezhda Nedovbna, zit. nach Nolte zei verhaftet worden war, aus nichtigen
(Anm. 15), S. 143. Gründen, wie sie angibt. Die Verfol-
26 Pjotr Lyba, zit. nach ebd., S. 149. Wei- gung weiterer Familienmitglieder in den
tere Beispiele in Binner: »Ostarbeiter« verschiedenen Wellen der stalinistischen
(Anm. 1), S. 443-446. Repression ist ein Faktor, der häufig ne-
27 So Vasilij Ovtscharenko: »Als auf Leute gativ auf das Schicksal von Repatriierten
zweiter Klasse schauten sie auf alle die, eingewirkt zu haben scheint.
die in der okkupierten Zone gewesen 35 Interview mit Maksim Tretjak, 14.9.2003,
waren. Aber die, die in Deutschland Hannover, Archiv der Gedenkstätte
gewesen waren, die galten als noch nied- Bergen-Belsen, BT 1414, Transkript,
riger.« Interview mit Vasilij Ovtscha- S. 8. Weitere Beispiele aus Interviews
renko, 27.5.1992, Schelestowo, Ukraine, und anderen Egodokumenten in Nol-
Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuen- te (Anm. 15), S. 142-157, und Binner:
gamme, 2.8/1572, Transkript, S. 55. »Ostarbeiter« (Anm. 1), S. 443 f. 28 Elena Zubkova: Poslevoennoe sovetskoe 36 Zit. nach Ukrainische und weißrussische
obschestvo: Politika i povsednevnost’. Erinnerungsberichte, eingel. u. bearb.
1945-1953 [Die sowjetische Nachkriegs- von Cord Pagenstecher / Gisela Wenzel,
gesellschaft: Politik und Alltag. 1945- in: Zwangsarbeit in Berlin 1940-1945.
1953], Moskau 2000, S. 4, Übers. aus d. Erinnerungsberichte aus Polen, der Uk-
Russischen: Jens Binner. raine und Weißrußland, hg. v. d. Berliner
29 Vgl. grundlegend Stefan Plaggenborg Geschichtswerkstatt, Berlin 2000, S. 77-
(Hg.): Handbuch der Geschichte Russ- 125, hier S. 112.
lands, Bd. 5.1 u. 5.2: 1945-1991. Vom 37 Vgl. Pastuschenko (Anm. 18), S. 117.
Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Dort wird Mykola (in der Publikation
Zusammenbruch der Sowjetunion, Stutt- werden nur die Vornamen der Inter-
gart 2002 u. 2003. viewten angegeben) mit den Worten
30 Detailliert dazu Binner: »Ostarbeiter« zitiert: »Im Jahre 1956, erst, als Chru-
(Anm. 1), S. 436-446. schtschov es ein bisschen besänftigte, so
31 Vgl. Jens Binner: Anastasija Gulej, in: wurde ich erst dann in eine Berufsfach-
Thomas Rahe / Jens-Christian Wag- schule aufgenommen. Zuvor – nirgend-
ner (Hg.): Menschen in Bergen-Belsen. wo«.
Biografische Skizzen zu Häftlingen des 38 Darüber berichtet ausführlich Viktor
Konzentrationslagers, Göttingen 2019, Iltschenko, der nach dem Tod Stalins
S. 149-157, hier S. 153. von einem Bekannten, der Parteimit-
32 Vgl. Elena V. Vertilezkaja: Repatrianty glied war, dazu überredet worden war,
v Sverdlovskoj oblasti v 1943 – natscha- einen Aufnahmeantrag zu stellen, weil
le 1950-ch gg. [Repatrianten im Gebiet es mit dem Amtsantritt von Chruscht-
Sverdlovsk von 1943 bis zum Anfang schow eine große Eintrittswelle gegeben
der 1950er-Jahre], Ekaterinburg 2004, hatte. Im Ergebnis wurde sein Antrag
S. 49 f. Dort wird zum einen das Schick- als einziger aus dem Ort nicht angenom-
sal eines ehemaligen Kriegsgefangenen men (vgl. Nolte [Anm. 15], S. 153).
geschildert, der zunächst in der Fabrik, 39 Timofeeva (Anm. 18), S. 12.
in der er auch bis zum Kriegsbeginn 40 Angaben nach Poljan: Zhertvy dvuch
gearbeitet hatte, eine höhere Position er- diktatur (Anm. 13), S. 529. 142 JENS BINNER
41 Beschluss des Staatlichen Verteidigungs- 21. Jahrhunderts, Bd. 4: Helden, Op-
komitees, 16.7.1941, zitiert nach ebd., fer, Ostarbeiter. Das Auszahlungspro-
S. 76. gramm in der ehemaligen Sowjetunion,
42 Vgl. Poljan: Zhertvy dvuch diktatur Göttingen 2012, S. 194-280.
(Anm. 13), S. 73-78. 45 Vgl. Jens Binner: Ein neues Bild des
43 Ebd., S. 529. Stalinismus in Russland? Funktionale
44 Vgl. Tanja Penter: Zwischen Misstrauen, Geschichtsbetrachtung als Herrschafts-
Marginalität und Missverständnissen. legitimation, in: Hans-Heinrich Nolte
Zwangsarbeiterentschädigung in Russ- (Hg.): Nationen und Nationalismen in
land, Litauen und Lettland, in: Constan- Geschichtsschreibung und Erinnerungs-
tin Goschler (Hg.): Die Entschädigung kultur, Gleichen 2020, S. 103-112.
von NS-Zwangsarbeit am Anfang des