NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Barbara Stambolis/Ulrich Lamparter (Hg.): Folgen sequenzieller Traumatisierung. Zeitgeschichtliche und psychotherapeutische Reflexionen zum Werk von Hans Keilson, Gießen 2021 (Matthias Heyl)
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noch zwei weitere seiner Werke.1 In je-
nen Jahren war Hans Keilson Präsident
des PEN-Zentrums deutschsprachiger
Autoren im Ausland, und die Keilson-
Rezeption stark durch sein literarisches
Werk geprägt.
Eine psychoanalytische Lesart sei-
nes Œuvres wagt Gudrun Brockhaus
(S. 221-242), die sich des Romans »Der
Tod des Widersachers«, den Keilson
unter deutscher Besatzung zu schreiben
begann und der 1959 publiziert wurde,
annimmt.
1979 war Hans Keilsons Disserta-
tion »Sequentielle Traumatisierung bei
Kindern«2 erschienen, aber lange Zeit
nicht auf die Resonanz gestoßen, die
sie verdient hätte. Mit dem vorliegen-
den von Barbara Stambolis und Ulrich
Lamparter herausgegebenen Sammel-
Barbara Stambolis / Ulrich Lamparter band »Folgen sequenzieller Traumati-
(Hg.): Folgen sequenzieller Traumati- sierung«, der den Titel von Keilsons
sierung. Zeitgeschichtliche und psycho- Dissertation zitiert, wird die bleibende
therapeutische Reflexionen zum Werk Relevanz auch seines wissenschaftlichen
von Hans Keilson, Gießen: Psychoso- Wirkens deutlich. Zu Hans Keilsons
zial-Verlag, 2021, 269 S., 29,90 EUR 110. Geburtstag fand 2019 in Hamburg
(Print), 29,99 EUR (E-Book) eine interdisziplinäre Tagung unter dem
Titel »Zeitgeschichte und Psychothera-
Hans Keilson, 1909 in Bad Freienwal- pie« statt, deren Beiträge hier versam-
de geboren und 1936 wegen der zu- melt sind. Die Interdisziplinarität bildet
nehmenden antisemitischen Verfolgung sich bereits im Duo der Herausgebenden
aus Deutschland in die Niederlande ab – Stambolis ist Historikerin, Lampar-
emigriert, wo er später unter der deut- ter Psychoanalytiker. schen Besatzung im Widerstand aktiv Barbara Stambolis gelingt es auf 18
war, wurde in Deutschland erst in den Seiten, die »öffentliche und wissen-
1980er-Jahren wiederentdeckt. In der schaftliche Wahrnehmung von Hans
deutschen Literaturwissenschaft gab es Keilsons Arbeit mit traumatisierten
eine Hinwendung zur »Exilliteratur«, Kindern« skizzenhaft, doch äußert
woran die von Ulrich Walberer ver- kenntnisreich historisch einzuordnen
antwortete Reihe »Verboten und ver- und professionsgeschichtlich zu kon-
brannt / Exil« im Fischer Verlag großen textualisieren (S. 23-41). Ihr Parforceritt
Anteil hatte. 1984, mehr als 50 Jahre durch die Forschungsliteratur eröffnet
nach der Erstveröffentlichung, wurde auch Fachfremden eine gute Orientie-
dort Keilsons Roman »Das Leben geht rung zur Entwicklung der überwiegend
weiter« aus dem Jahr 1933 wiederauf- psychoanalytisch geprägten Diskussion
gelegt, ebenso erschienen in der Reihe um den Traumabegriff und würdigt auf
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sein Werk bezogen die maßgeblichen für die Psychoanalyse in der Bundesre-
Beiträge von Kolleginnen und Kollegen publik Deutschland. Keilson hat diesen
Keilsons (genannt seien hier Walter bahnbrechenden Tabubruch u. a. mit
Ritter von Baeyer, Reinhart Lempp einem Vorwort für den Ausstellungs-
und Judith Kestenberg). 4 katalog unterstützt. Damals hatte sich
Der Psychoanalytiker Werner Boh- ein Kreis jüngerer, zum Teil jüdischer
leber stellt Hans Keilsons Beitrag zur Psychoanalytikerinnen und -analytiker
»Entwicklung der Traumatheorie in der der zweiten Generation in Deutschland
Psychoanalyse« vor (S. 43-57). Dabei und Österreich gebildet, der skanda-
schöpft er, wenn auch »ziemlich ge- lisierte, dass die Psychoanalyse in bei-
rafft« (S. 43), aus dem Vollen, wobei den Ländern disziplinär von Hoch-
ihm seine Gespräche mit Keilson sicher schullehrern bestimmt war, die am 1936
eine rückversichernde Basis sind, die gegründeten, später als »kriegswichtig«
dem Artikel zugutekommt. Dies ist erklärten »Deutschen Institut für psy-vielleicht eine Nebenbemerkung wert: chologische Forschung und Psychothe-
Einige der Autorinnen und Autoren rapie« aktiv gewesen oder ausgebildet
haben den 2011 verstorbenen Hans worden waren. Das Institut wurde nach
Keilson persönlich gekannt. Da Hans seinem Leiter, Matthias Heinrich Gö-
Keilson einerseits ein formidabler Ge- ring, einem Vetter Hermann Görings,
sprächspartner war, der sich darauf ver- auch »Göring-Institut« genannt. Für
stand, in seinem Gegenüber das Bes- diese »zweite Generation« der deutsch-
te an Gedanken hervorzurufen, und sprachigen Psychoanalyse war Hans andererseits ein meisterhafter Erzäh- 5 Keilson eine zentrale Bezugsperson.
ler, scheinen diese Beiträge ebenso von Mit dem Leben Hans Keilsons set-
einer tiefen Zuneigung wie von dem zen sich Christine Kausch und Katja
besonderen professionellen Bemühen Happe auseinander (S. 59-79). Etwas geprägt, seiner Person, seinem Denken von Keilsons Art, sein eigenes Leben
und Werk gerecht zu werden. zu erzählen, springt aus dem Interview
Eine Dimension, die Hans Keilsons über, das Katja Happe zehn Jahre vor
Bedeutung für den psychoanalytischen seinem Tod mit ihm führte (S. 81-115).
Diskurs in Deutschland hatte, bleibt Die Rettungsbemühungen für deut-
allerdings unerwähnt: 1985 tagte die In- sche und österreichische jüdische
ternationale Psychoanalytische Vereini- Kinder mit den »Kindertransporten«
gung erstmals nach der nationalsozialis- skizziert Cordula Lissner (S. 117-136).
tischen Verdrängung der Psychoanalyse Die Bemühungen des American Joint
in Deutschland. Eine Projektgrup- Distribution Committees, »Child Sur-
pe »Geschichte der Psychoanalyse in vivors« nach der Befreiung aufzufangen
Deutschland« hatte damals in einer und zu begleiten, stellt Barbara Stam-Ausstellung unter dem Titel »Hier geht bolis in einer lokalgeschichtlichen Mi-
das Leben auf sehr merkwürdige Wei- niatur vor (S. 209-219). Das Hamburger
se weiter« 3 zu einem bis dahin in der »Warburg Children Health Home« in
Deutschen Psychoanalytischen Ver- einer restituierten Villa der jüdischen
einigung tabuisierten Thema Stellung Familie Warburg »blieb trotz seines
genommen – der Institutionalisierung Vorbildcharakters eine singuläre Er-
der Psychoanalyse unter nationalsozia- scheinung«, wie Stambolis Ina Lorenz
listischen Vorzeichen und den Folgen 6 zitiert. Es ist ein Verdienst 238 BESPRECHUNGEN UND ANNOTATIONEN
schaftlichen Engagements des »Vereins der sequenziellen Traumatisierung mit
zur Erforschung der Geschichte der Verweis auf die Arbeit von Alexan-Juden in Blankenese«, dass diese Ge- der und Margarete Mitscherlich »Die
schichte, die parallel zu der von Hans 7 Unfähigkeit zu trauern« vereinnahmt:
Keilson in den Niederlanden mitbe- »Somit war das Ende des Krieges für
gründeten Hilfsorganisation »Le Ezrat die Eltern nicht das Ende einer trauma-
Ha Jeled« (Zur Hilfe des Kindes) ver- tisierenden Lebenssituation«, sondern
lief, nicht vergessen wurde. »kann im Sinne des Trauma-Konzeptes
Von der bleibenden Aktualität sei- von Hans Keilson« als Beginn einer
nes wissenschaftlichen Wirkens für die »dritte[n] traumatische[n] Sequenz ge-
künftige psychotherapeutische Praxis sehen und verstanden werden.« (S. 188)
mit kriegstraumatisierten Kindern und Doch ist dieser etwas aus dem Rahmen
Jugendlichen zeugen sowohl der Bei- fallende Beitrag gleichfalls lesenswert –
trag von Isabel Piesker, Heide Glaes- ich würde viel darum geben, ihn mit
mer und Yuriy Nesterko (S. 137-184) Gabriele Teckentrup und Hans Keilson
als auch der von Reinhart Lempps gemeinsam zu diskutieren.
»Schüler« Reimar du Bois (S. 243-260). Dies ist nicht mehr möglich. Hans
In dem Band, dessen Beiträge sich Keilson starb 2011. Seine Gedanken,
überwiegend der Traumatisierung jü- so beweist dieser Band, sind hinge-
discher Kinder und Jugendlicher wid- gen sehr lebendig. Dieser gediegene
men und im therapeutischen Diskurs Tagungsband möge vielen Leserinnen
und Transfer Kinder und Jugendliche und Lesern Lust machen, auch künf-
in den Blick nehmen, die durch Krieg tig zu lesen, was er schrieb. Das Buch
und Flucht vor dem Krieg traumatisiert schließen eine Kurzbiografie und eine
sind, fällt Gabriele Teckentrups Beitrag von Herausgeberin Barbara Stambo-
»Motive von Frauen, 1968 politisch lis zusammengetragene Auswahl seiner aktiv zu werden« etwas heraus, geht es Publikationen ab (S. 261-264).
dort doch um Frauen, deren Eltern his-
torisch eher auf der Seite der Täterin- Hans Keilson war einerseits überzeugt:
nen und Täter standen (S. 185-208). Bei »Meine Sequentielle Traumatisierung ihrer gleichzeitigen Fokussierung auf bei Kindern, die Studie, die aus mei-
sekundäre Traumatisierungen auf der ner Arbeit mit jüdischen Waisenkin-
Seite von Opfern wie von Täterinnen dern hervorgegangen ist, das ist das
und Tätern entsteht leicht der Eindruck Buch, das überleben wird. Was will ich
einer Egalisierung beider Geschichten. 8 mehr?« Was er »in den hundert Jahren
Es klingt etwas von deutscher Selbst- literarisch geschrieben« habe, sei »ohne
viktimisierung an, wenn Teckentrup literarischen Ehrgeiz entstanden. Es
zwar beschreibt, dass »die Frauen der musste einfach heraus. Es klingt viel-
68er-Revolte […] Kinder von Eltern« leicht nicht sehr vornehm, das zu sa-
seien, »die Nationalsozialismus und gen«, sagte er im Gespräch mit Heraus-
Krieg als Heranwachsende und Er- geber Heinrich Detering, »aber da war
wachsene miterlebt, die Folgen und etwas, das mir quer im Hals saß, das Auswirkungen des Nationalsozialismus 9 musste ich loswerden.« Andererseits
miterlitten und auch mitzuverantwor- heißt es in seinem Nachwort zur Wie-
ten hatten« (S. 187 f.), sie dann aber derauflage seines literarischen Erstlings
etwas leichthin Hans Keilsons Konzept »Das Leben geht weiter« im Jahr 1984:
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»Bücher kann man wieder neu auflegen. dieser Rezension zwei weitere, ältere
Von Büchern gibt es schließlich Archi- Sammelbände zur Lektüre empfohlen,
vexemplare. Von Menschen nicht.« 10 die die bleibende Relevanz und Aktua-
Neben dem hier rezensierten Ta- 11 lität seines Werkes erschließen helfen.
gungsband und dem Gesamtwerk Keil- Matthias Heyl
sons seien den Leserinnen und Lesern
Anmerkungen
1 Hans Keilson: Das Leben geht weiter. kapitel in Hamburg, in: dies. / Ulrich
Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit, Lamparter (Hg.): Folgen sequenzieller
Frankfurt am Main 1984; ders.: Komö- Traumatisierung. Zeitgeschichtliche und
die in Moll, Frankfurt am Main 1988; psychotherapeutische Reflexionen zum
ders.: Der Tod des Widersachers, Frank- Werk von Hans Keilson, Gießen 2021,
furt am Main 1989. S. 209-219, hier S. 215.
2 Hans Keilson: Sequentielle Traumatisie- 7 Alexander Mitscherlich / Margarete Mit-
rung bei Kindern. Deskriptiv-klinische scherlich: Die Unfähigkeit zu trauern.
und quantifizierend-statistische follow- Grundlagen kollektiven Verhaltens,
up Untersuchung zum Schicksal der München 1967.
jüdischen Kriegswaisen in den Nieder- 8 Hans Keilson: Da steht mein Haus. Er-
landen, Stuttgart 1979. innerungen, Frankfurt am Main 2011,
3 Karen Brecht / Volker Friedrich / Lud- S. 129 (Hervorh. i. Orig.).
ger M. Hermanns / Dierk Juelich / Isidor 9 Ebd.
Kaminer: »Hier geht das Leben auf sehr 10 Keilson: Das Leben geht weiter (Anm. 1),
merkwürdige Weise weiter …«. Zur Ge- S. 251.
schichte der Psychoanalyse in Deutsch- 11 Es sind beides Festschriften zu Eh-
land, Hamburg 1985. ren Hans Keilsons: Dierk Juelich (Hg.):
4 Ebd., S. 6. Geschichte als Trauma. Festschrift für
5 Ebd., S. 136-138. Hans Keilson zu seinem 80. Geburts-
6 Ina Lorenz: Ein Heim für jüdische Wai- tag, Frankfurt am Main 1991, sowie
sen, in: Marion Kaplan / Beate Mey- aus Anlass seines 90. Geburtstags Mari-
er (Hg.): Jüdische Welten. Juden in anne Leuzinger-Bohleber / Wolfdietrich
Deutschland vom 18. Jahrhundert bis in Schmied-Kowarzik (Hg.): »Gedenk und
die Gegenwart, Göttingen 2005, S. 336- vergiß – im Abschaum der Geschich-
358, hier S. 358, zit. nach Barbara Stam- te …«. Trauma und Erinnern. Hans
bolis: Child Survivors, ein Nachkriegs- Keilson zu Ehren, Tübingen 2001.