NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn

Johanna Kootz: Die Rückkehr italienischer Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück

Johanna Kootz

 

Die Rückkehr italienischer Frauen

aus dem Konzentrationslager Ravensbrück

 

Das Ende der faschistischen Herrschaft Von September 1943 bis zum Kriegs-

in Italien schien absehbar, als Anfang ende am 25. April 1945 war Italien ein

Juli 1943 US-Truppen auf Sizilien lan- geteiltes Land mit zwei begrenzt auto-

deten. Am 24. Juli wurde Mussolini nomen Regierungen.

vom Großen Faschistischen Rat abge- Seit 1941 wuchs in Italien die Oppo-

setzt, einen Tag später seine Gefangen- sition gegen den Krieg und die faschis-

nahme von König Vittorio Emanue- tische Regierung. Es kam zu Protesten

le III. angeordnet. Der Nachfolger des gegen die Verschlechterung der Ver-

Duce, Marschall Pietro Badoglio, un- sorgungslage und zu Massenstreiks in

terzeichnete am 3. September das Waf- den Industriegebieten. Das unmittelbar

fenstillstandsabkommen zwischen dem nach dem deutschen Einmarsch ge-

Königreich Italien und den angloameri- gründete überparteiliche »Comitato di

kanischen Alliierten, das am 8. Septem- Liberazione Nazionale« (CLN) über-

ber öffentlich verkündet wurde. nahm die Koordination der »Resisten-

Das NS-Regime, engster Bündnis- za« gegen die Besatzung und die RSI.

partner des faschistischen Regimes, re- Einheiten der Wehrmacht und der SS

agierte mit einer »präzis vorbereitete[n] bekämpften gemeinsam mit den Poli-

Invasion acht deutscher Divisionen«. 1 zeikräften und Milizen der RSI mit äu-Der König floh mit seiner Regierung ßerster Brutalität die »Resistenza«; die

am 9. September nach Brindisi und stell- Zivilbevölkerung wurde mit Repressa-

te sich unter den Schutz des alliierten 4 lien und Massakern terrorisiert. Der

Protektorats im Süden. Die am 15. Sep- bereits seit 1938 legalisierten sozialen

tember 1943 proklamierte »Repubbli- Ausgrenzung und Entrechtung von Jü-

ca Sociale Italiana« (RSI), faktisch ein dinnen und Juden folgte nun die Orga-

Satellitenstaat unter 5 NS -Kontrolle mit nisation ihrer physischen Vernichtung.

dem von den Deutschen befreiten Mus- Zwischen Herbst 1943 und März

solini als Regierungschef, beanspruchte 1945 wurden 32 452 Menschen in deut-

die Macht in Nord- und Mittelitalien. sche Konzentrationslager deportiert:

Zwei Gebiete von besonderer strategi- 4082 Jüdinnen und 4544 Juden und

scher Bedeutung wurden unter alleini- 23 826 politisch Verfolgte, unter ihnen

ge deutsche Militärverwaltung gestellt: 6 1513 Frauen.

die Operationszonen »Alpenvorland«

und »Adriatisches Küstenland«.2 Die

Italienerinnen im Frauen-

Angehörigen der italienischen Streit- Konzentrationslager Ravensbrück

kräfte wurden mit ihrer Entwaffnung

zu Kriegsgefangenen des NS-Regimes; Mindestens 1000 Frauen wurden im

Ende September 1943 begann ihre De- KZ Ravensbrück als Italienerinnen re-portation als »Italienische Militärinter- 7 gistriert. Sie kamen aus den Regio-

nierte« (IMI) zur Zwangsarbeit nach nen Nord- und Mittelitaliens und den

Deutschland.3 Provinzen, die seit dem 34 JOHANNA KOOTZ

 

krieg zum italienischen Staatsgebiet ge- gezielt Schikanen aus. Sie durften we-

hörten. 8 Der erste Sondertransport aus der Briefe noch Pakete empfangen und

Turin mit 14 politischen Häftlingen konnten daher nichts über die Situation

erreichte am 30. Juni 1944 das KZ Ra- in der Heimat erfahren. Die meisten

vensbrück – acht Tage nach der Befrei- Italienerinnen blieben nur relativ kurz

ung Roms durch die Alliierten. 9 im Hauptlager, bevor sie in eines der

Vor ihrer Ankunft in Deutschland Außenlager des KZ Ravensbrück oder

waren die Frauen meist wochenlang in eines anderen Konzentrationslagers

den Gefängnissen von Genua, Mailand, 13 überstellt wurden.

Turin, Bologna und Triest und/oder Bisher konnte das Schicksal von 612

in den polizeilichen Durchgangslagern Frauen ermittelt werden: 410 von ihnen

in der Risiera di San Sabba (Triest), in überlebten, 202 starben während der

Fossoli10 und in Bozen-Gries inhaftiert Haft oder kurz nach der Befreiung.

gewesen. Die Frauen kamen mit Trans-

porten direkt aus Italien (439) oder Die folgende Darstellung beruht im

über Auschwitz (337), aus anderen von Wesentlichen auf autobiografischen

Deutschland besetzten Ländern (59) so- Texten. Es fehlen offizielle Dokumen-

wie aus Lagern und Gefängnissen im te, die über die meist monatelangen Reichsgebiet (80) nach Ravensbrück.11 Wege und Umwege bis zur Heimkehr

Sie gehörten allen sozialen Schichten 14 Auskunft geben könnten. Es gibt nur

an und übten unterschiedlichste Berufe wenige erhalten gebliebene Aufzeich-

aus. Unter ihnen befanden sich über nungen, die kurz vor und nach der

Achtzigjährige, Jugendliche, Mütter Befreiung entstanden. Die Autorinnen,

mit ihren Kindern und Schwangere. Als die zufällig Papier und Bleistifte fanden,

»Politische« kategorisierte die SS 672 sprechen von ihrem Bedürfnis und der

der Gefangenen. Zu ihnen zählten die- Notwendigkeit, sich dessen zu ver-

jenigen, die wegen ihrer Beteiligung am gewissern, was sie unmittelbar erlebt

zivilen und militärischen Widerstand12 hatten. Es handelt sich teilweise um

oder als Geiseln für ihre in der »Resis- sehr intime Schilderungen, wie z. B.

tenza« aktiven Angehörigen verhaftet 15 bei Liana Millu. Diese Texte wurden, wurden, sowie »Freiwillige«, die sich wenn überhaupt, erst Jahrzehnte später,

als Zivilarbeiterinnen strafbar gemacht eingebettet in umfassendere Darstel-

hatten, und 10 Sintize und Romnja mit 16 lungen, veröffentlicht. Zu den weg-

dem Haftgrund »Politisch/Zigeunerin«. weisenden Quellen gehören Interviews,

Als »Jüdin/Mischling« oder »Politisch/ die Anfang der 1980er-Jahre unter Lei-

Jüdin« wurden 149 Frauen und Kinder tung von Anna Bravo und Daniele

eingewiesen. Jalla mit Überlebenden aus der Region

Zur Zeit ihrer Ankunft hatten sich 17 Piemont und seit 1984 von Marco

in Ravensbrück die Haftbedingungen Coslovich im Gebiet des Adriatischen

bereits katastrophal verschlechtert. Die 18 Küstenlandes geführt wurden, außer-

Unkenntnis der Lagersprachen ver- dem zahlreiche im Internet oder in

schärfte die Konfrontation mit dem 19 Büchern publizierte Interviews und Lagerregime und isolierte sie unter den autobiografische Texte einzelner Zeit-

Mithäftlingen, die sie als Faschistin- zeuginnen, die abgesehen von wenigen

nen beschimpften. Die SS setzte sie Ausnahmen erst ab Ende der 1980er-

als Verräterinnen an dem Verbündeten 20 Jahre erschienen sind. DIE RÜCKKEHR ITALIENISCHER FRAUEN 35

 

Zwischen Befreiung mit Lastwagen transportiert wurden –,

und Heimkehr um den Räumungsmarsch anzutreten.

Sie erinnert sich: »Schließlich sahen

Nur einige schwerkranke Italienerinnen wir eines Nachmittags, wie Panzer sich

erlebten die Befreiung in Ravensbrück. nähern: Es waren die Amerikaner. Es

Die meisten mussten vom Hauptlager ist unglaublich, aber dieser Gedanke oder von den Außenlagern Räumungs- bewegt mich jetzt mehr als damals. Eine

märsche antreten. Körperliche Er- absolute Gleichgültigkeit: Wir haben

schöpfung, unzulängliches Schuhwerk, uns nur gesagt, dass wir endlich ste-

Hunger und auch die fatalen Folgen hen bleiben können. Wir liefen noch, der Nahrungsmittelpakete des Roten um uns für die Nacht in einen Stall zu

Kreuzes, 21 deren Inhalt sich als unver- flüchten, und am nächsten Tag trafen

träglich für ausgehungerte Menschen 23 wir sowjetische Truppen.«

erwies, machten das tagelange Laufen Die Rotarmisten sahen sich nicht

zur schier endlosen Qual. Nicht zuletzt in der Lage, ihnen zu helfen, erlaub-

die fehlende Kenntnis der Geografie ten ihnen aber, sich mit allem, was sie

erklärt, dass zwar meist das Datum der brauchten, in verlassenen Häusern zu

Befreiung, nur selten aber der Ort des versorgen. Nach ein paar Tagen wurde

Geschehens erinnert wird. ihnen geraten, weiter in Richtung Polen

Medarda Barbattini, eine Arbeiterin zu gehen.

aus Piacenza, berichtet: »An der Peri- Ähnliche Erfahrungen haben die

pherie einer brennenden Stadt verließ Textilarbeiterin und Partisanin Anna

uns die SS, begab sich auf die Flucht, Cherchi und die Studentin Maria Ca-

und so blieben wir allein, uns selbst milla Pallavicino nach ihrer Befreiung

überlassen an diesem unbekannten aus den Außenlagern Berlin-Schönefeld

Ort. […] Wir begannen zu laufen, zu 24 bzw. Retzow-Rechlin gemacht. laufen, sammelten unsere noch verblie- Die Empfindung, befreit zu sein,

benen Kräfte, [liefen] immer weiter, stellte sich oft erst mit der lange ent-

bis wir uns erschöpft am Rand eines behrten Befriedigung alltäglicher Be-

Gebüschs fallen ließen und in einen dürfnisse ein, wie in einem sauberen tiefen Schlaf versanken. Die Zeit der Bett schlafen oder sich mit warmen

Gefangenschaft im Lager ist furchtbar Wasser waschen, aber auch mit über-

gewesen, aber auch dieser neue ›Status wältigenden Erlebnissen, wie die Fa-

der Freiheit‹, ohne zu wissen, was wir brikarbeiterin Ines Figini berichtet, die

tun und wohin wir gehen sollten, wei- in einem Lager der Roten Armee auf

terhin am Verdursten und Verhungern, einem ungesattelten Pferd reiten lernte:

vollkommen geschwächt […].«22 »Ich war so glücklich, denn ich kostete

Ondina Peteani, eine Arbeiterin und wirklich das körperliche Gefühl der

Partisanin aus Triest, kam aus Ausch- Freiheit aus, ein körperliches, das ist

witz erst in das Hauptlager des 25 KZ Ra-etwas ganz anderes.«

vensbrück, dann in das Außenlager Liana Millu, Lehrerin und Schrift-

Eberswalde; von dort musste sie zu- stellerin aus Venedig, fand in einer

sammen mit sowjetischen Mithäftlin- Ruine ein noch unbenutztes Tagebuch

gen ca. 80 Kilometer zurück ins Haupt- und einen Bleistiftstummel: »Auf die

lager laufen – während die deutschen, erste Seite schrieb ich meinen Namen,

französischen und polnischen Häftlinge viele Male, mit immer größerer Freude.

36 JOHANNA KOOTZ

 

Nicht nur konnte ich noch schreiben: nierte vorgesehenen Lager nicht darauf

Ich besaß wieder etwas Eigenes! Dank vorbereitet, Frauen aufzunehmen. Oft

dieses Bleistiftstummels erlebte ich den fehlte es an Unterkünften, die ein Min-

Moment, in dem ich wieder zu den destmaß an Privatheit und Schutz vor

Menschen zurückkehrte. Endlich eine männlichen Übergriffen gewährleiste-

reine Freude, eine zivile: nicht die besti- ten. Die Frauen sahen sich genötigt,

alische Befriedigung des Überlebens.« 26 geeignete Räume zu »besetzen« und

Was in keinem der Berichte fehlt, diese so gut wie möglich nach ihren

sind die unerwarteten Begegnungen mit Bedürfnissen einzurichten. Die Kran-

Landsleuten – Militärinternierten und ken konnten nicht unbedingt mit einer

Zwangsarbeitern, mit denen sie sich in kompetenten und sensiblen Behand-

der eigenen Sprache, auch im heimat- lung durch die zuständigen Militärärzte

lichen Dialekt, verständigen konnten. rechnen und blieben auf die Pflege und

Wie fürsorgliche Söhne und Brüder Fürsorge ihrer Gefährtinnen angewie-teilten sie mit den Frauen ihre Lebens- sen. Die Frauen versuchten, unter den

mittel, halfen ihnen bei der Beschaffung Bedingungen begrenzter Handlungs-

von Kleidung und Unterkunft, beim spielräume ihren Alltag im Lager nach

Transport der Kranken und versuchten, eigenen Wünschen zu gestalten. Aus-

sie vor sexuellen Übergriffen zu schüt- führlich berichten sie von gemeinsam

zen. Über den vergeblichen Versuch, zubereitetem Essen, der Anfertigung

die Vergewaltigung einer ihrer Gefähr- von Ersatz für ihre unansehnliche, ver-

tinnen durch sowjetische Soldaten zu dreckte Kleidung und von der Freude

verhindern, wird in dem Tagebuch von an kulturellen Aktivitäten und neuen

Fausta Finzi und auch von anderen 30 Freundschaftsbeziehungen.

Autorinnen berichtet. 27 Maria Camilla Pallavicino wurde

Nur wenige wagten es, den Heim- mit ihrer Schwester Maria Alessandra

weg selbst zu organisieren. Der Gym- im Außenlager Retzow-Rechlin befreit

nasiallehrerin Maria Massariello Arata und kam ins Repatriierungslager Neu-

gelang es, sich mithilfe eines in Ravens- brandenburg. Sie berichtet: »[…] wir

brück gefundenen Halstuchs mit einer sind Genesende von einer schweren

aufgedruckten Deutschlandkarte nach physischen und moralischen Krankheit

Mailand durchzuschlagen.28 Für die und müssen wieder laufen lernen: Ich

meisten endete die Zeit der Selbstver- mache die ersten Schritte mit dem En-

sorgung und des Vagabundierens mit thusiasmus einer Anfängerin, die sich der Aufnahme in Sammel- und DP- sicher ist, zu genesen, sicher ist, es

Lager der Westalliierten, in sowjetische 31 zu schaffen.« Ihr »gefühllos geworde-

Repatriierungslager oder auch in Mili- ner Verstand« wurde nicht mehr durch

tärlazarette.29 Hunger, Kälte und Angst beherrscht,

Dieses Lagerleben empfanden die sie konnte sich ihrem vorzeitig geal-

Überlebenden als eine gemilderte Form terten, verunstalteten Körper wieder

der Gefangenschaft, die aber immerhin positiv zuwenden.

gewisse Elemente eines zivilen Lebens Bianca Paganini Mori, die mit ihrer

und eine verbesserte Versorgung ga- Schwester Beatrice und ihrer Mutter

rantierte. Allerdings waren die unter Amelia Giardini nach Ravensbrück de-

der Leitung von Offizieren stehenden, portiert wurde, nennt diese Zeitspanne

für Kriegsgefangene und Militärinter- eine Atempause, la tregua, so »wie DIE RÜCKKEHR ITALIENISCHER FRAUEN 37

 

Primo Levi sie beschrieben hat, eine zügen, einige auch in Krankentranspor-

fast heitere Pause, schön und hässlich ten, die italienische Grenze überque-

zugleich«.32 ren. Während der teils wochenlangen,

»Es war wirklich eine schrittweise ständig unterbrochenen Fahrt waren sie

Rückkehr ins Leben. Für uns war alles darauf angewiesen, sich selbst mit Ver-

eine Lust: Wir gingen spazieren, gingen pflegung zu versorgen. an den Kanal zum Angeln, pflückten Da nach dem Kriegsende die Kon-

Seerosen, machten kleine Feste […], bei trolle des ungeklärten Grenzverlaufs

einem davon (wurde) irgendwann das zwischen Italien und Jugoslawien un-

Lied Mama gesungen und alle (heulten) ter den Siegermächten umstritten war,

Rotz und Wasser […].« 33 wurden Rückkehrerinnen aus den Pro-

»In unserer Lüneburger Zeit woll- 38 vinzen Gorizia und Triest mit neuen

ten meine Schwester und ich nicht Gefahren und Verzögerungen auf ih-

daran denken, wie unsere Heimkehr rem Heimweg konfrontiert. Im August aussehen würde, wie wir es unseren 1945 verließ Pierina Zampar, eine

Geschwistern beibringen sollten, dass Schneiderin aus der Provinz Gorizia,

unsere Mutter gestorben war. […] Wir ein Sammellager in der britischen Zone,

machten uns keine Gedanken, es war um über die österreichisch-jugoslawi-eine Art von …, wie soll ich sagen?, von sche Grenze nach Ronchi zurückzu-

Stillstand, von Zäsur zwischen einem kehren. In Jesnice in Slowenien wurde

schrecklichen Leben und einem neuen sie zwei Tage festgehalten, der Spionage

Leben, das uns erwartete.«34 verdächtigt und verhört, ebenso erging

Verständlicherweise erweckte die es ihr in Ljubljana, bevor sie dann in

unabsehbare Dauer des Aufenthalts in einen Ort nahe der italienischen Grenze

Deutschland bei den Überlebenden den gelangte, auch dort wieder ein Auf-

Eindruck, dass die italienische Regie- enthalt mit Verhören, bis ihr schließ-

rung keinerlei Vorkehrungen für ihre lich ein Kommandant die Erlaubnis

Heimkehr getroffen habe. Tatsächlich zum Grenzübertritt erteilte: »Geh nur,

hatte die süditalienische Regierung im du bist frei. Du hast schon genug

Dezember 1944 Pläne für eine Repa- 39 gelitten.« Einen ähnlich beschwerli-triierung der Kriegsgefangenen erstellt, chen Heimweg über die Tschechoslo-

über die aber aufgrund kontroverser wakei, Ungarn und Jugoslawien haben

Auffassungen mit den Westalliierten erst Ondina Peteani und ihre Gefährtinnen

im April 1945 eine Einigung erzielt 40 zurückgelegt. wurde. 35 Die organisierte Repatriierung Für die Transporte über die Brenner-

in der sowjetischen Zone begann erst im route war ein Aufenthalt in Mittenwald

September 1945. 36 Unter den 1 750 000 in Bayern obligatorisch, wo die US-

»Heimkehrern« – Kriegs gefangenen, Soldaten den Frauen entwürdigende Militärinternierten, »freiwilligen« Zivil- Desinfektionsmaßnahmen zumuteten.

arbeiterinnen und -arbeitern, Zwangsar- Lidia Beccaria Rolfi, Lehrerin und Par-

beiterinnen und -arbeitern –, für die ab tisanin aus Mondovì, berichtet vom

Mai 1945 Transporte bereitgestellt wur- Auftreten eines Priesters in Mittenwald,

den, bildeten die KZ-Überlebenden eine der ihnen in flammender Rede drohen-

verschwindende Minderheit.37 Zwischen de Gefahren ankündigte: die Errich-

August und Oktober 1945 konnten die tung eines totalitären Regimes durch

meisten Frauen in Militär- und Güter- die Kommunisten, die Vertreibung des

38 JOHANNA KOOTZ

 

Königs, Gewaltakte gegen Priester und 43 Hannover, in der englischen Zone,

Nonnen, die Einführung der freien Lie- im Sammellager für italienische Mili-

be usw. Die Deutschen dagegen hätten tärangehörige genäht hatte. Dort hatte

wenigstens die Kirche respektiert und ich für die Bluse, angefertigt aus drei

die Gefangenen in den Konzentrati- Tüchern vom Spital, Komplimente be-

onslagern ernährt. Eine slowenische kommen. Jetzt aber wurde sie von den Partisanin unter den empörten Zuhöre- Dreien voller Missbilligung betrachtet:

rinnen habe diese Provokation mit der Sie war völlig verknittert und auch

Aufzählung der Verbrechen von Deut- dreckig. Gehen Sie nur – sagte einer

schen und Faschisten erwidert, doch schließlich … Gehen Sie nur und … für den Priester sei das nur »russische er sah immer noch angewidert auf die

Propaganda« gewesen.41 Die priesterli- Bluse. Gehen Sie und säubern Sie sich,

che Propaganda richtete sich wohl vor bringen Sie sich ein bisschen in Ord-

allem an die Italienerinnen, die noch nung. Eine Frau … Also, ich war eine nicht wussten, dass Wahlen bevorstan- Frau. Das dachte ich beim Verlassen

den, bei denen erstmals ihre Stimmen des Bahnhofs an diesem strahlenden

ins Gewicht fallen würden. 42 Morgen. Ich war eine Frau. Dort [im

Lager] hatte man ein ganzes Jahr lang

 

Zurückkehren als Fremde Zu Hause angekommen, bewahrhei- alles getan, damit ich das vergesse.«44

Die Hoffnung auf einen würdigen teten sich die schlimmsten Befürch-Empfang erwies sich als Illusion. Nach tungen der Heimkehrenden. Viele von

Auflösung der Sammeltransporte in ihnen erfuhren, dass ihre Ehemänner,

Pescatina und Mailand wurden die Verwandten und Freunde in einem La-

Rückkehrenden weder mit ausreichen- ger, im Partisanenkampf oder im Krieg

den Nahrungsmitteln noch mit Geld gestorben waren. Zahlreiche Familien

für die Fahrt in ihre Heimatorte ausge- befanden sich in großer Not, da fa-

stattet. schistische und deutsche Einheiten ihre

Liana Millu wurde Ende August Häuser zerstört und ihren Besitz ge-

1945 von einem Kontrolleur aus dem raubt hatten. Auch wenn der Empfang

Zug von Mestre nach Venedig geholt durch die Angehörigen herzlich war,

und zur Bahnpolizei gebracht, weil sie fiel es den Zurückgebliebenen schwer,

keine Fahrkarte vorweisen konnte. »Ich zu verstehen und zu akzeptieren, dass

komme aus Deutschland, ich habe kein diejenigen, die sie so lange schmerzlich

Geld, ich bezahle die Fahrkarte nicht. vermisst hatten, nicht mehr die Glei-

Ich habe ein Jahr im Lager hinter mir! chen waren und sein konnten wie vor

Deutschland oder sonst woher. Hier ihrer Deportation. waren wir in Italien und die Fahrkar- Die Jüdin Liliana Segre, als Drei-

te musste bezahlt werden. Was waren zehnjährige im Dezember 1943 nach

das für Anmaßungen. Aus dem Lager, Auschwitz deportiert, kam im Januar

ihm war das egal. Er erzählte alles den 1945 nach Ravensbrück. Als sie im

Polizisten und verzog sich mit einem Mai in ein britisches DP-Lager aufge-

letzten drohenden Blick. Und nun sa- nommen wurde, wog sie nur 32 Kilo-

hen die mich schweigend an. Ich spürte, gramm. »Während der vier Monate

wie ihre Blicke meine Bluse musterten, [im DP-Lager; J. K.] nahm ich 40 Kilo-die ich in Dörverden, im Landkreis gramm zu. […] Bei meiner Rückkehr DIE RÜCKKEHR ITALIENISCHER FRAUEN 39

 

war ich fett, aufgeschwommen. Meine waren unbequeme Zeuginnen und Zeu-

Verwandten […] erwarteten ein Ske- gen der mörderischen Kollaboration

lett und hatten nun dieses verwilderte, zwischen Faschisten und Nationalso-

hässliche, verwahrloste, plumpe Rie- zialisten. Und den Frauen wurde zu

senmädchen vor sich, […] so verschie- verstehen gegeben, dass sie ihr Schick-

den von dem gut erzogenen Mädchen, sal selbst herausgefordert hätten, da sie,

das das Haus verlassen hatte. Mit dieser anders als die Männer, die Wahl gehabt

Person wussten sie nichts anzufangen. hätten, im Hause zu bleiben, statt sich

Ich war ihnen im Wege. Küsse, Umar- 49 politisch einzumischen.

mungen, ich stand da wie eine Holz- Sofort nach der Heimkehr versuch-

puppe. Es war schrecklich. Ich war te Lidia Beccaria Rolfi, eine vorläufige

gewohnt, mit Soldaten zusammen zu Anstellung beim Leiter des Schulamts

sein, gebrauchte Flüche. Ich hatte mich zu beantragen: »Er ließ mich nicht aus-

grundlegend verändert und ich war al- reden, seine Miene signalisierte maß-

lein davongekommen.« 45 lose Langweile: Es tut mir leid, aber

Ernüchtert und enttäuscht erinnert als Partisanin stellst du den Antrag zu

sich Lidia Beccaria Rolfi, dass die ers- spät, vielmehr hast du überhaupt keinen

ten Kontakte mit ihren Mitbürgerinnen Antrag gestellt, und in Bezug auf De-

durch »Gleichgültigkeit und Unduld- portierte gibt es keine extra Regelung.

samkeit« gekennzeichnet gewesen sei- In der Dienstvorschrift ist von Inter-

en. 46 nierten, von Witwen und von Jüdinnen

Anna Cherchi stellte fest: »In Italien die Rede, aber du bist keine Jüdin, du

war fast alles wie zuvor: Sie hatten das kannst gehen … Ich verließ den Raum,

Hemd gewechselt, statt des schwarzen schnell und wutentbrannt ging ich aus

das weiße angezogen, aber die Personen dem Amt: Jetzt wusste ich, dass das

waren noch dieselben und auf ihren Gefängnis, die Deportation, das Lager Posten – niemand [hat] an uns gedacht, mir keinerlei Recht gaben, mich zu ir-

manchmal ließen sie dich sogar spüren, gendeiner der vorgesehenen Kategorien

dass du lästig bist.« 47 Sie macht die zu rechnen […] weil darin die Figur der

Erfahrung der meisten Überlebenden: deportierten Frau schlichtweg nicht vor-»Sehr schwierig war der Versuch, zu 50 gesehen war.«

erklären, was ein Vernichtungslager ge- Die Schwestern Lina und Nella Ba-

wesen ist, die Leute hörten dir gar nicht roncini, Angestellte und Partisaninnen

erst zu, sondern forderten dich auf zu aus Bologna, bemühten sich um die An-

schweigen, sie sagten, dass sie stärker erkennung als Kriegsinvalidinnen: »Wir

gelitten hätten als wir.«48 wurden zur Untersuchung ins Militär-

Die Mehrheit der Bevölkerung woll- krankenhaus geschickt, wo wir uns vor

te vergessen und das »normale« Le- Männern ausziehen mussten; um uns he-

ben wieder aufnehmen. Die aus den rum ein Kommen und Gehen von Sol-

Konzentrationslagern heimgekehrten daten. Mir wurde bescheinigt, dass ich

Männer und Frauen passten nicht zum für alle Dienste geeignet sei, und dabei

Mythos einer männlich-militärischen 51 lachten sie mir auch noch hinterher.«

»Resistenza«, die Italien von Faschis- Offensichtlich war die demütigende

mus und deutscher Besatzung befreit Behandlung der Heimkehrerinnen auch

hatte: Sie verkörperten den ohnmäch- ein Ausdruck der weitverbreiteten Vor-

tigen Kampf um das nackte Überleben, stellung, dass Frauen zum Vergnügen

40 JOHANNA KOOTZ

 

der 55 SS deportiert worden seien. Gefragt gen Mittel. Es waren die Associazione

nach den unterschiedlichen Schwierig- Nazionale Ex Deportati (ANED) und keiten, die sich Frauen und Männer die Unione delle Comunità Israeliti-

nach der Rückkehr stellten, antwortete che (UCI), die praktische Hilfe leiste-

Liliana Segre: »Man hielt es für ausge- ten und Orte der Begegnung schufen.

macht, dass die Frau mit allen ins Bett Diese Organisationen übernahmen die

gegangen sei, um sich zu retten, wäh- Ermittlung der Namen der Toten und

rend es niemanden eingefallen wäre, Überlebenden, dokumentierten die De-

einen Mann zu fragen, ob er sich pro- 56 portationstransporte und trieben die

stituiert habe, um davonzukommen.« 52 zähen Verhandlungen über das deutsch-

Selbst die Wohlmeinenden erwarte- italienische Entschädigungsabkommen

ten von den Überlebenden, Deportation 57 (1957-1963/64) voran. Die erst ab Mit-

und Lagerhaft als eine Episode anzuse- te der 1960er-Jahre ausgezahlten Gelder

hen, die sie mit der Wiederaufnahme des kamen für viele zu spät, die Not der

»normalen« Lebens beenden könnten. frühen Nachkriegszeit hatten sie ohne

»Die politische Ausgrenzung der Frau- 58 Unterstützung bewältigen müssen.

en ist sofort offensichtlich geworden,

 

schon nach dem Ende der ›Resistenza‹; Resümee die Frauen haben gekämpft, haben sich

geopfert, aber die Nachkriegszeit stand Die KZ-Überlebenden waren in ein

unter der Führung der Männer. […] Und wirtschaftlich ruiniertes, politisch ge-

wer die Diskussion um die Partizipation spaltenes Land ohne staatliche Souverä-

der Frauen aufnahm, wurde selbst von nität heimgekehrt, das mit der Reinte-

anderen Frauen ausgegrenzt.«53 gration von Hundertausenden Menschen

Die Rückkehr zur traditionellen ge- überfordert war. Die kurze Phase un-

schlechtsbezogenen Rollenverteilung in kontrollierter Säuberungen wie auch die

Familie, Wirtschaft und Politik schien gesetzlich geregelte »Abrechnung« mit

das geeignete Mittel zur Bewahrung dem Faschismus wurde bereits 1946 mit

des sozialen Friedens. Obwohl die neue 59 einer großzügigen Amnestie beendet.

Verfassung der Republik Italien von Der Kalte Krieg trug dazu bei, dass Ita-

1948 den Frauen das Wahlrecht und die lien zudem auch über die vom NS-Re-

Gleichberechtigung garantierte, 54 stand gime begangenen Grausamkeiten einen

ihre materielle, politische und mora- Schleier breitete und Deutschland half,

lische Unabhängigkeit jenseits patriar- 60 das Gesicht zu wahren. Über die Lager

chalklerikaler Strukturen nicht auf der war nichts bekannt, wenn überhaupt

Tagesordnung. vielleicht einige Namen – Mauthausen,

Der Aufbau einer neuen Existenz war Dachau oder Auschwitz –, Ravensbrück

geprägt durch materielle Not und fort- gehörte nicht dazu. In den Erzählungen

bestehende physische und psychische über die Etappen der Rückkehr werden

Leiden, die Aufenthalte im Krankenhaus vielfach ironisch-lakonisch die abenteu-

oder Sanatorium erforderten. So konn- erlichen Aspekte der Strapazen des lan-

ten viele weder einen Arbeitsplatz finden gen Heimwegs betont. Spürbar ist ein

noch ihre frühere Beschäftigung wieder gewisser Stolz auf die Aneignung neuer

aufnehmen. Oft fehlten aufgrund unzu- Fähigkeiten und Einsichten und die soli-

reichender staatlicher Unterstützung die darische Bewältigung von Hindernissen

für die ärztliche Behandlung notwendi- und Gefahren. Die Berichte über die

DIE RÜCKKEHR ITALIENISCHER FRAUEN 41

 

von Ängsten und Hoffnungen begleitete erkennen. Selbst männliche KZ-Über-

Ankunft in der Heimat sind dagegen lebende zweifelten daran, dass Frauen geprägt von Trauer, Enttäuschung und die unmenschlichen Bedingungen der

Verletzungen, die die Konfrontation mit KZ-Haft hätten ertragen und auf »an-

der Nachkriegsgesellschaft hinterließ. ständige« Weise überleben können. Vor

Für viele Gefangene waren das Be- dem Hintergrund einer dominierenden

dürfnis und die Pflicht, bezeugen zu männlichen Vorstellungswelt wurde die

können, dass eine »Welt außerhalb der Deportation von Frauen zum Gegen-

Welt« existierte, zu einer Obsession stand sexuell konnotierter Unterstel-

geworden, die ihnen half, sich nicht lungen und morbider Neugier. Es war aufzugeben. Sie wollten schonungslos vor allem die erneute demütigende Ver-

über die Verbrechen in den Lagern letzung ihrer Würde und ihres Scham-

aufklären und das Schicksal derjenigen, gefühls, die die Heimgekehrten zwang,

die nicht überlebt hatten, vor dem Ver- über viele Jahre zu schweigen. gessen bewahren. Sie hofften, dass die Rückblickend resümiert Lidia Bec-

Daheimgebliebenen ihnen zuhören und caria Rolfi: »Wie viele Male habe ich

verstehen würden, was es bedeutete, vermieden, zu sagen: Ich bin eine De-

dem Inferno der Konzentrationslager portierte, um nicht das Erstaunen der entkommen zu sein. Doch »nach der Personen zu sehen, die noch nicht ein-

Rückkehr aus den Konzentrationsla- mal wussten, dass es deportierte Frauen

gern, wurde uns nicht zugehört und gegeben hat, oder die Gleichgültigkeit

wenn man uns zuhörte, wurde uns zu spüren oder noch schlimmer das Lä-nicht geglaubt«. 61 Niemand wagte es, cheln. Was soll das heißen, Deportierte?

Fragen zu stellen, sei es aus Mitleid Die Frauen deportierten sie doch für

oder aus Furcht vor Antworten, die andere Dinge! Das waren die Schläge,

nicht zu ertragen wären. Die Gefähr- derentwegen ich immer behauptet habe,

ten aus dem Widerstand zeigten weder dass das zweite Lager bei der Rückkehr

Interesse am Schicksal der Frauen noch begann und bis zum Ende der 1960er-

die Bereitschaft, ihre Verdienste anzu- 62 Jahre gedauert hat.«

 

Anmerkungen

 

1 Michael Wedekind: Nationalsozialisti- 4 Vgl. Friedrich Andrae: Auch gegen Frau-

sche Besatzungs- und Annexionspolitik en und Kinder. Der Krieg der deutschen

in Norditalien 1943 bis 1945, München Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung

2003, S. 49 f. in Italien 1943-1945, München 1995.

2 Die Operationszone »Alpenvorland« 5 Am 14. November 1943 wurden im

umfasste die Provinzen Bozen, Tri- Gründungsmanifest der »Partito fascista

ent und Belluno, die Operationszone repubblicano« Jüdinnen und Juden zu

»Adriatisches Küstenland« die Provin- »Angehörigen von Feindstaaten« erklärt

zen Udine, Görz, Laibach (Ljubljana), (Carta di Verona). Bereits am 30. No-

Triest, Fiume und Pola. vember 1943 verfügte der RSI-Innenmi-

3 Die Mehrheit der 600 000 Gefangenen nister Guido Buffarini Guidi die Verhaf-

entschied sich gegen die Option, sich der tung und Internierung italienischer und

Wehrmacht oder dem Militär der RSI ausländischer Jüdinnen und Juden in Pro-

anzuschließen. Sie erhielten – als »Mili- vinzialsammellagern; die Beschlagnah-

tärinternierte« deklariert – einen völker- mung ihres Eigentums wurde angeordnet

rechtlich nach den Genfer Abkommen (vgl. Sara Berger: Judenverfolgung und

nicht vorgesehenen, schutzlosen Status. Kollaboration in der Republik von Salò,

42 JOHANNA KOOTZ

 

in: Gudrun Jäger / Liana Novelli-Glaab »staffetta« die Vermittlung von Befeh-

[Hg.]: … denn in Italien haben sich die len zwischen den Partisaneneinheiten,

Dinge anders abgespielt. Judentum und transportierten Waffen, Nahrung, Klei-

Antisemitismus im modernen Italien, dung und Medikamente, organisierten

Berlin 2007, S. 177-197, hier S. 185 f.). Die Unterkünfte für Verfolgte und Verletz-

Sammellager, u. a. in Borgo San Dalmaz- te, die Herstellung illegaler Schriften

zo (Provinz Cuneo), Fossoli bei Carpi und deren Verbreitung (vgl. Victoria

(Provinz Emilia Romagna), Risiera di San de Grazia: Die italienischen Frauen un-

Sabba (Provinz Triest) und Vallecorsia ter Mussolini, in: Françoise Thébaud

(Provinz Imperia), standen unter italieni- [Hg.]: Geschichte der Frauen, Bd. 5:

scher Führung. 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main

6 Vgl. Giovanna D’Amico: La deportazi- 1995, S. 141-172, hier S. 171).

one politica delle donne italiane: un bi- 13 Sie waren u. a. in den Außenlagern Bel-

lancio, in: Alessandra Chiappano (Hg.): zig, Eberswalde, Malchow, Neubran-

Essere donne nei Lager, Florenz 2009, denburg und Retzow-Rechlin (Ra-

S. 33-51, hier S. 34. vensbrück), Abterode (Buchenwald),

7 Die Zahl beruht auf Angaben in den Per- Salzgitter-Bad (Neuengamme), Berlin-

sonendatenbanken der Mahn- und Ge- Schönefeld und Hennigsdorf (Sachsen-

denkstätte Ravensbrück / Stiftung Bran- hausen), Dresden und Neurohlau (Flos-

denburgische Gedenkstätten (MGR) und senbürg) sowie im KZ Bergen-Belsen

Ergänzungen aus eigenen Recherchen inhaftiert.

(Stand: Dezember 2021). Nicht für alle 14 Vgl. Insa Eschebach / Katharina Zeiher:

Häftlinge konnte z. B. die Herkunft, das Ravensbrück 1945: Der lange Weg zu-

Ankunftsdatum oder der Haftgrund er- rück ins Leben, in: Konzentrationsla-

mittelt werden. ger. Studien zur Geschichte des NS-

8 Deutschland, Italien und Ungarn hatten Terrors 2 (2016) [Schwerpunktthema:

1941 das Königreich Jugoslawien ange- Repatriierung in Europa 1945], S. 55-78.

griffen. Zu den von Italien beanspruch- 15 Liana Millu: Tagebuch. Il diario del ri-

ten Gebieten gehörten ab Mai 1941 die torno dal Lager, Florenz 2006.

Provinzen Gorizia und Triest, in denen 16 Vgl. u. a. Maria Massariello Arata: Il pon-

das faschistische Regime eine rigorose te dei corvi. Diario di una deportata a

Politik der Italienisierung betrieb, u. a. Ravensbrück, Mailand 1979 (dt. Ausg.:

wurden der Gebrauch der slowenischen Ravensbrück. Tagebuch einer Deportier-

Sprache, eigene Schulen und kulturelle ten, Bozen/Innsbruck 2005); Lidia Bec-

Einrichtungen verboten. caria Rolfi: L’esile filo della memoria.

9 Vgl. Grit Philipp unter Mitarb. v. Moni- Ravensbrück, 1945: un drammatico ri-

ka Schnell: Kalendarium der Ereignisse torno alla libertà, Turin 1996 (dt. Ausg.:

im Frauen-Konzentrationslager Ravens- Zurückkehren als Fremde. Von Ravens-

brück 1939-1945, Berlin 1999, S. 298; brück nach Italien: 1945-1948, hg. v. Jo-

Zugangsliste 01/1026, MGR. hanna Kootz, Übers. aus d. Italienischen:

10 Fossoli war seit dem 5. Dezember 1943 Martina Kempter, Berlin 2007); Fausta

das nationale Konzentrationslager der Finzi: A rivedere le stelle. La lunga mar-

RSI für Jüdinnen und Juden, ab Janu- cia di un gruppo di donne dal Lager di

ar 1944 auch für politische Gefangene. Ravensbrück a Lubecca, Udine 2006;

Vom 15. März bis 5./6. August 1944 Ada Jerman, Interview, 23.6.2000, www.

stand Fossoli als Polizei-Durchgangs- lageredeportazione.org/testimonianze/

lager unter deutschem Kommando und jerman-ada, Zugriff: 10.1.2022; Pierina

das Lager Bozen-Gries übernahm seine Zampar: Quindici mesi nei lager. Memo-

Funktion (vgl. Anna Maria Ori: Il cam- rie di Pierina Zampar, hg. v. Marco Sere-

po di Fossoli, Carpi 2004, S. 13, 21 f.). na, Rom 2018. 11 Zu den Zahlen vgl. Anm. 7. 17 Vgl. die Interviewtranskripte im Ar-

12 Am zivilen und militärischen Wider- chivio Istoreto, Turin (AIT), Archivio

stand beteiligten sich ca. 250 000 Frauen, della deportazione piemontese (ADP),

von denen 70 000 den »Gruppi di difesa Verzeichnis der Interviews unter http://

della donna« (Gdd), im November 1943 intranet.istoreto.it/adp/indiceBio.asp,

gegründeten Frauenverteidigungsgrup- Zugriff: 10.1.2022; Kurzbiografien der

pen, angehörten. Sie übernahmen als Interviewten in Anna Bravo / Daniele DIE RÜCKKEHR ITALIENISCHER FRAUEN 43

 

Jalla (Hg.): La vita offesa. Storia e me- tra lotta partigiana, deportazione ed im-

moria dei Lager nazisti nei racconti di pegno sociale, Triest 2007, S. 26. Di

duecento sopravissuti, 7. Aufl., Mailand Gianantonio gibt nur einzelne Passagen

2004 [1. Aufl.: 1986], S. 401-438. Unter des Interviews wieder. Das vollständige

den 200 Befragten waren 21 in Ravens- Interview mit Ondina Peteani befindet

brück inhaftierte Frauen. sich im Archiv der KZ-Gedenkstätte 18 Vgl. Marco Coslovich: I percorsi della Dachau, Fondo Marco Coslovich, Tran-

sopravvivenza. Storia e memoria della skript o. Pag. [Zitat auf S. 19].

deportazione dall’ »Adriatisches Küsten- 24 Vgl. Anna Cherchi: La parola Libertà.

land«, Mailand 1997. Der Band beruht Ricordando Ravensbrück, Alessandria

auf 84 Interviews, 31 davon mit ehema- 2004, S. 47; Maria Camilla Pallavicino di

ligen Ravensbrück-Häftlingen; Kurzbio- Ceva e di Priola: »Non perdere la spe-

grafien der Befragten, ebd., S. 378-395. ranza«. La storia di due sorelle in Lager,

Die Interviews befinden sich im Archiv Alessandria 2009, S. 87-90.

der KZ-Gedenkstätte Dachau, Fondo 25 Ines Figini, Interview, 21.7.2004, www.

Marco Coslovich. lageredeportazione.org/testimonianze/

19 Vgl. u. a. www.ciportanovia.it (Navigati- figini-ines, Zugriff: 10.1.2022.

on: »Testimonianze«), Zugriff: 10.1.2022; 26 Millu: Tagebuch (Anm. 15), S. 24.

www.lageredeportazione.org/testimoni 27 Vgl. Finzi (Anm. 16), S. 57 f.; Natalina Bi-

anze, Zugriff: 10.1.2022; Daniela Padoan: anco, Interview, 23.10.1982, Transkript,

Come una rana d’inverno. Conversazioni S. 36 f., AIT, ADP [IT C00 BP250];

con tre donne sopravvissute ad Ausch- Margherita Bergesio, Interview, 2.6.1982,

witz [Liliana Segre, Goti Bauer, Giuliana Transkript, S. 36-39, AIT, ADP [IT C00

Tedeschi], Mailand 2004; Intervista inte- BP246].

grale a Cerere Bagnolati [Interview, De- 28 Vgl. Massariello Arata (Anm. 16), dt.

zember 1995], in: Chiappano (Anm. 6), Ausg., S. 181.

S. 238-266. 29 So u. a. in Hagenow, Hamburg, Leipzig,

20 Vgl. z. B. Giuliana Tedeschi: Questo Lübeck, Lüneburg, Neubrandenburg,

povero corpo, Mailand 1946. Das in nur Parchim und Prenzlau.

sehr kleiner Auflage erschienene Buch 30 Vgl. Finzi (Anm. 16), S. 71; Beccaria Rolfi:

fand keine Beachtung. Sie integrierte den L’esile filo della memoria (Anm. 16), dt.

Text in ihr Buch: C’è un punto della ter- Ausg., S. 56, 68; Pallavicino di Ceva e di

ra … una donna nel Lager di Birkenau, Priola (Anm. 24), S. 119-123; Massariello

Florenz 1988. Arata (Anm. 16), dt. Ausg., S. 172-174.

21 Vgl. die Berichte von Lidia Beccaria 31 Pallavicino di Ceva e di Priola (Anm. 24),

Rolfi, Bianca Paganini Mori und Li- S. 118.

via Borsi Rossi in Lidia Beccaria Rol- 32 Paganini Mori (Anm. 21), S. 273.

fi / Anna Maria Bruzzone: Als Italiene- 33 Ebd., S. 274.

rin in Ravensbrück. Politische Gefan- 34 Ebd., S. 275.

gene berichten über ihre Deportation 35 Vgl. Gabriele Hammermann: Zwangs-

und ihre Haft im Frauen-Konzentrati- arbeit für den Verbündeten. Die Ar-

onslager, hg. v. Johanna Kootz, Übers. beits- und Lebensbedingungen der itali-

aus d. Italienischen: Martina Kempter, enischen Militärinternierten in Deutsch-

Berlin 2016 (Original: Le donne di Ra- land 1943-1945, Tübingen 2002, S. 540 f.

vensbrück. Testimonianze di deportate 36 Vgl. Giovanna D’Amico: Die Rück-

politiche italiane, Turin 1978), S. 55-232, führung der Heimkehrer nach Italien.

233-286 und 287-337, hier S. 191, 269 Logistische Herausforderungen, Routen

bzw. 320. und Reintegration, Übers. aus d. Italie-

22 Medarda Barbattini [Bericht für die nischen: Friederike Hausmann, in: Kon-

Associazione Nazionale Ex Deportati zentrationslager. Studien zur Geschichte

(ANED) 1990], S. 1-10, hier S. 8, Mate- des NS-Terrors 2 (Anm. 14), S. 41-54,

rialsammlung Italien, MGR. Die italie- hier S. 46.

nischen Zitate sind – wenn nicht anders 37 Vgl. ebd., S. 41 f.

angegeben – Übersetzungen der Verf. 38 Diese Region wurde nach dem Kriegs-

23 Ondina Peteani [Interview, 1989], zit. ende kurzfristig von jugoslawischen

nach Anna Di Gianantonio: È bello vi- Truppen, dann von den Westalliierten

vere liberi. Ondina Peteani. Una vita kontrolliert. Erst der Friedensvertrag

44 JOHANNA KOOTZ

 

vom November 1947 legte die Grenze 54 Zu den 75 Mitgliedern der Kommission,

zwischen Italien und Jugoslawien fest. die die Verfassung ausarbeitete (Com-

Bis 1954 stand Triest unter britischer, missione dei 75), gehörten 5 Frauen, die

US-amerikanischer und jugoslawischer im Widerstand aktiv waren, unter ihnen

Verwaltung. Teresa Noce, Gefangene in den Konzen-

39 Zampar (Anm. 16), S. 32. trationslagern Ravensbrück und Flos-

40 Peteani (Anm. 23), S. 26. senbürg. 41 Vgl. Beccaria Rolfi: L’esile filo della me- 55 Die Deportierten wurden bezüglich der

moria (Anm. 16), dt. Ausg., S. 84 f. Ähn- Anrechte auf staatliche Unterstützung

liches geschah am Brenner (vgl. Lina den ehemaligen Soldaten gleichgesetzt

Baroncini Roveri [Bericht], in: Beccaria (vgl. D’Amico: Rückführung [Anm. 36],

Rolfi / Bruzzone [Anm. 21], S. 339-399, S. 54).

hier S. 389). 56 Vgl. Italo Tibaldi: Compagni di viaggio.

42 Am 1. Februar 1945 wurde von der Dall’Italia ai lager nazisti. I »trasporti«

königlichen Regierung das Frauenwahl- dei deportati 1943-1945, hg. v. d. ANED,

recht eingeführt. Im Juni 1946 fanden Mailand 1994; Liliana Picciotto: Il li-

die ersten Wahlen und das Referendum bro della memoria. Gli ebrei deportati

über die Staatsform statt; die Mehrheit dall’Italia 1943-1945, Mailand 1991.

entschied sich gegen die Monarchie und 57 Vgl. Filippo Focardi / Lutz Klinkham-

für die Republik. mer: Wiedergutmachung für Partisanen?

43 Dörverden liegt im damals zur preußi- Das deutsch-italienische Globalabkom-

schen Provinz Hannover gehörenden men von 1961, in: Hans Günter Ho-

Landkreis Verden. ckerts / Claudia Moisel / Tobias Winstel

44 Liana Millu: Guardare in un fondo dove (Hg.): Grenzen der Wiedergutmachung.

strisciano serpenti, in: Alberto Cavagli- Die Entschädigung für NS-Verfolgte in

on (Hg.): Il ritorno dai Lager. Convegno West- und Osteuropa 1945-2000, Göt-

internazionale, 23 novembre 1991, Mai- tingen 2006, S. 458-512.

land 1993, S. 53-57, hier S. 54. 58 In der »Gazzetta ufficiale« sind die Na-

45 Liliana Segre [Interview], in: Padoan men von 297 Überlebenden und von

(Anm. 19), S. 9-62, hier S. 40 f. 82 verstorbenen Ravensbrück-Häftlin-

46 Lidia Beccaria Rolfi: Il ritorno da Ra- gen verzeichnet, die einen Antrag auf

vensbrück, in: Cavaglion (Anm. 44), Entschädigung stellten bzw. in deren

S. 29-39, hier S. 29. Namen ein solcher Antrag gestellt wur-

47 Cherchi (Anm. 24), S. 52. Elena Recanati de (vgl. Gazzetta ufficiale della Re-

traf bei der Beantragung einer Entschä- pubblica Italiana, Supplemento or-

digung auf den Offizier, der sie und dinario, Nr. 130, 22.5.1968, S. 4-766,

ihren Ehemann verhaftet hatte. Er stand https:// daveronaailager.files.wordpress.

nun im Dienste der Republik Italien und com/2019/12/gazzetta-ufficiale.pdf, Zu-

gab sich als Partisan aus (vgl. Elena Re- griff: 5.1.2022).

canati, Interview, 30.3.1982, Transkript, 59 Vgl. Christian Jansen: Italien seit 1945,

S. 26, AIT, ADP [IT C00 BP378]). Göttingen 2007, S. 18. 48 Cherchi (Anm. 24), S. 50. 60 Vgl. Beccaria Rolfi: Il ritorno (Anm. 46),

49 Vgl. Lidia Beccaria Rolfi [Kommentar], S. 34.

zitiert nach Silvia Neonato: Sopravissute 61 Ida Desandré: Vita da donne, Mailand

e cancellate. »Avevamo un nome e un 1995, S. 20.

volto«, in: Noi Donne (1979), Nr. 24, 62 Lidia Beccaria Rolfi [Interview,

S. 28-33, hier S. 30. 1.12.1993], in: Bruno Maida (Hg.):

50 Beccaria Rolfi: L’esile filo della memoria Un’etica della testimonianza. La memo-

(Anm. 16), dt. Ausg., S. 111 f. ria della deportazione femminile e Lidia

51 Baroncini Roveri (Anm. 41), S. 393; vgl. Beccaria Rolfi, Mailand 1997, S. 67-74,

Barbattini (Anm. 22), S. 10. hier S. 73, Übers. aus d. Italienischen:

52 Segre (Anm. 45), S. 41. Martina Kempter. Lidia Beccaria Rolfi

53 Lidia Beccaria Rolfi [Interview], in: Lu- ist die erste Autorin, die ihrer Rückkehr

igina Ambrogio: Le donne e la politica di von Ravensbrück nach Italien ein Buch

ieri, le donne e la politica di oggi (Forte- gewidmet hat, es erschien 1996 kurz vor

chiaro 2 [1990]), www. metarchivi.it/ ihrem Tod (Beccaria Rolfi: L’esile filo

temp/264517680.pdf, Zugriff: 10.1.2022. della memoria [Anm. 16]).