NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Besprechungen und Annotationen
Rezensionen
einfach keiner mehr da, der sich noch
benennen lasse, schrieb er der Behörde
im Mai 1954, als von dort weitere Na-
men verlangt wurden, denn: »Ich habe
niemanden mehr, der für mich zeugen
kann, ich kann Ihnen nur nochmals
wiederholen, daß meine sämtlichen
Verwandten väterlicher- und mütter-
licherseits tot sind, d. h. sie wurden
ermordet, vergiftet, vergast, erschossen
und erschlagen, dies traf auch meinen
einzigen Bruder.« (S. 425) Klarer ließ
sich nicht auf den Punkt bringen, was
Eduard Meyer und seiner Familie in der
NS-Zeit angetan worden war. Mit sei-ner Frau und den beiden Töchtern lebte
er nun, neun Jahre nach Kriegsende,
noch immer in ärmlichen Verhältnissen
in einer kleinen Münchner Wohnung.
Mit seinen Anträgen auf Wiedergut-
machung war er ein ums andere Mal
gescheitert, denn als Betroffener einer
Maximilian Strnad: Privileg Mischehe? »privilegierten Mischehe« brachte er
Handlungsräume »jüdisch versippter« aus Sicht der Behörden gewissermaßen
Familien 1933-1949, Göttingen: Wall- nicht genügend Leiderfahrung mit.
stein Verlag, 2021 (Hamburger Bei- Wie den Meyers erging es vielen
träge zur Geschichte der deutschen Ju- Paaren, die im »Dritten Reich« in diese
den 54), 512 S., 46,00 EUR Kategorie fielen. Für sie waren nach
Kriegsende keine Hilfeleistungen vor-
Das Bayerische Landesentschädigungs- gesehen, und noch immer gebrauchten
amt war nicht zufrieden mit Eduard die Behörden jenen Begriff, den die Na-Meyers Auskunft. Aber Meyer war tionalsozialisten Ende 1938 ersonnen
es allmählich leid. Er hatte Wieder- hatten, um unter den »jüdisch versipp-
gutmachungsansprüche geltend machen ten« Paaren jene auszumachen, denen
wollen und hierzu schon zahlreiche sie gewissermaßen Vorzugsrechte zu-Belege eingereicht, außerdem Personen billigten, um den »deutschblütigen«,
angegeben, die das Amt nach seinen also wertvollen Teil solcher Verbin-
früheren Vermögensverhältnissen aus- dungen von jüdischem Einfluss fernzu-
führlich befragen konnte. Aber jetzt sei halten. Das war immer dann der Fall,
226 BESPRECHUNGEN UND ANNOTATIONEN
wenn die Frau jüdisch und der Mann lager, die zu Zehntausenden im be-
nicht jüdisch war und beide ihre Kinder setzten Deutschland, vor allem in der
nicht im jüdischen Glauben erzogen. US-amerikanischen Zone, auf die Mög-
Aber auch dann waren Paare »privi- lichkeit warteten, endlich in die USA
legiert«, wenn, wie bei den Meyers, oder nach Palästina bzw. Israel emi-
der Mann jüdisch und die Frau nicht grieren zu können. Aber auch die Kir-
jüdisch war, sie Kinder hatten und kei- chen hatten sie nicht im Blick, weder
nes unter die Kategorie »Geltungsjude« die evangelische noch die katholische.
fiel, also dem Judentum angehörte. Wie Allenfalls kleine kirchliche Hilfsstellen
ausgeklügelt, wie kompliziert und wie wie das Büro Grüber in Berlin setzten
perfide das nationalsozialistische Ka- sich für »Mischehe«-Paare ein und sa-
tegoriensystem von den »Mischehen« hen ihre Not, denn sowohl mit Blick
und sein Fortleben in der Bürokratie auf die Wohnsituation als auch auf die
des besetzten Nachkriegsdeutschland Ernährungslage war deren Lage pre-war, untersucht Maximilian Strnad auf kär. Auch besaßen die Paare zumeist
breiter Quellenbasis in seiner Disserta- nichts, was sie auf dem Schwarzmarkt
tion, deren Titel »Privileg Mischehe?« hätten tauschen können. Hinzu kam
er aus guten Gründen mit einem Fra- ihr seelisches Leid, denn sie hatten
gezeichen versieht. Wie er ausführt, ha- zwar überlebt, aber Angst und Un-
ben vermutlich 13 000 von geschätzten sicherheit durchgemacht, waren aus-
35 000 Jüdinnen und Juden in »Misch- gegrenzt, gedemütigt und schikaniert
ehen« überlebt. worden, hatten die Deportation von
Ein eigenes Kapitel – »Opfer 2. Klas- Familienangehörigen, von Freundinnen
se? – Die Situation der Mischehen und Freunden erlebt und am Ende de-
nach der Befreiung (1945-1949)« – wid- ren Tod zu betrauern gehabt. Den ent-
met der Autor der Besatzungszeit, um stehenden jüdischen Gemeinden waren
darzustellen, wie sehr die Betroffenen sie nicht selten suspekt – zumal wegen
durch alle Raster fielen. Besonders ihrer engen Bindung an die Mehrheits-
empörte es sie, dass sie als deutsche gesellschaft, aus der die Täter kamen. Juden zusammen mit ihren Ehepart- Für die nicht jüdischen Ehepartnerin-
nern und Ehepartnerinnen kurzerhand nen und Ehepartner hielten sie sich
mit den ehemaligen Volksgenossen ohnehin nicht für zuständig. Oftmals
und Volksgenossinnen des National- aber auch nicht für die jüdischen Part-
sozialismus gleichgesetzt wurden und nerinnen und Partner, denn in religiöser
daher keinerlei Anrecht auf Entschädi- Hinsicht war, wer einen Nichtjuden
gungs- und Unterstützungsleistungen bzw. eine Nichtjüdin geheiratet hatte,
erhielten. Auf der Hand liegt, dass für das Judentum verloren, bedrohte
weder die UNRRA (United Nations sogar dessen Fortbestand. Gesucht und Relief and Rehabilitation Administra- gefördert wurde von den im Aufbau be-
tion) noch das American Jewish Joint findlichen jüdischen Gemeinden ange-
Distribution Committee sich für sie als sichts der erlebten Katastrophe gezielt
zuständig ansah. Die Versorgungs- und die Verwurzelung im Judentum. Was
Hilfsmaßnahmen der internationalen den Neubeginn nach der Befreiung für
Organisationen galten den jüdischen diejenigen prägte, die in der NS-Zeit
Displaced Persons aus Osteuropa, also stigmatisiert worden waren, weil sie
den Überlebenden der Vernichtungs- eine »Mischehe« geführt hatten, sei es
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eine »privilegierte« oder eine »nicht- müssen. Sie wollte unauffällig bleiben,
privilegierte«, war im Ergebnis nicht verbrachte ihre Tage lesend im Zimmer selten neuerliche Ausgrenzung. und wartete, bis abends ihr Mann von
Dass diese Erfahrung bereits mit der der Arbeit zurückkam. Monate ver-
Machtübertragung an die Nationalso- gingen so. Dann zog das Paar in eine
zialisten begonnen hatte, stellt Strnad Wohnung. Ihren Zwangsvornamen gab
im Kapitel »Diskriminierung – Aus- Lotte Paepcke jetzt an, und es dauerte
schluss aus der ›Volksgemeinschaft‹ nicht lange, bis das gesamte Haus zu
(1933-1938)« ebenfalls ausführlich dar. ihrem Entsetzen wusste, dass sie Jüdin
Im Visier hatten die Behörden unter war. Das Paar wurde gemieden, aber den jüdischen Ehepartnern und Ehe- freundliche Leute unter den Nachba-
partnerinnen der »Mischehen« stets nur rinnen und Nachbarn wandten sich ihm
den Mann. Der war der »Rasseschän- fortan zu und unterstützten es. Auch so
der« und »Reichsfeind«. Mit Repres- etwas geschah. sionen hatte aber umgehend auch zu Haus und Wohnung wurden den Be-
rechnen, wer als »arischer« Beamter mit troffenen zum Refugium, zur »privaten
einer Jüdin verheiratet war. Der öffent- Festung«. Abgeschiedenheit bedeutete
liche Dienst wurde von derlei »jüdisch Sicherheit. Die jüdischen Eheleute ge-
versippten« Personen nach und nach rieten rasch in vielerlei Abhängigkeit
»gesäubert«. Unter den vielen bewe- von ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin,
genden Schicksalen, die der Autor an- in finanzielle zumal, wobei es jüdischen
schaulich vorstellt, sticht dasjenige von Männern verboten war, ihr Vermö-
Max Krause besonders hervor. Wegen gen auf ihre nicht jüdische Frau zu
seiner Ehe wurde er als Stadtinspektor übertragen. Im Gewerbeamt München
in Stettin 1937 entlassen. Dann brachte waren die Gattinnen jüdischer Ehemän-
er sich und seine Familie zunächst als ner besonderen Schikanen ausgesetzt.
Aushilfskraft in einer Spedition, spä- Amtsleiter Richard Vilsmaier piesackte
ter in einer Gastwirtschaft durch, und sie, wo er konnte; erreichen wollte er
schließlich arbeitete er, weil niemand damit, dass die Frauen sich scheiden
ihn einstellen wollte, für einen Vieh- ließen. Da er auch das Ernährungsamt
händler und verrichtete Stallarbeiten. leitete, ging es für die Familien stets um
Die Vertreibung in die Isolati- Existenzfragen. Die Machtbefugnis ört-
on überstand so manche »Mischehe« licher Behörden stellt Strnad an vieler-nicht, denn das Stigma traf immer auch lei Beispielen aus dem gesamten »Alt-
die nicht jüdische Partnerin bzw. den reich« ausführlich dar und kann dabei
nicht jüdischen Partner. Erzählt wird zeigen, dass antijüdische Initiativen oft
die Geschichte der Klemperers, deren von diesen Stellen ausgingen. Ehe hielt, auch die der Jahns, die in- Von der Zwangseinweisung in Ghet-
des zerbrach. Darüber hinaus kommen tohäuser waren Paare betroffen, die eine
weitere, bislang weniger bekannte Fälle »nichtprivilegierte Mischehe« führten.
zur Sprache, wie der von Lotte Paep- Diejenigen in »privilegierter Mischehe«
cke und ihrem Mann. Das Paar zog blieben davon verschont, ebenso von
von Köln nach Leipzig und mietete der Pflicht, den Judenstern zu tragen
sich in einer Pension ein, wobei Lot- und hohe Steuerabgaben zu leisten.
te Paepcke es unterließ, den Namen Ein tiefer Riss klaffte daher zwischen »Sara« anzugeben, den sie hätte führen »Sternträgern« und »Privilegierten«, so
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tief, dass er auch das Kriegsende über- und Statistiken hantiert, nicht selten
dauerte. Victor Klemperer beschreibt Redundanzen erzeugt und an sperrigen den Konflikt zwischen den solcherma- Begrifflichkeiten nicht spart. Zentral ist
ßen kategorisierten Juden und Jüdinnen der von den »Handlungsräumen«, wo-
in seinen Tagebüchern, und in »LTI« mit Bereiche gemeint sind, in denen die
führt er aus, worin genau die »Diabo- Paare noch relativ eigenständig agieren
lie« des Systems lag.1 konnten, bis der »Raum« dafür schließ-
Je länger der Krieg dauerte, desto lich zunehmend enger wurde. Der
mehr weichte der Schutz auf, den eine Raumbegriff wird bisweilen überstra-
»privilegierte Mischehe« bot. Wer mit paziert, z. B. wenn es auch noch um den
einer Jüdin verheiratet war, galt als »Hilfsraum«, den »Verfolgungsraum«,
wehrunwürdig und wurde nun z. B. den »Überlebensraum« und den »To-
zum Westwallbau in ein Lager der desraum« geht. Dessen ungeachtet ana-
Organisation Todt geschickt. Noch lysiert der Autor auf souveräne Weise im Februar 1945 rollten Transporte die Komplexität der Geschehnisse und
mit jüdischen Männern und Frauen aus zeigt, wie sehr das Erlebte die Betrof-
zumeist aufgelösten oder geschiedenen fenen oft ein Leben lang prägte. Schön,
»Mischehen« nach Theresienstadt. Wie dass er sein Buch dem Präsidenten
alles miteinander zusammenhing, wird der Lagergemeinschaft Dachau widmet,
schlüssig diskutiert. Ernst Grube, der als »Geltungsjude«
Maximilian Strnad hat ein wichtiges aus »nichtprivilegierter Mischehe« An-
Buch geschrieben, mit dem er grund- fang 1945 mit seiner Mutter und sei-
legende Studien zum Thema wie die nen Geschwistern von München nach
von Beate Meyer 2 weiterführt und die Theresienstadt deportiert wurde. Als
Forschung zu diesem lange Zeit wenig Zwölfjähriger erlebte er dort die Befrei-
beachteten Feld bereichert. Seinen Le- ung durch die Rote Armee. serinnen und Lesern macht er es nicht Sybille Steinbacher
immer leicht, da er viel mit Zahlen
Anmerkungen
1 Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung
Philologen, Berlin 1947, S. 198. 1933-1945, Hamburg 1999.
2 Beate Meyer: »Jüdische Mischlinge«.