NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn

Nadine Jenke: Eine Episode zwischen DP-Camp und Emigration? Zur Rolle der Zentralkomitees der befreiten Juden in der britischen und in der US-amerikanischen Besatzungszone Deutschlands bei der frühen Strafverfolgung von NS-Verbrechen

Nadine Jenke

 

Eine Episode zwischen DP-Camp und Emigration?

Zur Rolle der Zentralkomitees der befreiten Juden

in der britischen und in der US-amerikanischen

Besatzungszone Deutschlands bei der frühen

Strafverfolgung von NS-Verbrechen

 

Am 14. Oktober 1950 wurde Friedrich bände, zu deren Tätigkeitsfeldern da-

Hildebrand in Bremen festgenommen. mals neben der Vorbereitung der Emi-

Ein früherer Insasse hatte den vorma- gration der Überlebenden und den

ligen Kommandanten der Zwangsar- verschiedenen Bereichen der Betreu-

beitslager Borys¥aw und Drohobycz ungsarbeit auch die Beteiligung an der

(Ostgalizien) auf der Straße erkannt 4 Strafverfolgung zählte. Die Zentralko-

und sich an die Polizei gewandt. 1 In der mitees nutzten einerseits ihre Kontakte

unmittelbaren Nachkriegszeit stießen zu den jüdischen Komitees bzw. – im NS-Verfolgte vielfach westdeutsche Er- Fall des Zentralkomitees in der briti-

mittlungsverfahren zu nationalsozialis- schen Zone – auch zu den jüdischen

tischen Verbrechen durch Erstattung Gemeinden, über die sie aufgrund ih-

von Strafanzeigen an. Dazu gehörten rer Ausrichtung als überregionale In-insbesondere Untersuchungen zu Tat- teressenvertretungen verfügten. Ande-

komplexen in annektierten oder be- rerseits erweiterten sie die Reichweite

setzten Gebieten wie in Ostgalizien. 2 ihrer Suchaufrufe durch Kooperation

Überlebendenvertretungen verbreiteten miteinander sowie durch den Rück-

zudem Suchaufrufe über ihre weitver- griff auf weitere Ermittlungsnetzwer-

zweigten Kommunikationswege, mit ke zu NS-Verbrechen. Sie profitierten

denen sie Zonen- und Ländergrenzen von diesen verbandsübergreifenden und

überschritten. Ein ständiges Abglei- personellen Austauschbeziehungen, die

chen, Anpassen und somit gemeinsames sich vor allem zwischen ehemals als

schrittweises Professionalisieren von jüdisch, aber auch als politisch NS-

Suchabläufen, etwa bei der Art der Ver- Verfolgten ausbildeten, und bauten sie

öffentlichung von Zeugenaufrufen, be- zugleich mit aus. Dezidiert einbezogen

gleiteten ihr Engagement. Damit übten im Engagement der Zentralkomitees in

Überlebende der nationalsozialistischen der Strafverfolgung der unmittelbaren

Verfolgung eine wichtige Scharnier- Nachkriegsjahre waren NS-Verbrechen

funktion in der justiziellen Ahndung in den deutsch besetzten Gebieten – ein von NS-Verbrechen aus. Zwei hervor- Aspekt, der erst in den 1990er-Jahren

gehobene Akteure waren in der zweiten wieder in das Zentrum von Ermittlun-

Hälfte der 1940er-Jahre die Zentralko- gen rückte.

mitees der befreiten Juden in der bri-

tischen und in der US-amerikanischen

3 Ein Name, zwei Verbände

Besatzungszone Deutschlands.

Im Zentrum des Beitrags steht die Trotz der gleichen Namen unterschie-

Zeugensuche seitens der beiden Ver- den sich die beiden Verbände teils stark

80 NADINE JENKE

 

voneinander. Sie wurden durch jeweils Frühjahr 1947 mit 190 000 bis 200 000

eigene Repräsentantinnen und Reprä- in den drei westlichen Besatzungszonen

sentanten und deren politische Leitlini- lebenden jüdischen DPs ihren Höhe-

en und Arbeitsweisen geprägt, zudem punkt. Die ganz überwiegende Mehr-

sahen sie sich in den Besatzungszonen heit von ihnen befand sich in der US-

unterschiedlichen Rahmenbedingungen 9 amerikanischen Zone. gegenüber. Überlegungen zu einem Zu- Zugleich bildete sich nach Kriegs-

sammenschluss beider Zentralkomitees ende schrittweise wieder ein jüdisches

kamen nie über den Planungszustand Gemeindeleben aus. Im Gegensatz zum

hinaus.5 Münchener Zentralkomitee stand das

Das Zentralkomitee in der britischen Bergen-Belsener Zentralkomitee einer

Zone gründete sich bereits im Sep- Zusammenarbeit mit den jüdischen Ge-

tember 1945, das Zentralkomitee in meinden in der britischen Zone insge-

der 10 US-amerikanischen Zone im Januar samt offener gegenüber. Insbesonde-1946. Die Organisationen hatten ihren re dessen Vorsitzender Josef Rosensaft

Hauptsitz im Camp für Displaced Per- und sein Stellvertreter Norbert Woll-

sons (DPs) in Bergen-Belsen bzw. in heim suchten dort den Austausch, der

München. Beide gingen jeweils aus regi- 11 gleichwohl nicht konfliktfrei verlief.

onalen Vorläufereinrichtungen hervor.6 Somit waren es letztlich einzelne Per-

Sie verstanden sich als Vertretungen der sonen, auf die grundlegende Richtungs-

in der jeweiligen Besatzungszone le- entscheidungen zurückgingen. Der in

benden Jüdinnen und Juden, die mehr- Berlin geborene Norbert Wollheim

heitlich 7 DP s waren. Ein Blick etwa auf hatte wie der aus Będzin stammen-die Funktionäre des Bergen-Belsener de Josef Rosensaft das KZ Auschwitz

Zentralkomitees insbesondere bis 1947, überlebt. Er gehörte zu den zwei nicht

die fast ausschließlich polnische Juden polnischen Funktionären des Zentral-

waren, verdeutlicht jedoch, dass es in komitees. Nachdem die jüdischen Ge-

seiner homogenen personellen Zusam- meinden sich zunächst im Zonenaus-

mensetzung die soziale, politische und schuss (ab Oktober 1946: Rat) der

auch religiöse Vielschichtigkeit der in Jüdischen Gemeinden in der Britischen

der britischen Zone lebenden Jüdinnen Zone Deutschlands separat organisiert

und Juden nicht spiegelte. Insbesonde- hatten, entschieden sie sich Mitte 1947

re Angehörige der Orthodoxie wand- für ein institutionelles Zusammenge-

ten sich von dem Zentralkomitee ab. hen. Fortan gehörten Gemeindevertre-

Das Münchener Zentralkomitee agierte ter der Exekutive und der neu gegrün-

als Interessensvertretung aller Jüdin- deten Ratsversammlung an. Zudem

nen und Juden der US-amerikanischen wurde eine Gemeindeabteilung beim

Zone, bezog die jüdischen Gemeinden Zentralkomitee eingerichtet. Durch das

in ihre Arbeit jedoch nicht ein.8 gemeinsame Auftreten sollte insbeson-

Nachdem in den ersten Nachkriegs- dere die Stellung gegenüber der briti-

wochen und -monaten DPs in hoher schen Besatzungsmacht gestärkt wer-

Zahl emigrierten bzw. außerhalb der den. Diese erkannte das Zentralkomitee DP-Camps ein neues Leben begannen, zwar de facto, aber nicht de jure als

stiegen die Zahlen mit der Ankunft von jüdische Vertretung an. Im Unterschied

als jüdisch Verfolgten aus Osteuropa zum Münchener Zentralkomitee blieb

ab 1946 wieder an. Sie erreichten im eine offizielle Zustimmung also aus.

EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 81

 

Bereits Ende 1949 kam es jedoch wie- nisationen in Deutschland, Österreich,

der zu einer Abspaltung der jüdischen Polen und der Tschechoslowakei zu-

Gemeinden vom Zentralkomitee; die 15 sammen.

Gemeindeabteilung bestand allerdings Im Zentralkomitee in der britischen

zunächst fort. 12 Zone agierte zunächst das General-

sekretariat bzw. der Generalsekretär

 

Strafverfolgung: Zehntausende Ludwig Zajf als Ansprechpartner von

potenzielle Zeuginnen Ermittlungsstellen. Der in Radziejów

und Zeugen geborene Zajf war zwischen 1941 und

1945 in verschiedenen Zwangsarbeits-

Mit der Zeugensuche waren in den bei- lagern und Konzentrationslagern in-

den Zentralkomitees unterschiedliche 16 haftiert gewesen. Vor allem mit dem

Abteilungen betraut, die in der Um- Büro der Polish War Crimes Mission

setzung jedoch ähnliche Wege gingen. in Lübeck (ab 1949 Bad Salzuflen)

Im Münchener Zentralkomitee liefen bestand ein reger Austausch bei der

die Recherchen in der Juristischen Ab- Suche nach Zeuginnen und Zeugen,

teilung zusammen, in der ab Anfang der nicht zuletzt auf die Dominanz der

Januar 1947 ein separates Kriegsverbre- polnischen Funktionäre wie Zajf im

cherreferat bestand. Zu den zentralen Zentralkomitee zurückzuführen sein

Akteuren gehörte Josef Rywosch, der dürfte. Die Ende 1946 gegründete Ju-

in Wilna geboren worden war und ab ristische Abteilung konzentrierte sich

1941 als jüdisch verfolgt in verschiede- stärker auf andere Rechtsfragen, etwa

nen Ghettos und versteckt leben muss- 17 im Bereich der Wiedergutmachung.

te. 13 Er stand dem Referat über zwei Zu einer zweiten Säule der Zeugensu-

Jahre vor, bevor er 1949 die Leitung der che entwickelte sich die 1947 in Lü-

Juristischen Abteilung übernahm. Das beck eingerichtete Gemeindeabteilung.

Sammeln von Belastungsmaterial gegen Der Vizepräsident des Zentralkomitees

inhaftierte Beschuldigte und NS-Ver- Norbert Wollheim übernahm auch die

brecher gehörte neben dem Auffinden Leitung der Gemeindeabteilung. Er

von geflüchteten NS-Belasteten zu den hatte zuvor bereits dem Rat der Jü-

Kernaufgaben des Kriegsverbrecherre- dischen Gemeinden in der Britischen

ferats.14 Entsprechend agierte es – wie Zone Deutschlands vorgestanden und

das Zentralkomitee in der britischen verfügte somit über sehr gute Kon-

Zone – gegenüber Justizstellen sowohl 18 takte zu den Gemeinden. Woll-als Ansprechpartner bei laufenden Ver- heim, der parallel zu seinen Ämtern

fahren als auch als Initiator neuer Er- im Zen tralkomitee im Jahr 1950 die

mittlungen. Laut Tätigkeitsbericht der IG Farbenindustrie AG i. L. verklagte

Juristischen Abteilung erfasste das Re- und selbst in mehreren Nachkriegs-

ferat z. B. 1947 über 200 eidesstattliche 19 prozessen aussagte, prägte mit seinem

Aussagen. Es arbeitete in dem Jahr mit persönlichen Engagement und seinen

den alliierten Justizbehörden in Nürn- vielfältigen Funktionen die Interventio-

berg und Dachau, mit den Büros der nen des Zentralkomitees in der justizi-Polish War Crimes Mission in Dachau ellen Ahndung entscheidend mit. Dazu

und München, mit deutschen Polizei- zählte auch eine kritische Beobachtung

präsidien, Gerichten und Spruchkam- 20 deutscher Urteilssprüche. Wollheim

mern sowie mit verschiedenen Orga- korrespondierte wie das 82 NADINE JENKE

 

tariat mit alliierten und mit deutschen dischen Gemeinden in der britischen

Justizbehörden.21 Zone.

Einen Fokus legten beide Zentralko- Bereits Ende Juli 1947 und somit un-

mitees auf Verbrechen, die an Jüdinnen mittelbar nach der Einrichtung der Ge-

und Juden begangen worden waren. meindeabteilung wandte sich Norbert

Sie verstanden sich als jüdische Inte- Wollheim auf Anregung der Jüdischen

ressenvertretungen, hatten einen brei- Gemeinde Hamburg an die Gemein-

ten, unmittelbaren Zugang zu Über- devorsitzenden – als frühere Ratsmit-

lebenden des Holocaust und wurden glieder und nunmehrige Angehörige

nicht zuletzt zu Adressaten für eine der Exekutive des Zentralkomitees – in Verbreitung entsprechender Suchaufru- Bremen, Dortmund, Düsseldorf, Ham-

fe.22 Die Strafverfolgungsinteressen von burg, Hannover, Kiel und Köln mit

regen Kommunikationspartnern wie einer Suchanfrage zu Überlebenden des

z. B. der Polish War Crimes Mission Ghettos Minsk. Anlass war die Fest-

beeinflussten ebenso die Ermittlungs- nahme des ehemaligen »Judenreferen-

schwerpunkte wie die teils homogenen 27 ten« der Gestapo Minsk Adolf Rübe.

Strukturen in den Zentralkomitees und Es verstetigte sich über die Folgejahre

die jeweils eigene Verfolgungsgeschich- eine Kommunikationspraxis, bei der

te der Akteure. Letztere ist etwa zu Wollheim die jüdischen Gemeinden

berücksichtigen, wenn Josef Rywosch kontaktierte und Gesuche, die ihn di-

den 1949 in München festgenomme- rekt von den Ermittlungsbehörden oder

nen Martin Weiss laut einem Bericht aus den jüdischen Gemeinden erreicht

der New Yorker Exilzeitung »Auf- hatten, weitergab.

bau« selbst verhörte.23 Als Mitarbei- Diese Praxis bestand auch im Fall des

ter des Kommandeurs der Sicherheits- eingangs genannten SS-Führers Fried-

polizei und des SD Litauen in Wilna rich Hildebrand: »Liebe Chawerim, die

hatte Weiss regelmäßig Kontrollen in Israelitische Gemeinde Bremen hat mir

dem dortigen Ghetto durchgeführt, in nachstehende Mitteilung mit der Bitte

dem Rywosch sich zeitweise befunden um Weitergabe an Sie zugestellt«, lei-

hatte.24 Zahlreiche Ghettoüberlebende tete Wollheim sein Schreiben Anfang hatten sich an das Münchener Zentral- November 1950 an die Gemeinden in

komitee gewandt und Weiss beschul- der britischen Zone ein. Es folgten

digt, Erschießungen durchgeführt zu nähere Informationen zu der Festnah-

haben. 25 me Hildebrands und ein Aufruf, sich

Die überregionale Ausrichtung der mit Angaben über das Verhalten des

Zentralkomitees bildete zugleich das Beschuldigten in Borys¥aw und Dro-

Fundament für eine systematische Zeu- hobycz bei der Gemeinde in Bremen

gensuche. Durch die ihnen angeschlos- 28 zu melden. In den Monaten zuvor senen Komitees in den einzelnen DP- hatte Wollheim an dieselben Adressaten

Camps – in der US-amerikanischen u. a. Zeugengesuche der Kriminalpoli-

Zone existierten zudem Orts- und Re- zei Braunschweig und der Oberstaats-

gionalkomitees –26 29 konnten sie die jüdi- anwaltschaft Hamburg weitergeleitet.

schen DPs zonenweit erreichen. Hinzu Das Generalsekretariat veröffent-

kam die personelle wie die zeitweise lichte Gesuche im DP-Camp Bergen-

institutionelle Vernetzung des Bergen- Belsen über Aushänge und übermittelte

Belsener Zentralkomitees mit den jü- sie an die weiteren jüdischen Komitees

EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 83

 

in der britischen Zone.30 Nicht in allen Zeugensuche beider Zentralkomitees.

Fällen konnten Zeuginnen oder Zeugen Hierbei agierten sie zum Teil unver-

ausfindig gemacht werden, etwa wenn bunden nebeneinander, so etwa in dem

es kaum oder gar keine Überlebenden oben angeführten Fall Adolf Rübe. An

gab.31 Der Aufruf zu Martin Weiss war den Ermittlungen gegen Rübe war ab

jedoch erfolgreich. Im Juli 1949 wurden September 1947 das Münchener Zen-

vier eidesstattliche Erklärungen von im tralkomitee ebenfalls beteiligt, nachdem

DP-Camp Bergen-Belsen lebenden Ju- sich der Öffentliche Kläger bei der

den aufgenommen. Sie bezeugten, dass Spruchkammer Karlsruhe dorthin ge-

Weiss im Ghetto Wilna Jüdinnen und 36 wandt hatte. Juden erschossen und Vernichtungs- Vielfach arbeiteten beide Zentralko-

transporte in Richtung Ponary zusam- mitees jedoch zusammen und stimmten

mengestellt habe. 32 In einem Wald nahe sich miteinander ab. Zu diesen Fällen

dem südlich von Wilna gelegenen Ort gehörten die Ermittlungen gegen Mar-

wurden unter Beteiligung von Weiss tin Weiss. Die beiden Zentralkomitees

Zehntausende Jüdinnen und Juden er- korrespondierten über die vier eides-

mordet.33 stattlichen Aussagen der DPs aus dem

Auch für das Kriegsverbrecherrefe- Camp Bergen-Belsen und bereiteten

rat im Münchener Zentralkomitee bil- eine dortige richterliche Vernehmung

deten die jüdischen Komitees in der der Zeugen vor. Dazu wandte sich das

US-amerikanischen Zone eine zentrale, Kriegsverbrecherreferat des Münchener

häufig ertragreiche Anlaufstelle bei der Zentralkomitees Anfang August 1949

Verbreitung von Zeugengesuchen. So noch einmal an das in Bergen-Belsen

meldete sich z. B. Mosche Backenroth ansässige Generalsekretariat des Zen-

aus Borys¥aw im Juli 1947 beim jüdi- tralkomitees in der britischen Zone:

schen Komitee Schwäbisch Hall und »Wir bitten Sie zu veranlassen, dass die sagte dort gegen frühere Angehörige infrage kommenden Zeugen zu dem

der Schutzpolizei Borys¥aw aus, die wie oben genannten Termin sich unter allen

Hildebrand zu den Tätern in Ostgali- Umständen zur Vernehmung durch den

zien gehörten.34 Gegen sie wurde Ende Staatsanwalt bereit halten und bitten Sie

der 1940er-Jahre durch sowjetische Mi- ferner, dem Herrn Staatsanwalt HESS

litärbehörden in Österreich ermittelt. Ihre volle Unterstützung angedeihen zu

Backenroth bezeugte u. a. Tötungsver- 37 lassen.«

brechen, die von den ehemaligen Poli- Während das Kriegsverbrecherrefe-

zisten Ferdinand Neumayer und Josef rat in den Untersuchungen gegen Weiss

Pöll begangen worden seien. Weitere federführend agierte, sind die Ermitt-

Zeuginnen und Zeugen wurden direkt lungen gegen den ehemaligen Gestapo-

im Büro des Münchener Zentralkomi- beamten Willi Tuchel ein Beispiel für

tees vorstellig.35 eine vom Zentralkomitee in der briti-

schen Zone initiierte und koordinierte

 

Zusammenarbeit und Nutzung Zeugensuche. Sie erfolgte kurz nach

von Öffentlichkeit den Vernehmungen von Zeugen gegen

Weiss. Die Zeuginnen und Zeugen, die

Ähnliche Opfergruppen, Tatorte, Ar- Wollheim der Oberstaatsanwaltschaft

beitsweisen und Adressaten führten beim Landgericht Lübeck vermitteln

mehrfach zu Überschneidungen in der konnte, lebten in der britischen und

84 NADINE JENKE

 

in der US-amerikanischen Zone, aber verfolgung war wesentlich durch ihre

auch in Australien und in den 38 USA . Mitkonstituierung und Teilhabe an Hierfür hatte Wollheim Ende August Netzwerken ehemals als jüdisch, aber

1949 sowohl an das Generalsekreta- auch als politisch Verfolgter in der

riat in Bergen-Belsen – das in der Nachkriegszeit bedingt. Die Netzwer-

Regel die Information der regionalen ke waren transzonal und staatenüber-

jüdischen Komitees übernahm – als greifend, verbands- und personenbe-

auch an das Münchener Zentralkomi- zogene Austauschbeziehungen gingen

tee geschrieben: »Wir wären Euch zu ineinander über.

grossem Dank verbunden, wenn Ihr Neben den oben genannten Zeitun-

durch zweckentsprechende Publikati- gen wandte sich Wollheim regelmäßig

onen auch in den Lagern dafür Sorge an die »Neue Welt. Eine Wochenschrift

tragen könntet, dass das Ersuchen der der befreiten Juden« in München bzw.

Oberstaatsanwaltschaft in Lübeck Be- deren Gründer und Herausgeber Ernest

achtung findet.« 39 44 Durch die Addition Landau. Der KZ-Überlebende hatte

ihrer jeweiligen Organisationsressour- nach Kriegsende seine Tätigkeit als Jour-

cen konnten sie die Reichweite ihrer nalist wieder aufgenommen und war

Suchaufrufe erhöhen. zeitweise auch beim Münchener Zen-

Parallel hatte Wollheim Mitteilun- 45 tralkomitee angestellt. Häufige Funkti-

gen zur Veröffentlichung an die Redak- onswechsel und -überlagerungen wie bei

tionen des »Jüdisches Gemeindeblatts« Landau trugen zur Konstituierung ver-

in Düsseldorf und des »Wegs« in Berlin flochtener Kontakte insbesondere zwi-

geschickt.40 Im Oktober 1949 erschien schen zuvor als jüdisch Verfolgten bei.

im »Aufbau« zudem eine Meldung zur Hier spielte hinein, dass NS-Verfolgte in

Suche nach Zeugenaussagen gegen Tu- der Nachkriegszeit verstärkt (wenn auch

chel.41 Die Einbindung jüdischer Pres- vielfach nur vorübergehend) öffentli-

seorgane durch Wollheim hatte sich zu che Ämter besetzten. Zu ihnen zähl-

diesem Zeitpunkt bereits fest etabliert. ten Philipp Auerbach und Hendrik G.

Das Münchener Kriegsverbrecherrefe- van Dam. An Auerbach hatte Woll-

rat verfuhr ähnlich; es veröffentlichte heim sein Schreiben Ende August 1949

Gesuche insbesondere in der verbands- bezüglich der Recherchen zu Tuchel

eigenen Publikation »Undzer Veg«, 46 ebenfalls adressiert. Der als jüdisch

aber auch im »Aufbau«. Dort erschien Verfolgte Auerbach hatte wie Wollheim

am 24. November 1950 ein Aufruf, in das KZ Auschwitz überlebt und war dem Zeugen gegen Friedrich Hilde- dessen Vorgänger in der Leitung des

brand gesucht wurden.42 Die Nutzung Zentralausschusses bzw. Rates der Jü-

der jüdischen Presse erwies sich für dischen Gemeinden in der Britischen

beide Verbände verfahrensübergreifend Zone Deutschlands. Ab Oktober 1946

als ein wirkungsvoller Verbreitungs- war Auerbach als Staatskommissar für

kanal. 43 rassisch, religiös und politisch Verfolg-

te (ab November 1948: Generalanwalt

 

Ausbau der Netzwerke der rassisch, religiös und politisch Ver-

 

und Kettenreaktionen missarischer Präsident des Bayerischen folgten; ein Jahr später wurde er kom-

Das wirkungsvolle Engagement der Landesentschädigungsamtes) in Bayern

beiden Zentralkomitees in der Straf- tätig. In dieser Funktion war er in die

EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 85

 

Fürsorge für DPs unmittelbar eingebun- Zentralkomitee waren dies etwa die

den, dehnte seine Tätigkeit aber auch in Jüdischen Historischen Dokumentati-

den Bereich der Entnazifizierung bzw. onen (JHD) in Wien und Linz. Deren

Strafverfolgung aus. 47 Er stand sowohl Leiter, die ehemaligen NS-Verfolgten

mit Wollheim, mit dem er ab 1950 Tuviah Friedman und Simon Wie-

dem Direktorium des Zentralrats der Ju- senthal, entfalteten in den Nachkriegs-

den in Deutschland angehörte, als auch jahren ebenfalls intensive Aktivitäten

mit dem Münchener Zentralkomitee in 50 in der Strafverfolgung. So sandte das

engem Austausch. Kriegsverbrecherreferat des Münche-

Der jüdische Emigrant Hendrik G. ner Zentralkomitees die oben genann-

van Dam, Legal Adviser der Jewish ten eidesstattlichen Erklärungen zu

Relief Unit in der britischen Zone, ab Ferdinand Neumayer, Josef Pöll und

1947 zugleich Rechtsberater des Zen- weiteren ehemaligen Angehörigen der

tralkomitees in der britischen Zone und Schutzpolizei Borys¥aw an die JHD ab 1950 erster Generalsekretär des Zen- in Wien. Im September 1948 reagierte

tralrats der Juden in Deutschland, kor- es auf einen Aufruf der JHD in Linz

respondierte mit Wollheim regelmäßig zum Sammeln von Belastungsmaterial

zu Fragen der rechtlichen Beurteilung gegen den ehemaligen Lagerführer der

von Verfahrensabläufen und -ergeb- nationalsozialistischen »Umsiedlungs-

nissen. Jener wandte sich aber auch lager« Waldhorst und Kirchberg bei

an van Dam, wenn er Unterstützung Litzmannstadt Eugen Heil und über-

bei der Initiierung von Ermittlungen mittelte eine eidesstattliche Erklärung bzw. Prozessen benötigte. So lagen, 51 von Sigmund Zoltowksi. Zoltowksi

mitinitiiert durch das Bergen-Belsener hatte in Waldhorst Zwangsarbeit leis-

Zentralkomitee, im Herbst 1947 belas- ten müssen und sich auf den vom

tende Aussagen gegen Adolf Rübe vor. Münchener Zentralkomitee weiterge-

Überlebende des Ghettos Minsk hatten leiteten Linzer Aufruf bei der Jüdischen

sich u. a. bei den Jüdischen Gemein- Gemeinde Amberg in der Oberpfalz

den Bremen und Düsseldorf gemeldet.48 52 gemeldet. Er beruhte wiederum auf

Dies veranlasste Wollheim dazu, ne- einem entsprechenden Suchaufruf im

ben dem zu diesem Zeitpunkt laufen- »Such- und Warnblatt« des Staatskom-

den Spruchkammerverfahren auch eine missariats für rassisch, religiös und

strafrechtliche Verfolgung von Rübe politisch Verfolgte, also der Dienststel-

einzufordern. Er bat van Dam, in seiner le Philipp Auerbachs. Die JHD in Linz Funktion als Legal Adviser im Sep- sandte Zoltowskis Aussage schließlich

tember 1947 bei der Generalstaatsan- an die Lagerspruchkammer in Ham-

waltschaft Karlsruhe entsprechend zu 53 melburg in Unterfranken.

intervenieren.49 Der Suchaufruf des Staatskommis-

Dies sind nur einige Beispiele für die sariats war somit per Schneeballprin-

personellen Netzwerke und die damit zip erfolgreich verbreitet worden. Der

einhergehende Aktivierung weiterer Weg zeugt von dem dichten Netz,

Kontakte durch Vertreter der Verbän- über das die zeitgenössischen jüdischen

de, in deren Zuge beide Zentralkomi- Vertretungen in der Zeugensuche im

tees mit anderen Vertretungen ehemals Zusammenspiel inzwischen verfügten.

als jüdisch Verfolgter immer wieder im Wie bereits die Amtsbezeichnung Au-

Austausch standen. Beim Münchener erbachs anzeigt, bestanden zudem enge 86 NADINE JENKE

 

Verquickungen beider Zentralkomitees der US-amerikanischen Zone durch

mit Verbänden ehemals politisch Ver- ihre Zeugensuche aktiv beteiligt. Auch

folgter bzw. (zunächst) verfolgtengrup- an Schuldsprüchen im Rahmen von

penübergreifend ausgerichteten Vertre- Spruchkammeruntersuchungen und an

tungen. Dazu zählten insbesondere der alliierten, ostdeutschen oder österrei-

Landesausschuss der politisch Verfolg- chischen Verfahren hatten sie Anteil.

ten in München, das Hauptamt »Op- Neumayer und Pöll z. B., zu deren Tä-

fer des Faschismus« in Berlin und die tigkeit als Schutzpolizisten in Borys¥aw

verschiedenen regionalen oder lokalen das Kriegsverbrecherreferat belastende

Vertretungen der Vereinigung der Ver- Aussagen an die JHD in Wien weiterge-folgten des Naziregimes (VVN) in den geben hatte, wurden 1948 und 1949 von

vier Besatzungszonen und in Berlin. So sowjetischen Militärgerichten zu langen

wandte sich das Münchener Zentralko- Freiheits- bzw. Zwangsarbeitsstrafen

mitee in der Zeugen suche gegen Adolf 59 verurteilt. Rübe u. a. an den Landesausschuss, der Es gelang den beiden Zentralkomi-

wiederrum über das Komitee ehemali- tees im Zusammenwirken mit anderen

ger politischer Gefangener (Mitbegrün- ehemaligen NS-Verfolgten bzw. ihren

der der VVN und deren Hamburger Vertretungen, durch die Nutzung und Vertretung) Zeugen ausfindig machen sukzessive Verdichtung wechselsei-

konnte.54 Auch die Zusammenarbeit tiger Austauschbeziehungen zu einer

mit den Verbänden ehemals politisch Schließung der Lücke einer systemati-

Verfolgter erfolgte in beide Richtungen. schen Strafverfolgung insbesondere in

Wiederholt sandte z. B. das Kriegsver- der britischen und der US-amerika-

brecherreferat an die Lagerspruchkam- nischen Zone Deutschlands beizutra-

mer Regensburg eidesstattliche Erklä- gen, die angesichts u. a. noch instabiler

rungen, die »auf Grund der Broschuere Justizstrukturen und nicht gefestigter

der VVN [aufgenommen]« worden sei- behördlicher Aufgabenverteilungen be-

en.55 stand. Die noch im Aufbau begriffene

Verwaltung der Nachkriegszeit eröff-

 

Akteurinnen und Akteure auf Zeit nete ihnen dabei zugleich einen erwei-

terten Handlungsspielraum: Durch den

Am 3. Februar 1950 verurteilte das eigenen Ressourcenvorteil, ihre Orga-

Landgericht Würzburg Martin Weiss nisationsstrukturen und sich rasch eta-zu einer lebenslangen Haftstrafe. Der blierende Netzwerke wurden sie zu

Urteilsspruch beruhte wesentlich auf wichtigen Ansprechpartnern der deut-

den Aussagen der Zeuginnen und Zeu- schen und alliierten Ermittlungsstellen.

gen, darunter jener vier Männer, die Das Handeln der Verbände wurde

im DP-Camp Bergen-Belsen richter- von den Verfolgungserfahrungen von

lich vernommen worden waren.56 Das Jüdinnen und Juden während des Na-

gleiche Strafmaß verhängte das Land- tionalsozialismus sowie der Vertretung

gericht Karlsruhe gegen Adolf Rübe.57 ihrer Interessen nach Kriegsende ge-

Friedrich Hildebrand wurde 1953 vom leitet, nicht von territorialen Grenz-

Landgericht Bremen zu acht Jahren ziehungen. Hierdurch prägten sie eine

Haft verurteilt.58 An allen drei Ver- frühe grenzüberschreitende justizielle

fahren waren die Zentralkomitees der Ahndung von NS-Verbrechen wesent-befreiten Juden in der britischen und lich mit. Gleichzeitig wurden sie EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 87

 

grund der Netzwerke, in denen sie sich sich im Dezember 1950 (München)

bewegten, zu – auch administrativen – bzw. August 1951 (Bergen-Belsen) auf,

Brückenbauern zwischen den mannig- zentrale Akteure wie Josef Rywosch

faltigen Akteurinnen und Akteuren der oder Norbert Wollheim sahen ihre

Strafverfolgung. eigene Lebensperspektive außerhalb

Gleichwohl hatte die Zeugensuche 62 Deutschlands und verließen das Land.

der beiden Zentralkomitees Grenzen. Schließlich wurde es mit zunehmendem

Während sie zu Verbrechen in Ghet- zeitlichem Abstand für die Überleben-

tos vielfach tatrelevante Aussagen in den auch schwieriger, NS-Täter zwei-

die Verfahren einbringen konnten, felsfrei wiederzuerkennen. So reichte blieben ihre Zeugenaufrufe etwa zu den Ermittlungsbehörden im Fall der

SS-Wachmannschaften in Konzentra- Untersuchungen gegen Willi Tuchel

tionslagern wiederholt erfolglos – die die »mit ziemlich grosser Sicherheit«

Namen dieser SS-Angehörigen waren erfolgte Identifizierung Tuchels durch weniger bekannt, ihre Taten schwe- mehrere Zeuginnen und Zeugen, die in

rer konkret zu benennen und z. B. im ihm einen ehemaligen gleichnamigen im

DP-Camp Bergen-Belsen lebten mit Ghetto Riga tätigen Gestapoangehöri-

der Zeit zunehmend Menschen mit 63 gen erkannten, nicht aus. Interventio-Verfolgungserfahrungen außerhalb der 64 nen Wollheims blieben erfolglos.

Konzentrationslager. 60 Zudem standen Zunehmend lauter werdende Am-

NS-Verfolgte wie die genannten ortho- nestiewünsche in der jungen Bundes-

doxen Jüdinnen und Juden weitgehend republik und das »Straffreiheitsgesetz«

außerhalb dieser Netzwerke. Dies traf 65 von Dezember 1949 bewirkten zu-

ebenso auf weitere (heterogene) Grup- dem, dass Ermittlungen wegen Tuchels

pen wie die der sogenannten »Asozia- Zugehörigkeit zur SS aufgrund einer

len« zu, die nach Kriegsende fortgesetzt zu erwartenden niedrigen Strafe einge-

marginalisiert wurden. Hinzu kam der 66 stellt wurden. Ebenso wurden die ihm

Faktor Zeit: Ende der 1940er-Jahre vorgeworfenen Verbrechen im Zusam-

mussten die zuständigen Abteilungen menhang mit seiner Tätigkeit als Krimi-

der Zentralkomitees verstärkt an Er- nalsekretär der Stapo-Leitstelle Danzig

mittlungsstellen melden, dass Zeugin- in den 1930er-Jahren als rechtlich nicht

nen und Zeugen nur noch kurzzeitig 67 mehr verfolgbar angesehen.

oder gar nicht mehr zur Verfügung

 

ständen. Einige der Jüdinnen und Ju- Fazit den, die etwa gegen Adolf Rübe im

Spruchkammerverfahren ausgesagt hat- So ausdifferenziert und so professiona-

ten, waren zum Zeitpunkt der staatsan- lisiert die Ermittlungsnetzwerke der NS-waltschaftlichen Ermittlungen bereits Verfolgten in der Nachkriegszeit auch

ausgewandert und daher nur schwer waren, so sehr war ihre Handlungsreich-

oder nicht mehr erreichbar, andere hat- weite maßgeblich von dem Strafver-

ten im Zuge persönlicher Neuanfänge folgungswillen deutscher wie alliierter

die eigenen Prioritäten verschoben.61 Stellen abhängig und insgesamt in den

Auch die Verbände selbst hatten ihre zeitgenössischen gesellschafts politischen

Hauptanliegen – Betreuung der DPs Kontexten verhaftet und damit limitiert.

und Unterstützung bei der Emigra- Letztere wirkten sich unmittelbar auf

tion – weitgehend erfüllt. Sie lösten die Akteurinnen und Akteure selbst aus: 88 NADINE JENKE

 

Die Strafverfolgungsinitiativen der Jü- zunehmend antikommunistischen Kli-

dischen Historischen Dokumentationen ma isoliert und in der DDR aufge-in Wien und Linz blieben zunehmend 72 löst. All diese Faktoren bewirkten in

fruchtlos. »Nichts wollte mehr recht der Bundesrepublik der 1950er-Jahre,

vorangehen«, beschrieb Simon Wie- dass die noch existierenden Überleben-

senthal rückblickend die zeitgenössische denverbände bestehende Lücken in der

Situation, in der der Ost-West-Konflikt Strafverfolgung nicht mehr schließen

in den Vordergrund rückte.68 Tuviah konnten.

Friedman erinnerte sich daran, dass in Die eidesstattlichen Aussagen, die

der Strafverfolgung von NS-Verbre- etwa die beiden Zentralkomitees in

chen engagierte Polizisten der Wiener großem Umfang gesammelt hatten,

Staatspolizei auf andere Stellen versetzt kamen indes in späteren Ermittlun-

worden seien und seine Einflussmög- gen noch zum Einsatz. Als in den

lichkeiten auf die Ermittlungen stetig 1960er-Jahren erneut Untersuchun-

gesunken seien: »New faces appeared gen gegen Friedrich Hildebrand liefen,

across familiar desks. They smiled at me, griff Simon Wiesenthal auf die alten

but their hands were folded, tightly.«69 73 Akten zurück. Er hatte mittlerweile

Wiesenthal und Friedman schlossen ihre in Wien ein neues Dokumentations-

Dokumentationszentren in der ersten zentrum gegründet und nutzte in der

Hälfte der 1950er-Jahre.70 Auerbach Ermittlungsarbeit bewährte Methoden

geriet in eine politische Affäre, in de- 74 wie Vernetzung und Austausch. 1967

ren Folge er Selbstmord beging.71 Kon- verurteilte das Landgericht Bremen

flikte zwischen als politisch Verfolgten Hildebrand schließlich zu lebenslanger

vertieften sich und führten zu Abspal- Haft, aus der er allerdings bereits Mitte

tungen von der VVN, die Vereinigung der 1970er-Jahre aus gesundheitlichen

wurde in der Bundesrepublik in einem 75 Gründen entlassen wurde.

 

Anmerkungen

 

1 Vgl. Urteil des Landgerichts Bremen eines staatlichen Massenverbrechens,

gegen Friedrich Hildebrand, 6.5.1953, München 1997, S. 388; Edith Raim: Jus-

3 Ks 1/53, S. 667; das Urteil ist ab- tiz zwischen Diktatur und Demokratie.

gedruckt in Christiaan Frederik Rü- Wiederaufbau und Ahndung von NS-

ter / Dick W. De Mildt (Bearb.): Justiz Verbrechen in Westdeutschland 1945-

und NS-Verbrechen. Sammlung deut- 1949, München 2013, S. 1142-1146.

scher Strafurteile wegen nationalsozia- 3 Auf das Zentralkomitee der befreiten

listischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Juden in der französischen Besatzungs-

Bd. 10: Die vom 06.07.1952 bis zum zone Deutschlands, das im Vergleich zu

17.06.1953 ergangenen Strafurteile. Lfd. den anderen beiden westlichen Sektoren

Nr. 323-359, Amsterdam 1973, S. 661- eine deutlich geringere Zahl an Jüdinnen

703 (lfd. Nr. 355), https://junsv.nl/west und Juden vertrat, wird an dieser Stelle

deutsche-gerichtsentscheidungen, Zu- nicht näher eingegangen. Vgl. Angelika

griff: 2.3.2022. Königseder / Juliane Wetzel: Lebensmut

2 Vgl. Dieter Pohl: Nationalsozialistische im Wartesaal. Die jüdischen DPs (Dis-

Judenverfolgung in Ostgalizien 1941- placed Persons) im Nachkriegsdeutsch-

1944. Organisation und Durchführung land, Frankfurt am Main 1994, S. 81.

EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 89

 

Nachweisen lässt sich ebenfalls ein Zen- legungen. Displaced Persons. Leben im

tralkomitee der befreiten Juden in Ober- Transit: Überlebende zwischen Repat-

österreich (vgl. Korrespondenzen dieses riierung, Rehabilitation und Neuanfang,

Zentralkomitees, Wiener Wiesenthal In- Göttingen 2014, S. 61-72, hier S. 67 f.; Kö-

stitut für Holocaust-Studien – Simon nigseder/Wetzel (Anm. 3), S. 90 f.

Wiesenthal Archive [VWI-SWA], I.1., 9 Vgl. zu den Zahlen Hagit Lavsky: New

Falldossier Jüdische Historische Doku- Beginnings. Holocaust Survivors in Ber-

mentation). gen-Belsen and the British Zone in Ger-

4 Vgl. zu den verschiedenen Abteilungen many, 1945-1950, Detroit 2002, S. 27-

der beiden Zentralkomitees u. a. Juli- 33; Atina Grossmann: Juden, Deutsche,

ane Wetzel: Die Selbstverwaltung der Alliierte. Begegnungen im besetzten

Sche’erit Haplejtah. Das Zentralkomi- Deutschland, Göttingen 2012, S. 218 f.

tee der befreiten Juden in Bergen-Belsen 10 Vgl. Wetzel (Anm. 4), S. 49 f. Siehe hier-

1945-1951, in: Herbert Obenaus (Hg.): zu auch den Aufsatz »›Die Spuren der

Im Schatten des Holocaust. Jüdisches Sklavenherrschaft abgeworfen‹: Jüdische

Leben in Niedersachsen nach 1945, Han- Selbstorganisation in der britisch besetz-

nover 1997, S. 43-54, hier S. 52. ten Zone Deutschlands« von Lennart

5 Vgl. Königseder/Wetzel (Anm. 3), S. 85- Onken in diesem Heft.

87. 11 Vgl. Hagit Lavsky: Die Anfänge der

6 Vgl. ebd., S. 81-85; Yehuda Bauer: The Landesverbände der jüdischen Gemein-

Initial Organization of the Holocaust den in der britischen Zone, in: Obenaus

Survivors in Bavaria, in: Yad Vashem (Anm. 4), S. 199-234, hier S. 214-232.

Studies on the European Jewish Catas- 12 Vgl. Anke Quast: Nach der Befreiung.

trophe and Resistance 8 (1970), S. 127-157. Jüdische Gemeinden in Niedersachsen

7 Vgl. Satzung des Verbands der befreiten seit 1945 – das Beispiel Hannover, Göt-

Juden in der US-amerikanischen Be- tingen 2001, S. 173-179, 202-204. Zur

satzungszone, nicht dat., Bayerisches britischen Besatzungspolitik gegenüber

Hauptstaatsarchiv, München (Bay HStA), der jüdischen Bevölkerung vgl. Lavsky:

Staatskommissar für rassisch, religiös New Beginnings (Anm. 9), S. 51-55.

und politisch Verfolgte, Nr. 73 (zu Sat- 13 Vgl. Korrespondenzakte T/D-707 027 zu

zungsanpassungen nach Intervention Josef Rywosch, 10.5.1913, Arolsen Ar-

der US-amerikanischen Besatzungs- chives, Bad Arolsen, 6.3.3.2/104641468.

macht vgl. Königseder/Wetzel [Anm. 3], 14 Vgl. Tätigkeitsbericht der Juristischen

S. 89-91); Organisationsübersicht des Abteilung für das Jahr 1947, 12.1.1948,

Zentralkomitees der befreiten Juden in Institute for Jewish Research, New

der britischen Zone, nicht dat. [1947], York (YIVO), RG 294.2, Folder 43.

Zentralarchiv zur Erforschung der Ge- 15 Vgl. ebd.

schichte der Juden in Deutschland, Hei- 16 Vgl. Korrespondenzakte T/D-496 680

delberg (ZA), B. 1/28, Nr. 42. Der Be- zu Ludwig Zajf, 22.6.1906, Arolsen Ar-

griff »Jude« bzw. »Jüdin« bezieht sich chives, 6.3.3.2/101125053.

im Folgenden auf Menschen, die im 17 Vgl. Entwurf des Berichtes der Juris-

Nationalsozialismus und in der Nach- tischen Abteilung des Zentralkomi-

kriegszeit als »jüdisch« verfolgt wurden, tees der befreiten Juden in der briti-

unabhängig davon, ob sie das Judentum schen Besatzungszone für den Zeitraum

aktiv praktizierten. Vgl. hierzu zuletzt 1.12.1946-31.10.1947, nicht dat., ZA,

Stefan Hellmuth: Der Neubeginn jüdi- B. 1/28, Nr. 12.

schen Lebens nach 1945 in den westli- 18 Vgl. Quast (Anm. 12), S. 177-180.

chen Besatzungszonen und der Bundes- 19 So sagte Norbert Wollheim u. a. am

republik, in: Jörg Ganzenmüller (Hg.): 3. Juni 1947 im Nürnberger I. G.-Farben

Jüdisches Leben in Deutschland und Prozess aus (vgl. Nürnberger Doku-

Europa nach der Shoah. Neubeginn – ment, NI-9807). Ebenfalls trat er als

Konsolidierung – Ausgrenzung, Köln Zeuge im Hamburger Schwurgerichts-

2020, S. 23-46. verfahren gegen den Regisseur Veit Har-

8 Vgl. Thomas Rahe: Polnische und jüdi- lan im Jahr 1949 auf. Das Verfahren en-

sche Displaced Persons im DP-Camp dete mit einem Freispruch. Nach Revi-

Bergen-Belsen, in: Rebecca Boehling / Su- sion und Aufhebung des Urteils kam es

sanne Urban / René Bienert (Hg.): Frei- im Jahr 1950 zu einer Neuverhandlung,

90 NADINE JENKE

 

an der teilzunehmen sich Wollheim wei- 23 Vgl. Wieder ein Kriegsverbrecher gefasst,

gerte, da er die Objektivität des Gerichts in: Aufbau, 15. Jg., Nr. 25, 24.6.1949,

anzweifelte (vgl. Werner Bergmann: An- S. 40. Vgl. entsprechend auch einen Be-

tisemitismus in öffentlichen Konflikten. richt des Bayerischen Landesamtes für

Kollektives Lernen in der politischen Wiedergutmachung – Der Generalanwalt

Kultur der Bundesrepublik 1949-1989, der rassisch, religiös und politisch Ver-

Frankfurt am Main 1997, S. 89-97). Zu folgten, 27.6.1949, BayHStA, Staatskom-

der Klage gegen die IG Farbenindus- missar für rassisch, religiös und politisch

trie AG i. L. vgl. Wolfgang Benz: Deut- Verfolgte, Nr. 56 c.

sche Juden im 20. Jahrhundert, Mün- 24 Vgl. Korrespondenzakte T/D-707 027

chen 2011, S. 150-181. zu Josef Rywosch, 10.5.1913, Arolsen

20 Vgl. u. a. Schreiben von Norbert Woll- Archives, 6.3.3.2/104641468.

heim an den Rechtsanwalt Albert 25 Vgl. Andreas Eichmüller: Keine Ge-

Daltrop, 31.8.1947, ZA, B. 1/28, Nr. 149. neralamnestie. Die Strafverfolgung von

Darin bedankte sich Wollheim für die NS-Verbrechen in der frühen Bundes-

Zusendung einer Übersicht über im Sep- republik, München 2012, S. 286 f.

tember 1947 stattfindende Verfahren 26 Vgl. Bestätigung des Staatskommissa-

vor den Spruchkammern in Bielefeld: riats für rassisch, religiös und politisch

»Wir sind an einem solchen Überblick Verfolgte an das Zentralkomitee der be-

umsomehr [sic!] interessiert, als wir freiten Juden in der US-amerikanischen

über zuverlässiges Material, hinsicht- Besatzungszone über die Regelung von

lich der mangelnden Ernsthaftigkeit von Zuständigkeiten und die Form der Zu-

Spruchkammern, die Naziverbrecher sammenarbeit, 10.3.1947, Abschrift,

voll zur Verantwortung zu ziehen, ver- BayHStA, Staatskommissar für rassisch,

fügen wollen.« religiös und politisch Verfolgte, Nr. 73.

21 Vgl. u. a. entsprechende Schriftwechsel Vgl. z. B. zur Gründung und Tätig-

von Norbert Wollheim mit deutschen keit des Regional Committee of Liber-

Justizstellen sowie mit der Polish War ated Jews in Franken Jim G. Tobias:

Crimes Mission in Lübeck, ZA, B. 1/7, Vo rübergehende Heimat im Land der

Nr. 853. Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 22 Vgl. u. a. Schreiben des Kriminalamtes 1945-1949, Nürnberg 2002, S. 31-41.

der Polizei Hamburg an Norbert Woll- 27 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim

heim, 8.11.1950, ZA, B. 1/7, Nr. 853. an die Vorsitzenden der Jüdischen Ge-

In dem Schreiben wurde Wollheim ge- meinden in Bremen, Dortmund, Düs-

beten, für das Strafverfahren gegen den seldorf, Hamburg, Hannover, Kiel und

ehemaligen Blockältesten Adolf Eichner Köln, 30.7.1947, Archiv der Gedenk-

im Außenlager Görlitz des KZ Groß- stätte Bergen-Belsen, BA, Nr. 64 (Kopie

Rosen »durch einen entsprechenden von: United States Holocaust Memor-

Vermerk in Ihren Mitteilungsblättern ial Museum, Norbert Wollheim Papers,

und Benachrichtigung der in Frage 1999.A.0031, RG-80.000). Auch die-

kommenden DP-Läger eine Aufforde- se Verhaftung ging auf eine (mehrma-

rung an die Zeugen zu richten, die lige) Intervention eines ehemaligen NS-

sachdienliche Angaben machen könn- Verfolgten zurück (vgl. Fernschreiben

ten, ihre Anschrift obiger Dienststelle Nr. 287 der Spezialabteilung Frankfurt

mitzuteilen bezw. sich direkt an den [Main] an die Kriminalpolizei Karls-

Herrn Untersuchungsrichter zu wen- ruhe, 31.1.1947, Generallandesarchiv

den«. Eichner wurde im Jahr 1951 zu Karlsruhe [GLAK], 465 h, Nr. 10385).

6 Jahren Haft verurteilt. Vgl. Urteil 28 Schreiben von Norbert Wollheim an

des Landgerichts Hamburg gegen Adolf die Vorsitzenden der Jüdischen Gemein-

Eichner, 6.11.1951, (50) 13/51; das Ur- den in Bremen, Dortmund, Düsseldorf,

teil ist abgedruckt in Rüter / De Mildt Hamburg, Hannover, Kiel und Köln,

(Anm. 1), Bd. 8: Die vom 13.12.1950 bis 1.11.1950, ZA, B. 1/7, Nr. 853. Vgl. zu

zum 07.11.1951 ergangenen Strafurtei- den weiteren Funktionen Hildebrands

le. Lfd. Nr. 260-298, Amsterdam 1972, u. a. Thomas Sandkühler: »Endlösung«

S. 801-812 (lfd. Nr. 297), https://junsv. in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen

nl/westdeutsche-gerichtsentscheidun und die Rettungsinitiativen von Bert-

gen, Zugriff: 20.4.2022. hold Beitz 1941-1944, Bonn 1996, S. 432.

EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 91

 

29 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim chungsrichter beim Landgericht Ham-

an die Vorsitzenden der Jüdischen Ge- burg Heinz Voigt, 1.6.1950, ZA, B. 1/28,

meinden in Bremen, Dortmund, Düs- Nr. 42.

seldorf, Hamburg, Hannover, Kiel 39 Schreiben von Norbert Wollheim an

und Köln, 13.4.1950 u. 21.6.1950, ZA, die Zentralkomitees der befreiten Juden

B. 1/28, Nr. 42. in der britischen und der US-amerika-30 Vgl. Zeugenaufruf betreffend Mar- nischen Besatzungszone und an Phi-

tin Weiss, nicht dat., Durchschlag, ZA, lipp Auerbach, 24.8.1949, ZA, B. 1/28,

B. 1/28, Nr. 35. Nr. 42. 31 Vgl. z. B. Schreiben von Ludwig Zajf 40 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim

an die Polish War Crimes Mission, an das »Jüdische Gemeindeblatt« und

13.7.1949, ZA, B. 1/28, Nr. 35. den »Weg«, 24.8.1949, ZA, B. 1/28, 32 Vgl. die eidesstattlichen Erklärungen Nr. 42.

von Lazar Duszenat, Zelman Sosne, 41 Vgl. Zeugen gesucht, in: Aufbau, 15. Jg.,

Abraham Jerosolinski und Mendel Nr. 42, 21.10.1949, S. 29.

Tarle, 3.7.1949 (Duszenat und Sosne), 42 Vgl. Zeugen gesucht, in: Aufbau, 16. Jg.,

10.7.1949 (Jerosolinski) und 22.7.1949 Nr. 47, 24.11.1950, S. 30.

(Tarle), ZA, B. 1/28, Nr. 35. 43 Vgl. u. a. Schreiben von Norbert Woll-

33 Vgl. Urteil des Landgerichts Würz- heim an den Oberstaatsanwalt beim

burg gegen Martin Weiss, 3.2.1950, Landgericht Stade, 18.12.1949, ZA,

Ks 15/49; das Urteil ist abgedruckt in B. 1/7, Nr. 853. Darin leitet Wollheim

Rüter / De Mildt (Anm. 1), Bd. 6: Die eine Aussage gegen Otto Hoppe, ehe-

vom 21.12.1949 bis zum 18.07.1950 er- maliger Angehöriger u. a. der Komman-

gangenen Strafurteile. Lfd. Nr. 191-224, danturstäbe der Konzentrationslager

Amsterdam 1971, S. 71-91 (lfd. Nr. 192), Buchenwald und Stutthof, weiter, die

S. 78 f., https://junsv.nl/westdeutsche-ge infolge eines Suchaufrufs im »Weg« ein-

richtsentscheidungen, Zugriff: 2.3.2022. gegangen sei. 34 Vgl. eidesstattliche Erklärung von Mo- 44 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim

sche Backenroth, 22.7.1947, abgedruckt an Ernest Landau, 18.12.1947, ZA,

in Tuviah Friedman (Hg.): Schupo- B. 1/28, Nr. 210.

Kriegsverbrecher vor dem Wiener Volks- 45 Vgl. die Liste der Mitarbeiterinnen und

gericht: Schutzpolizei Dienstabteilung in Mitarbeiter des Zentralkomitees der be-

Borys¥aw. Dokumentensammlung, Haifa freiten Juden in der US-amerikanischen

1995, o. Pag. Besatzungszone, 27.8.1947, YIVO, RG 35 Vgl. u. a. eidesstattliche Erklärung von 294.2, Folder 123.

Blanka Goldmann, 17.7.1947, abge- 46 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim

druckt in Friedman: Schupo-Kriegsver- an die Zentralkomitees der befreiten

brecher (Anm. 34), o. Pag. Juden in der britischen und der US-36 Vgl. Schreiben des Öffentlichen Klägers amerikanischen Besatzungszone und an

bei der Spruchkammer Karlsruhe an das Philipp Auerbach, 24.8.1949 (Anm. 39).

Zentralkomitee der befreiten Juden in Siehe zu Philipp Auerbach in diesem

der US-amerikanischen Besatzungszone, Heft auch im Aufsatz »Moving me-

2.9.1947, GLAK, 465 h, Nr. 10381. mories – memories on the move? Erin-

37 Schreiben des Zentralkomitees der be- nerungsinitiativen von Displaced Per-

freiten Juden in der US-amerikanischen sons in Flossenbürg 1946/47« von Sarah

Besatzungszone an das Zentralkomitee Grandke den Abschnitt »Akteure im

der befreiten Juden in der britischen Be- ›Denkmalkomitee‹« (S. 52-54).

satzungszone, gez. von den Leitern des 47 Vgl. u. a. Hannes Ludyga: Eine antisemi-

Kriegsverbrecherreferats und der Juris- tische Affäre im Nachkriegsdeutschland.

tischen Abteilung, 3.8.1949, ZA, B. 1/28, Der »Staatskommissar für politisch, re-

Nr. 35 (Hervorh. i. Orig.). ligiös und rassisch Verfolgte« Philipp

38 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim Auerbach (1906-1952), in: Kritische Jus-

an den Oberstaatsanwalt beim Land- tiz 40 (2007), Nr. 4, S. 410-427. Zu den

gericht Lübeck, 13.9.1949 u. 27.9.1949, verschiedenen Ämterbezeichnungen, den

Staatsarchiv Hamburg (StA HH), 213- politischen Hintergründen der Umbe-

12, Nr. 0042, Bd. 22; Schreiben von nennungen und den damit verbundenen

Norbert Wollheim an den Untersu- Funktionsänderungen vgl. Constantin

92 NADINE JENKE

 

Goschler: Der Fall Phi lipp Auerbach: die Lagerspruchkammer Hammelburg,

Wiedergutmachung in Bayern, in: Lu- 28.9.1948, YVA, RG M.9, ID 3686364.

dolf Herbst / Constantin Goschler (Hg.): 54 Vgl. Schreiben des Zentralkomitees der

Wiedergutmachung in der Bundesrepu- befreiten Juden in der US-amerikani-

blik Deutschland, München 1989, S. 77- schen Besatzungszone an den Öffent-

98, hier S. 90 f. lichen Kläger der Spruchkammer Karls-

48 Vgl. Schreiben von Richard Frank, ruhe, 22.10.1947 u. 16.12.1947, GLAK,

Heinz Menkel und Martin Spanier an die 465 h, Nr. 10378; Schreiben des Komitees

Jüdische Gemeinde Bremen, 11.8.1947, ehemaliger politischer Gefangener / Ver-

6.8.1947 bzw. 7.8.1947, GLAK, 465 h, einigung der Verfolgten des Naziregimes

Nr. 10378; Schreiben von Fritz Strauss an den Landesauschuss der politisch Ver-

an Julius Dreifuß, Vorsitzender des Lan- folgten in Bayern, 21.11.1947, Abschrift,

desverbandes der jüdischen Gemeinden GLAK, 465 h, Nr. 10378.

von Nordrhein und der Synagogenge- 55 Schreiben des Kriegsverbrecherreferats

meinde Düsseldorf, 4.3.1947, GLAK, des Zentralkomitees der befreiten Ju-

465 h, Nr. 10385. den in der US-amerikanischen Besat-49 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim zungszone an die Lagerspruchkammer

an Hendrik G. van Dam, 19.9.1947, ZA, Regensburg, 19.8.1948, MGR, YV/4-3

B. 1/28, Nr. 163. (Kopie von: YVA, RG M.21.3.10). 50 Vgl. Stephan Stach: »Praktische Ge- 56 Vgl. Urteil des Landgerichts Würzburg

schichte«. Der Beitrag jüdischer Orga- gegen Martin Weiss, 3.2.1950, Ks 15/49

nisationen zur Verfolgung von NS-Ver- (Anm. 33).

brechern in Polen und Österreich in den 57 Vgl. Urteil des Landgerichts Karlsruhe

späten 40er Jahren, in: Katharina Sten- gegen Adolf Rübe, 15.12.1949, 3a Ks

gel / Werner Konitzer (Hg.): Opfer als 2/49; das Urteil ist abgedruckt in Rü-

Akteure. Interventionen ehemaliger NS- ter / De Mildt (Anm. 1), Bd. 9: Die vom

Verfolgter in der Nachkriegszeit, Frank- 07.11.1951 bis zum 06.07.1952 ergan-

furt am Main 2008, S. 242-262; René genen Strafurteile. Lfd. Nr. 298-322,

Bienert: Survivors Helping Survivors. Amsterdam 1972, S. 1-57 (lfd. Nr. 298),

Simon Wiesenthal and the Early Search https://junsv.nl/westdeutsche-gerichts

for Nazi Criminals in Linz, in: Henning entscheidungen, Zugriff: 2.3.2022.

Borggräfe / Christian Höschler / Isabel 58 Vgl. Urteil des Landgerichts Bremen

Panek (Hg.): Tracing and Documenting gegen Friedrich Hildebrand, 6.5.1953,

Nazi Victims Past and Present, Berlin/ 3 Ks 1/53 (Anm. 1).

Boston 2020, S. 131-154. 59 Vgl. Winfried R. Garscha: Die 35 öster-

51 Vgl. Schreiben des Kriegsverbrecherre- reichischen Prozesse wegen NS-Verbre-

ferats an die JHD in Linz, gez. von den chen seit der Abschaffung der Volksge-

Leitern des Kriegsverbrecherreferats und richte, http://www.nachkriegsjustiz.at/pro

der Juristischen Abteilung, 19.9.1948, zesse/geschworeneng/35prozesse56_04.

Archiv der Mahn- und Gedenkstätte php#mitas, Zugriff: 25.7.2021. 1955 kehr-

Ravensbrück Stiftung Brandenburgische ten Neumayer und Pöll aus der Sow-

Gedenkstätten (MGR), YV/4-3 (Kopie jetunion zurück nach Österreich, wo

von: Yad Vashem Archives, Jerusalem sie sich vor dem Landesgericht Wien

[YVA], RG M.21.3.10). Vgl. zu Eugen verantworten mussten. Das Geschwo-

Heil, geb. 3.12.1891, die Unterlagen der renengericht verurteilte Pöll zu einer

Volksdeutschen Mittelstelle, Bundesar- Freiheitsstrafe von 20 Jahren, Neumay-

chiv (BArch), R 59/970. er wurde freigesprochen (vgl. ebd.; Eva

52 Vgl. eidesstattliche Erklärung von Sig- Holpfer / Sabine Loitfellner: Holocaust-

mund Zoltowski, 10.9.1948, YVA, RG prozesse wegen Massenerschießungen

M.9, ID 3686364. Das Beispiel ver- im Osten vor österreichischen Geschwo-

deutlicht zudem, dass trotz der grund- renengerichten. Annäherungen an ein

sätzlich distanzierten Ausrichtung des unerforschtes Thema, in: Thomas Al-

Zentralkomitees auf der Arbeitsebene brich / Winfried R. Garscha / Martin F.

Kontakte zwischen dem Kriegsverbre- Polaschek [Hg.]: Holocaust und Kriegs-

cherreferat und jüdischen Gemeinden verbrechen vor Gericht. Der Fall Ös-

bestanden. terreich, Innsbruck 2006, S. 87-126, hier

53 Vgl. Schreiben der JHD in Linz an S. 92 f.).

EINE EPISODE ZWISCHEN DP-CAMP UND EMIGRATION? 93

 

60 Vgl. u. a. Schreiben von Heinz Salomon, Willi Tuchel, Landesarchiv Schleswig-

Jewish Welfare Schleswig-Holstein, an Holstein, Schleswig, Abt. 351, Nr. 834.

Ludwig Zajf, 18.7.1949, ZA, B. 1/28, 68 Simon Wiesenthal: Doch die Mörder le-

Nr. 35. Darin antwortet er auf eine Such- ben, München 1967, S. 88.

anfrage zu einem ehemaligen SS-Ange- 69 Tuvia Friedman: The Hunter, London

hörigen des KZ Stutthof: »Es dürfte auch 1961, S. 192.

Euch bekannt sein, dass die Häftlinge 70 Neben den gesellschaftspolitischen Rah-

die SS-Männer kaum namentlich gekannt menbedingungen bedingten weitere Fak-

haben […].« Ähnlich reagierte Nathan toren die Schließungen der beiden Doku-

Rohloff, Jewish Welfare Advisory Coun- mentationszentren, darunter die Emigra-

cil, auf dieselbe Suchanfrage. Vgl. dessen tion Friedmans nach Israel sowie Geld-

Schreiben an Ludwig Zajf, 18.7.1949, ZA, probleme der Jüdischen Historischen

B. 1/28, Nr. 35. Vgl. zu dem Wandel in Dokumentation in Linz. Bis zu dessen

der Zusammensetzung der Gemeinschaft Tod Ende 1951 wurde Wiesenthals Ar-

der jüdischen DPs im DP-Camp Bergen- beit in Linz von Abraham Silberschein,

Belsen Rahe (Anm. 8), S. 67. u. a. Gründer der Flüchtlingshilfsorgani-

61 Vgl. die entsprechende Korrespondenz sation RELICO in Genf, finanziell un-

des Oberstaatsanwalts beim Landgericht terstützt (vgl. Bienert [Anm. 50], S. 138;

Karlsruhe, GLAK, 309, Nr. 552. Tom Segev: Simon Wiesenthal. Die Bio-

62 Vgl. zur Auflösung der beiden Zentral- grafie, München 2012, S. 102 f.).

komitees Königseder/Wetzel (Anm. 3), 71 Vgl. Ludyga (Anm. 47), S. 416-426.

S. 93-97. Vgl. zur Emigration Wollheims 72 Vgl. Jascha März: Zwischen Politik und

in die USA Benz (Anm. 19), S. 181 f. Interessenvertretung. Die Verbände der

Rywosch wanderte im Dezember 1949 politischen Opfer des Nationalsozialis-

nach Kanada aus (vgl. Korrespon- mus in der Bundesrepublik Deutschland

denzakte T/D-707 027 zu Josef Ry- von 1947 bis 1990, Köln 2016, S. 46-

wosch, 10.5.1913, Arolsen Archives, 97, https://kups.ub.uni-koeln.de/9516,

6.3.3.2/104641468). Zugriff: 18.4.2022. Zur Auflösung der

63 Vgl. Eidesstattliche Aussage von Mi- VVN in der DDR vgl. auch Elke Reu-

nes Sender, 27.9.1949, StA HH, 213- ter / Detlef Hansel: Das kurze Leben der

12, Nr. 0042, Bd. 22, sowie Schreiben VVN. Die Geschichte der Vereinigung

von Norbert Wollheim an den Untersu- der Verfolgten des Naziregimes in der

chungsrichter beim Landgericht Ham- sowjetischen Besatzungszone und in der

burg Heinz Voigt, 1.6.1950 (Anm. 38). DDR, Berlin 1997, S. 459-519. 64 Vgl. Schreiben von Norbert Wollheim 73 Vgl. Schreiben von Simon Wiesenthal

an den Untersuchungsrichter beim an die Zentrale Stelle der Landesjustiz-

Landgericht Hamburg Heinz Voigt, verwaltungen zur Aufklärung national-

1.6.1950 (Anm. 38). sozialistischer Verbrechen, 12.1.1962,

65 Gesetz über die Gewährung von Straf- VWI-SWA, I.1., Falldossier Drohobycz-

freiheit v. 31.12.1949, Bundesgesetzblatt, Boryslaw.

Nr. 9, 31.12.1949, S. 37-38. 74 Vgl. Segev (Anm. 70), S. 197 f. 66 Vgl. Urteil des Spruchgerichts der 75 Vgl. Urteil des Landgerichts Bremen

I. Spruchkammer Bielefeld, 7.8.1950, gegen Friedrich Hildebrand, 12.5.1967,

BA rch, Z 42-IV/6409, Bl. 106-109. Be- 29 Ks 1/66; das Urteil ist abgedruckt in

zogen auf die Tuchel vorgeworfene Zu- Christiaan Frederik Rüter / Dick W. De

gehörigkeit zum SD und zur Gestapo Mildt (Bearb.): Justiz und NS-Verbre-

endete das Spruchkammerverfahren mit chen. Sammlung deutscher Strafurteile

Freisprüchen aus dem Schuldausschlie- wegen nationalsozialistischer Tötungs-

ßungsgrund des Zwanges bzw. im Fall verbrechen 1945-1999, Bd. 26: Die vom

der Gestapozugehörigkeit zusätzlich aus 16.03.1967 bis zum 14.12.1967 ergange-

Mangel an Beweisen. Zum »Straffrei- nen Strafurteile. Lfd. Nr. 648-662, Ams-

heitsgesetz« vom 31. Dezember 1949 terdam 2001, S. 235-280 (lfd. Nr. 653),

vgl. Eichmüller (Anm. 25), S. 36-42. https://junsv.nl/westdeutsche-gerichts

67 Vgl. Berichtsakte der Generalstaatsan- entscheidungen, Zugriff: 23.4.2022.

waltschaft Lübeck zum Verfahren gegen