NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Summarys
Gero Fedtke Individuums zugunsten des Kollektivs
akzeptiert und seinen Platz in diesem
»Der lange Weg nach Hause«.
Kollektiv einnimmt. Seine grundsätz-
Ein Bericht über die Repatriierung
liche Zustimmung bedeutete allerdings
von Ilmenau, Thüringen, nach
nicht, dass Lavrinov alles für rich-
Presnogor’kovka, Kasachstan,
tig hielt und guthieß, was der Staat
1945/46
tat – insbesondere nicht, was ihn selbst
Sowjetische Staatsangehörige, die als betraf. Lavrinov ist sicherlich kein Ein-Kriegsgefangene oder Zwangsarbei- zelfall, doch hat sich die Forschung
terinnen und Zwangsarbeiter nach bislang nicht für Positionen wie die
Deutschland verschleppt worden wa- seine interessiert. Perspektiven wie sei-
ren, mussten nach dem Ende des Zwei- ne machen die Einordnung der sowjeti-
ten Weltkrieges in die Sowjetunion zu- schen Kriegsgefangenen sowie Zwangs-
rückkehren – ob sie wollten oder nicht. arbeiterinnen und Zwangsarbeiter als
Viele erlebten in der Heimat erneut »Opfer zweier Diktaturen« zwar nicht
Unfreiheit und Zwang. Zugleich muss- obsolet, doch sollte sie im Hinblick auf
ten sie mit dem Makel leben, pauschal die individuellen Perspektiven und die
der Kollaboration mit dem NS-Staat Wahrnehmung der Betroffenen stärker
verdächtigt zu werden. Sie wurden so differenziert werden.
»Opfer zweier Diktaturen« (Pavel Pol-
jan). Der Rotarmist, Lehrer und Autor
›The Long Way Home‹. An account
Nikolaj Lavrinov hat seine Rückkehr
of repatriation from Ilmenau
in dem 1997 publizierten Werk »Der
in Thuringia to Presnogor’kovka
lange Weg nach Hause. Tagebuchauf-
in Kazakhstan, 1945/46
zeichnungen« beschrieben. Diese Me-
moiren in Tagebuchform ermöglichen Soviet nationals who had been deport-es, Erfahrungen und Handlungsmög- ed to Germany as prisoners of war or
lichkeiten aus der Perspektive eines forced labourers had to return to the
Repatrianten zu ergründen sowie des- Soviet Union after the end of World
sen Selbstwahrnehmung und Selbstdar- War II – whether they wanted to or stellung nachzuvollziehen. Lavrinov not. Back home, many found them-
ließe sich – würde nur sein Schicksal selves in unfree conditions or experi-
zwischen 1941 und 1946 sowie in den enced coercion, and they all lived with
unmittelbar folgenden Jahren betrach- the stigma of being suspected of col-
tet – als Opfer der nationalsozialis- laboration with the National Socialists.
tischen wie der stalinistischen Diktatur They therefore became ›victims of two
kategorisieren. Er präsentiert sich je- dictatorships‹ (Pavel Polian). Nikolai
doch in seinen Aufzeichnungen ex- Lavrinov, a Red Army soldier, teacher
plizit nicht als Opfer des Stalinismus, and author, described his own repatri-
sondern als russischer und sowjetischer ation in ›The Long Way Home: Diary
Patriot, der die Einschränkungen des Entries‹, which was published in 1997. 244 SUMMARYS
These memoirs in the form of a diary Für die Repatriierung der Überle-
explain the experiences and options benden hatte Italien keine angemes-available to these individuals from the senen Vorkehrungen getroffen. Auch
perspective of a repatriate, and they die Siegermächte unternahmen nichts,
help us understand his self-perception um die baldige Heimkehr der Bür-
and self-presentation. Lavrinov could gerinnen des Landes, das der engste be categorized as a victim of both the Verbündete des NS-Regimes gewesen
National Socialist and Stalinist dicta- war, zu ermöglichen. Ausgehend von
torships – if we look only at his fate den Berichten der Zeitzeuginnen wer-
between 1941 and 1946 and in the years den die physischen und psychischen
immediately afterwards. But in his He rausforderungen ihres langen Heim-
memoirs, he explicitly does not present wegs dargestellt. Die Frauen kehrten in
himself as a victim of Stalinism, but ein wirtschaftlich ruiniertes und poli-
rather as a Russian and Soviet patriot tisch gespaltenes Land zurück. Anders
who accepts individual restrictions for als für Hunderttausende Kriegsgefange-
the benefit of the collective and takes ne und Militärinternierte gab es für sie
his place in this collective. Lavrinov’s keine geregelten Anrechte auf staatliche
fundamental commitment to the sys- Unterstützung. Die Nachkriegsgesell-
tem does not mean that he agreed with schaft erwartete von ihnen die Wieder-
every thing the state did, however – es- eingliederung in das »normale« Leben,
pecially not as it affected him person- in dem die traditionelle geschlechtsbe-
ally. Lavrinov is certainly not a unique zogene Rollenverteilung als Garant für
case, but scholars to date have not taken den sozialen Frieden galt. Das allgemei-
much interest in the positions adopted ne Desinteresse an ihrem Schicksal und
by people like him. While perspectives die Verletzung ihrer Würde durch die
like his do not make the categorization Verbreitung sexuell konnotierter Un-
of Soviet POWs and forced labourers terstellungen hatten zur Folge, dass die
as ›victims of two dictatorships‹ obso- Heimgekehrten es jahrelang vermieden,
lete, they do make it necessary to take über ihre Erfahrungen von Deportation
a more nuanced view of individual und KZ-Haft öffentlich zu sprechen. perspectives and the perception of the
people affected.
Italian women who returned
from the Ravensbrück
Johanna Kootz concentration camp
After Germany occupied Italy on
Die Rückkehr italienischer Frauen
9 September 1943, a total of 32,452
aus dem Konzentrationslager
Italian women and men were deported
Ravensbrück
to German concentration camps for
Seit dem 9. September 1943, dem Be- political and ›racial‹ reasons. At least
ginn der deutschen Besatzung Italiens, 1,000 women were imprisoned in Ra-
wurden 32 452 Italienerinnen und Ita- vensbrück.
liener als politisch und »rassisch« Ver- Italy did not make adequate arrange-
folgte in deutsche Konzentrationslager ments to repatriate the survivors. The
deportiert. Mindestens 1000 Frauen victorious powers also did nothing to wurden in Ravensbrück inhaftiert. help citizens of the country which
SUMMARYS 245
had once been Nazi Germany’s clos- willig aus Oberösterreich in die baye-
est ally to return home quickly. Based rische Oberpfalz verbracht wurde. on accounts from the women them- Trotz und wegen der Sprachbar-
selves , this essay describes the physical rieren, ihrer marginalisierten Position
and psychological challenges posed by und ihres begrenzten politischen Ein-
the women’s long journey home. The flusses aufgrund des DP-Status sowie women returned to a country which Ressentiments sowohl vonseiten der
was economically ruined and politically Ortsansässigen als auch der Alliierten
divided. Unlike the hundreds of thou- bauten die Displaced Persons vielfältige
sands of POWs and military internees, Netzwerke auf, nutzten Handlungs-
they were not officially entitled to möglichkeiten und wurden tatkräftige
state support. Post-war society expect- Akteurinnen und Akteure. Sie errichte-
ed them to reintegrate into ›normal‹ life ten in Flossenbürg eine der ersten KZ-
and the traditional gender-based roles Gedenkanlagen im deutschsprachigen
that were thought to ensure social har- Raum und das, obwohl ein Großteil
mony. On account of the general lack der Beteiligten keine Verfolgungserfah-
of interest in their fate and the sexual- rungen im Flossenbürger KZ-Komplex
ly connoted suspicions which violated hatte. Vielmehr handelte es sich um
their dignity, the women who returned Überlebende verschiedener Konzentra-
to Italy avoided talking publicly about tionslager sowie Handelnde weiterer
their experiences of deportation and Gruppen, die zufällig und unfreiwillig
imprisonment in concentration camps vor Ort waren und auch nicht auf
for many years. Dauer zu bleiben beabsichtigten. Die
nicht immer konfliktfreie Kooperation
involvierte auch andere DPs, vor allem
Sarah Grandke aus der Ukraine und dem Baltikum, so-
wie deutsche ehemalige Verfolgte und
Moving memories – memories on
bayerische Amtsträger.
the move? Erinnerungsinitiativen
Die Rekonstruktion der Wege der
von Displaced Persons in Flossen-
DP s vor und nach ihrer Zeit in Flos-
bürg 1946/47
senbürg zeigt das erinnerungskulturelle
Die vornehmlich nicht jüdischen, pol- »Gepäck« und die Erfahrungen, die sie
nischen DPs in dem von April 1946 bis aus bereits vollzogenen Gedenkiniti-
November 1947 in Flossenbürg in der ativen in Österreich in die Oberpfalz
Oberpfalz auf dem Gelände des vorma- mitbrachten und die in ein transnati-
ligen Konzentrationslagers bestehenden onales Gedenken vor Ort mündeten.
»Camp Sikorski« können wie unter Der Aufsatz skizziert dabei nicht nur
einem Brennglas als Akteurinnen und ein polnisch-deutsch-österreichisches
Akteure transnationaler, erinnerungs- Gedenken ehemaliger KZ-Häftlinge,
kultureller Verflechtungsprozesse der sondern mit Blick auf die weiteren
unmittelbaren Zeit nach dem Zweiten Emigrationswege auch die Geschichte
Weltkrieg betrachtet werden. Sie bilde- eines globalen Transfers bis hin nach
ten eine Erinnerungs- und Schicksals- Australien.
gemeinschaft, die in mehreren »War-
tesälen« ausharren musste und 1946
durch die US-Militärregierung unfrei-
246 SUMMARYS
Moving memories – memories Reconstructing the experiences of
on the move? Commemorative the DPs before and after their time in initiatives by Displaced Persons Flossenbürg reveals the commemora-
in Flossenbürg in 1946/47 tive ›baggage‹ and the experiences they
brought with them to Upper Palatine
The mostly non-Jewish Polish DPs
from previous memorial initiatives in
who lived in ›Camp Sikorski‹ in the
Austria, which flowed into a transna-
grounds of the former Flossenbürg con-
tional commemoration in Flossenbürg.
centration camp in the Upper Palatinate
The essay outlines an example of Pol-
region from April 1946 until November
ish/German/Austrian commemoration
1947 can be considered representatives
of former concentration camp prisoners
of transnational commemorative en-
and also looks at their subsequent emi-
tanglement processes in the immedi-
gration experiences to reveal the history
ate post-war period. They formed a
of a global transfer reaching all the way
community of memory and experience
to Australia.
which had to bide its time in multiple
›waiting rooms‹ before being unwilling-
ly taken by the US military government
Lennart Onken
from Upper Austria to Upper Palatine
in Bavaria in 1946. »Die Spuren der Sklavenherrschaft
Despite and because of language bar- abgeworfen«. Jüdische Selbst-
riers, their marginalized position and organisation in der britischen
their limited political influence due to Besatzungszone Deutschlands
their DP status – as well as resentments
Die jüdischen Überlebenden verfüg-
from both local residents and the Al-
ten in der britischen Besatzungszone
lies – the DPs established a variety of
Deutschlands über einen hohen Or-
networks, made use of the options
ganisationsgrad. Ihre Organisierung
available to them and became dynamic
war dabei direktes Resultat der briti-
actors. In Flossenbürg, they created one
schen Besatzungspolitik. Die Weige-
of the first concentration camp memo-
rung der britischen Militärregierung,
rial sites in a German-speaking region,
Jüdinnen und Juden als eigenständige
even though most of the people in-
Verfolgtengruppe anzuerkennen, hatte
volved had not experienced persecution
massive Auswirkungen auf ihre Le-
in the Flossenbürg concentration camp
bensumstände und setzte die Rahmen-
complex itself. Instead, they were sur-
bedingungen für die rasch einsetzenden
vivors of various other concentration
Prozesse des Sich-Organisierens der
camps and members of different groups
befreiten jüdischen Überlebenden. Sie
who coincidentally and unwillingly
gründeten Gemeinden und Komitees,
found themselves in Flossenbürg and
die ihnen materielle Unterstützung und
did not intend to stay there perman-
geistige Heimat boten. Diese lokalen
ently. Their cooperation, which was
Organisationen schlossen sich auf über-
not without conflict, involved other
regionaler Ebene zum »Zentralkomitee
DP s as well, especially from Ukraine
der befreiten Juden in der britischen
and the Baltic region, along with Ger-
Zone« zusammen, das die Interessen
man former victims of persecution and
aller Jüdinnen und Juden unabhängig
Bavarian officials.
von ihrer Herkunft bündelte und einen SUMMARYS 247
dezidiert politischen Anspruch verfolg- Liberated Jews in the British Zone,
te. Das Zentralkomitee entwickelte sich which represented the interests of all
innerhalb kurzer Zeit zu einer schlag- Jews regardless of their background,
kräftigen Organisation, die das jüdische and which pursued decidedly politi-
Leben in der britischen Besatzungszone cal goals. In a short period time, the
und darüber hinaus maßgeblich prägte. Central Committee developed into a
Der vorliegende Aufsatz nimmt die powerful organization which was in-
Praxis der Selbstorganisation der jüdi- strumental in shaping Jewish life in the
schen Überlebenden in den Blick. Hier- British occupation zone and beyond it.
für untersucht er die unterschiedlichen This essay looks at the self-organiza-
Organisationen unter den Aspekten ih- tion practices of the Jewish survivors. It
rer Struktur, ihrer Ziele, ihres organisa- examines the various organizations in
torischen Wandels, ihrer Beziehungen terms of their structure, goals, organ-
zueinander sowie ihrer Konflikte mit izational changes, their relationships der britischen Besatzungsmacht. Die with one another and their conflicts
Selbstorganisation der befreiten Jüdin- with the British occupying forces. The
nen und Juden wird dabei als Schlüssel self-organization of the liberated Jews
zum Verständnis der komplexen Situa- is viewed as a key to understanding the
tion der jüdischen Überlebenden nach complex situation of Jewish survivors
ihrer Befreiung begriffen. Sie ermög- after their liberation. It enabled them to
lichte es ihnen, sich allen internen Dif- independently reconstitute themselves
ferenzen zum Trotz als Individuen wie as a collective and as individuals despite
auch als Kollektiv neu und unabhängig their internal differences.
zu konstituieren.
Nadine Jenke
›Casting off the traces of enslave-
ment‹. Jewish self-organization Eine Episode zwischen DP-Camp
in the British occupation zone und Emigration? Zur Rolle der Zen-
of Germany tralkomitees der befreiten Juden
in der britischen und in der US-
Jewish survivors in the British occu-
amerikanischen Besatzungszone
pation zone of Germany were highly
Deutschlands bei der frühen Straf-
organized. This was a direct result of
verfolgung von NS-Verbrechen
British occupational policy. The British
military government’s refusal to recog- NS-Verfolgte waren zentrale Akteu-
nize Jews as an independent group of rinnen und Akteuren in der Strafver-
victims had a massive impact on their folgung nationalsozialistischer Verbre-
personal circumstances and established chen. Im Zentrum des Aufsatzes steht
the conditions for a rapid process of die Suche nach Zeuginnen und Zeugen
self-organization on the part of liberat- durch die Zentralkomitees der befrei-
ed Jewish survivors. They created com- ten Juden in der britischen und in der
munities and committees which offered US-amerikanischen Besatzungszone
material support and acted as a spiritual Deutschlands von 1945 bis 1951. Bei-
home. These local organizations joined de Verbände standen als überregiona-
together on a cross-regional level to le Interessenvertretungen in direktem form the Central Committee of the Kontakt zu den einzelnen jüdischen 248 SUMMARYS
Komitees – und im Fall des Zentralko- Committees of the Liberated Jews in
mitees in der britischen Besatzungszo- the British and US occupation zones of ne auch zu den jüdischen Gemeinden. Germany from 1945 to 1951. These or-
Dieser breite Zugang zu Überlebenden ganizations were cross-regional interest
der NS-Verfolgung bildete das Funda- groups which were in direct contact
ment für eine systematische Zeugensu- with individual Jewish committees –
che. Durch Kooperationen mit einander and, in the case of the Central Commit-
sowie mit anderen, vor allem als jü- tee in the British occupation zone, also
disch und als politisch Verfolgten des with Jewish communities. This exten-
NS-Regimes bzw. ihren institutionellen sive access to survivors of Nazi perse-
Vertretungen, entstanden zudem netz- cution formed the basis for a systematic
werkartige Austauschbeziehungen über search for witnesses. By co operating
die Besatzungszonen hinweg. Auf diese with one another and with other pri-
Weise gelang es den Zentralkomitees, marily Jewish and political victims of
dazu beizutragen, relevante Lücken Nazi persecution and the institutions
für eine systematische Strafverfolgung that represented them, a network of
insbesondere in der britischen und in mutual relationships was established
der US-amerikanischen Besatzungszo- across the occupation zones. Thanks
ne Deutschlands zu schließen. Gleich- to this, the Central Committees were
wohl engte der nachlassende Strafver- able to fill in gaps and contribute to the
folgungswille deutscher und alliierter systematic prosecution of perpetrators
Stellen ab Ende der 1940er-Jahre die especially in the British and US occu-Handlungsmöglichkeiten der Verbän- pation zones of Germany. However,
de ein. Nachdem ihr Hauptanliegen the waning motivation on the part of
der Betreuung der Displaced Persons German and Allied officials to prose-
weitgehend erfüllt war, stellten die bei- cute Nazi crimes from the end of the
den Zentralkomitees 1950 bzw. 1951 1940s restricted the options available
ihre Arbeit ein. Weitere Auflösungen to the organizations. After they had
von Verbänden und das Herausdrän- largely fulfilled their main objective of
gen ehemals Verfolgter aus öffentlichen supporting the DPs, the two Central Positionen führten schließlich zu einem Committees ceased their work in 1950
Einflussverlust der Ermittlungsnetz- and 1951. As other associations also
werke von NS-Verfolgten. disbanded and former victims of perse-
cution were pushed out of public posi-
tions, the investigative networks which
A fleeting episode between
had been made up of survivors of per-
DP camps and emigration?
secution ultimately lost their influence.
The role of the Central Committee
of the Liberated Jews in the British
and US occupation zones of
Germany in the early prosecution
of Nazi crimes
Victims of Nazi persecution were key
players in the prosecution of National
Socialist crimes. This essay focuses on
the search for witnesses by the Central SUMMARYS 249
Pavla Plachá von dem kommunistischen Regime
verfolgt. Einigen gelang es, der Ver-
Tschechische ehemalige Häftlinge
folgung durch die Flucht ins Exil zu
des Frauen-Konzentrationslagers
entkommen, andere mussten erneut ins
Ravensbrück in der Nachkriegszeit.
Gefängnis. Danach standen die poli-
Möglichkeiten und Grenzen ihres
tisch »auf Linie gebrachten« Häftlings-
politischen Engagements
verbände nunmehr fest an der Seite des
Der Aufsatz fokussiert auf die Grup- neuen kommunistischen Regimes. pe der in der Nachkriegszeit gesell-
schaftlich engagierten Tschechinnen,
Czech former prisoners of the
die zuvor im Frauen-Konzentrations-
Ravensbrück women’s concentra-
lager Ravensbrück inhaftiert waren.
tion camp in the post-war period.
Die Kriegs- und Hafterfahrung, oft
The possibilities and limits of their
verbunden mit dem Verlust geliebter
political engagement
Menschen, war die gemeinsame Basis
dieser Frauen. Sie prägte ihre Ansichten This essay focuses on the Czech women
und Stellungnahmen und stärkte sie in who had been imprisoned in the Ra-
der Überzeugung, dass es sinnvoll sei, vensbrück concentration camp and be-
für eine »bessere Welt zu kämpfen«. came socially engaged in the post-war
Im Jahr 1946 entstand in der Tsche- period. Their experience of war and
choslowakei die »Vereinigung ehema- imprisonment, often accompan ied by
liger politischer Gefangener – Frau- the loss of people close to them, was
en von Ravensbrück«, die sich ebenso the shared basis for their activities. It
»den Kampf gegen den Faschismus« shaped their views and positions, and wie »den Staatsaufbau und die Staats- it strengthened them in the conviction
verteidigung im Geiste des nationalen that it made sense to ›fight for a better
Kampfes um die Befreiung und um world‹.
die Volksdemokratie« und »die Unter- The ›Association of Former Political
stützung der internationalen Verbun- Prisoners – Women from Ravensbrück‹
denheit« zum Ziel setzte. Wie sich was founded in Czechoslovakia in 1946.
aber bald zeigte, wurde die öffentlich It was dedicated to ›fighting against fas-
proklamierte Einheit ihrer Mitglie- cism‹ as well as ›rebuilding and defend-
der nicht Wirklichkeit. In der Praxis ing the state in the spirit of the national
überdauerten alte Konflikte aus der fight for liberation and a people’s de-
Zeit der KZ-Haft, die sich unter der mocracy‹ and ›supporting international
gesellschaftspolitischen Entwicklung solidarity‹. However, it soon became der Tschechoslowakei und Europas apparent that the unity which was
zuspitzten. Beschleunigt wurde dieser publicly proclaimed by its members
Prozess durch die Machtübernahme der was not a reality. In practice, old con-
Kommunistischen Partei im Februar flicts were carried over from the wom-1948, die die Gräben zwischen den en’s time in the concentration camp
Repräsentantinnen verschiedener Hal- and were exacerbated by socio-political
tungen unüberwindbar vertiefte. Ende developments in Czechoslovakia and
der 1940er- / Anfang der 1950er-Jahre Europe. This process accelerated when wurden einige bis dahin öffentlich en- the Communist Party assumed power
gagierte »Ravensbrückerinnen« nun in February 1948, creating an 250 SUMMARYS
able gap between the representatives Ghetto-Kämpferinnen, Mütter,
of different positions. In the late 1940s Dokumentarinnen. Weibliche Über-
and early 1950s, a few ›Ravensbrück lebende des Holocaust in Israel
women‹ who had been publicly active
Frauen, die den Holocaust überlebten,
up until then were persecuted by the
bilden in Israel eine große und sehr
communist regime. Some managed to
heterogene Gruppe. Der Aufsatz kon-
escape persecution by going into exile
zentriert sich auf drei zentrale Aspekte,
abroad, but others were sent to prison
die diese Gruppe in den Anfangsjahren
again. After this, the prisoners’ as-
charakterisierten, und zeigt, dass diese
sociations which had been politically
Frauen aktiv, dynamisch und innova-
›brought into line‹ were firmly on the
tiv waren. Ihre Aktivitäten bestimmten
side of the new communist regime.
die Grundwerte der israelischen Gesell-
schaft mit, und ihre Tätigkeiten hatten
Sharon Geva eine nationale Bedeutung.
Die vorangegangene Generation von
Ghetto Fighters, Mothers,
(israelischen) Wissenschaftlerinnen und
Documenters. Female
Wissenschaftlern, die über den Holo-
Holocaust Survivors in Israel
caust forschte, hat die 1950er-Jahre als
Women survivors make up a large eine Ära des Schweigens beschrieben and highly diversified group in Israel. und behauptet, die Überlebenden des
This article focuses on three central Holocaust seien nicht bereit gewesen,
aspects that characterized this group über ihre Vergangenheit zu sprechen.
in the early years and shows that these Doch überlebende Frauen bildeten
women were active, dynamic, and en- von Anfang an eine in jeder Hinsicht
terprising. Their activities furthered the prominente und aktive Gruppe. Die
core values of Israeli society, and all of Analyse ihrer Sichtbarkeit aus einer ge-
their work was of national significance. schlechtsspezifischen Perspektive hebt
The previous generation of Holo- diesen Punkt zusätzlich hervor. Der
caust and Israeli social researchers de- Aufsatz zeigt, wie wichtig es ist, die
scribed the 1950s as an era of silence, Rolle von Frauen bei Untersuchungen
claiming that Holocaust survivors were zu Holocaust-Überlebenden sowohl in
unwilling to talk about their past. But Israel als auch in anderen Gesellschaf-
women survivors formed a prominent ten und an anderen Orten zu berück-
and active group in every respect from sichtigen. the very beginning. Investigating their
visibility from a gender perspective
Jens Binner
sheds additional light on this point. The
article demonstrates how important it is Stigmatisierung als biografische to consider the role of women while re- Konstante. Repatriantinnen und
searching Holocaust survivors both in Repatrianten in der Sowjetunion
Israel and in other societies and places. nach 1945
Die Repatriierung in die Sowjetunion
nach Ende des Zweiten Weltkrieges
war für die davon betroffenen Men-
schen von den Rahmenbedingungen der SUMMARYS 251
spätstalinistischen Diktatur bestimmt. Christine Eckel
Aber die bis heute häufig anzutreffen-
Die Anerkennung ehemaliger
de Vorstellung, dass alle Repatriierten
KZ-Häftlinge im Kontext
nach ihrer Rückkehr in den Lagern des
staatlicher Erinnerungspolitik
GULag inhaftiert wurden, ist unzutref-
in Frankreich
fend und lenkt von den wahren Benach-
teiligungen der Rückkehrerinnen und Bis zum Rückzug der deutschen Trup-
Rückkehrer ab. Diese lagen vielmehr pen im Sommer 1944 wurden aus
in einem umfassenden Prozess der un- Frankreich über 165 000 Personen in
sichtbaren und nicht fassbaren Diskri- Konzentrations- und Vernichtungsla-
minierung, die allein darin begründet ger sowie Haftanstalten im Deutschen
lag, dass sie eine Zeitlang außerhalb Reich verschleppt. Neben Jüdinnen
der Grenzen der Sowjetunion zuge- und Juden waren politische Gegnerin-
bracht hatten. Verhinderte Karrieren nen und Gegner betroffen, aber auch und ein allgemeines Klima des Miss- Personen, die bei Massenverhaftungen
trauens ihnen gegenüber führten zur le- und Razzien ergriffen worden waren
benslangen Schlechterstellung und der oder die sich in französischer Haft
Nichtwahrnehmung ihrer spezifischen befunden hatten. Die Vielzahl unter-
Lebensgeschichten. schiedlicher Deportiertengruppen und
damit verbundener Verhaftungskontex-
te fand nur unzureichend Entsprechung
Stigmatization as a biographical
in den erinnerungspolitischen Bestre-
constant. Repatriates in the bungen des gaullistisch und kommunis-
Soviet Union after 1945
tisch geprägten Nachkriegsfrankreich.
The late Stalinist dictatorship shaped In Abgrenzung von dem mit dem NS-the experiences of people who were Staat kollaborierenden Vichy-Regime
repatriated to the Soviet Union after stellte die Résistance den bestimmenden
the end of World War II. But the und integrierenden Bezugspunkt dar.
persistent notion that all repatriates Unter diesen Voraussetzungen stie-
were sent to the gulag after returning ßen ehemalige KZ-Häftlinge bei ihren
home is inaccurate, and it distracts from Anträgen auf Anerkennung auf erheb-
the real disadvantages faced by those liche Probleme, wie Fallbeispiele ver-
who returned. They were subject to a deutlichen. Denn die beiden ab 1948
comprehensive process of invisible and gesetzlich vorgegebenen Kategorien dé-
intangible discrimination based solely porté résistant und déporté politique bil-
on the fact that they had spent some deten die vielfältigen Erfahrungen von
time beyond the borders of the Soviet Verfolgung, Haft und Deportation nur
Union. Due to career blocks and a gen- ungenügend ab, sie verstärkten zugleich
eral climate of distrust towards them, ein dichotomes Bild von »Helden« und
they were in a poor position for their »Opfern«, das bis in die Gegenwart
entire lives, and their specific life stories wirkt. were not acknowledged.
252 SUMMARYS
The recognition of former concen- Claudia Bade
tration camp prisoners in the con-
»Man war auch nach 1945 noch
text of national politics of memory
eine Ausnahme.« Akteure und
in France
Akteurinnen des Internationalen
By the time the German army re- Sozialistischen Kampfbundes (ISK)
treated from France in the summer of nach der Befreiung
1944, more than 165,000 people had
Der Internationale Sozialistische Kampf-
been deported from France to concen-
bund war eine kleine linkssozialistische
tration and extermination camps and
Gruppierung, deren Mitglieder nach
other penal facilities in the German Re-
1933 zum größten Teil aktiven Wider-
ich. These deportees included Jews and
stand gegen den Nationalsozialismus
political opponents as well as people
leisteten. Viele mussten aus Deutsch-
who had been captured in mass arrests
land fliehen. Der Aufsatz geht der Frage
and raids or who had been held in
nach, wie die Mitglieder des ISK die Be-
French captivity. The wide variety of
freiung 1945 erlebten und welche Aus-
deportees and different imprisonment
handlungsprozesse sie nach den Jahren
contexts were not adequately addressed
des NS-Terrors führten. Sofort nach
in the politics of memory in post-war
der Befreiung wurden aus den Ver-
France, which was shaped by Gaullist
folgten wieder politische Akteure und
and communist tendencies. The Ré-
Akteurinnen; die meisten traten später
sistance was the determining and in-
der SPD bei. Die Gruppenmitglieder
tegrating point of reference here, in
unterstützten sich, wo sie konnten, und
contrast to the Vichy regime which had
versuchten, ihre Erfahrungen aus Wei-
collaborated with the National Social-
marer Republik, Exil und Widerstand
ists.
in den Wiederaufbau der Gesellschaft
Under these circumstances, former
einzubringen. Allerdings erwiesen sich
concentration camp prisoners faced sig-
die politischen und sozialen Interakti-
nificant problems when applying for
onen vielfach als konfliktbeladen: Die
recognition of their status, as illustrated
Zusammenarbeit mit den alliierten Mi-
by the examples in this essay. The cat-
litärregierungen erlebten die früheren
egories of déporté résistant and déporté
ISK-Mitglieder oft als schwierig, und
politique which were legally enshrined
auch der Übergang in die wiederge-
in 1948 were incomplete reflections
gründete SPD verlief für sie nicht im-
of the diverse experiences of persecu-
mer reibungslos. Durch manche Be-
tion, imprisonment and deportation,
gegnung mit Angehörigen der früheren
and they strengthened the dichotomous
»Volksgemeinschaft« erfuhren sie wei-
image of ›heroes‹ and ›victims‹ which
terhin Ablehnung. Schließlich stellte
persists to this day.
sich eine große Enttäuschung darüber
ein, dass zahlreiche NS-Belastete in
Unternehmen und Behörden verblie-
ben. Das Sprechen über traumatisieren-
de Erlebnisse während der NS-Diktatur
gelang außerhalb der eigenen Gruppe
teils erst nach Jahrzehnten.
SUMMARYS 253
›You were an exception even after Yvonne Robel
1945‹. Political actors in the Inter-
Erfahrung(en) eines Neubeginns?
nationaler Sozialistischer Kampf-
Sintize und Sinti, Romnja und Roma
bund (ISK) after the liberation
in der frühen Nachkriegszeit
The Internationaler Sozialistischer in Hamburg
Kampfbund was a small, left-wing so-
Der Aufsatz thematisiert die loka-
cialist group whose members engaged
len Rahmenbedingungen, die das Le-
largely in active resistance against Na-
ben von Sintize und Sinti und Romnja
tional Socialism after 1933. Many of
und Roma bis Mitte der 1950er-Jahre
them had to flee Germany as a result.
prägten. Am Beispiel Hamburgs wird
The essay explores how ISK members
diskutiert, ob die direkte Nachkriegs-
experienced the liberation in 1945 and
zeit für Angehörige der Minderheit
which processes of negotiation they
Chancen eines Neubeginns bot oder
conducted after the years of National
ob Kontinuitäten der Ausgrenzung
Socialist terror. Immediately after the
überwogen. Einblicke in Lebens- und
liberation, the victims became political
Wohnbedingungen von Betroffenen, in
actors once again; most later joined the
Reaktionen von Anwohnerinnen und
SPD . The group members supported
Anwohnern auf den »Zuzug« von Sin-
each other where they could and tried
tize und Sinti oder Romnja und Roma
to apply their experiences from the
sowie in das Handeln der britischen
Weimar Republic, exile and resistance
Besatzungsmacht, der Behörden und
to the reconstruction of society. How-
der städtischen Hilfsstrukturen zeigen
ever, their political and social interac-
eine hohe Persistenz antiziganistischer
tions were often contentious. Former
Praktiken. Als entscheidend erweisen
ISK members frequently found it dif-
sich hierbei lokale Dynamiken sowie
ficult to work with the Allied military
die beteiligten Akteurinnen und Ak-
governments, and the transition to the
teure, die weitaus stärker das Leben
re-established SPD was also not always
von Sintize und Sinti und Romnja und
smooth. They also continued to face
Roma bestimmten als zentrale Vorga-
hostility in encounters with members
ben. Sie standen den Bemühungen der
of the former ›people’s community‹.
Betroffenen um ein Fußfassen nach
Finally, tremendous disappointment set
dem Krieg, um die Anerkennung ihres
in because numerous National Socialist
Verfolgtenstatus und um Hilfe sowie
offenders remained in companies and
Entschädigung als teils unüberwindli-
official positions. It sometimes took
che Hindernisse entgegen. Das Erleben
decades before the members could talk
eines »Neubeginns« seit 1945 war unter
about their traumatic experiences under
diesen Bedingungen nur ein »flüchtiger
the National Socialists with people out-
Moment«.
side of their own group.
Experience(s) of a new beginning?
Sinti and Roma in the early post-
war period in Hamburg
This essay looks at the local conditions
which shaped the lives of Sinti and 254 SUMMARYS
Roma people into the 1950s. Using im Nationalsozialismus weiterhin kri-
Hamburg as an example, the essay minalisiert wurden. Die Polizei griff explores whether the immediate post- hierbei auf bestehende Karteien zur
war period offered opportunities for a Minderheit zurück, baute sie aus und
new beginning for the members of this nutzte sie behörden- und länderüber-
minority, or whether these were out- greifend. Im Rahmen des Erlasses 19
weighed by continuities in discrimina- des württembergisch-badischen Justiz-
tion. Insights into the living conditions ministeriums war die Kriminalpolizei
of the people concerned, the reactions von 1950 bis 1954 mit dem Landesamt
of local residents when Sinti or Roma für Kriminalerkennungsdienst und Po-
people ›moved in‹ and the activities lizeistatistik (und in seiner Nachfolge
of the British occupying forces, pub- dem Landeskriminalamt) in Stuttgart
lic authorities and municipal support fest in die Entschädigungsverfahren
structures reveal that antiziganist prac- eingebunden. Doch auch nach Auf-
tices very much persisted in this period. hebung des Erlasses 19 im Jahr 1954
The decisive factors here were local blieb die Kriminalpolizei eine wich-
dynamics and the actors involved in tige Ansprechpartnerin für die Ent-
them, which had a much greater impact schädigungsbehörden – zulasten der
on the lives of Sinti and Roma peo- Minderheit. Auf Grundlage von Ent-
ple than centralized guidelines. They schädigungsakten aus den Abteilungen
stood in the way of efforts by Sinti and Karlsruhe und Stuttgart des Landes-
Roma people to gain a foothold after archivs Baden-Württemberg werden
the war, to be recognized as victims of neue Erkenntnisse zur Rolle der Kri-
persecution and to get assistance and minalpolizei in den baden-württember-
compensation. Under these conditions, gischen Entschädigungsverfahren von
the ›new beginning‹ after 1945 was just Sintize und Sinti sowie Romnja und
a ›fleeting moment‹. Roma vorgestellt.
Antiziganist continuities in
Laura Hankeln
Baden-Württemberg. The role of
Antiziganistische Kontinuitäten in the criminal police in compensa-
Baden-Württemberg. Die Rolle der tion practices for Sinti and Roma Kriminalpolizei in der Entschädi-
Even in the summer of 1945, the crim-
gungspraxis von Sintize und Sinti
inal police investigated the survivors of
sowie Romnja und Roma
National Socialist crimes who applied
In die Betreuungspraxis von Überle- for support in what is now the fed-
benden der NS-Verbrechen war auf eral state of Baden-Württemberg. These
dem Gebiet des späteren Bundeslandes investigations often affected Sinti and
Baden-Württemberg bereits im Som- Roma people in particular, who con-
mer 1945 die Kriminalpolizei mit Re- tinued to be treated as criminals despite
cherchen zu Antragstellerinnen und being victims of persecution. The po-
Antragstellern einbezogen. Von den lice made use of existing card files
Ermittlungen waren häufig Sintize with information about this minority
und Sinti sowie Romnja und Roma and expanded them, and the files were betroffen, die trotz ihrer Verfolgung consulted by various authorities in SUMMARYS 255
ferent federal states. In accordance with des Nationalsozialismus. Welchen Weg
Decree 19 of the Württemberg-Baden Deutschland und Österreich in Bezug Ministry of Justice, the criminal police auf ihre Anerkennung als NS-Opfer in
were closely involved in compensation Zukunft beschreiten werden, hängt von
procedures through the State Office for vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von
Criminal Records and Police Statistics der wissenschaftlichen Thematisierung
(and its successor, the State Criminal unsichtbar gemachter Opfergeschich-
Police Office) in Stuttgart from 1950 to ten.
1954. Even after Decree 19 was revoked
in 1954, the criminal police remained an
The second stigmatization.
important point of contact for compen-
›Antisocial elements‹ and ›career
sation authorities – to the detriment of
criminals‹ as victims of National
the minority. Based on compensation
Socialism in West Germany
files from the Karlsruhe and Stutt-
and Austria after 1945
gart divisions of the State Archives
of Baden-Württemberg, this essay pre- The National Socialists marginalized
sents new findings regarding the role people they branded as ›antisocial elem-of the criminal police in compensation ents‹ and ›criminals‹ and imprisoned
procedures for Sinti and Roma people them in concentration camps, where
in Baden-Württemberg. they had to wear a black or green tri-
angle. Even after the liberation, these
victims of persecution were socially
Andreas Kranebitter und Dagmar Lieske marginalized in post-war Germany and
Austria. This essay shows that, from
Die zweite Stigmatisierung.
the 1950s at the latest, these victims
»Asoziale« und »Berufsverbrecher«
were denied material compensation and
als NS-Opfer in Westdeutschland
excluded from memory culture in West
und in Österreich nach 1945
Germany and Austria. This ›second
Der NS-Staat grenzte Menschen als stigmatization‹ continues to have ser-»asozial« oder »kriminell« aus und ious consequences for memory culture
sperrte sie in den Konzentrationsla- and the descendants of these victims of
gern weg, wo sie einen schwarzen bzw. National Socialism. The approach that
grünen Winkel tragen mussten. Auch Germany and Austria will take in the nach der Befreiung kam es in den deut- future to recognizing these groups as
schen Nachkriegsgesellschaften sowie victims depends on a number of factors,
in Österreich zu einer sozialen Aus- not least whether scholars will address
grenzung dieser Verfolgten. Sie impli- the stories of victims who have been
zierte spätestens ab den 1950er-Jahren made invisible. sowohl den Ausschluss aus der mate-
riellen Entschädigung als auch aus der
Gedenkkultur insgesamt, wie an Bei-
spielen aus der Bundesrepublik und aus
Österreich gezeigt wird. Diese »zweite
Stigmatisierung« hat bis heute gravie-
rende Folgen für die Erinnerungskul-
tur und die Nachfahren dieser Opfer