NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn

Gero Fedtke: »Der lange Weg nach Hause«. Ein Bericht über die Repatriierung von Ilmenau, Thüringen, nach Presnogor’kovka, Kasachstan, 1945/46

Gero Fedtke

 

»Der lange Weg nach Hause«

Ein Bericht über die Repatriierung von Ilmenau, Thüringen,

nach Presnogor’kovka, Kasachstan, 1945/46

 

Sowjetische Staatsangehörige, die als deren Familien einen Weiler (chutor)

Kriegsgefangene oder Zwangsarbei- in der Nähe, den sie mit modernen

terinnen und Zwangsarbeiter nach landwirtschaftlichen Methoden erfolg-Deutschland verschleppt worden wa- reich führten. Als der Weiler am Ende

ren, mussten nach dem Ende des Zwei- der 1920er-Jahre kollektiviert wurde,

ten Weltkrieges in die Sowjetunion zu- geriet Nikolajs Vater, der während des

rückkehren – ob sie wollten oder nicht. Bürgerkrieges gegen die Bolschewiki

Viele erlebten in der Heimat erneut gekämpft hatte, in das Visier der poli-

Unfreiheit und Zwang. Zugleich muss- tischen Polizei. Die Lavrinovs mussten

ten sie mit dem Makel leben, pauschal ihren bisherigen Wohnsitz aufgeben

der Kollaboration mit dem NS-Staat und ab 1929 in äußerst bescheidenen

verdächtigt zu werden. Sie wurden so Verhältnissen in einer Erdhütte am

»Opfer zweier Diktaturen«1 3 , wie Pa-Rand von Presnogor’kovka hausen.

vel Poljan sie prägnant bezeichnet hat. Die Familie Lavrinov entging knapp

Diese Perspektive prägt auch die For- der Einstufung als »Klassenfeinde«.

schung zu ihnen. Wie nahe sie diesem Schicksal war,

Der Rotarmist, Lehrer und Autor Ni- zeigt der Vergleich mit dem fast gleich-

kolaj Lavrinov hat seine Rückkehr in dem altrigen Stepan Podlubnyj, dessen Tage-

1997 publizierten Werk »Der lange Weg buch Jochen Hellbeck untersucht hat.

nach Hause. Tagebuchaufzeichnungen« 2 Lavrinov und Podlubnyj entstammten

beschrieben. Es lässt Ambivalenzen und bäuerlichen Familien, deren Wohlstand

Grautöne sichtbar werden und ermög- sich von dem des Durchschnitts abhob.

licht es, Erfahrungen und Handlungs- Beide Familien wurden im Zuge der

möglichkeiten aus der Perspektive eines Kollektivierung enteignet und mussten

Repatrianten zu ergründen sowie dessen in ärmliche Behausungen am Dorfrand

Selbstwahrnehmung und Selbstdarstel- umziehen. Die Podlubnyjs wurden je-

lung nachzuvollziehen. Wie zu zeigen doch als »Kulaken« eingestuft. Stepan sein wird, griffe eine Einordnung Lavri- Podlubnyjs Vater wurde verbannt, er

novs als Opfer des Stalinismus allerdings selbst verließ aus berechtigter Sorge um

zu kurz. Repression sein Heimatdorf und fand

Nikolaj Lavrinov († 2009) wur- schließlich unter falscher Identität als

de am 4. Dezember 1916 im Dorf »Arbeiterkind« einen Ausbildungsplatz

Kamyšlovka im Norden der Sowjetre- 4 als Druckerlehrling in Moskau. Lavri-

publik Kasachs tan geboren. Der Ort novs Familie hingegen konnte am Ort

war Teil von Presnogor’kovka, einer bleiben. Nach seinem Schulabschluss Kosakensiedlung (stanica). Nach dem studierte Lavrinov an der Arbeiter-

Ende des Bürgerkrieges 1919 gründe- fakultät des pädagogischen Instituts

ten Lavrinovs Eltern mit einigen an- in Omsk. Zurück in Presnogor’kovka

16 GERO FEDTKE

 

Abb. 1: Nikolaj Lavrinov (Bildmitte) und Kolleginnen und Kollegen mit der Klasse 7a der Schule in Presnogor’kovka, 1938. Quelle: Kostanay i kostanajcy, portal o gorode i žiteljach [Kostanay und die Kostanayer, Portal über die Stadt und ihre Bewohner], http://kostanay1879.ru/index.php?option=com_content&task=view&id=1826& Itemid=46, Zugriff: 8.2.2022

 

wurde er Lehrer für russische Sprache besondere am Ende des Textes. Die

und Literatur.5 »Aufzeichnungen« sind somit als Me-

Die Aufnahme in die neue Sowjetge- moirentext in Tagebuchform zu lesen,

sellschaft, um die Podlubnyj unter fal- der von Lavrinovs 1945 Erlebtem und

scher Identität vergeblich rang, scheint Geschriebenem das vermittelt, was er

Lavrinov gut gelungen zu sein. Spätes- 1997 öffentlich machen wollte.7 Ebenso

tens nach dem Ende der Sowjetzeit ver- wie in seinem autobiografisch gepräg-

stand Podlubnyj sein Tagebuch als Do- ten literarischen Werk nahm Lavrinov

kument eines Opfers des Stalinismus.6 damit eine Position ein, in der er sich

Lavrinov lag in seinen »Aufzeichnun- als Patriot und Unterstützer des Sow-

gen« eine solche Autorenposition hin- jetstaates präsentiert, aus einer persön-

gegen fern. Sie fußen offensichtlich auf lichen Perspektive aber auch Kritik und

von ihm zwischen April 1945 und März Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt.

1946 angefertigten Tagebuchnotizen. In Lavrinov gehörte zu jenen jungen

welchem Umfang der Autor sie für die Menschen in der Sowjetunion, denen

Publikation gekürzt und überarbeitet der Staat Aufstiegschancen bot. Lavri-

hat, ist nicht bekannt. Detaillierte Ein- nov seinerseits unterstützte diesen Staat

träge zu spezifischen Daten wechseln als Lehrer, dessen Aufgabe es war, die

mit zusammenfassenden Passagen, ins- Kinder im Geist der neuen Zeit zu

»DER LANGE WEG NACH HAUSE« 17

 

erziehen, sowie als Mitglied des Kom-

somol.8 Nach seiner Einziehung in die

Rote Armee wurde Lavrinov im Früh-

jahr 1940 stellvertretender politischer

Kommissar auf Kompanieebene (zam-

politruk). Damit wurde er in seiner Ein-

heit, die das Flugfeld Borispil’ bei Kiew

bewachte, zu einem Repräsentanten

von Partei und Staat, die ihm wiederum

mit dieser Ernennung ausdrücklich ihr

Vertrauen aussprachen: Gemäß Befehl

des Volkskommissars für Verteidigung

vom 25. Januar 1938 kamen für diese

Position nur »bewährte und politisch

alphabetisierte Komsomolzen, die sich

auf den Parteibeitritt vorbereiten«, in-

frage. 9 Das Spektrum seiner Aufga-

ben war breit, er war sowohl für das

Wohlergehen seiner Kompanie als auch Abb. 2: Nikolaj Lavrinov in Ilmenau, 1943.

für die politisch-ideologische Bildung Quelle: Sergej Nikolaeviˇc Viniˇcenko: Dolgij

 

der Soldaten zuständig: »In der Regel 2019, https://proza.ru/2019/12/03/1358, put’ domoj [Der lange Weg nach Hause],

fungierte jeder einzelne Politruk zu- Zugriff: 8.2.2022 gleich als Propagandist, Kaplan, Psy-

chiater, Schulungsleiter und Spitzel.«10

Eine entsprechende grundsätzliche Zu-

stimmung zum Sowjetstaat und seinen Am Tag des Überfalls der Wehr-

Organisationen prägt die »Aufzeich- macht auf die Sowjetunion tat Lavrinov

nungen«. Lavrinov präsentiert sich als Dienst in seiner Einheit in Borispil’.

Aktivist, der überzeugter Soldat und Bei der Einkesselung Kiews geriet er im

gerne Bindeglied zwischen den ein- September 1941 in deutsche Kriegsge-

fachen Mannschaften, seinen »Jungs« fangenschaft. Der Wehrmacht blieb da-(rebjata), und den Kommandeuren ist. bei offensichtlich seine politische Funk-

Sollten ihn grundsätzliche Zweifel ge- tion verborgen – andernfalls wäre er

plagt und zu Reflexionen über sich wie Zehntausende andere Politoffiziere

und sein Verhältnis zur Sowjetideologie 12 aufgrund des »Kommissarbefehls« er-herausgefordert haben, wie dies Jochen mordet worden. Er wurde in das Durch-

Hellbeck aus Stepan Podlubnyjs Ta- gangslager 160 in Chorol gebracht, in

gebuch herausgearbeitet hat, so haben dem mehrere Zehntausend Kriegsgefan-

sie keinen Eingang in sein publiziertes gene unter freiem Himmel dahinvege-

Werk gefunden. Im Gegenteil scheint tieren mussten; über die Hälfte von

Lavrinovs grundsätzliche Zustimmung ihnen starb. Lavrinov gelang die Flucht,

zu Partei und Staat ihm eine deutliche allerdings wurde er wieder aufgegrif-

Kritik und lakonisch ausgedrückte Di- fen. Letztlich missglückte Fluchten wie

stanz zu einigen Entscheidungen und die Lavrinovs waren keine Einzelfälle,

Repräsentanten dieses Staates gestattet denn angesichts der gigantischen Zahl

zu haben, die Podlubnyj schwerfielen.11 an Rotarmisten, die die Wehrmacht im

18 GERO FEDTKE

 

Sommer 1941 gefangen genommen hat- mit Lavrinovs Vorkriegsleben verbun-

te, waren Fluchten aus den Lagern mög- den. Die Sowjetunion war ein Staat,

lich. Durch das besetzte Gebiet und die der seinem Selbstverständnis nach An-

Front zu den sowjetischen Truppen zu spruch auf Verfügungsgewalt über alle

gelangen, war hingegen sehr schwierig. seine Staatsangehörigen hatte, insbe-

Die deutschen Besatzungsbehörden ver- sondere über ihre Arbeitskraft, aber

schleppten Lavrinov im Sommer 1942 auch über ihr Gewissen. Diesem An-

nach Ilmenau in Thüringen. Unter An- spruch lag zum einen die Vorstellung

gabe eines falschen Geburtsdatums und des Kollektivs und des Klassenkamp-

-ortes war er dort bis zu seiner Befreiung fes zugrunde, zum anderen ein Miss-

als ziviler Zwangsarbeiter registriert. 13 trauen, das der Sowjetstaat seit seiner

Am 10. April 1945 besetzten US- Gründung hegte: Äußere und innere

amerikanische Truppen Ilmenau. Die Feinde konnten überall sein. »Spio-

»Aufzeichnungen« halten über die Be- ne, Diversanten, Schädlinge und andere

freiung nur kurz fest: »Das war uner- Volksfeinde« von der eigenen Kom-

wartet: Wir erwarteten Russen – aber 16 panie fernzuhalten, gehörte auch zu

nun sind Yankees hier. Aber das ist den Aufgaben eines politischen Kom-

egal – Freiheit! Die Wache floh.« (S. 3)14 missars wie Lavrinov. Das Misstrauen

Über die zwei Monate in Ilmenau nach führte zu wiederholten Säuberungen,

der Befreiung berichtet Lavrinov nur die ihre Höhepunkte in den Jahren

knapp und teilt weder etwas über die 1937 und 1938 hatten.

US-amerikanischen Soldaten noch über Aus dieser Haltung heraus verlangte

die Ilmenauer Bevölkerung mit. die Sowjetführung von den Westalliier-

ten die lückenlos individuell dokumen-

 

»Filtration« nen und -bürger aus Deutschland und tierte Übergabe aller Sowjetbürgerin-

Am 11. Juni 1945 transportierten US- den westeuropäischen Gebieten. Dabei

amerikanische Lastwagen die befreiten war sie bestrebt, aller »Kollaborateu-

sowjetischen männlichen Zwangsarbei- re« und »Kriegsverbrecher« habhaft zu

ter aus Ilmenau an die Elbe bei Riesa, werden und diese zu bestrafen. Zu-

wo sie den sowjetischen Streitkräften gleich fürchtete sie die Einschleusung

übergeben wurden. 15 Erst ab diesem von »Spionen« in den Reihen der zu

Zeitpunkt enthalten die »Aufzeichnun- Repatriierenden. Daher organisierte sie

gen« ausführliche Einträge, erst hier die Überprüfung aller, die in deutscher

begann Lavrinovs »Weg nach Hause«. 17 Hand gewesen waren. Deren Durch-

Lavrinov beschreibt die Stimmung führung war mehrfach Veränderungen

während der Fahrt zur sowjetischen und Umstrukturierungen unterworfen. Besatzungszone so: »Aber zwischen all In Fällen wie dem Lavrinovs erfolgte

der Freude versteckte sich irgendwo sie in »Sammel- und Filtrationspunk-

in der Tiefe der Seele und des Her- ten«: »Uns empfing der sowjetische

zens eine unerklärliche Angst. Wir Staat in Form von Militärs, man ließ schweigen. Uns ist nicht nach reden uns in Reih und Glied Aufstellung neh-

zumute. Genug [belastende; G. F.] Ge- men und führte uns irgendwohin. Bald

danken über den bevorstehenden Tag. fanden wir uns in einem Lager wieder.

Wie werden uns die Unsrigen emp- Schon wieder in einem Lager. Diesmal

fangen?« (S. 4) Diese Gedanken waren nicht mehr in einem deutschen, sondern

»DER LANGE WEG NACH HAUSE« 19

 

in einem sowjetischen, aber in einem und Mannschaften brachte und ihm

Lager. […] Das ist das Filtrationslager so Handlungsmöglichkeiten eröffnete:

Zeithain18 ein spezielles Lager für Leute »Ich begann den Dienst in der Roten

wie uns, die Repatrianten.« (S. 4) Armee als Schreiber einer Transport-

Die Filtration selbst ordnete Lav- kompanie. Es ist ein vertrauter Job.

rinov in seine bisherigen Erfahrungen Ich schreibe sehr viel. Der Tag reicht

ein: »Wir durchlaufen die ›Filtration‹, nicht aus, ich schreibe nachts. Zum

oder einfacher eine Überprüfung, aber Schlafen bleiben ungefähr drei Stunden.

noch genauer: eine Säuberung.« (S. 5) Ich erfülle meine Aufgaben mit großem

Grundsätzliche Zweifel an deren Rich- Eifer und Gewissenhaftigkeit. Das Ar-

tigkeit äußert er nicht, im Gegenteil: beiten ist mir angenehm und erfreulich.

»Übrigens, meine Kameraden und ich Außerdem nutze ich meine neue Posi-

haben keine Angst und fühlen uns tion für wohltätige Zwecke. Ich helfe

in unserer Ehre nicht verletzt, wahr- meinen Genossen im Unglück, meinen

scheinlich deshalb, weil wir uns für neuen Bekannten. Mal lege ich für einen

rein halten, unschuldig gegenüber der Kameraden ein gutes Wort ein, mal lobe

Heimat, oder weil wir das voraussahen, ich ihn, mal setze ich mich für jeman-

wussten, welche Wachsamkeit früher den ein, wenn ich ihn kenne, mir seiner herrschte, vor dem Krieg, und jetzt sicher bin, mal gebe ich Freunden Rat,

weiterhin herrscht.« (S. 5) Einen Un- wie sie sich bei der Überprüfung, der

terschied zur Vorkriegszeit beschreibt Befragung, verhalten sollen, warne sie

Lavrinov allerdings doch: »Hier hörten vor der bevorstehenden Überprüfung

wir erstmals das Wort › 19 SMERSCH ‹. durch den einen oder anderen Unter-

Das erwies sich als Einrichtung, ernster suchungsführer, teile meine Eindrücke

als die vorherige Sonderabteilung, mit der Überprüfenden mit, übermittele

der Bedeutung – Tod den Spionen. Vor Neuigkeiten und Gerüchte. Alles zum

den Augen des Untersuchungsführers Nutzen der Jungs, mit denen ich so viel

der SMERSCH zu erscheinen, ist wahr- durchmachen musste. Sie vergelten es

lich nicht angenehm. Du kommst ins mir mit Anerkennung, Freundschaft,

Büro und dir zittern die Knie. Es ist Gegenseitigkeit, empfangen mich wie

nicht zu leugnen, dir rutscht das Herz einen Familienangehörigen.« (S. 5) Mit

in die Hose. Ein Schauer durchfährt den »wohltätigen Zwecken« begab sich

mich ganz und gar. Wohin ist meine Lavrinov wieder in seine Rolle des poli-

Selbstsicherheit verschwunden? Was ist tischen Kommissars, fand offensichtlich

mit mir los?« (S. 5) seinen Platz im System. Er thematisiert,

Doch Lavrinov notierte erleichtert, dass er sich in privilegierter Position

dass die Prozedur für ihn optimal ablief befand, und spricht auch die Ambiva-

und kein Verdacht auf ihn fiel. Mehr lenz dieser Rolle an: »Die Jungs neh-

noch: Er wurde mit der Funktion des men mir das nicht übel, sie verstehen,

Schreibers betraut, der die Repatrian- dass es gut ist, im Stab einen Vertrauten

ten nach unterschiedlichen Kriterien zu haben. Aber es gibt auch Neider,

sortiert in Listen aufzuführen hatte. sie nennen mich einen Büromaulwurf. Notwendige Auskünfte hatte er dabei Das beleidigt mich nicht. Wer jedem

persönlich bei den Betreffenden einzu- das Maul stopfen wollte, müsste viel

holen, was ihn wieder in die Rolle eines Mehl haben« (S. 8). Ob Lavrinov seine

Mittlers zwischen Staatsverwaltung Funktion tatsächlich nur zum Wohl 20 GERO FEDTKE

 

seiner Kameraden nutzte oder sie auch Der Marsch: Begegnungen

oder vielmehr – wie mit dem Begriff mit Deutschen, Sorben und Polen

»Maulwurf« angesprochen – überwa-

chend und denunzierend ausübte, kann Am 1. Juli 1945, nach gut drei Wochen

hier nicht beurteilt werden. im Lager, machte sich Lavrinovs Grup-

Lavrinov notierte bereits vor der Fil- pe auf den Marsch. Die Männer wuss-

tration: »Gott behüte die, bei denen sich ten bereits zwei Wochen zuvor, dass

sogar herausstellt, dass sie verdächtigt sie den Weg zu Fuß würden bewältigen

werden, Verräter zu sein oder vlasovcy, müssen. Fünf Tage vor dem Abmarsch

banderovcy20!« (S. 5) Die Betroffenen war die Gruppe an die Rote Armee wurden der Sonderabteilung überge- übergeben worden. Die Männer galten

ben. Dort »waren auch eigene Sonder- nun wieder als Rotarmisten. Lavrinov

schreiber. Deshalb«, so Lavrinov, »weiß war dies wichtig. »Ich bin bereit, mich

ich über die dorthin Ausgesonderten hier und jetzt als Freiwilliger zu ver-nichts.« (S. 6)21 Aber auch bei denen, pflichten, ohne auch nur eine Minute

die wie er die Überprüfung passiert nachzudenken« (S. 6), hatte er bereits

hatten, notierte Lavrinov beginnende nach seiner Überprüfung notiert und

Unruhe und bedrückende Gerüchte. mit Verwunderung konstatiert, dass die Wiederholte Kontrollen verunsicherten Aussicht auf Rückkehr in die Armee

die Repatrianten. »Niemand ist sich we- nicht für alle beruhigend war. Die kur-

der seiner Rechte noch seiner Chan- ze Beschreibung der Aufnahme in die

ce auf ein normales Leben sicher. […] Armee bringt seine Begeisterung zum

Die Gerüchte, dass wir nun in einem Ausdruck. Die Männer wurden von

sowjetischen Lager landen werden, in Offizieren »in Paradeuniformen« emp-

Sibirien, sind beunruhigend.« (S. 7) Lav- fangen. »Alle sind verdiente Offiziere.

rinov beschreibt, wie er die »Jungs« zu Jeder hat die Brust voller Orden. […]

beruhigen versuchte: »Ihr kennt doch Die Übergabe dauerte nicht lange, war

das Lied: Auch Sibirien ist russisches rein formell, denn die Dokumentation

Land.« (S. 7) Ob dieser Verweis auf das war bereits im Stab erledigt worden.

in den 1920er- und 1930er-Jahren popu- Es war nur ein Treffen – ein Kennen-

läre Lied » 22 Č ub č ik«, das von einem lernen. Es hinterließ einen angenehmen nach Sibirien Verbannten handelt, seinen Eindruck – einfach großartig« (S. 7 f.).

Zweck erfüllte, teilt Lavrinov allerdings Hier beschreibt Lavrinov ein typisches

nicht mit. Zu dieser Zeit vermerkte ein Procedere. Die zu repatriierenden Rot-

sowjetischer Inspektionsbericht, dass die armisten wurden teils bereits für die

Lager in Zeithain heillos überfüllt seien Filtration, spätestens für den Marsch

und viele unter freiem Himmel nächti- aus Deutschland in Reserve-Infanterie-

gen müssten.23 Von solchen Zuständen einheiten eingeteilt. Lavrinov benennt

berichtet Lavrinov nichts. Sie müssen die Struktur – Zug, Kompanie, Batail-

ihm angesichts seiner privilegierten Posi- lon, Regiment, Armee –, gibt aber keine

tion aber bekannt gewesen sein, auch Auskunft über die Struktur und Grö-

wenn der Komplex Zeithain aus mehre- ße der Einheit, in der er marschieren

ren Lagern bestand, in denen sich zu je- musste.24

ner Zeit über 40 000 Menschen befanden, Lavrinovs Einheit marschierte in

und Lavrinov möglicherweise in einem fünf Wochen vom 1. Juli bis zum

nicht betroffenen Lagerbereich war. 5. August 1945 über 800 Kilometer »DER LANGE WEG NACH HAUSE« 21

 

- a

ET

 

W ION ciˇ L viv (Lemberg) SSR J a-Buz'k

 

SSR N (UdSSR) SO U am’jank Batjaty Ukrainische K ´

Belarussische Brest ´

Javoriv

amosc 951 an Polen) Z Gebietsaustausch (1

Gebietsaustausch ´

Radymno

Lublin

951 an die Sowjetunion)

(1

Przemysl

 

a ˇ aschau) Rzeszów

Kosice (K

aw

Bug adom arsz R

arschau)

W Tarnów (W

Kielce

 

au)

aków ak Kr (Kr

´ a AKEI

Płock (Plock) OLEN

P W Łódz (Lodz/Lodsch)

O

eichsel ˛

´ W Czestochow (Tschenstochau) atowice attowitz)

K (K

Torun (Thorn) HOSL

arthe alm

W EC Gliwice (Gleiwitz)

H

Opole Peter P (Oppeln)

cz Olomouc (Olmütz) SC

Ostrowo afik: T

Gniezno Gr (Gnesen) Kłosów

 

Bydgosz (Bromberg) Wrocław (Breslau) a ´ Leszno

Brno (Brünn)

 

Poznan (Posen) a Kłodzko Lavrinovs. (Glatz)

Jelenia Gór

Krzyw ce (Kreibau)

 

Głogów (Glogau) arzyP

)

Görlitz aha ag)

von Polen verwaltet an der Oder Pr (Pr

km

Prischwitz Moldau 100

 

Oder ankfurtFr auna Cottbus Königsbrück ˇ Br ary ähre Marschroute der Einheit

Berlin (Viermächtestatus Z Dresden 50 Plzen (Pilsen)

 

Zone SB 949 DDR) arlovy V arlsbad) : Ungef au K (K Schönfeld. 3 (ab 1 0

Sowjetische Potsdam Großenhain Röder (bei Zeithain) Abb 22 GERO FEDTKE

 

bis zur sowjetischen Grenze. Der Weg damit auseinander, wo das »gute Essen«

führte durch Sachsen, Schlesien und herkam; an anderer Stelle erwähnt er, Kleinpolen in die Ukraine. Nach zwei dass die Ruhetage auch dazu dienten,

weiteren Tagen waren sie in die Nähe den Trupp mit Lebensmitteln zu versor-

von Kam’janka-Buz'ka nordwestlich gen (S. 13). Zur gleichen Zeit berichteten

von L’viv gelangt. Dort blieben sie zu- deutsche Behörden über das Abernten

nächst bis zum 20. September 1945. von Feldern durch Besatzungssoldaten

Die Nächte verbrachten die Männer oder Repatrianten, Plünderungen und

meist unter freiem Himmel. Gebadet andere Übergriffe. Diese Berichte sind

wurde bei Gelegenheit in Flüssen. Lav- oft von den rassistischen Grundeinstel-

rinov notiert mehrfache Regengüsse: lungen der NS-Zeit geprägt. Der Gen-

»Die Natur vergisst nicht, uns aus dem darmerie-Kreisposten Kamenz vermel-

Himmel zu erfrischen, obwohl wir ge- dete Anfang Juli 1945 die Räumung

rade erst auf der Erde im Wasser waren, eines Waldgeländes bei Brauna, auf dem

gebadet haben. […] Der Regen hat »neue sowjetische Kriegsgefangene«

uns früh aufstehen lassen: Nass mag eintrafen, die die Bevölkerung verängs-

man nicht schlafen.« (S. 15) Mehrfach 26 tigt hätten. Lavrinov muss zu diesen

legte die Einheit Ruhetage ein, den ers- »Kriegsgefangenen« gehört haben. Sei-

ten nach drei Marschtagen am 4. Juli. ne Schilderungen offenbaren eine völlig

»Wahrscheinlich haben die Komman- andere Perspektive auf diese Begegnun-

deure bemerkt, dass die Teilnehmer gen, die von Neugierde und Nachdenk-

des Marsches zu ermüden beginnen.« lichkeit geprägt ist. Denn erstmals, so (S. 10) Bereits zum ersten Marschtag betont Lavrinov mehrfach, bekomme

notierte Lavrinov: »Für wie lange wer- er nach Jahren in Lagern nun Natur

den unsere Kräfte reichen? Wir sind und Menschen in Deutschland zu sehen:

schließlich keine Soldaten, sondern »Die deutschen Dörfer haben unter dem ehemalige Häftlinge, nur kaum erstark- Krieg nicht gelitten, jedenfalls dort, wo

te 25 dochodjagi. « (S. 9) Er erwähnt, dass wir jetzt gehen. Mit den Städten ist es

erschöpfte und erkrankte Repatrianten anders. Sie sind zerstört, heftig zerschla-

während des Marsches mit Fahrzeugen gen, ihnen merkt man an, dass der Krieg

abtransportiert wurden. hier grausam gepflügt hat. […] Aber die

Die ersten Marschtage schildert Lav- Dörfer sind heil und sauber. Die Felder

rinov als von Hochstimmung geprägt: sind gepflegt, die Gärten reich. Die Stra-

»Der Marsch in die Heimat hat begon- ßen sind in gutem Zustand.« (S. 11) nen. Hurra! […] Wir gehen schnell. Un- Ein sorbisches Dorf hingegen emp-

sere Stimmung ist beflügelt, wir möch- findet er als ausgesprochen ärmlich,

ten gehen und gehen.« (S. 9) Am zweiten dessen slawische Bevölkerung wie-

Tag machte die Einheit Mittagspause in derum als besonders liebenswürdig.

Königsbrück bei Kamenz nordöstlich »Warum fristen Bewohner Deutsch-

von Dresden: »Mittag. Bärenhunger. lands, diese Menschen, dieses kleine

Das Essen ist gut und sättigend. Alle Volk, ein solch kümmerliches Dasein?

sind zufrieden, sehr zufrieden. Ist der Als seien sie Aussätzige, Untermen-

Mensch satt, ist er gut, ruhig, träumend. schen, eine mindere Rasse, so wie die

10.00 Uhr abends Braunau [Brauna Deutschen uns ansprachen. Sie sind

bei Kamenz; G. F.]. Rast. Nachtlager.« stolz. Sie haben sich nicht assimiliert,

(S. 10) Lavrinov setzt sich hier nicht sind nicht Deutsche geworden. »DER LANGE WEG NACH HAUSE« 23

 

te die Russen im Falle eines Sieges sind doch Kinder. […] Wie sehr ähnelt

Deutschlands ein ebensolches Schicksal das alles dem Jahr 1941, nur war da alles

erwartet? Ja. Wahrscheinlich. Zweifel- umgekehrt.« (S. 11) Lediglich an zwei

los.« (S. 10) Solche Gedanken zu Taten Stellen erwähnt er Übergriffe aus den

und Plänen der Nationalsozialisten ha- eigenen Reihen, einen Raub und eine

ben in dem Text insgesamt kaum Nie- euphemistisch umschriebene Vergewal-

derschlag gefunden, obwohl sie Lavri- tigung (S. 13). Freilich beschäftigen ihn

nov beschäftigten: »Wir leben nun ein nicht die Opfer, sondern das in seinem

Soldatenleben. Aber von Zeit zu Zeit Urteil unanständige Verhalten seiner

kommen die Todesstraßen in Erinne- Landsleute. rung, die die Deutschen uns entlang- Am 24. Juli, nach 23 Tagen Marsch,

trieben.« (S. 10) durchquerten die Repatrianten Krakau.

Seine wenigen Ausführungen über Hatten die Männer die Überquerung der

die Deutschen zeugen von ambivalen- Neiße in neues polnisches Staatsgebiet

ten Gefühlen. Angesichts des stark zer- noch mit einem Trinkgelage gefeiert,

störten Leipzig, durch das sie auf Last- so tranken sie am zweiten Tag auf pol-

wagen fahren, notiert er: »Die Ruinen nischem Territorium der Vorkriegszeit

der Stadt betrüben nicht, sie erfreuen »aus Leiden, aus Schwermut« (S. 14).

sogar. Wir sind voller Stolz auf die Stär- »Die Stimmung ist gefallen. Warum? Ich

ke der Waffen der Roten Armee. Die weiß es nicht. Ich möchte, so schnell es

Deutschen sind selbst schuld.« (S. 4) geht, nach Hause, möchte schnellstens

Die während des Marsches erfolgten aus Polen heraus. Die Polen verhalten Begegnungen mit Deutschen lassen ihn sich zu uns schlechter als die Deutschen.

nachdenklicher werden: »Die Bauern Warum? Womit sind sie unzufrieden?

leben ein friedliches Leben, freilich wis- Womit sind wir ihnen unangenehm?«

sen sie nicht, wie es ihnen in Zukunft (S. 14) Das schwierige polnisch-sowje-

ergehen wird. Ihr Verhalten zu uns ist tische Verhältnis hatte komplexe Ur-

überraschend gut. Die Deutschen sind sachen, die dem aus dem asiatischen

wie ausgewechselt, vielleicht täuschen Teil Russlands stammenden Lavrinov

sie das nur vor?« (S. 11) Das Verhalten offenbar nicht bekannt waren: Der sow-

der Deutschen beschäftigt ihn, ohne jetische Einmarsch in Polen 1939 und

dass er zu einem klaren Urteil gelangt: die darauffolgende gewaltsame Sowjeti-

»Die Deutschen sind nicht wiederzu- sierung, das Verhalten der Roten Armee

erkennen. Scharwenzeln nicht nur vor und sowjetischer Besatzungsbehörden,

den Offizieren, sondern auch vor uns die Zwangsumsiedlungen im Kontext

herum. So ist es, wenn sich die Macht- der polnischen »Westverschiebung« ab

verhältnisse verändert haben. […] Aber 1944. Lavrinov registriert die men-

man weiß nicht, wie sie zu Zeiten schenleeren Gebiete der Westukraine, der Faschisten waren.« (S. 12) Über aus denen die polnische Bevölkerung

die Vertriebenen, die ihnen westlich vertrieben war, aber offenbar ohne die

der Neiße entgegenkommen,27 schreibt Ursache hierfür zu kennen. Der un-

er: »Sie sind bedauernswert, wie alle gelöste polnisch-ukrainische Konflikt Flüchtlinge. Die unglücklichen Leute reichte weiter zurück, die polnisch-sow-

zahlen für die Taten ihrer Politiker, jetischen Beziehungen waren vom Krieg

ihres Götzen. Die Kinderchen bitten 28 der Jahre 1920/21 belastet. Lavrinovs

um Brot. Wir geben ihnen davon. Es Bericht über das ihm fremde Polen ist 24 GERO FEDTKE

 

spürbar abwertend: Die Versorgung mit beschreibt, so erfreut berichtet er über

Lebensmitteln und Futter für die Pferde die Begegnung mit einer heimkehren-

sei schlechter, die Architektur der Häu- den befreiten Zwangsarbeiterin. Er be-

ser anders: »Das ist nicht mehr Deutsch- schreibt sie als »fröhliche, gut gelaunte,

land.« (S. 14) Hatte er sich über den glückliche Frau« aus Omsk, dem Ort

vertrauten slawischen Klang des Sorbi- seines Studiums, die ihn offenbar noch

schen noch gefreut, so erscheint ihm das die nächsten Tage beschäftigte und zu

Polnische fremd: »Du verknotest Dir einem Gedicht inspirierte (S. 17).

die Zunge an den polnischen Namen« Am 8. August paradierten die Repa-

(S. 14). Die Kommandeure treiben zu trianten vor dem Oberst ihrer Einheit. schnellerem Marsch – Lavrinov weiß, Dieser zeigte sich zufrieden. »Wir erst

dass es nicht am Zeitplan liegt, wie offi- recht. Wer freut sich nicht über das

ziell erklärt, sondern »auch sie sind den Ende eines Weges, noch dazu eines

Marsch durch Polen leid« (S. 15). solchen wie des unseren? Wir waren

Doch kurz vor der polnisch-sowje- zufrieden mit uns, mit unserer Zähig-

tischen Grenze verlangsamte sich das keit. Wir waren voller Kraft und spür-

Marschtempo erheblich. Die zunächst ten keine Müdigkeit. Wir waren keine

für den 30. Juli angekündigte und dann Dystrophiker mehr, keine dochodjagi, noch mehrfach verschobene Überque- sondern vollwertige Soldaten, bereit,

rung der Grenze fand erst am 5. August jeden Auftrag zu erfüllen.« (S. 17)

statt, einem Sonntag. Den Grund erfuhr Unter dem Datum des 14. August

Lavrinov nicht: »Mir fehlt die Ge- vermerkte Lavrinov jedoch: »Wir freu-

duld. Ich will schnellstens dorthin, nach ten uns, obwohl es zu früh war, sich

Hause. Bis zur Grenze sind es ungefähr über das Ende des Weges zu freuen.«

drei Kilometer. Doch die Überquerung (S. 20) Bereits seit mehreren Tagen leb-

wird wieder verschoben, aber warum, ten die Repatrianten in einem Zeltla-

weiß ich nicht, das ist nicht bekannt. ger – »wieder ein Lager« (S. 20) – in

Irgendetwas ist zu unserem Empfang der Nähe der Bahnstation Kam’janka-

nicht bereit.« (S. 16) Als es endlich so Buz'ka. Wieder und wieder verschob

weit ist, regnet es in Strömen: »Man sich die angekündigte Abfahrt. Lavrinov

sagt, das sei ein gutes Zeichen, bringe schrieb immer neue Listen, deren Sinn

Glück. Wir werden sehen, was es für ihm verborgen blieb. Ihm wurden auch

eines wird, dieses Glück. Und nun begrenzte Exekutivaufgaben übertragen. beginnt der feierliche Augenblick. Wir Er enthält sich eines direkten Kommen-

überqueren unter einem Triumphbogen tars, doch ist seinem Text neben einem

die Grenze. Der Bogen ist mit Slogans gewissen Stolz über das Lob seiner Vor-

versehen, mit Porträts von Stalin und gesetzten auch eine zunehmende Unge-

noch irgendwem, darüber das Wappen duld über das wiederholte Aufschieben

der Sowjetunion. Auf einer Tribüne, die 29 der Abfahrt anzumerken.

auf den Ladeflächen von Pritschen-Lkw Die Abfahrt erfolgte am 20. Sep-

mit heruntergeklappten Bordwänden tember ohne jede Vorankündigung:

errichtet ist, stehen Vertreter der Sow- »Plötzlich kam der Stabschef der Grup-

jetmacht, Militärs. Durch den Regen pe und befahl, sich zu versammeln

kann ich ihre Gesichter nicht erkennen. und einzusteigen. Endlich! […] Abends

Wer sind sie?« (S. 16) So lakonisch- gegen 9 Uhr oder 9.30 Uhr fuhr unser

distanziert Lavrinov dieses Zeremoniell Zug ab. […] Bin unbeschreiblich froh,

»DER LANGE WEG NACH HAUSE« 25

 

wie im Traum.« (S. 24) Der Stab reiste mov auch ihn zu den Frauen eingeladen

in Personenwaggons, die Mannschaften habe. »Aber ich konnte nicht tun, was

in umgerüsteten Güterwaggons. Zur Ivan tat. Ich hielt das für unanständig,

Fahrt quer durch die Ukraine, die mehr ich war zu Gast, unterhielt mich, ver-

als 1200 Kilometer Strecke betragen ha- abschiedete mich und ging. Ich weiß

ben muss, enthalten die »Aufzeichnun- nicht, was ich für einen Eindruck hin-

gen« nur eine Seite. Lavrinov notiert terließ, aber so wie ich bin, so war ich

Zerstörungen. Sie kommen durch Hei- auch mit ihnen.« (S. 13) Die allgegen-

matorte von Männern seiner Einheit, wärtigen Vergewaltigungen waren, wie

durch Orte, an denen er vor dem Krieg Kerstin Bischl herausgearbeitet hat, ein

gewesen war. Andere Einheiten mit Mittel der Vergemeinschaftung unter

Repatrianten mussten auch auf sow- 30 Rotarmisten. Dies scheint hier auch

jetischem Gebiet weitermarschieren. für die Repatrianten zu gelten. Daher

Auf welche Weise die Repatriierten hielt Lavrinov seine Ablehnung eines überwiegend zurückgebracht wurden, sexuellen Kontakts offenbar für erklä-

ist bislang nicht erforscht. rungsbedürftig. Seine Sorge, welchen

»Eindruck« er hinterlassen habe, galt

 

Frauen nicht den betroffenen Frauen, sondern

seinem Kameraden Ivan.

Lavrinovs Heimweg fand in einer Män- Während der Zugfahrt wurde er

nerwelt statt. Frauen kommen darin »unfreiwillig« Zeuge des »groben Ver-nur am Rande vor. Lavrinov schil- haltens« des Stabschefs gegenüber einer

dert sexuelle Kontakte seiner Kame- Frau namens Ira. Rotarmistinnen such-

raden, ohne diese in den Kontext se- ten oft Protektion vor den Avancen

xueller Gewalt einzuordnen, in dem ihrer Kampfgefährten durch eine feste sie vermutlich standen. Sein Kamerad 31 Beziehung zu Offizieren. Lavrinovs

Ivan Gerasimov »brüstete sich, dass kurze Ausführungen lassen vermuten,

er intime Beziehungen mit einer der dass Ira eine dieser »Front-Ehefrauen«

Frauen« während eines Ruhetages in war. Er konstatiert bedauernd, dass Kreibau (Krzywa) in Schlesien hatte. »die Kerle sich daran gewöhnt haben,

Es ist wahrscheinlich, dass Lavrinov sich mit den Frontweibern unschicklich

hier in verdeckter Form von einer Ver- zu benehmen«, obwohl Ira doch ein

gewaltigung berichtet. Die von ihm »liebes hübsches Mädchen« sei, aus der verwendete Formulierung entspricht »eine gute Ehefrau und Freundin wer-

der im damaligen Russischen gängigen den« könne (S. 25).

euphemistischen Umschreibung von Seine Ausführungen zu Männern

Vergewaltigungen. Auch die Situation und Frauen lassen Vorstellungen eines

mit den entsprechenden Machtverhält- konservativen und »anständigen« Ge-

nissen war oft anzutreffen: Die Re- schlechterverhältnisses erkennen, das

patrianten wurden »in einem großen er immer wieder verletzt sieht. So no-

Haus« einquartiert, »in dem in zwei tiert er anlässlich eines Besäufnisses Zimmern noch eine deutsche Familie von Offizieren, bei dem er zugegen

lebte: zwei Frauen, Kinder und ein Ju- war: »Da tauchten irgendwoher zwei

gendlicher« (S. 13). In diesen Zimmern Weiber auf […]. Sie sehen schön aus,

spielte sich die von Lavrinov erwähnte aber was sie eigentlich darstellen, bleibt

Szene ab. Er notiert, dass Ivan Gerasi- unklar. Ich kann es nicht beurteilen.

26 GERO FEDTKE

 

Die Kerle benehmen sich auch mal so, Lavrinov wurde »Bergmann der

mal so.« (S. 23) Solche Gedanken äußert niedrigsten Kategorie – Bergeversetzer«

er auch in Bezug auf die vielen jungen (S. 26). Die Bergeversetzer mussten nach

Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen den Sprengungen aus Gesteinsbrocken

verschleppt worden waren. Es gebe mit der Hand sogenannte Bergemauern

zwar »starke, mit Charakter, mutige, errichten, damit das Hang ende hielt treue«, aber viele von ihnen seien »von und der Streb nicht einstürzte. Nach

schwachem Charakter, nichtsnutzig, Schicht und Dusche fiel Lavrinov ins

wankelmütig« (S. 22). Dieser Pauschal- Bett: »Im Bett setze ich im Traum mei-

vorwurf war auch unter Soldaten der nen Weg nach Hause fort, und wenn

Roten Armee weit verbreitet. Er dien- ich einschlafe, dann fliege ich im Traum,

te als Begründung für Demütigungen und fahre und fahre.« (S. 26)

und sexuelle Übergriffe gegen befreite Die Repatrianten waren weiterhin

Zwangsarbeiterinnen, die an der Tages- als Armeeeinheit organisiert, nun in

ordnung waren.32 einem Arbeitsbataillon, das einem Ma-

jor der Sonderabteilung unterstand.

 

Donbass – Arbeit im Bergbau Lavrinov auch hier in die Position des Nach erneuter Überprüfung gelangte

Nach fünf Tagen Fahrt erreichte Lav- Schreibers; eine Arbeit, die er nach

rinov die Bahnstation Rutčenkovo bei der Schicht im Bergwerk zusätzlich zu

Donezk im Donbass. Lavrinovs Einheit erledigen hatte. Die Protektion des Ma-

wurde im Bergbau eingesetzt: »Bereits jors, so vermutet Lavrinov, habe nach

nach einer Stunde wurden wir [an die bereits zweieinhalb Wochen zur Be-

Behörden vor Ort] übergeben. Das er- förderung zum Zugführer geführt, was

innerte mich an den Menschenschacher bergmännisch der Position eines Stei-

in Erfurt.33 […] Wir sind angekom- gers entsprach. Lavrinov scheint diese

men. Es ist ein Lager für deutsche Beförderung mit einem gewissen Stolz

Kriegsgefangene. Stacheldraht, Türme, erfüllt zu haben: »Jetzt bin ich also

Baracken. Die Verpflegung ist nicht Zugführer. In der Armee war es mir schlecht. Arbeiten werden wir wahr- nicht vergönnt, Kommandeur zu wer-

scheinlich im Bergwerk. Banja. Abends den, nun muss ich es hier sein.« (S. 28)

Besäufnis. Ob vor Freude oder aus »Die Arbeit des Steigers war interes-

Schmerz, weiß ich nicht. […] Was santer, angesehener, physisch leichter soll’s, da ist nichts zu machen, nicht als die Arbeit des Bergeversetzers, aber

zu protestieren: Wir werden nicht zur auch ungleich verantwortungsvoller.

Arbeit eingestellt, sondern eingeteilt. Ich bin für die gesamte Schicht verant-

Wo man uns zu brauchen meint. Genau wortlich.« (S. 29) Die bergmännischen

wie in Deutschland sind wir einstweilen Kenntnisse musste er sich größtenteils

rechtlos. Wir haben schon viel darüber während der Arbeit aneignen, was er

gehört, welches Schicksal uns erwartet. ausführlich beschreibt. Auf sprach-

Vogel friss oder stirb.« (S. 25 f.) Erst am licher Ebene spiegelt sein Gebrauch des

10. Oktober, als die Repatrianten be- Fachvokabulars dies wider. Auch hier

reits zwei Wochen in dem vormaligen schildert er, wie ihm vor allem die Nähe

Kriegsgefangenenlager lebten, wurden zum Kollektiv gefällt: »Ich kann mich

der Stacheldraht und die Wachtürme nicht in einen Verwalter verwandeln,

abgebaut. einen Leiter (načal’nik), auch nicht den »DER LANGE WEG NACH HAUSE« 27

 

kleinsten im Bergwerk. […] Ich arbeite arbeitsfähig waren. Doch auch hierfür

in der Schicht mit allen.« (S. 29) benötigte Lavrinov nach seiner Schil-

Diese Etappe auf Lavrinovs Repa- derung Protektion, in diesem Fall sei-

triierungsweg ist typisch. Das für die tens des ihm vorgesetzten Hauptmanns

sowjetische Wirtschaft zentrale Koh- (S. 31). Lavrinov reiste mit dem Zug bis

lerevier war im Oktober 1943 von der zu der seinem Heimatort nächstgelege-

Roten Armee zurückerobert worden. nen Bahnstation. »Es schmerzt mich,

Es war stark zerstört, und es fehlten die zerstörten Städte, Fabriken und

Arbeitskräfte: Die deutschen Besatzer Bahnhöfe zu sehen. […] Wie viel Zeit

hatten über 330 000 Menschen als »Ost- und Kraft wird nötig sein, um all das

arbeiter« aus dem Donbass deportiert. wiederaufzubauen.« (S. 31) Die letzten

Der Sowjetstaat setzte u. a. auch Re- rund 120 Kilometer legte er zu Fuß

patrianten wie Lavrinov als Arbeits- zurück. Unterwegs begegnete er bereits

kräfte ein – über 100 000 wurden bis Bekannten und Verwandten. Zu Hause August 1946 in den Donbass gebracht. empfingen ihn seine Eltern und seine

Die Lebensverhältnisse dieser Repatri- Schwester: »Das ist das Ende meines

anten und ihr Freiheitsgrad variierten langen Heimwegs aus dem verfluch-

in Abhängigkeit von der Kategorie, ten, bitteren und grausamen Krieg. […] der sie zugeordnet waren. Wer wie Mein Herz dröhnt wie eine Glocke in

Lavrinov in einem Arbeitsbataillon ein- der Brust. Ich bin zu Hause. Ich bin zu

gesetzt war, hatte es vergleichsweise Hause.« (S. 32) gut. Seine Erfahrung gleicht der vieler

anderer, sowohl was seine Lebens- und

Arbeitsbedingungen betrifft als auch Patriotismus und Unfreiheit

 

sein Empfinden, dass sich die erneute Lavrinov und seine »Jungs« wussten

Arbeitsverpflichtung nur wenig von der bereits in deutscher Hand um den Ma-

in Deutschland unterschied. 34 Einmal kel der Gefangenschaft, der schon lange

kommentierte er einen kurzen Besuch vor dem Krieg Teil des sowjetischen

eines Lagers für deutsche Kriegsge- 36 Selbstverständnisses war. Mehr noch, fangene: »Hier sah ich, wie gut es die Lavrinov teilte diese Haltung. Ohne

Deutschen haben, mit was für Brot sie diese Grundeinstellung wäre er nicht

ernährt werden. Das ist etwas anderes politischer Kommissar geworden. Sie

[besseres; G. F.] als unser Ersatzbrot in stand im Einklang mit seinem im Text

den faschistischen Lagern.« (S. 27) Er immer wieder ausgedrückten Patrio-

verglich also nicht die Versorgung der tismus (S. 12, 16, 17, 24, 29). Zugleich

deutschen Kriegsgefangenen und der mit dem Stolz auf das »siegreiche Volk«

Sowjetbürger – Kriegsgefangene konn- der Sowjetunion und dem Mitleiden

ten besser versorgt sein 35 –, sondern die mit den Helden, die ihr Leben für das

der Kriegsgefangenen in beiden Län- Vaterland gegeben hatten, »fühlten wir

dern, und kam zu einem eindeutigen uns glücklos, mehr noch, sogar schul-

Ergebnis. dig, dass wir uns nicht so bewähren

Anfang März 1946 konnte Lavrinov konnten wie andere« (S. 17). Lavrinov

aus dem Donbass abreisen, da bei ihm gab sich sicher: Wenn Japan nicht ka-

eine Lungentuberkulose festgestellt pituliert hätte, »wären wir gerne in die

worden war. Der Sowjetstaat entließ Armee gegangen. Umso eher hätten wir diejenigen nach Hause, die nicht mehr die Last des Misstrauens und das über

28 GERO FEDTKE

 

[uns] schwebende Gespenst der Schuld novs einer Gnade gleich gewähren –

abwerfen können.« (S. 21) oder auch verwehren. Würde nur sein

Aus dieser Haltung ist sowohl seine Schicksal zwischen 1941 und 1946

Akzeptanz der Filtration verständlich sowie in den unmittelbar folgenden

als auch seine Erwartung, sie unbescha- Jahren betrachtet, so ließe sich Lav-

det zu passieren – schließlich sah er sich rinov als »Opfer zweier Diktaturen«

nicht als Kollaborateur. Noch während bezeichnen, als vom Sowjetstaat Un-

der Filtration notierte er: »Die Hoff- terdrückter, der über keine Handlungs-

nung auf die Rückkehr nach Hause, auf alternativen zu dem verfügte, was der

das Wiedersehen mit meiner Familie, auf 39 Staat ihm vorgab. Dies würde seinem die Arbeit in meiner Heimatschule er- Selbstverständnis und seiner Selbstdar-

füllt mich, begeistert mich. Was braucht stellung jedoch nicht gerecht. Er maß

ein Mensch mehr, der noch vor Kurzem seinen Status nach der Befreiung an

keine Hoffnung auf Überleben hatte.« dem Vernichtungswillen des NS-Staats, (S. 6) Diese Hoffnungen erfüllten sich in dem es für ihn nicht um Freiheit,

für ihn jedoch nur mit Verzögerung und sondern ums Überleben ging. Er prä-

Einschränkungen. Darin gleicht sein sentiert sich in seinen Aufzeichnungen

Schicksal dem der vermutlich überwie- als Patriot, der die Einschränkungen

genden Zahl der Repatriierten. des Individuums zugunsten des Kol-

In seinem Heimatort Presnogor’- lektivs akzeptiert und seinen Platz in

kovka fand Lavrinov wieder Arbeit diesem Kollektiv einnimmt. Er fand

als Lehrer. Er musste allerdings das seine Handlungsmöglichkeiten im Rah-für ihn neue Fach Mathematik unter- men der Tätigkeit und der Arbeit für

richten: Fächer wie Russische Sprache den Staat und für seine »Jungs«. Auch

und Gesellschaft blieben Repatrianten ein Stück Privatleben hatte Lavrinov

aufgrund der vermuteten Unzuverläs- im Donbass: Die Baracken des Lagers

sigkeit verwehrt.37 Wie in seiner Jugend wurden als »Wohnheime« deklariert.

gelang ihm jedoch die Rückkehr in Lavrinov konnte Briefe schreiben und

die sowjetische Gesellschaft. Er stieg empfangen, verfügte über eine gewisse

zum Schuldirektor auf. 1960 war er Bewegungsfreiheit in der Freizeit, ging Mitarbeiter der Volksbildungsabteilung ins Kino und lernte auch eine Frau

seines Rajons und wurde für »große kennen, die ihn geheiratet hätte. Doch

Verdienste in der Bildung und Erzie- er »entflammte nicht vor Liebe« (S. 27).

hung der jungen Generation im Geist Lavrinov ist sicherlich kein Ein-

des Kommunismus« mit der Ehrenme- zelfall, doch hat sich die Forschung

daille »Für heldenmütige Arbeit« aus- bislang nicht für Positionen wie die

gezeichnet. 1985 erhielt er – wie rund seine interessiert. Es lässt sich daher

5,4 Millionen andere Veteraninnen und (noch) nicht sagen, in welchem Maß

Veteranen – anlässlich des 40. Jahres- sie als für eine bestimmte Gruppe von

tages des Sieges den Kriegsorden der Repatrianten repräsentativ gelten kön-

Sowjetunion 38 II . Klasse. nen. Perspektiven wie die Lavrinovs

Repatriierte hatten in der Sowjet- machen die Einordnung der sowjeti-

union keinen Anspruch auf eine Rück- schen Kriegsgefangenen sowie Zwangs-

kehr in ihren Heimatort oder in den arbeiterinnen und Zwangsarbeiter als

erlernten Beruf. Der Sowjetstaat konn- »Opfer zweier Diktaturen« zwar nicht

te jedoch beides wie im Fall Lavri- obsolet, doch sollte sie im Hinblick auf »DER LANGE WEG NACH HAUSE« 29

 

die individuellen Perspektiven und die ist weniger seinem Text zu entnehmen

Wahrnehmung der Betroffenen stärker als seinem Gedicht »Rückkehr«, das differenziert werden. bald nach seiner Ankunft in seinem

Seine grundsätzliche Zustimmung Heimatort entstanden sein muss und

bedeutete allerdings nicht, dass Lavri- am Ende der »Aufzeichnungen« publi-

nov alles für richtig hielt und guthieß, ziert ist (S. 32-33). Es bringt das Span-was der Staat tat – insbesondere nicht, nungsverhältnis zwischen Heimatliebe

was ihn selbst betraf. Wie sehr er trotz und Identifikation mit dem Sowjetstaat

allem unter dem Makel der Gefangen- einerseits und Kritik und Unzufrieden-

schaft litt und welches Misstrauen ihm heit andererseits zum Ausdruck. Des-auch die Mitmenschen in seiner Hei- halb möchte ich mit einem Auszug

mat entgegengebracht haben müssen, daraus schließen.

 

ȼɨɡɜɪɚɳɟɧɢɟ Rückkehr

 

Ɋɨɞɧɨɟɫɟɥɨɡɚɧɟɫɟɧɧɨɟɫɧɟɝɨɦ Mein Heimatdorf, von Schnee bedeckt.

ȼɨɬɢɡɞɚɥɢɰɟɪɤɨɜɶɢɲɤɨɥɚɜɢɞɧɵ Kirche und Schule von Ferne zu sehen. Ɂɧɚɤɨɦɵɟɭɥɢɰɵɫɞɥɢɧɧɵɦɪɚɡɛɟɝɨɦ Bekannte Straßen, lang ausgestreckt.

ȼɟɡɞɟɩɨɥɭɲɭɛɤɢɛɚɪɚɧɶɢɩɢɦɵ In Mänteln und Stiefeln die Menschen nur gehen.

 

ɆɚɥɸɬɨɱɤɚɩɥɨɳɚɞɶɊɚɣɤɨɦɦɚɝɚɡɢɧɵ Am Platz die Miliz, das Parteikomitee, Ɇɢɥɢɰɢɹɩɨɱɬɚɢɜɨɟɧɤɨɦɚɬ Kreiswehramt, Geschäfte, Post-Telegraf.

Ʉɢɧɨɬɟɚɬɪɩɪɢɡɟɦɢɫɬɵɣɞɥɢɧɧɵɣ Das Kino, geduckt und lang wie je.

Ƚɟɪɨɢɝɪɚɠɞɚɧɫɤɨɣɩɨɤɨɹɬɫɹɫɩɹɬ Helden des Bürgerkriegs ruhen hier im Schlaf.

 

[…] […]

 

Ɇɟɥɶɤɧɭɥɚɬɟɧɶɜɵɫɨɤɚɹɯɭɞɚɹ± Aufblitzt ein Schatten, dünn und groß –

ɂɞɟɬɨɬɟɰɢɡɪɚɧɟɧɵɛɨɥɶɧɨɣ Krank und voll Wunden der Vater mein. ɂɦɚɦɚɤɢɧɭɥɚɫɶɤɨɦɧɟɪɵɞɚɹ Zu mir stürzt die Mutter, schluchzend bloß,

ɒɟɩɱɚªɋɵɧɨɤɋɵɧɨɱɟɤɦɨɣɪɨɞɧɨɣ© flüsternd: »Söhnchen, mein Söhnelein!«

 

Ɇɵɜɷɬɨɣɠɢɡɧɢɦɧɨɝɨɢɫɩɵɬɚɥɢ Voll Leiden ist unser Leben geworden. əɷɬɨɣɠɢɡɧɶɸɦɧɨɝɨɦɭɭɱɟɧ Dies Leben – viel gelehrt hat es mich:

Ȼɟɡɨɪɞɟɧɨɜɢɛɟɡɦɟɞɚɥɟɣ Ohne Medaillen und auch ohne Orden

ɇɚɜɟɱɧɨɟɩɪɟɡɪɟɧɶɟɨɛɪɟɱɟɧ Zu ew’ger Verachtung verdammt bin ich.

 

ȼɟɞɶɧɟɩɨɜɟɪɹɬɜɧɚɲɢɢɫɩɵɬɚɧɶɹ Niemand glaubt dem wahrsten Wort,

ȼɩɪɚɜɞɢɜɨɫɬɶɫɚɦɵɯɨɬɤɪɨɜɟɧɧɵɯɫɥɨɜ nicht was wir durchgemacht, glaubt’s nicht.

Ʉɬɨɧɟɛɵɥɬɚɦɧɟɡɧɚɟɬɬɨɬɫɬɪɚɞɚɧɢɣ Denn wer nicht war an jenem Ort,

ɇɟɡɧɚɟɬɦɟɪɵɬɹɝɨɫɬɢɨɤɨɜ Kennt nicht das Leid noch der Ketten Gewicht.

30 GERO FEDTKE

 

Anmerkungen

 

1 So der Titel der bahnbrechenden Un- 9 Der Befehl ist abgedruckt in A. S. Eme-

tersuchung von Pavel Poljan: Žertvy lin (Hg.): Prikazy narodnogo komissara

dvuch diktatur. Žizn’, trud, uniženie oborony SSSR [Befehle des Volkskom-

i smert’ sovetskich voennoplennych i missariats für Verteidigung der UdSSR],

ostarbajterov na čužbine i na rodine Moskau 1994, S. 46-47, hier S. 46.

[Opfer zweier Diktaturen. Leben, Ar- 10 Merridale (Anm. 8), S. 79.

beit, Erniedrigung und Tod sowjetischer 11 Vgl. Hellbeck: Tagebuch (Anm. 4),

Kriegsgefangener und Ostarbeiter in der S. 52-66.

Fremde und in der Heimat], 2. Aufl., 12 Vgl. Felix Römer: Der Kommissarbe-

Moskau 2002. Vgl. auch den prägnanten fehl. Wehrmacht und NS-Verbrechen an

Titel von Peter Ruggenthaler / Walter M. der Ostfront 1941/42. Paderborn 2008.

Iber (Hg.): Hitlers Sklaven – Stalins 13 Sein Weg von der Gefangennahme bis

»Verräter«. Aspekte der Repression an zur Deportation nach Ilmenau ist noch

Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, nicht genau geklärt. Ein vergleichbares

Innsbruck/Wien/Bozen 2010. Schicksal beschreibt Pavel Poljan: »Esli

2 Nikolaj Georgievič Lavrinov: Dolgij tol’ko budu živ …« 12 dnevnikov voen-

put’ domoj. Zapiski iz dnevnika [Der nych let [»Wenn ich nur am Leben blei-

lange Weg nach Hause. Tagebuchauf- be …« 12 Tagebücher der Kriegsjahre],

zeichnungen], Kurgan 1997. Im Folgen- St. Petersburg 2021, S. 327 f. Zu Ilmenau

den »Aufzeichnungen«. Ich danke den siehe Arne Martius: Zwangsarbeiter in

Herausgebern für die Möglichkeit, Lav- Ilmenau, Gehren 2004.

rinovs »Aufzeichnungen« vorzustellen. 14 Die Seitenverweise beziehen sich jeweils

Viele Aspekte seiner Biografie und Kon- auf Lavrinov: Aufzeichnungen (Anm. 2).

texte seines Berichtes können hier noch Übers. aus d. Russischen: Gero Fedtke.

nicht erfasst werden; ich betrachte die- 15 Siehe zu Ablauf und Institutionen von

sen Beitrag daher als Werkstattbericht. Repatriierung und Filtration den Auf-

Mein Dank gilt auch den Teilnehmenden satz »Stigmatisierung als biografische

des Quellenlektürekurses Russisch an der Konstante. Repatriantinnen und Repa-

Friedrich-Schiller-Universität Jena, die trianten in der Sowjetunion nach 1945«

mit mir Auszüge aus den »Aufzeichnun- von Jens Binner in diesem Heft.

gen« gelesen und diskutiert haben. 16 Vgl. Ustav vnutrennej sluǎby RKKA

3 Vgl. Sergej Nikolaevič Viničenko: Dolgij (UVS-37) [Statut des Inneren Dienstes

put’ domoj [Der lange Weg nach Hause], der Roten Arbeiter- und Bauernarmee],

2019, https://proza.ru/2019/12/03/1358, Moskau 1938, § 60 Abs. 3.

Zugriff: 8.2.2022. 17 Vgl. stellvertretend für die umfangrei-

4 Vgl. Jochen Hellbeck (Hg.): Tagebuch aus che Forschungsliteratur Pavel Poljan:

Moskau 1931-1939, Übers. aus d. Russi- Deportiert nach Hause. Sowjetische

schen: Jochen Hellbeck, München 1996. Kriegsgefangene im »Dritten Reich«

Zu Podlubnyjs Kindheit siehe S. 30 f. und ihre Repatriierung, München 2001;

5 Vgl. Viničenko (Anm. 3); Niko- Ulrike Goeken-Haidl: Der Weg zu-

laj Georgievi č Lavrinov: Černye Dni rück. Die Repatriierung sowjetischer

[Schwarze Tage], Kurgan 2001. Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter

6 Vgl. Jochen Hellbeck: Revolution on während und nach dem Zweiten Welt-

My Mind. Writing a Diary under Stalin, krieg, Essen 2006, S. 385-480; Nikita

Cambridge, Mass., 2006, S. 220. Petrov / Peter Ruggenthaler / Natal’ja Le-

7 Podlubnyj erwog eine solche überarbei- bedeva / Michail Prozumenščikov: Sowje-

tete Publikation. Vgl. Hellbeck: Tage- tische Repatriierungspolitik, in: Ruggentha-

buch (Anm. 4). S. 71 f. ler/Iber (Anm. 1), S. 63-108.

8 Der Hinweis auf seine Mitgliedschaft 18 Das Lager befand sich auf dem Areal

im Komsomol in Lavrinov: Aufzeich- eines vormaligen deutschen Kriegsge-

nungen (Anm. 2), S. 25. Vgl. auch Cathe- fangenenlagers. Vgl. Jörg Osterloh: Ein

rine Merridale: Iwans Krieg. Die Rote ganz normales Lager. Das Kriegsge-

Armee 1939 bis 1945, Übers. aus d. fangenen-Mannschaftsstammlager 304

Englischen: Hans Günter Holl, 2. Aufl., (IV H) Zeithain bei Riesa/Sa. 1941 bis

Frankfurt am Main 2006, S. 53-56. 1945, Leipzig 1997. Zur sowjetischen

»DER LANGE WEG NACH HAUSE« 31

 

Nutzung vgl. Anatolij Budko / Natali- um im Zuge der »wilden Aussiedlung«

ja Čigareva / Galina Gribovskaja / Igor’ von Mitte Juni bis Mitte Juli 1945 aus

Kozyrin: Medizinhistorische Aspekte den grenznahen Gebieten Vertriebene.

des Lagers Zeithain, in: Norbert Haase Vgl. Andreas R. Hofmann: Die Nach-

(Hg.): Zeithain – Gedenkbuch sowjeti- kriegszeit in Schlesien. Gesellschafts-

scher Kriegsgefangener, Minsk/Dresden und Bevölkerungspolitik in den pol-

2006, S. 108-135. nischen Siedlungsgebieten 1945-1948,

19 Unter dieser Bezeichnung firmierten Köln/Weimar/Wien 2000, S. 192.

ab 1943 geheimdienstliche Organisati- 28 Vgl. George Liber: Total wars and the

onen sowohl des Militärs als auch des making of modern Ukraine, 1914-1954,

NKWD, die bei der Filtration zusam- Toronto/Buffalo/London 2016; Andrij

menwirkten. Zum Ablauf der Filtrati- Portnov: Poland and Ukraine. Entan-

onen vgl. Goeken-Haidl (Anm. 17), S. gled Histories, Asymmetric Memories,

429-450. Berlin 2020, S. 6-40. 20 Als vlasovcy wurden allgemein Sow- 29 Diese Verzögerungen hatten mit der

jetbürger bezeichnet, die Militär- oder großen Zahl der Repatrianten zu tun.

Polizeieinheiten auf deutscher Seite an- Die Unterbringung in Sammellagern

gehört hatten. Als banderovcy wurden in Grenznähe war im Sommer 1945

Anhänger des ukrainischen Partisanen- offenbar die Norm. Vgl. Petrov/Rug-

führers Stepan Bandera, der zeitweilig genthaler/Lebedeva/Prozumenščikov

mit der Wehrmacht kollaboriert hatte, (Anm. 17), S. 71.

bezeichnet. 30 Vgl. Kerstin Bischl: Frontbeziehungen.

21 Die vlasovcy sollten auf sechs Jahre als Geschlechterverhältnisse und Gewalt-

sogenannte Sonderansiedler nach Sibi- dynamiken in der Roten Armee 1941-

rien, in den Fernen Osten und nach 1945, Hamburg 2019, S. 265-270.

Zentralasien deportiert werden. De facto 31 Vgl. ebd., S. 176-185.

waren die Strafen oft härter. Vgl. Poljan: 32 Vgl. Goeken-Haidl (Anm. 17), S. 388-

Deportiert (Anm. 17), S. 172-174. 391. 22 Vgl. Istorija pesni »Čubčik« [Geschichte 33 Damit spielt Lavrinov auf die Praxis

des Liedes »Čubčik«], 10.6.2014, https:// der Zuweisung von Zwangsarbeiterin-

radioshanson.ru/news/istoriya_pes- nen und Zwangsarbeitern durch die Ar-

ni____chubchik__, Zugriff: 25.2.2022. beitsämter an Betriebe an. Diese ist von

23 Vgl. Repatriacija sovetskich graǎdan s vielen Betroffenen als eine Art Sklaven-

okkupirovannoj territorii Germanii markt beschrieben worden, auf dem In-

[Repatriierung sowjetischer Staatsbür- teressenten die Deportierten begutach-

ger aus dem besetzten Gebiet Deutsch- ten und auswählen konnten.

lands], 1944-1952, hg. v. O. Lavinska- 34 Vgl. Tanja Penter: Kohle für Stalin und

ja / V. Zacharov / K. Grin’ko / E. Polto- Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass

rackaja, Moskau 2019, S. 263. 1929 bis 1953, Essen 2010, S. 301-347.

24 Im Bericht Anatolij Žabels, eines 35 Vgl. ebd., S. 325.

Zwangsarbeiters, der Bergen-Belsen 36 Vgl. Christian Ganzer: Stalina dlinnaja

überlebt hatte, werden 15 000 Mann für ten’. Plen kak klju čevaja problema isto-

ein Regiment genannt. Žabel marschier- rigrafii oborony Brestskoj kreposti [Sta-

te von der Elbe bis in die Nähe Mos- lins langer Schatten. Gefangenschaft als

kaus. Vgl. Goeken-Haidl (Anm. 17), Schlüsselproblem der Historiografie zur

S. 538 f. Verteidigung der Brester Festung], in:

25 Der Begriff dochodjaga bezeichnet »ver- ders. / Irina Ėduardovna Elenskaja / Ele-

gehende« Häftlinge, die vor Hunger und na Iosifovna Paškovič (Hg.): Brest, leto

Entkräftung einen langsamen Tod ster- 1941 g. Dokumenty, materialy, foto-

ben. Geprägt wurde er in den Lagern des grafii [Brest, Sommer 1941. Dokumen-

GULag. te, Materialien, Fotografien], Smolensk

26 Zit. nach Michael Richter: Die Oberlau- 2016, S. 22-41, hier S. 24-27.

sitz im Zweiten Weltkrieg. Studie zu den 37 Vgl. Viničenko (Anm. 3).

wendisch-deutschen Kreisen in Sachsen 38 Vgl. ebd.; Jubilejnaja nagrada Nikolaja

und Niederschlesien 1936-1946, Baut- Lavrinova [Jubiläumsauszeichnung für

zen 2021, S. 938. Nikolaj Lavrinov], https://pamyat-naro

27 Bei diesen Flüchtlingen handelte es sich da.su/awards/anniversaries/1515380042,

32 GERO FEDTKE

 

Zugriff: 12.2.2022; O nagraždenii or- 39 Zu mangelnder Handlungsalternative als

denami i medaljami učitelej i rabotni- Kriterium für Repression siehe die Ka-

kov obrazovania [Über die Auszeich- tegorien bei Goeken-Haidl (Anm. 17),

nung von Lehrern und Bildungsfunk- S. 549. Bislang konzentriert sich die For-

tionären mit Orden und Medaillen], schung überwiegend auf den Zeitraum

30.9.2013, http://kostanay1879.ru/index. des Krieges und auf die unmittelbare

php?option=com_content&task=view&id Nachkriegszeit und nimmt nicht die ge-

=2601&Itemid=51, Zugriff: 8.2.2022. samten Biografien in den Blick.