NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn

Lennart Onken: »Die Spuren der Sklavenherrschaft abgeworfen«. Jüdische Selbstorganisation in der britischen Besatzungszone Deutschlands

Lennart Onken

 

»Die Spuren der Sklavenherrschaft abgeworfen«

Jüdische Selbstorganisation

in der britischen Besatzungszone Deutschlands

 

»Mein kürzlicher Aufenthalt in Ham- Die Weigerung der britischen Mili-

burg war wirklich eine herrliche und tärregierung, Jüdinnen und Juden als

eindringliche Erfahrung. Es zeigte sich, eigenständige Verfolgtengruppe anzu-

dass […] die Juden Hamburgs die letz- erkennen, hatte massive Auswirkungen

ten Spuren der Wirkungen der Fesseln auf ihre Lebensumstände und setzte

der Sklavenherrschaft abgeworfen hat- zugleich die Rahmenbedingungen für

ten, wie es offenkundig in der neuen, rasch einsetzende »Prozesse des Sich-

wenn auch kleinen Gemeinde, die aus 3 Organisierens« dieser Verfolgtengrup-der Asche ihrer zerstörten Synagogen pe. Sie gründeten lokale Gemeinden

entstanden war, der Fall ist […].«1 Mit und Komitees, die den Überlebenden

diesen Worten leitete Rose Henriques, der nationalsozialistischen Verfolgung

Mitarbeitende des Jewish Committee materielle Unterstützung und eine geis-for Relief Abroad (JCRA), einen Be- tige Heimat boten. Viele lokale Orga-

richt über ihren Besuch ein, den sie im nisationen schlossen sich auf überre-

September 1955 der Hansestadt und gionaler Ebene zum »Zentralkomitee

der dort neu- bzw. wiedergegründeten der befreiten Juden in der britischen

jüdischen Gemeinde abstattete. In An- 4 Zone« zusammen, das einen dezidiert

betracht der desaströsen Situation der politischen Anspruch vertrat und für

jüdischen Überlebenden kurz nach der eine Anerkennung der Jüdinnen und

Befreiung könnte Henriques’ Schilde- Juden als einer eigenständigen Verfolg-

rung durchaus überraschend wirken. tengruppe sowie ein Ende der jüdischen

Denn im Oktober 1946 hatte es z. B. in 5 Staatenlosigkeit kämpfte. Es wurde

der jiddischsprachigen Zeitung »Unzer innerhalb kurzer Zeit zu einer »very

Sztyme« noch geheißen: »Die alte jü- 6 powerful organisation«, die das jüdi-dische Gemeinde in Hamburg steht am sche Leben in der britischen Zone, aber

Rande des Untergangs.« 2 auch darüber hinaus maßgeblich prägte.

Dass sich Rose Henriques keine Dieser Beitrag nimmt die Praxis der

zehn Jahre später ein solch gänzlich Selbstorganisation der jüdischen Über-anderes Bild bot, war vor allem das lebenden in der britischen Zone in

Verdienst der sich in Hamburg wie den Blick. Hierfür werden die unter-

auch in der gesamten britischen Zone schiedlichen Organisationen unter den

organisierenden jüdischen Überleben- Aspekten ihrer Struktur, ihrer Ziele,

den. Ihre Selbstorganisation wiederum ihres organisatorischen Wandels, ihrer

war ein notwendiges und direktes Re- Beziehungen zueinander sowie ihrer

sultat der Politik der britischen Besat- Konflikte mit der britischen Besat-

zungsmacht, die wenig Verständnis für zungsmacht untersucht. Die Selbstor-

die spezifische Situation aufbrachte, in ganisation der befreiten Jüdinnen und

der sich die jüdischen Überlebenden Juden wird dabei als Schlüssel zum

auch nach ihrer Befreiung befanden. Verständnis der komplexen Situation 66 LENNART ONKEN

 

der jüdischen Überlebenden nach ih- den zum Opfer fielen, die den Ho-

rer Befreiung begriffen. Denn sie er- locaust in Konzentrationslagern oder

möglichte es ihnen, sich allen internen im Exil überlebt hatten. Da es zudem

Differenzen zum Trotz endlich neu an Emigrationsmöglichkeiten mangelte,

und unabhängig als Individuen zu be- wurde Deutschland, »der Friedhof des

haupten wie auch als Kollektiv zu kon- 9 jüdischen Volkes«, für viele Überle-stituieren. bende unfreiwillig zu einem längerfris-

tigen Aufenthaltsort.10

 

Die britische Politik gegenüber Nach einer Schätzung Norbert

den jüdischen Verfolgten Wollheims, des Vizepräsidenten des

Zentralkomitees der befreiten Juden in

Gemäß dem vom Supreme Headquarters der britischen Zone, befanden sich im

Allied Expeditionary Forces (SHAEF) Jahr 1947 in der britischen Zone ca.

erlassenen Memorandum No. 39 galten 23 000 jüdische Überlebende, von de-

alle Zivilpersonen, die aus Gründen nen 12 000 in Camps untergebracht

des Krieges verschleppt und außerhalb 11 waren. Ein Großteil von ihnen leb-ihres Heimatlandes befreit worden wa- te im DP-Camp Bergen-Belsen. Kei-

ren, als »Displaced Persons« ( 7 DP s). ne zwei Kilometer entfernt vom ehe-

Für ihre Registrierung, Betreuung, Ver- maligen Konzentrationslager, das sich

waltung und schließlich Repatriierung schließlich zu einem Todeslager entwi-

zeichneten die britische Militärregie- ckelt hatte, war spätestens im Frühjahr

rung sowie die internationale Hilfsor- 1946 die »größte jüdische Gemeinde,

ganisation UNRRA (United Nations die es jemals in Niedersachsen gegeben

Relief and Rehabilitation Administra- 12 hat«, entstanden. tion) verantwortlich. Hierfür schuf die Bereits wenige Tage nach der Befrei-

britische Militärregierung sogenannte ung hatten sich dort jüdische Überle-

»DP Camps«, in denen die Überle- bende zu einem Komitee zusammen-

benden der nationalsozialistischen Ver- geschlossen, das sich zuvorderst um

folgung nach Nationalitäten getrennt die Beschaffung von Kleidung, Nah-

untergebracht wurden, um von dort rung, medizinischer Versorgung und

möglichst rasch in ihre Heimatländer angemessenen Unterkünften sowie um

zurückgeschickt werden zu können. Kontaktmöglichkeiten zur Außenwelt Für die jüdischen 13 DP s, die zumeist mit-sorgte. Dem Komitee gehörten Jü-

tel- und osteuropäischer Herkunft wa- dinnen und Juden verschiedener Na-

ren, war an eine Rückkehr jedoch kaum tionalitäten an, die die Erfahrung von

zu denken: Sie hatten im Nationalso- Entrechtung und Deportation, von

zialismus ihren gesamten Besitz, ihre Konzentrations- und Vernichtungsla-

Heimat und oftmals auch ihre Fami- gern teilten. Sie wehrten sich gegen

lien verloren. Spätestens mit dem Ein- eine Klassifikation gemäß ihrer staats-

treffen der sogenannten »Infiltrees«8, bürgerlich verbrieften Herkunft und

den seit Ende 1945 insbesondere aus forderten stattdessen die Einrichtung

Polen flüchtenden Jüdinnen und Ju- 14 rein jüdischer Blocks sowie die An-

den, mehrten sich zudem Berichte über erkennung von Jüdinnen und Juden als

antisemitische Pogrome in Polen und einer eigenständigen Verfolgtengruppe.

weiteren mittel- und osteuropäischen Ihre Eigendefinition als Jüdinnen und

Ländern, denen auch Jüdinnen und Ju- Juden war also zunächst einmal ganz

»DIE SPUREN DER SKLAVENHERRSCHAFT ABGEWORFEN« 67

 

pragmatisch gegen eine Repatriierung terstützten sie in sozialer, finanzieller

als z. B. polnische oder sowjetische und materieller Hinsicht. Analog zu Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ge- den Komitees führten sie auch Suchlis-

richtet. Gleichzeitig war sie aber auch ten, gaben Bezugsscheine für Nahrung,

bereits ein Akt der Selbstermächtigung Kleidung und Wohnungen aus und be-

gegenüber einer fortdauernden Fremd- mühten sich um die Rückkehr der in

bestimmung.15 verschiedene Ghettos und Konzentra-

Besonders prekär war die Situation tionslager Verschleppten.

der Jüdinnen und Juden deutscher Her- Zunächst war jedoch eine elementare

kunft – der Jewish Adviser der briti- Frage zu klären: Wer war überhaupt

schen Militärregierung, Colonel Robert »Jude«? Diejenigen, die nach jüdischem

Solomon, bezifferte ihre Zahl in der bri- Religionsgesetz »Juden« waren? Oder

tischen Zone im Oktober 1947 auf ca. alle, die von den Nazis als »Juden« de-

5000.16 Für sie hatte die Einteilung der finiert und verfolgt wurden? Und wie

Überlebenden nach ihrer Nationa lität sollte mit getauften Jüdinnen und Juden

gravierende Folgen, denn sie wurden und nicht jüdischen Ehepartnern und

von der britischen Besatzungsmacht als Ehepartnerinnen umgegangen werden?

»Deutsche« betrachtet und behandelt Jael Geis hat darauf hingewiesen,

und hatten folglich keinen Anspruch dass diese Frage sowohl einen mate-

auf eine Betreuung durch die Alliierten riellen als auch einen ideellen Hinter-

und die 20 UNRRA . Stattdessen fielen grund hatte. Zum einen entschied die

sie in den Zuständigkeitsbereich der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde über deutschen kommunalen Behörden und die Aufnahme in den Kreis der Unter-

waren von deren Güterzuteilungen ab- stützungsberechtigten und Empfänge-

hängig.17 Dabei standen gerade die jü- rinnen und Empfänger von Hilfsliefe-

dischen Verfolgten nach dem Ende des rungen der internationalen (jüdischen)

Nationalsozialismus vor dem Nichts: Hilfsorganisationen. Zum anderen war

Ihr Besitz war arisiert, ihre Familien, sie Ausdruck des Bestrebens, sich von

Freundinnen und Freunde zumeist ver- der nationalsozialistischen Begrifflich-

schleppt und ermordet worden. Des- keit zu lösen und die Definitionsmacht

halb waren sie besonders schutzbedürf- über die eigene Identität wieder selbst

tig und »brauchten mehr als andere die zu beanspruchen. Die vom Zentralko-

Unterstützung öffentlicher Stellen«.18 mitee getroffene Unterscheidung zwi-

Oftmals blieben sie jedoch auf sich al- schen »Mitgliedern« und »Betreuten«

lein gestellt. trug dieser komplexen Gemengelage

Umso wichtiger war es auch für die Rechnung. Mitglieder konnten dem-

Jüdinnen und Juden deutscher Her- nach nur »Glaubensjuden« werden.

kunft, sich zu organisieren. Im Som- Entgegen einer Anweisung des Ame-

mer und im Herbst 1945 erfolgten in rican Jewish Joint Distribution Com-

verschiedenen deutschen Großstädten mittee (AJDC) wurden in den Kreis der

Neu- und Wiedergründungen der wäh- Betreuten jedoch auch »Volljuden« und

rend des Nationalsozialismus zwangs- ehemalige »Sternträger« aufgenommen

aufgelösten jüdischen Gemeinden. 19 Sie und unterstützt, sofern sie nicht einer

boten den wenigen Überlebenden und anderen Religionsgemeinschaft beige-

Zurückkehrenden eine geistige, kultu- 21 treten waren.

relle und religiöse Heimat und un-

68 LENNART ONKEN

 

Das »Zentralkomitee der befreiten den drei westlichen Besatzungszonen

Juden in der britischen Zone« handelte es sich vor allem um einen

Kongress der befreiten Jüdinnen und

Vor dem Hintergrund der prekären Juden in der britischen Zone. Versu-

Verhältnisse, in denen sich die jüdi- che einer interzonalen Zusammenarbeit

schen Überlebenden unabhängig von zwischen den Zentralkomitees in der ihrer Herkunft auch nach ihrer Be- britischen und der US-amerikanischen

freiung noch befanden, schlossen sie Zone waren bereits im Vorfeld ge-

sich überall in der britischen Zone 25 scheitert. Hinsichtlich der Selbstor-

zu lokalen Gemeinden und Komitees ganisation der befreiten Jüdinnen und zusammen. Rasch erreichten sie einen Juden in der britischen Zone stellt er

hohen Organisationsgrad: Im Vorfeld dennoch ein zentrales Moment dar:

des zweiten Kongresses der She’erit Erstmals gaben sie sich eine eigene

Hapletah (dt. »der übrig gebliebene Organisationsform, steckten Zustän-Rest«) im Juli 1947 existierten in der digkeitsbereiche ab und richteten sich

britischen Zone 55 Gemeinden und mit eigenen Wünschen, Forderungen

13 Komitees.22 und Resolutionen insbesondere an die

Doch schon früh wurde deutlich, britische Militärregierung, aber auch

dass viele der Probleme, vor denen die an die allgemeine Weltöffentlichkeit.

jüdischen Überlebenden standen, nicht Die Delegierten verabschiedeten einen

auf lokaler Ebene gelöst werden konn- elf Punkte umfassenden Forderungska-

ten, sondern eine übergreifende Organi- talog, in dem sie u. a. eine ungehinder-

sation erforderten, um die eigenen Zie- te Aliyah (hebr. für »Einwanderung«)

le durchzusetzen.23 Deshalb schlossen nach Palästina, die Anerkennung der

sich die bestehenden lokalen jüdischen Juden als eigenständige Nation sowie

Gemeinden und Komitees auf dem ers- des Zentralkomitees als ihrer legitimen

ten Kongress der She’erit Hapletah, 26 Interessenvertretung verlangten. Für

der vom 25. bis zum 27. September die Verbreitung dieser Forderungen

1945 in Bergen-Belsen stattfand, zum sorgten auch die rund 70 anwesenden

»Zentralkomitee der befreiten Juden in Journalistinnen und Journalisten sowie

der britischen Zone« zusammen. Vor- 27 britische Politiker. Die Bedeutung des

sitzender wurde Josef Rosensaft aus Kongresses als Akt der Selbstermächti-

Polen, sein Stellvertreter der gebürtige gung spiegelt sich auch in den Erinne-

Berliner Norbert Wollheim. Auch die rungen Wollheims wider: »Und es war

verschiedenen Gremien waren zumeist für viele Menschen und das war emo-

sowohl mit DPs als auch mit Jüdinnen tionell [sic!] ein unbeschreiblicher Mo-

und Juden deutscher Herkunft besetzt. ment, denn wenn sie zum ersten Mal

An dem als Organisations- und wieder zusammensaßen [sic!] konnten,

Vernetzungstreffen geplanten Kon- und da wurde in einer demokratischen

gress, der unter dem Motto »Öffnet Form die Meinung ausgetauscht, und

die Tore von Erez Israel!« stand, nah- sie waren frei zu reden, und auch zum

men 210 Delegierte aus verschiede- Teil ihre Emotionen dort dazutun [sic!],

nen Gemeinden und Komitees teil, die 28 und das war für uns alle einmalig.«

insgesamt knapp 40 000 Jüdinnen und Josef Rosensaft formulierte die Auf-

Juden vertraten. 24 Trotz dieser hohen gaben des Zentralkomitees rückbli-

Beteiligung jüdischer Überlebender aus ckend wie folgt: »We concentrated on

»DIE SPUREN DER SKLAVENHERRSCHAFT ABGEWORFEN« 69

 

four main tasks: the physical rehabili- »Gehende« und »Bleibende« tation of the survivors; the search for

relatives, if any; the political fight for Es kam jedoch auch immer wieder zu

our rights; spiritual rehabilitation.«29 Spannungen und Konflikten, die nicht

Dass die psychische wie physische Re- nur Resultat regional unterschiedlicher

konvaleszenz hier in einer Reihe mit Anforderungen und Bedürfnisse wa-dem Kampf um die politische Anerken- ren, sondern auch lebensgeschichtlich

nung genannt wird, deutet auf die Mitt- bedingt waren. Denn in den Gemein-

lerfunktion zwischen individueller und den und Komitees trafen oft Menschen

kollektiver Subjektwerdung hin, die der aufeinander, deren einzige Gemeinsam-

Selbstorganisation der befreiten Jüdin- keit darin bestand, von den National-

nen und Juden zukam. Diese eröffnete sozialisten als »Juden« verfolgt wor-

ihnen die Möglichkeit, selbstbewusst den zu sein. Schon rein demografisch

als Juden aufzutreten und gemeinsam unterschieden sich die DP s deutlich für eine Besserung der Lebensumstände von den Jüdinnen und Juden deutscher

sowie eine selbstbestimmte Zukunft zu Herkunft. So war ein Großteil der

kämpfen. letzteren Gruppe über 50 Jahre alt und

Sowohl im Zentralkomitee bzw. in hatte den Nationalsozialismus zumeist

dessen Abteilungen als auch in den überlebt, weil sie in einer »Mischehe«

lokalen Gemeinden und Komitees ar- mit nicht jüdischen Partnerinnen und

beiteten Jüdinnen und Juden unter- Partnern gelebt hatten. Demgegenüber

schiedlichster Herkunft eng zusammen. handelte es sich bei den vorwiegend

Zwischen den Gemeinden und Komi- aus Mittel- und Osteuropa stammenden

tees sowie dem Zentralkomitee kam es jüdischen DPs vor allem um Jugend-

in vielerlei Hinsicht zu einer ganz prak- liche und junge Erwachsene bis zu

tischen Zusammenarbeit, deren Ziel die einem Alter von etwa 35 Jahren, die oft

individuelle wie kollektive Rehabilita- nicht über eine Schulbildung oder gar

tion der Überlebenden in materieller, eine Berufsbildung verfügten und keine

kultureller, religiöser und politischer emotionale Bindung an Deutschland

Hinsicht war. In sehr kurzer Zeit ent- 32 hatten. Sie begriffen ihr Dasein in wickelte sich das Zentralkomitee zu Deutschland vielmehr als rein transito-

einem »hochorganisierte[n] Gebilde«30 risch und sehnten sich danach, das Land

mit verschiedenen Arbeitsbereichen, so schnell wie möglich zu verlassen.

dessen Netzwerk aus lokalen jüdischen Konflikte zwischen diesen beiden

Gemeinden und Komitees bald die ge- Gruppen waren daher praktisch un-

samte jüdische Bevölkerung in der bri- vermeidlich. Dennoch blieben offen

tischen Zone umfasste. In einem Artikel ausgetragene Streitigkeiten die Aus-

in der »Jüdischen Rundschau« konsta- nahme. Lediglich in Hannover führten

tierte Norbert Wollheim daher schon die Differenzen zum Bruch und zur

1946: »Das jüdische Zentralkomitee in Gründung sowohl einer jüdischen Ge-

Bergen-Belsen ist die Vereinigung der meinde als auch eines jüdischen Komi-

jüdischen Komitees und der jüdischen tees, deren Verhältnis lange angespannt

Gemeinden in der Britischen Zone«. 31 33 blieb. Abraham Lipshitz, Mitglied des

dortigen jüdischen Komitees, widmete

dem schlechten Verhältnis einen Ar-

tikel in der Zeitung »Unzer Sztyme«.

70 LENNART ONKEN

 

Darin warf er den deutschen Jüdinnen eine Anerkennung seiner Person bzw.

und Juden vor, trotz der Erfahrung des Zentralkomitees als für die Belange des Holocaust »die alte Scheidewand aller jüdischen Überlebenden zustän-

der Geringschätzung« gegenüber den diger Repräsentanz hingegen vermied

»Ostjuden« 34 aufrechterhalten zu ha- die britische Militärregierung. In dem

ben. Und weiter: »Es hat ihnen nicht Grundsatzpapier »The Jews in the Brit-

gepasst, sich in die She’erit Hapletah ish Zone of Germany. Memorandum

einzugliedern, in der sie die Minorität by the Chancellor of the Duchy of

bilden. […] Es wurden jüdisch-deut- Lancaster« vom 10. April 1947 hieß es

sche Gemeinden gegründet, zu denen dazu: »To accord official recognition gehörten ehemalige Deutsche, die ›ech- [des Zentralkomitees; L. O.] would run

ten‹ und ›stolzen‹ mitteleuropäischen counter to our policy of refusing to re-

Juden […].«35 gard the Jews as forming a separate na-

Auch die britische Militärregierung tionality. Moreover, it would strength-

sah die Unterschiede zwischen den jü- 37 en the position of the Zionists […].«

dischen Überlebenden. Colonel Ro- Solomon hatte in seinem Schreiben

bert Solomon etwa unterschied sie in gefordert, Norbert Wollheim als Spre-

»goers« und »stayers«. In einem Sch- cher der »stayers« anzuerkennen. Doch

reiben vom Oktober 1947, das sowohl in der Militärregierung gab es wegen

an die britische Militärregierung als dessen zionistischen Engagements gro-

auch an das Foreign Office gegangen ße Vorbehalte. Solomon forderte da-

war, forderte er, Hauptziel der briti- her, Wollheim müsse sich, bevor er

schen Anstrengungen müsse es sein, als Sprecher anerkannt werden könne,

die Jüdinnen und Juden deutscher Her- von einer Vereinigung der Gemeindear-

kunft zu einem Verbleib in Deutsch- beit mit der Arbeit des Zentralkomitees

land zu bewegen.36 In diesem Kon- distanzieren und von seiner Position

text problematisierte er insbesondere abrücken, nach der die Auswanderung

die von der britischen Militärregierung die einzige Möglichkeit für einen Neu-

vorgenommene Einteilung nach Natio- anfang und für jüdisches Leben über-

nalitäten und stellte heraus, dass unter 38 haupt sei. den gegenwärtigen Bedingungen selbst

 

diejenigen Jüdinnen und Juden deut- Die Institutionalisierung scher Herkunft, die sich einen Verbleib

vorstellen könnten, in Anbetracht der der Zusammenarbeit

 

desperaten Situation zunehmend eine Solomon plädierte insgesamt für eine

Auswanderung in Betracht zögen. veränderte Politik gegenüber den jü-

Von besonderer Brisanz war die Fra- dischen Überlebenden. Gleichwohl

ge nach der politischen Repräsentanz traf seine Gleichsetzung der Jüdin-

der jüdischen Überlebenden. Denn ob- nen und Juden deutscher Herkunft

wohl sie mit dem Zentralkomitee längst mit den »stayers« und der jüdischen

selbst eine Instanz geschaffen hatten, DPs mit den »goers« nicht zu. So ka-

die ihre Interessen gebündelt vertrat, men die beiden Mitarbeiter des AJDC

blieb eine offizielle Anerkennung durch bzw. des JCRA, Harry Viteles und

die britische Militärregierung aus. Josef A. G. Brotman, nach ihrer im Frühjahr

Rosensaft war lediglich als Sprecher 1946 durchgeführten Umfrage zu dem

der Belsener DPs anerkannt worden, Schluss: »The urge to leave Germany »DIE SPUREN DER SKLAVENHERRSCHAFT ABGEWORFEN« 71

 

was also noticeable among the German Wollheim als Mitglied beider Gremien

Jews.«39 Und noch im Frühjahr 1947 als eine Art Bindeglied fungierte und ging z. B. der Vorstand der Jüdischen einige Mitglieder auf den Sitzungen

Gemeinde Hamburg, der größten in des jeweils anderen Gremiums zugegen

der britischen Zone, von 40 bis 50 % waren. Resultat dieser Parallelstruktur

Auswanderungswilligen unter den 1300 war jedoch allerorten auch Verwirrung

Gemeindemitgliedern aus. 40 Auf der an- darüber, wer nun eigentlich in welchen

deren Seite war auch dem Zentralko- 44 Angelegenheiten zuständig sei.

mitee klar, dass nicht alle Jüdinnen und Vor dem zweiten Kongress der

Juden Deutschland würden verlassen She’erit Hapletah warnten u. a. Robert können. Daher unterstützte es von Be- Solomon, Rose Henriques und Nor-

ginn an u. a. die Errichtung jüdischer man Bentwich vom JCRA noch vor

Alters- und Pflegeheime.41 Auf der ers- einer Fusion von Zentralkomitee und

ten Sitzung der »Arbeitsgemeinschaft 45 Rat der Jüdischen Gemeinden. Gerade der jüdischen Gemeinden in Deutsch- in Anbetracht der offenen Konflikte

land« am 7. und 8. Juni 1947, dem zwischen dem Zentralkomitee und der

ersten interzonalen Zusammenschluss britischen Militärregierung sowie der

dieser Art, hatte Norbert Wollheim unterschiedlichen Bedürfnisse der bei-in Bezug auf die Frage »Gehen oder den Gruppen jüdischer Überlebender

bleiben?« seine Politik umrissen: »Je- plädierten sie für zwei separate, for-

der Mensch, der Deutschland verlässt, mal getrennte Organisationen. Entge-

ist gerettet. Jeder, der in Deutschland gen ihren Warnungen setzte sich unter

bleibt, muss geschützt werden. […] Es den jüdischen Überlebenden allerdings

kommt nicht darauf an, ob man geht, die Überzeugung durch, dass nur eine

sondern wie man geht und wie man einheitliche Organisationsstruktur bei

bleibt. […] Wir müssen jedem helfen, der Durchsetzung der eigenen Ziele

hinauszukommen, uns aber so einrich- 46 helfen könne. Auf dem zweiten Kon-

ten, wie wenn wir immer hier bleiben gress der She’erit Hapletah im Juli 1947

würden.« 42 wurde daher eine Institutionalisierung

Es war insbesondere das Verdienst der Beziehungen beschlossen: Der Rat

Norbert Wollheims, dass die Belange der Jüdischen Gemeinden löste sich

der verschwindend kleinen Gruppe der auf, für ihn wurde die direkt an das

Jüdinnen und Juden deutscher Her- Zen tralkomitee angebundene »Gemein-

kunft auch in der Arbeit des Zentral- deabteilung« geschaffen, deren Vorsitz

komitees stets präsent blieben. Schon wiederum Norbert Wollheim hatte. Mit

im September 1946 war er zum Vor- Harry Goldstein (Hamburg), Norbert

sitzenden des »Zonenausschusses der Prager (Hannover), Heinz Salomon

jüdischen Gemeinden in der britischen (Kiel), Julius Dreyfuss (Düsseldorf)

Zone Deutschlands« ernannt worden und Moritz Goldschmidt (Köln) wur-

und behielt diese Position auch nach den außerdem gleich fünf Vertreter des

der Umbenennung des Verbandes in deutschen Judentums – und zugleich

»Rat der Jüdischen Gemeinden in der die Vorsitzenden der größten jüdischen

britischen Zone«. 43 Im ersten Jahr des Gemeinden in der britischen Zone – in

Bestehens arbeiteten das Zentralkomi- die neue 15-köpfige Exekutive des Zen-

tee und der Rat der Jüdischen Ge- tralkomitees gewählt. Zudem wurde

meinden noch parallel, wenngleich ein die Arbeit der Exekutive 72 LENNART ONKEN

 

des 39-köpfiges Gremium geschaffen, Die in Anbetracht der massiven de-

in dem alle Gemeinden und Komitees mografischen und biografischen Un-

vertreten waren.47 Damit hatten so- terschiede zunächst überraschend wir-

wohl Gemeinden als auch Komitees die kende Einigkeit unter den jüdischen

Möglichkeit zu einer direkten Einfluss- Überlebenden lässt sich im Wesent-

nahme auf die Arbeit des Zentralko- lichen auf zwei Faktoren zurückführen:

mitees. Karl Marx schrieb in der »All- Zum einen war Norbert Wollheim eine

gemeinen Jüdischen Wochenzeitung« integrative Führungsfigur, er verstand

hierzu: »Dieser Zusammenschluß ist es geschickt, die mit seiner Position

ein historisches Ereignis. Er ist es des- verbundene Gratwanderung zwischen

halb, weil damit auch nach außen hin, öffentlich eingeforderter Emigration

und der Welt gegenüber, dokumentiert und realpolitisch vorbereiteter Ver-

wird, daß die Lehren der vergangenen besserung der Lebenssituation der in

Jahre uns dazu gebracht haben, uns Deutschland lebenden Jüdinnen und zu einer einheitlichen Bewegung zu Juden zu bewältigen. Seine Erfahrun-

verschmelzen, alle Parteiunterschiede, gen aus der Gemeindearbeit in der

alle weltanschaulichen Unterschiede Vorkriegszeit sowie seine Doppeleigen-

zurückzustellen in dem Bewußtsein, schaft als deutscher Jude und Zionist daß uns die Pflicht obliegt, zusammen befähigten ihn außerdem, die scheinbar

für unsere Zukunft, für die Zukunft widersprüchlichen Interessen der jü-

unserer Kinder und Kindeskinder zu dischen DPs, der internationalen jüdi-

kämpfen, zu kämpfen für unsere natio- schen Organisationen und der deut-

nale Anerkennung.«48 schen Jüdinnen und Juden zusammen

Doch bedeutete die gemeinsame Ar- zu denken und zusammenzubringen.

beit unter einem Dachverband nicht, Dennoch sollte es noch bis zum Früh-

dass in allen Fragen Übereinstimmung jahr 1949 dauern, bis er auch offiziell

bestand. Als das Zentralrabbinat auf durch die britische Militärregierung als

dem zweiten Kongress der She’erit »spokesman of German Jews and non-

Hapletah eine Resolution verabschie- DP Jews in the British Zone« anerkannt

dete, in der u. a. gefordert wurde, dass 51 wurde. »Juden, die nicht-jüdische Frauen ha-

 

ben, […] dem Vorstand oder Reprä- Das »paradoxe Verhältnis« sentanz der Gemeinden und Komitees

49 zu den »Befreiern«

nicht angehören [sollen]« , verwahr-

ten sich viele Gemeinden gegen diesen Die Einigkeit der jüdischen Überle-

Eingriff in ihre Autonomie, der zudem benden war jedoch auch ein Ergebnis

einen nicht geringen Teil ihrer Vor- der britischen Politik, die zu einem

standsmitglieder ausgeschlossen und 52 »paradoxen Verhältnis« der Befreiten

die Gemeinden somit praktisch hand- zu ihren »Befreiern« führte. Von ihrer

lungsunfähig gemacht hätte. Dass die Rettung hatten sich die jüdischen Über-

Gemeinden die rabbinische Autorität lebenden ein selbstbestimmtes und un-

in dieser Frage fortan unterliefen, ohne abhängiges Leben versprochen. Doch

mit Konsequenzen rechnen zu müs- ihre von der britischen Militärregierung

sen, deutet darauf hin, dass die lokalen vorgenommene Einteilung nach ihrer

Organisationen in gewissem Umfang Staatsangehörigkeit vor dem Krieg war

autonom agieren konnten. 50 für sie unabhängig von ihrer Herkunft

»DIE SPUREN DER SKLAVENHERRSCHAFT ABGEWORFEN« 73

 

nachteilig ausgefallen. Sowohl die DPs Palästina selbst, zu verschärfen. Damit

als auch die als deutsch geltenden Jü- standen den jüdischen Überlebenden

dinnen und Juden blieben fremdbe- die ehemaligen Befreier nun als größtes

stimmt und von fremden Institutionen Hindernis auf dem Weg zu einem neu-

abhängig. Ausdruck hierfür war z. B. en Leben und zu nationaler Unabhän-

ein am 26. September 1946 im »Jüdi- gigkeit gegenüber. Diese Frontstellung

schen Gemeindeblatt für die Nord- stärkte den Zusammenhalt der jüdi-

Rheinprovinz und Westfalen« veröf- schen Überlebenden und sorgte für ein

fentlichter Aufruf, der von diversen nach außen hin weitgehend geschlos-

Vertretern des Zentralkomitees und des senes und einheitliches Auftreten. Ein

Zonenausschusses unterzeichnet wur- vermutlich auf dem zweiten Kongress

de. Darin hieß es u. a.: »16 Monate der She’erit Hapletah vorgelegter Be-

nachdem das Ausrottungsregime Hitler richt resümierte daher: »Es kann heu-

beseitigt ist, vegetieren unsere Men- te gesagt werden, dass alle Juden der

schen als wurzel-, heimat- und exis- Britischen Zone sich über den Weg,

tenzlos gemachte Verschleppte in La- der gegangen werden muss, vollkom-

gern, Baracken und Kasernen, seit mehr men im klaren (sic!) sind: Der Weg, in

als einem Jahr bauen unsere Brüder und einem einheitlich geführten Kampf die

Schwestern mit so viel Entsagung und nationale Anerkennung zu erreichen

Mühen an den wiedererstandenen Jüdi- und so zu dem Endziel, der Schaf-

schen Gemeinden, und trotz der wach- fung eines selbständigen Judenstaats zu

senden Entmutigung, weil für uns, der kommen.«54

Handvoll aus dem Meer von Blut und Den Höhepunkt der Auseinander-

Schweiß und Tränen Geretteten, das setzungen markierte die »Exodus«-Af-

Leben keine Zukunft mehr findet und 55 färe. Im Sommer 1947 hatten Tausen-

unsere Existenz von materieller Un- de Holocaustüberlebende vergeblich

sicherheit bedrückt ist. Wieder stehen versucht, an Bord des Schiffes »Exo-

wir im Kampf. Im Kampf um Freiheit dus« illegal nach Palästina zu gelan-

zum Leben für uns selbst, im Kampf gen. Das Schiff wurde von britischen

um Freiheit vor Not.«53 Zerstörern abgefangen und die Passa-

In der Selbstorganisation bestand für gierinnen und Passagiere zurück nach

die jüdischen Überlebenden eine pro- Deutschland gebracht. Im Hamburger

bate Möglichkeit, diesen Kampf auf- Hafen angekommen, trieb das britische

zunehmen und offensiv zu führen. Zu- Militär die Holocaustüberlebenden teils

gleich rief das selbstbewusste Auftreten unter Gewalt von Bord und brachte

als Jüdinnen und Juden weitere Kon- sie in die Lager »Pöppendorf« und

flikte mit der britischen Besatzungs- »Am Stau« bei Lübeck, wo sie hinter

macht hervor, die eine Anerkennung Stacheldraht und von Wachtürmen um-der Juden als eigenständige Nation geben wochenlang interniert wurden.

vor dem Hintergrund ihrer eigenen Das Vorgehen der britischen Militär-

außenpolitischen Interessen als Man- regierung sorgte international für Em-

datsmacht in Palästina verweigerte. Sie pörung. Auch das Zentralkomitee hatte

fürchtete, dadurch jüdische Ansprüche zu Protesten aufgerufen, an denen sich

auf Palästina zu legitimieren und Kon- Tausende Jüdinnen und Juden in der

flikte zwischen der jüdischen und ara- gesamten britischen Zone beteiligten.

bischen Bevölkerung, insbesondere in Allein im DP-Camp Bergen-Belsen 74 LENNART ONKEN

 

monstrierten am 7. September 1947 stitution zu verschaffen. Schon 1949

rund 4000 Jüdinnen und Juden auf waren auf einer Tagung der Gemein-dem »Platz der Freiheit«.56 Einhellig devertreter in Hamburg Stimmen laut

verabschiedeten die unterschiedlichen geworden, die in Anbetracht der sich

jüdischen Körperschaften Resolutio- abzeichnenden Emigration Norbert

nen, in denen sie die britische Besat- Wollheims die Ernennung mindestens

zungsmacht scharf kritisierten und ihre eines Stellvertreters forderten, der in

eigene Schicksalsgemeinschaft beton- Zukunft die Verhandlungen im In- und

ten. So sandte auch das zweite Treffen 58 Ausland übernehmen könne. Im Sep-

der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen tember 1950 folgte die Gründung des

Gemeinden in Deutschland im Ok- »Verbandes der Jüdischen Gemeinden

tober 1947 solidarische Grüße an die Nordwestdeutschlands«, einer eigen-

Maapilim (hebr. für »Einwanderer«): ständigen Interessenvertretung und

»In dem Bestreben der Errichtung eines Rechtskörperschaft, die dem Anspruch

eigenstaatlichen jüdischen Gemeinwe- der »Aufbaugemeinden« Rechnung

sens in Palästina liegt die einzige Mög- trug. Der Verband selbst berief neben

lichkeit, die jahrhundertealte Judenfra- Norbert Wollheim auch Josef Rosen-

ge, deren Wesen in der Heimatlosigkeit saft in seinen Vorstand, in der Hoff-

der Juden besteht, zu lösen. […] Der nung, so »die Kontinuität der einheit-

Drang zur Auswanderung ist bei den 59 lichen jüdischen Arbeit zu wahren«.

Juden in Deutschland nicht weniger Mit der Auflösung des Zentralkomitees

stark als bei allen Teilen des mitteleuro- im August 1951 übernahm der neue

päischen Judentums. Die ungeteilte und Zusammenschluss der Jüdischen Ge-

unteilbare Schicksalsgemeinschaft wird meinden weitestgehend dessen Aufga-

daher keinerlei ihr wesensfremde Diffe- ben sowie die vakant gewordene Ver-

renzierung in ihren Reihen anerkennen tretung beim World Jewish Congress.

und steht vereint mit allen, welche die Norbert Wollheim blieb auch in dieser

Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes Zeit seiner integrativen Haltung treu:

beenden wollen.«57 Als der Druck auf die in Deutsch-

Die »Exodus«-Affäre bildete nicht land verbleibenden oder sogar aus der

nur den Höhepunkt der Auseinan- Emigration dorthin zurückkehrenden

dersetzungen, sie war gleichzeitig ein Jüdinnen und Juden immer größer und

Wendepunkt. Wenige Monate später, die innerjüdische Kritik immer schärfer

im November 1947, ebnete der Tei- wurde, fragte er 1950: »Warum muss

lungsbeschluss der Vereinten Nationen die ›historische Antwort‹ an Deutsch-

den Weg zur Gründung des Staates land auf dem Rücken der ohnehin ge-

Israel. Die nachfolgende Emigration nug geschlagenen jüdischen Menschen

der überwältigenden Mehrheit der jü- 60 in Deutschland ausgetragen werden?«

dischen DPs führte zwangsläufig zu

einer Veränderung in den Beziehun-

gen zwischen Gemeinden und Zen- Fazit

 

tralkomitee. Für die in Deutschland Die Zusammenarbeit zwischen den Jü-

bleibenden Jüdinnen und Juden wur- dinnen und Juden deutscher Herkunft

de es fortan immer wichtiger, ihren und den jüdischen DPs in der britischen

Gemeinden Rechtssicherheit und sich Zone verlief keineswegs konfliktfrei.

eine eigene Stimme in Fragen der Re- Anders als in der US-amerikanischen »DIE SPUREN DER SKLAVENHERRSCHAFT ABGEWORFEN« 75

 

Zone führten diese Differenzen jedoch lose Objekte zu sein, sondern frei und

mit Ausnahme Hannovers nicht zum selbstbestimmt über das eigene Leben Bruch. Denn die Politik Großbritan- verfügen zu können. In ihrer Selbst-

niens gegenüber den Verfolgten und organisation liegt folglich der Schlüs-

als Mandatsmacht in Palästina hatte sel für das Verständnis des »Weiterle-

entgegen ihrer eigentlichen Intention bens« der jüdischen Überlebenden nach den Zusammenhalt der jüdischen Über- der Befreiung: Denn allen Differenzen

lebenden nur gestärkt und die Grün- zum Trotz bot das Sich-Organisieren

dung einer zentralen, repräsentativen als Gemeinde oder als Komitee ihnen,

Instanz befördert. Den befreiten Jü- die dem Status völlig entrechteter und

dinnen und Juden und den von ih- dehumanisierter Objekte der national-

nen gewählten Repräsentanten wie Jo- sozialistischen Verfolgung gerade erst

sef Rosensaft und Norbert Wollheim entronnen waren, die Möglichkeit, sich

war es gelungen, innerhalb kürzester individuell wie kollektiv zu behaupten Zeit gut funktionierende überregiona- und neu als Subjekte zu konstituie-

le Netzwerke aufzubauen, dank derer ren – oder, wie es Norbert Wollheim in

sie ihre Forderungen und Themen auf einer Rede vor der Jüdischen Gemeinde

die politische Agenda setzen und zu Hamburg anlässlich des zehnten Jah-handlungsfähigen sowie schlagkräftigen restages des Novemberpogroms 1938

Akteuren werden konnten. Zwar waren formulierte: »In der Zeit, da Gaskam-

die lokalen Gemeinden und Komitees mern und Krematorien Millionen um nicht immer mit den Entscheidungen Millionen unserer Menschen verschlan-

und dem Vorgehen des Zentralkomitees gen, gewann die Sehnsucht nach Eigen-

einverstanden, doch blieben sie stets staatlichkeit unseres Volkes eine neue

loyal und akzeptierten es als ihre legiti- Wirkungskraft. […] Es wäre vermessen,

me Interessenvertretung.61 Die Basis für all dem Ausdruck geben zu können,

ihre gute Zusammenarbeit bildeten das was uns im Rückblick auf diese zehn

Gefühl der Zugehörigkeit zur Schick- Jahre im Innersten bewegt. Wir wollen

salsgemeinschaft der She’erit Hapletah nichts anderes, als für die Jahre, die uns

sowie der aus der Erfahrung der natio- noch verblieben sind; ein Leben führen,

nalsozialistischen Verfolgung geborene 62 das uns selbst gehört.«

Wille, niemals wieder hilf- und schutz-

 

Anmerkungen

 

1 Zit. nach Uwe Lohhalm: »Schließlich ist der britischen Zone, in: Herbert Obenaus

es meine Heimat …« Harry Goldstein (Hg.): Im Schatten des Holocaust. Jüdi-

und die Jüdische Gemeinde Hamburg in sches Leben in Niedersachsen nach 1945,

persönlichen Dokumenten und Fotos, Hannover 1997, S. 199-235, hier S. 201.

Hamburg 2002, S. 35. 4 Vgl. Norbert Wollheim: »Wir haben

2 Die Ruinen jüdischer Gemeinden in Stellung bezogen«, in: Richard Chaim

Deutschland, in: Unzer Sztyme, Nr. 14, Schneider (Hg.): Wir sind da! Die Ge-

2.10.1946, S. 16. schichte der Juden in Deutschland von

3 Hagit Lavsky: Die Anfänge der Landes- 1945 bis heute, Berlin 2000, S. 108-120,

verbände der jüdischen Gemeinden in hier S. 109.

76 LENNART ONKEN

 

5 Vgl. z. B. den Allgemeinen Arbeitsbericht bert Obenaus (Hg.): Historisches Hand-

des Zentralkomitees der befreiten Juden buch der jüdischen Gemeinden in Nie-

für die Britische Zone 1945-1947, nicht dersachsen und Bremen, Bd. 1, Göttingen

dat., Zentralarchiv zur Erforschung der 2005, S. 198-211, hier S. 198.

Geschichte der Juden in Deutschland, 13 Vgl. Jidischer Central Komitet Bergen-

Heidelberg (ZA), B 1/28, Nr. 12. Belsen, Barict vom 1. Häftlingskongress,

6 Schreiben von Lit. Gen. A. Galloway an 25.9.1945, Archiv der Gedenkstätte Ber-

Lit. Gen. Sir Brian Robertson, 12.4.1946, gen-Belsen (AGBB), BO 4327.

The National Archives, London (TNA), 14 Vgl. Josef Rosensaft: Our Belsen, in: Bel-

FO 1030/307. sen, Tel Aviv 1957, S. 24-52, hier S. 27.

7 SHAEF Memorandum No. 39, Revised 15 Schon Wolfgang Jacobmeyer hat in sei-

Version of 16.4.1945, International Tra- nem bis heute gültigen Standardwerk

cing Service, Bad Arolsen, Digitales Ar- zur deutschsprachigen DP-Forschung

chiv, 6.1.1/82495539. konstatiert: »Das DP-Problem ist […]

8 Atina Grossmann weist darauf hin, dass in erster Linie das Problem der Fremd-

die Zehntausenden »Infiltrees« die Zu- bestimmung einer Personengruppe.«

sammensetzung der jüdischen DP-Ge- Wolfgang Jacobmeyer: Vom Zwangs-

meinschaft grundlegend veränderten, da arbeiter zum Heimatlosen Ausländer,

sie zumeist nicht in den Konzentra- Göttingen 1985, S. 20.

tions- und Vernichtungslagern gewe- 16 Report by the Adviser on Jewish Af-

sen waren, sondern in der Sowjetunion fairs, November 1947, S. 1, TNA, FO

überlebt hatten und folglich gänzlich 1052/73.

andere Erfahrungen mitbrachten. Da 17 Zur Situation der Jüdinnen und Juden

der Großteil der »Infiltrees« jedoch in deutscher Herkunft in der britischen

die US-amerikanische Besatzungszone Zone vgl. Ursula Büttner: Not nach der

kam, waren die Auswirkungen in der Befreiung. Die Situation der deutschen

britischen Zone weniger stark spürbar. Juden in der britischen Besatzungszone

Zur Geschichte der »Infiltrees« in der 1945 bis 1948, Hamburg 1986.

US-amerikanischen Zone siehe Atina 18 Ebd., S. 10.

Grossmann: Juden, Deutsche, Alliierte. 19 Vgl. Atina Grossmann / Tamar Lewins-

Begegnungen im besetzten Deutschland, ky: Zwischenstation, in: Michael Brenner

Göttingen 2012, S. 260-265. (Hg.): Geschichte der Juden in Deutsch-

9 Aus unserem Leben, in: Unzer Sztyme, land von 1945 bis zur Gegenwart, Mün-

Nr. 23, 14.9.1947, S. 56. chen 2012, S. 67-152, hier S. 122-132. 10 Zur Frage der Identität und Selbst- 20 Vgl. Jael Geis: Übrig sein – Leben da-

und Fremdwahrnehmung der jüdischen nach, Berlin 1999, S. 92 f.

Überlebenden vergleiche Atina Gross- 21 Vgl. ebd., S. 93.

mann: Opfer, Störenfriede und Überle- 22 Vgl. Einzelaufstellungen der jüdischen

bende. Wahrnehmung und Selbstwahr- Gemeinden und Komitees in der bri-

nehmung jüdischer Displaced Persons tischen Zone, nicht dat., ZA, B 1/28,

im Nachkriegsdeutschland, in: Insa Nr. 12.

Eschebach / Sigrid Jacobeit / Silke Wenk 23 Vgl. Jidischer Central Komitet Bergen-

(Hg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deu- Belsen, Barict vom 1. Häftlingskongress,

tungsmuster in Darstellungen des na- 25.9.1945 (Anm. 13).

tionalsozialistischen Genozids, S. 297- 24 Vgl. Unzer Sztyme, Nr. 4, 15.10.1945,

326; Abraham Peck: »Unsere Augen ha- Beilage zum Kongress vom 25.-27. Sep-

ben die Ewigkeit gesehen.« Erinnerung tember 1945.

und Identität der She’erit Hapletah, in: 25 Vgl. Juliane Wetzel: Die Selbstverwal-

Überlebt und unterwegs. Jüdische Dis- tung der Sche’erit Haplejtah. Das Zen-

placed Persons im Nachkriegsdeutsch- tralkomitee der befreiten Juden in Ber-

land, hg. v. Fritz Bauer Institut, Frank- gen-Belsen 1945-1951, in: Obenaus: Im

furt am Main 1997, S. 27-50. Schatten des Holocaust (Anm. 3), S. 43-

11 Vgl. Norbert Wollheim an Else Sta- 54, hier S. 47.

delmann, 23.4.1947, S. 1 f., Staatsarchiv 26 Vgl. Resolutionen des ersten Kongresses

Hamburg (StA HH), 522-2-1384. der Überlebenden, in: Unzer Sztyme,

12 Thomas Rahe: Bergen-Belsen. Das Jüdi- Nr. 4, 15.10.1945.

sche Displaced-Persons-Camp, in: Her- 27 Vgl. Rosensaft (Anm. 14), S. 37. »DIE SPUREN DER SKLAVENHERRSCHAFT ABGEWORFEN« 77

 

28 Interview mit Norbert Wollheim, ge- 37 The Jews in the British Zone of Ger-

führt von Dr. Thomas Rahe, Gedenk- many. Memorandum by the Chancellor

stätte Bergen-Belsen, 12.5.1993, Tran- of the Duchy of Lancaster, 10.4.1947,

skript, S. 27, AGBB, BT 735. TNA, FO 945/399. 29 Rosensaft (Anm. 14), S. 27. 38 Report by the Adviser on Jewish Af-

30 Harry Maor: Über den Wiederaufbau fairs, November 1947, S. 2-4, TNA, FO

der Jüdischen Gemeinden in Deutsch- 1052/73.

land seit 1945, Mainz 1961, S. 16. 39 Viteles/Brotman (Anm. 32), S. 15. 31 Zit. nach ebd., S. 193. 40 Vgl. Ina Lorenz: Gehen oder bleiben?

32 Vgl. z. B. Harry Viteles / A. G. Brotman, Neuanfang der Jüdischen Gemeinde in

Survey on conditions of Jews in the Bri- Hamburg nach 1945, Hamburg 2002,

tish Zone of Germany in March 1946, S. 2, S. 36.

Yad Vashem Archives, Jerusalem (YVA), 41 Vgl. z. B. Resolutionen, gefasst auf dem

O.70-6. 2. Kongress der befreiten Juden in der

33 Vgl. zur Geschichte der jüdischen Nach- Britischen Zone Deutschlands vom 20.

kriegsgemeinschaft in Hannover Anke bis 23.7.1947 in Belsen und Bad Harz-

Quast: Nach der Befreiung. Jüdische burg, Punkt 10, S. 4, YVA, O.70-26.

Gemeinden in Niedersachsen seit 1945 – 42 Protokoll der 1. Sitzung der Arbeitsge-

das Beispiel Hannover, Göttingen 2001. meinschaft der jüdischen Gemeinden in

34 Zu den Konflikten zwischen den »Je- Deutschland vom 7. und 8. Juni 1947 in

ckes« und den »Ostjuden« in der unmit- Frankfurt am Main, S. 10, StA HH, 522-

telbaren Nachkriegszeit vgl. auch Mi- 2-1238.

chael Brenner: Nach dem Holocaust. Ju- 43 Siehe Rundschreiben Nr. 13 des Zen-

den in Deutschland 1945-1950, München tralkomitees der befreiten Juden in der

1995, S. 62-76. Die Konflikte knüpften britischen Zone, verschickt an alle Com-

auch an bereits seit dem 18. Jahrhundert mittees und jüd. Gemeinden in der engl.

unter westeuropäischen Juden virulente Zone, 17.9.1946, StA HH, 522-2-1238.

stereotype Bilder des sogenannten »Ost- 44 Vgl. Schreiben des Vorstands der Jüdi-

juden« an. Viele jüdische Autoren wie schen Gemeinde Hamburg an Norbert

z. B. Salomon Maimon beschrieben die Wollheim, 28.3.1947, StA HH, 522-2-

»Ostjuden« als rückständig und hinter- 1238.

wäldlerisch, wenngleich auch als authen- 45 Vgl. z. B. Rose L. Henriques an E. G.

tisch und echt. Auch Heinrich Heine Löwenthal, 2.7.1947, The Wiener Holo-

beschrieb sie in seinem Werk Ȇber caust Library, London (WLL), HA6B-

Polen« eindeutig negativ: »Das Äuße- 1/17.

re des polnischen Juden ist schrecklich. 46 Vgl. Norbert Wollheim und Josef Ro-

Mich überfällt ein Schauder, wenn ich sensaft an Colonel Robert Solomon,

daran denke, wie ich hinter Meseritz 25.7.1947, WLL, HA21-5/6.

zuerst ein polnisches Dorf sah, meis- 47 Vgl. Bericht über die Wahl der Exeku-

tens von Juden bewohnt. […] Dennoch tive und des Rates beim 2. Kongress

wurde der Ekel bald verdrängt von Mit- der befreiten Juden in der Britischen

leid, nachdem ich den Zustand dieser Zone Deutschlands in Bad Harzburg am

Menschen näher betrachtete und die 23.7.1947, YVA, O.70-26.

schweinestallartigen Löcher sah, worin 48 Zit. nach Lavsky (Anm. 3), S. 224.

sie wohnen, mauscheln, beten, schachern 49 Resolutionen des Zentralrabbinats

und – elend sind. […] [S]ie sind offenbar zum zweiten Kongress der »Scherit-

mit der europäischen Kultur nicht fortge- Hapletah« in der Britischen Zone,

schritten, und ihre Geisteswelt versumpf- 22.7.1947, S. 2, YVA, O.70-26.

te zu einem unerquicklichen Aberglau- 50 Jael Geis führt beispielhaft u. a. die jü-

ben […].« Heinrich Heine: Über Polen, dischen Gemeinden in Hamburg und

Berlin 2014, S. 7. [Erstdruck in Der Ge- Hannover an, die mit Blick auf die

sellschafter oder Blätter für Herz und rabbinischen Entscheidungen beide ihre

Geist (Berlin), 7. Jg., 1823]. Autonomie und Souveränität betonten.

35 Zit. nach Quast (Anm. 33), S. 144. Vgl. Geis (Anm. 20), S. 118 f. 36 Report by the Adviser on Jewish Af- 51 Van Dam an Rose Henriques, 3.3.1949,

fairs, November 1947, S. 1, TNA, FO WLL, HA6E-10.

1052/73. 52 Nicola Schlichting: »Öffnet die Tore

78 LENNART ONKEN

 

von Erez Israel«. Das jüdische DP- 57 Beschlüsse und Empfehlungen der zwei-

Camp Bergen-Belsen 1945-1948, Nürn- ten Tagung der Arbeitsgemeinschaften

berg 2005, S. 26. der jüdischen Gemeinden in Deutsch-

53 Rosensaft/Wollheim/Auerbach/Lewin/ land vom 19. bis 22. Oktober 1947 in

Dreyfuß/Heinsberg/Salomon/Prager/ Berlin, S. 1, StA HH, 522-2-1238.

Nußbaum/Goldstein: Aufruf an die Ju- 58 Vgl. Notizen über die Gemeindetagung

den in der Welt, in: Jüdisches Gemein- am 21. November 1949 in Hamburg,

deblatt für die Nord-Rheinprovinz und S. 13 f., YVA, O.70-63.

Westfalen, 1. Jg., 26.9.1946, Nr. 12, S. 4. 59 Protokoll der Vorstandssitzung des Ver-

54 Bericht über die Jüdischen Organisati- bandes am 16. Januar 1951 in Düssel-

onen in der britischen Zone, nicht dat., dorf, S. 3, YVA, O.70-61.

ZA, B 1/28, Nr. 12. 60 Zit. nach Geis (Anm. 20), S. 433. 55 Vgl. Aviva Halamish: The Exodus Af- 61 Vgl. z. B. Viteles/Brotman (Anm. 32),

fair. Holocaust Survivors and the S. 126.

Struggle for Palestine, London 1998; 62 Norbert Wollheim, Zum 9. November

Ruth Gruber: Die Irrfahrt der Exo- 1948 – Rede an die Jüdische Gemeinde

dus. Eine Augenzeugin berichtet, Zürich Hamburg auf der Gedenkstunde zum

2002. zehnten Jahrestag des Beginns der Po-

56 Vgl. Unzer Sztyme, Nr. 23, 14.9.1947, grome in Deutschland, S. 14 f., AGBB,

S. 25 f. BO 2428.