NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
David Nasaw: The Last Million. Europe’s Displaced Persons from World War to Cold War, New York 2020 (Reimer Möller)
232 BESPRECHUNGEN UND ANNOTATIONEN
zungsmacht nicht zur Verantwortung
gezogen zu werden. Eine große Zahl
osteuropäischer Jüdinnen und Juden
war in ihren Herkunftsländern auch
nach Kriegsende noch von antisemiti-
scher Gewalt bedroht und sah für sich
nach der Erfahrung des Holocaust nur
noch außerhalb Europas bzw. in einem
jüdischen Staat in Palästina eine Zu-
kunft. Aus diesen Gründen kamen bzw.
blieben sie in Camps für Displaced Per-
sons, vor allem auf deutschem Boden,
wo sie auf Emigrationsmöglichkeiten
warteten. »The Last Million« nennt sie
David Nasaw. Unter diesem Titel hat er
eine Überblickdarstellung über die in-
ternationalen politischen Bemühungen
zur Lösung ihres Problems vorgelegt.
Der Autor, Jahrgang 1945, ehema-
liger Professor für Geschichte an der
City University of New York, ist mit
David Nasaw: The Last Million. diversen journalistischen Preisen für
Europe’s Displaced Persons from World Biografien und historische Sachbücher
War to Cold War. New York: Penguin ausgezeichnet. Sein Schreibstil ist in der
Press 2020, 654 S., 20,00 USD Tat sehr gut lesbar, der Text intensiv
lektoriert; Sonderzeichen fremder Spra-
Am Ende des Zweiten Weltkrieges be- chen sind sorgfältig gesetzt. fanden sich ca. 7 Millionen Zivilper- Nasaw gliedert seinen Stoff chro-
sonen, die kriegsbedingt ihre Heimat nologisch in sechs Abschnitte. Das
hatten verlassen müssen, in den west- 1. Kapitel behandelt das nationalsozia-
lichen Besatzungszonen. Die sehr he- listische Zwangsarbeiterprogramm, das
terogenen Gruppierungen, im Verwal- KZ-System und die Vernichtungsla-
tungsenglisch mit dem Sammelbegriff ger. Die Ausführungen zur Geschichte
»Displaced Persons« bezeichnet, wa- der Konzentrationslager beruhen auf
ren durchweg in Lagern untergebracht 1 Wachsmanns Gesamtdarstellung. und wurden von Truppenverbänden Das 2. Kapitel handelt von den Le-
der Besatzungsmächte und dem Flücht- bensbedingungen der jüdischen Dis-
lingshilfswerk der Vereinten Nationen placed Persons in den westlichen
UNRRA (United Nations Relief and Besatzungszonen und vom Harrison-Rehabilitation Administration) betreut Report. Zu Untersuchungen dieser
und versorgt. Bedingungen hatte US-Präsident Tru-
Viele Displaced Persons wollten man den Hochschullehrer für Rechts-
nicht in ihre Heimat zurückkehren, um wissenschaften und Regierungsbeam-
sich nicht kommunistischer Herrschaft ten Earl G. Harrison nach Europa
unterordnen zu müssen oder wegen geschickt. Der Harrison-Report zog
Kollaboration mit der deutschen Besat- politische Folgerungen nach sich, die
REZENSIONEN 233
wichtigste war, den jüdischen Über- Um diplomatischen Schwierigkeiten
lebenden eigene Lager zuzugestehen. zu entgehen und dennoch Osteuropäe-Bis dahin waren die DP-Lager den rinnen und Osteuropäer in DP-Lagern
verschiedenen Nationalitäten zugewie- zu beherbergen, wurden diese zwar von
sen, eine eigene jüdische Nationalität der UNRRA betreut, aber dem Kom-
wurde aber nicht anerkannt. Das hatte mando der jeweiligen Besatzungstrup-
die unzumutbare Folge, dass Jüdinnen pen unterstellt. Der militärisch-zivilen
und Juden in den Lagern auf antisemi- Doppelstruktur der Lagerorganisation
tische Kollaborateure der nationalso- begegnet man überall, nur Nasaw be-
zialistischen Vernichtungspolitik trafen nennt den diplomatischen Faktor, der
und mit ihnen zusammenleben mussten. sie mitbedingt hat; bisherige andere
Der Stoff dieses Kapitels ist hiesigem Darstellungen gehen darauf nicht ein.
wissenschaftlichem Lesepublikum seit Das 4. Kapitel ist der Wiederan-
1994 geläufig, als Angelika Königseders siedlung von Displaced Persons in
und Juliane Wetzels Buch »Lebensmut Aufnahmeländern gewidmet. Große
im Wartesaal« erschien. 2 Nasaw zitiert Schwierigkeiten brachte es mit sich,
die 2001 publizierte englische Überset- dass der US-amerikanische Kongress
zung. nicht weiter bereit war, zur Finan-
Unter dem Titel »Marooned in Ger- zierung der UNRRA im bisherigen
many« (Im Stich gelassen in Deutsch- Umfang beizutragen; die Organisation
land) beleuchtet das 3. Kapitel die Si- musste daraufhin aufgelöst werden. Die
tuation in den DP-Camps ab August nicht bewältigten Aufgaben wurden 1945. Bis dahin waren 4 Millionen DPs der kleineren Nachfolgeorganisation
repatriiert und etwa 2 Millionen zu- IRO (Inter national Refugee Organiza-
rückgeblieben. 3 Diese DPs richteten tion) übertragen. Informationen zu die-
sich auf Dauer ein. sem institutionellen Wandel bietet auf
Das traf auf politische Schwierigkei- Deutsch Wolfgang Jacobmeyers Studie
ten mit der Sowjetunion und anderen »Vom Zwangsarbeiter zum Heimatlo-
osteuropäischen Staaten, die dringen- 4 sen Ausländer« aus dem Jahr 1985, die
den großen Arbeitskräftebedarf hatten, Nasaw nicht verwendet hat. um die in ihren Ländern erforderlichen Das 5. Kapitel befasst sich mit der
Wiederaufbauarbeiten bewältigen zu US-amerikanischen Einwanderungspo-
können. Die Rückführung ihrer Staats- litik. Ausführlich werden die parla-
angehörigen sollte schnell und voll- mentarischen Verhandlungen zu den
ständig durchgeführt werden. Daher Displaced Persons Acts (Einwande-
drängte die Sowjetunion darauf, dass in rungsgesetzen) von 1948 und 1950 vor-
der UNRRA-Resolution 57 festgelegt gestellt. Der Wortlaut des Gesetzes von
wurde, die Hilfsorganisation der Ver- 1948 habe keine unterschwellig oder of-
einten Nationen dürfe in geografischen fen antisemitische Wendung enthalten,
Gebieten nur mit Einverständnis der jedoch eine antisemitische Stoßrichtung
zivilen oder militärischen Stellen tätig gehabt. Zur Einwanderung zugelassen
werden, die dort exekutive Macht aus- wurden nur DPs, die sich am Stichtag übten, und ebenso seien Fürsorgemaß- 22. Dezember 1945 Deutschland aufge-
nahmen für fremde Staatsbürgerinnen halten hatten. Das schloss viele jüdische
und -bürger nur mit Einverständnis der Polinnen und Polen aus, die zunächst in
jeweiligen Regierungen zulässig. ihr Heimatland zurückgekehrt, 234 BESPRECHUNGEN UND ANNOTATIONEN
sichts der dortigen massiven Bedrohung Seit Mitte der 1960er-Jahre erschie-
mit antisemitischer Gewalt aber wieder nen kritische Presseberichte, etwa in
nach Deutschland zurückgekehrt wa- der »New York Times« über Simon
ren. Die republikanische Mehrheit, der Wiesenthals Ermittlungserfolge in New
Präsident Truman gegenüberstand, war York oder über das Leben der KZ-
zu humanitärer Hilfestellung nicht be- Aufseherin Hermine Braunsteiner in
reit. »Die schlechten Seiten des Geset- den USA.
zes sind zahlreich«, hieß es in Trumans Als Vorsitzende des Unterausschusses
Stellungnahme. »Zusammen bilden sie für Einwanderung, Staatsbürgerschafts-
ein Muster von Diskriminierung und angelegenheiten und internationales Intoleranz, das mit dem amerikanischen Recht bekam die Kongressabgeordnete
Rechtsempfinden völlig unvereinbar Elisabeth Holtzman eine Liste der Ein-
ist.« (S. 426) wanderungsbehörde INS (Immigration
Die Gesetzesnovelle von 1950 ent- and Naturalization Service) in die Hand,
stand in einem verschärften antisow- auf der 35 NS-Kriegsverbrecher aufge-
jetischen Klima. Visabeschränkungen führt waren. Diese belasteten Personen
entfielen für DPs aus der Westukraine zur Verantwortung zu ziehen, war nicht
und den baltischen Staaten, weil de- beabsichtigt. Dagegen ging Holtzman
ren Heimatländer »von einer fremden vor und drang auf die Gründung der
Macht annektiert« seien, der UdSSR. In Ermittlungsabteilung »Office of Special
der Folge konnten Tausende NS-Kolla- Investigations« der Strafrechtsabteilung
borateure und sogar Kriegsverbrecher des US-Justizministeriums, die gegen in die USA einwandern. Aus Sicht der Einwanderer und Einwanderinnen mit
US-Geheimdienste war diese Einwan- NS-Belastungen ermittelte. Nach ihr
derungsgruppe relevant für die Re- ist das Holtzman Amendment (Zusatz-
krutierung antikommunistischer Kräfte gesetz) zum Einwanderungsgesetz der
mit osteuropäischen Sprach- und Lan- USA benannt, das Personen von der
deskenntnissen; dies geschah – gebilligt Einwanderung in die USA oder vom
vom Außenministerium und dem Ko- Aufenthalt dort ausschließt, wenn sie
ordinierungsausschuss der Streitkräf- an Menschenrechtsverletzungen betei-
te – unter dem Tarnnamen »Operati- ligt waren. Der Blick in diesen Aspekt
on Bloodstone«. 1950 wurde sogar die der US-amerikanischen Innenpolitik ist
Einwanderung ehemaliger Angehöriger lehrreich für Gedenkstättenarchive, die
der Waffen-SS ermöglicht. Bis dahin Anfragen des US-Justizministeriums waren sie als Mitglieder von »Bewe- erhalten und dann, wie im Fall von
gungen, die den Vereinigten Staaten 5 Friedrich Karl Berger aus Tennessee,
feindlich« gegenüberstanden (S. 498), vielfältige deutsche Presseanfragen nach
gesetzlich ausgeschlossen. Hochkom- Einzelheiten und Hintergründen der
missar McCloy empfahl, die Waffen- US-amerikanischen Ausweisungsver-
SS nicht als »Bewegung«, sondern als fahren beantworten müssen.
»militärische Organisation« anzusehen Nasaw schreibt für ein nicht spezi-
(S. 500); so wurde der Weg frei. alisiertes Publikum im eigenen Land,
Im Schlusskapitel beschreibt Nasaw, das von vornherein nur Stolz über den
wie die nationalsozialistisch Kompro- militärischen Erfolg der Befreiung der
mittierten in die USA kamen, und be- Welt von der NS-Herrschaft empfindet
handelt die späten Reaktionen darauf. und die Probleme der REZENSIONEN 235
wicklung nicht wahrnimmt. Kritisch hergestellt, um nationalpolitische Auf-
führt Nasaws Buch die negativen Fol- fassungsunterschiede zu Geschichts-
gen der politischen Krisenstrategie der fragen zu diskutieren und zu klären.
Nachkriegsjahre vor Augen, die poli- 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
tisch-utilitaristisch und nicht humani- seiner Universität haben ihn mit Über-
tär ausgerichtet war. Dies sei ein wenig setzungen fremdsprachiger Quellen un-
heilsames Modell für die Reaktion der terstützt, häufig Erinnerungsberichte
Industrieländer auf heutige Flüchtlings- von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Sei-
krisen gewesen. ne Darstellung kombiniert die Makro-
Hiesiges Fachpublikum braucht perspektive der politischen Entwick-
diese Aufklärung sicher nicht. Nicht lung auf nationaler und internationaler
alles, was Nasaw ausbreitet, hat Neu- Ebene mit der Mikroperspektive von
igkeitswert. Dennoch ist seine Über- Lebenszeugnissen einzelner Menschen,
blicksdarstellung nützlich, besonders um zu zeigen, wie die großen Entwick-die Einblicke in die US-amerikanische lungen Einzelschicksale bestimmt und
Innenpolitik. beeinflusst haben. Die Verwendung
Nasaw hat umfangreiches Quellen- vielfältigen biografischen Materials
material aus Archiven, Museen, Ge- trägt zur guten Lesbarkeit des Buches
denkstätten und wissenschaftlichen bei. David Nasaw erhielt seine Preise
Einrichtungen in vielen Ländern be- zu Recht.
schafft. Er hat die baltischen Länder be- Reimer Möller
sucht und dort Kontakt zu Fachleuten
Anmerkungen
1 Nikolaus Wachsmann: KL. Die Ge- 4 Vgl. Jacobmeyer (Anm. 3).
schichte der nationalsozialistischen Kon- 5 Vgl. Wehrmachtsangehörige als Bewa-
zentrationslager, München 2016. cher im Konzentrationslager, 20.2.2021,
2 Angelika Königseder / Juliane Wetzel: https://www.kz-gedenkstaette-neuen
Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen gamme.de/nachrichten/news/wehr
DPs (Displaced Persons) im Nachkriegs- machtsangehoerige-als-bewacher-im-
deutschland, Frankfurt am Main 1994. konzentrationslager, Zugriff: 7.6.2022.
3 Vgl. Wolfgang Jacobmeyer: Vom Zwangs-
arbeiter zum Heimatlosen Ausländer,
Göttingen 1985, S. 41.