NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Christine Eckel: Die Anerkennung ehemaliger KZ-Häftlinge im Kontext staatlicher Erinnerungspolitik in Frankreich
Christine Eckel
Die Anerkennung ehemaliger KZ-Häftlinge
im Kontext staatlicher Erinnerungspolitik in Frankreich
Der Zweite Weltkrieg und die natio- Zone, eine formal souveräne Staatsge-
nalsozialistischen Verbrechen gehö- walt aus, die Frankreich einen vorderen
ren bis heute zu den Kernthemen der Platz in einem nationalsozialistisch do-
Erinnerungskulturen in Europa. Die 2 minierten Europa sichern sollte. Das
unterschiedlichen Ausprägungen der Regime wies durchaus ideologische und
deutschen Besatzungspolitik, aber auch politische Anknüpfungspunkte mit den
die vielfältigen Formen von Wider- Zielen der deutschen Militärverwaltung
stand, von resistentem Verhalten und auf, womit – zumindest anfangs – da-
von Kooperation bis hin zur Kolla- rüber hinweggetäuscht werden konnte,
boration bilden immer wieder Anlass dass die französische Souveränität nur zu geschichtspolitischen Auseinander- innerhalb eines von der Besatzungs-
setzungen um nationale Erzählungen. 1 macht vorgegebenen Rahmens galt. So
Vor diesem Hintergrund werden im erweckte auch das Vorgehen gegen »ge-
vorliegenden Beitrag zunächst die De- meinsame Feinde«, insbesondere Kom-
portationen aus Frankreich in Kon- munistinnen und Kommunisten sowie
zentrationslager skizziert, um daran Jüdinnen und Juden, zunächst den An-
anschließend zu fragen, wie die Ver- schein einer eigenständigen französi-
schleppung einer Vielzahl unterschied- schen Politik. Im Zuge der Radikalisie-
licher Personengruppen in die franzö- rung der deutschen Repressionspraxis
sischen Nachkriegsnarrative integriert ab Sommer 1941 schwanden die fran-
wurde, wie sie im Kontext zeitgenössi- zösischen Handlungsspielräume jedoch
scher politischer Bedürfnisse definiert zusehends. Dennoch hielt das Vichy-
und gedeutet wurde und in welchem Regime auch in polizeilichen Fragen
Verhältnis gesetzliche Regelungen zu an der Kollaborationspolitik fest, und
den unterschiedlichen Verfolgungs- dies auch dann noch, als die deutschen
schicksalen standen. Verfolgungsmaßnahmen weit über die
Bekämpfung der ab 1943 erstarkenden
Deportationen aus Frankreich Bereits Ende 1941 beschloss der Widerstandsbewegung hinausgingen.
Unter den besetzten Ländern bilde- deutsche Militärbefehlshaber in Frank-
te Frankreich einen besonderen Fall, reich infolge der gescheiterten Geisel-
da es 1940 als einziges westeuropäi- politik erstmals als »Sühnemaßnahmen«
sches Land einen Waffenstillstand mit Deportationen in Konzentrationslager,
Deutschland abgeschlossen hatte und für die in erster Linie »Kommunisten«,
offen die Kollaboration propagierte. »Juden« und »asoziale Elemente« aus-
Der unter Führung von Maréchal Pé- 3 gewählt werden sollten. In der Folge-
tain errichtete État français akzeptier- zeit betrieben die Besatzungsakteure
te die Besatzung eines Großteils des mit Nachdruck ihre antisemitische Ver-
französischen Territoriums und übte, nichtungspolitik, die ab 1942 zur mas-
mit Sitz in Vichy in der nicht besetzten senhaften Deportation von zunächst
144 CHRISTINE ECKEL
meist staatenlosen oder ausländischen, deutsche Deportationspraxis: So soll-
ab 1943 auch von französischen Jüdin- ten einem Befehl Himmlers zufolge bis
nen und Juden führte. Bis zum Rück- Ende Januar 1943 mindestens 35 000 ar-
zug der deutschen Truppen im Som- beitsfähige Häftlinge aus den besetzten
mer 1944 wurden über 75 000 jüdische Ländern in die Konzentrationslager ein-
Frauen, Männer und Kinder – etwa ein 8 gewiesen werden. Diese im deutschen Viertel der damals in Frankreich le- Schriftverkehr in Frankreich als »Aktion
benden jüdischen Bevölkerung – in die Meerschaum« bezeichneten Massenver-
nationalsozialistischen Konzentrations- haftungen führten dort in den ersten
und Vernichtungslager deportiert und Monaten des Jahres 1943 zu steigenden
dort größtenteils ermordet.4 Von den Deportationszahlen: Hatte es nur im Juli
79 Transporten aus dem Sammellager 1942 einen ersten »Sühnetransport« von
Drancy bei Paris gingen allein im Jahr 1175 Personen mit mehrheitlich kom-
1942 43 Transporte mit 42 000 Personen munistischem oder gewerkschaftlichem
in das 9 KZ Auschwitz-Birkenau. Hintergrund gegeben, so wurden allein
Parallel dazu fanden Deportatio- in der ersten Jahreshälfte 1943 in sechs
nen anderer Bevölkerungsgruppen in Transporten 6660 Männer und Frauen in
Konzentrationslager statt, die sich zum die Konzentrationslager Sachsenhausen,
zentralen Instrument der deutschen Re- Auschwitz, Mauthausen und Buchen-
pressionspolitik in Frankreich entwi- 10 wald überstellt.
ckelten.5 Auch hierfür war ab Mai 1942 Während umfangreiche Polizeiakti-
der Höhere SS- und Polizeiführer mit onen – von der systematischen Verfol-
den ihm unterstehenden Dienststellen gung der jüdischen Bevölkerung abge-
der Sicherheitspolizei (Sipo) und des sehen – im Jahr 1943 noch Einzelfälle
Sicherheitsdienstes (SD) federführend bildeten, wurde die Deportation grö-
verantwortlich.6 ßerer Gruppen im Jahr darauf auch
Über 68 000 Männer und Frau- im Kontext der Repressionspolitik zur
en wurden im Zuge dieser Repressi- Routine. In der Folge von »Vergeltungs-
onspraxis aus den besetzten Gebieten aktionen« nach Anschlägen der Résis-
in Frankreich ins Deutsche Reich ver- tance verschleppten Wehrmacht und
schleppt, mehr als 58 000 von ihnen in Sipo/SD häufig die gesamte erwachsene
Konzentrationslager.7 Etwa 40 % die- männliche Bevölkerung einzelner Ort-
ser überwiegend nicht jüdischen KZ- schaften, zudem wurden Haftanstalten
Häftlinge überlebten nicht. Zu ihnen und Internierungslager beim Rückzug
zählten in erster Linie politische Geg- der deutschen Truppen geräumt und
nerinnen und Gegner, aber im Laufe die Gefangenen nach Deutschland über-
der Besatzung zunehmend auch Perso- stellt. Mehr als die Hälfte der nicht
nen, die bei Massenverhaftungen und jü dischen Deportierten aus Frankreich
Razzien ergriffen worden waren oder gelangte 1944 in die Konzentrations-
die sich aus unterschiedlichen Gründen 11 lager.
in französischer Haft befunden hatten.
Neben dem Motiv der Abschreckung Dieser knappe Überblick zeigt bereits
hatte auch der wachsende Bedarf an die Bandbreite der Verhaftungskon-
Arbeitskräften in dem seit 1942 stark texte und -motive jenseits der antise-
expandierenden System der Konzentra- mitisch begründeten Verfolgung von
tionslager unmittelbare Folgen für die Jüdinnen und Juden. Differenzierte DIE ANERKENNUNG EHEMALIGER KZ-HÄFTLINGE 145
tersuchungen hierzu lagen lange Zeit Auch wenn die Mehrzahl der im
nicht vor. In der Nachkriegszeit hatte Kontext der Repressionspolitik aus
das Comité d’histoire de la Deuxième Frankreich Deportierten im Zusam-
Guerre mondiale, das in seinen Vorläu- menhang mit ihrem Einsatz für die
fern bereits seit 1944 existierte, zwar an Résistance verhaftet worden war, wird
einer statistischen Erfassung der De- deutlich, dass auch »unpolitische« Mo-
portation gearbeitet, doch blieb eine tive die Verschleppung in ein Konzen-
Veröffentlichung aus, nicht zuletzt auf- trationslager nach sich ziehen konnten.
grund von erinnerungspolitischen Kon- Zu fragen ist, ob und wie diese Vielzahl
flikten bezüglich der Gesamtzahlen der an Haftmotiven und Deportationskon-
Deportierten.12 In den 2000er-Jahren texten im Nachkriegsfrankreich bewer-
legte die Fondation pour la Mémoire tet und anerkannt wurde.
de la Déportation (FMD) Arbeiten zu
den 90 000 Männern und Frauen vor, Vom Umgang mit der
die im Rahmen der deutschen Repres- Vichy-Vergangenheit:
sionspolitik verhaftet und in deutsche Der Mythos der Résistance Konzentrationslager oder Haftanstalten
überstellt wurden. 13 Fast die Hälfte von Die Historiografie und die erinnerungs-
ihnen (44 %) war in einer Widerstands- politischen Diskurse der Nachkriegs-
gruppe oder einem Netzwerk organi- jahrzehnte spiegeln die zahlreichen Fa-
siert, mehr als ein Viertel (29 %) wurde cetten von Besatzung, Widerstand und
aufgrund von Handlungen der résis- Kollaboration der années noires nur tance civile 14 verhaftet, wozu die Hilfe unzureichend wider. Denn auch wenn
für Widerstandsgruppen oder die Al- die Kollaboration mit den Besatzern
liierten, Sabotage am Arbeitsplatz, die nicht ausgeklammert werden konnte,
Verweigerung des Zwangsarbeitsdiens- wurde die Verantwortung auf wenige
tes Service du travail obligatoire (STO) Personengruppen begrenzt. Nicht zu-
oder »deutschfeindliche« Äußerungen letzt sollten Prozesse gegen Vertreter
zählten. Das restliche Viertel der De- der Führungsriege des Vichy-Regimes
portierten (27 %) wurde aus Motiven den Übergang zu einer neuen Ordnung verhaftet, die – aus Sicht der verhaften- 15 sichern. In dem Land, das innerhalb
den Instanz – in keinem Zusammen- kurzer Zeit den Wandel von einem
hang mit Widerstandshandlungen stan- kollaborierenden Regime zu einer al-
den. Hierzu zählten Kommunistinnen liierten Siegermacht vollzogen hatte, und Kommunisten, gegen die bereits 16 galt es, die »narzisstische Wunde« der
zum Ende der Dritten Republik eine Kollaboration in der Nachkriegsgesell-
administrative Internierungshaft ver- schaft zu überdecken, politische und
hängt worden war, nach Frankreich ge- gesellschaftliche Gräben zu schließen
flohene spanische Angehörige der repu- und unter Einigung diverser politischer
blikanischen Truppen, Geiselhäftlinge, Strömungen einen Neuanfang zu er-
Opfer von Razzien oder Personen, die möglichen.17
als indésirables (Unerwünschte) galten, Die Erzählung und Deutung der
darunter Personen, die aufgrund von jüngsten Vergangenheit durch Gene-
Schwarzmarktvergehen, Prostitution, ral de Gaulle propagierte – zugespitzt
Diebstahl oder Gewaltdelikten verur- formuliert – die Vorstellung einer von
teilt worden waren. Beginn an im Widerstand gegen die 146 CHRISTINE ECKEL
satzer vereinten Nation. Bei allen Diffe- Kategorisierungen der
renzen beriefen sich die bestimmenden KZ-Häftlinge: déporté résistant
politischen Kräfte der ersten Nach- und déporté politique kriegsjahre, Gaullisten und Kommu-
nisten, auf die Résistance. Diese »un- Wie wurden aber vor diesem Hinter-
erschöpfliche Legitimationsquelle«18 grund die Zehntausenden aus Frank-
diente beiden Seiten der Überhöhung reich deportierten jüdischen und nicht
der eigenen Rolle und der Begründung jüdischen Männer, Frauen und Kinder
eines politischen Führungsanspruchs in in das Narrativ einer widerständigen
der Gegenwart. Die »Sakralisierung«19 und letztlich siegreichen Nation inte-
der insbesondere aus gaullistischer griert und wie bildete sich dies in der
Sicht militärisch konnotierten Résis- staatlichen Anerkennung ab? Schließlich
tance ging zudem einher mit der Mi- verkörperten die Deportierten in vie-
nimierung der Rolle der Alliierten bei len Fällen die Staatskollaboration, die
der Befreiung Frankreichs. Zwar deckte zur Verhaftung von Jüdinnen und Ju-
sich dieses Narrativ nur wenig mit den den, von Résistancekämpferinnen und
Alltagserfahrungen der Bevölkerung, -kämpfern und zahlreichen weiteren dennoch fungierte es als integratives Personen durch französische Polizei und
Angebot in der politisch unruhigen Zeit zu ihrer Auslieferung an die deutsche
nach der libération. Besatzungsmacht geführt hatte.
Diesem verallgemeinernden Résis- Bei ihrer Rückkehr aus den Kon-
tancebegriff standen ab Mai 1945 wie- zentrationslagern ab Mai 1945 stießen
derum rigide Gesetze gegenüber, die die ehemaligen Häftlinge auf vollendete
die offizielle Anerkennung ehemaliger Tatsachen des politischen Wandels: Die
Widerstandskämpfer und -kämpferin- Befreiung von Paris lag bereits neun
nen regeln sollten. 20 Unter der Ägide Monate zurück, Säuberungsaktionen
des Ministère des Anciens Combattants und Prozesse waren erfolgt, weite Teile
orientierte sich die restriktive Verga- der Bevölkerung hatten sich in der Ré-
bepraxis des Status résistant an der sistance-Erzählung eingerichtet. Dies militärischen Anerkennung der Vetera- rief bei nicht wenigen Zurückgekehr-
nen des Ersten Weltkrieges. Die hohen ten Enttäuschung und Wut hervor. So
Anforderungen, der Ausschluss nicht äußerte ein in das KZ Neuengamme de-
militärischer Gruppierungen und nicht portierter Journalist und Widerstands-
zuletzt die kurzen Antragsfristen dien- kämpfer Ende 1945 seine Empörung
ten zweifellos dazu, dem Kreis der über nachlässige Säuberungskommis-
Inhaberinnen und Inhaber des Auswei- sionen, Kriegsgewinnler, personelle
ses der Combattants Volontaires de la Kontinuitäten in den Behörden und
Résistance einen elitären Charakter zu die Stilisierung der Mehrheit zu Wider-
verleihen und »Trittbrettfahrer« auszu- standskämpfern: »Der Bulle, der dich
schließen.21 Bis 1959 wurde von 400 000 verhaftet hat, ist sechs Monate spä-
Anträgen auf einen Ausweis knapp die ter zum Widerstand […] übergelaufen.
Hälfte abgelehnt. 22 Heute ist er Kommissar, mit Auszeich-
nung. Ein Haufen neuer ›Résistants‹ ist
auf Stellen, auf guten Stellen. […] Was
dich angeht, Pech gehabt: Du hättest
halt da sein müssen!«23 DIE ANERKENNUNG EHEMALIGER KZ-HÄFTLINGE 147
Von staatlicher Seite galt es zunächst, 26 setz vom 6. August 1948 die Kategorie
die dringenden materiellen Belange der déportés et internés de la Résistance (im repatriierten Kriegsgefangenen, KZ- Weiteren kurz »déporté résistant«), das
Häftlinge und Zwangsarbeiter des 27 STO Gesetz vom 9. September 1948 die
zu regeln.24 In einer ersten Verfügung Kategorie déportés et internés politiques
der provisorischen französischen Re- (im Weiteren kurz »déporté politique«). gierung vom 11. Mai 1945 wurden alle Ausschlaggebend war nicht der Verfol-
KZ-Häftlinge ohne weitere Unterschei- gungsweg oder der Haftort der Person,
dung in ihrer Gesamtheit als déportés sondern ausschließlich das Haftmotiv,
politiques (politische Deportierte) be- das der Deportation oder Internierung
zeichnet – im Unterschied zu ande- zugrunde lag. Um den militärischen
ren offiziellen Stellen wie dem Comité Status déporté résistant zu erhalten,
d’histoire de la Deuxième Guerre mon- reichte der Nachweis der Mitgliedschaft
diale, das zwischen déportés politiques in einer anerkannten Widerstandsorga-
und déportés raciaux (rassische Depor- nisation oder die Hilfe für eine solche
tierte) unterschied. Und auch wenn der Organisation nicht per se aus, es musste
Begriff »Résistance« in der Verfügung vielmehr nachgewiesen werden, dass
vom 11. Mai 1945 nicht explizit ge- die Verhaftung und Verschleppung in
nannt wurde, erhielten bestimmte De- ein Konzentrationslager oder eine an-
portierte eine Sonderzahlung, wenn sie dere Haftstätte im Deutschen Reich im
»im Kampf gegen die Angreifer frei- direkten kausalen Zusammenhang mit
willig ihre Freiheit geopfert hatten«25 einer Widerstandstätigkeit gestanden
und daraufhin außerhalb des Landes in- hatte. Hatte die antragstellende Person
haftiert worden waren. Die Verfügung individuell, also außerhalb eines Netz-
galt auch für jüdische Deportierte, doch werks Widerstand geleistet, so mussten
fand ihr besonderes Schicksal darin kei- die Handlungen bestimmten Kriterien
nerlei Erwähnung. Von der Verfügung entsprechen, z. B. Herstellung von fal-
ausgeschlossen waren hingegen Depor- schen Ausweisen oder von Flugblättern
tierte ohne französische Staatsangehö- für die Résistance, Aufnahme von Wi-
rigkeit sowie vorbestrafte Deportierte derstandskämpfern oder von alliierten
(déportés de droit commun). 28 Fallschirmspringern usw.
Es vergingen mehr als drei Jahre, Im Gegensatz zu dieser eng definier-
bis im August und September 1948 ten Kategorie des déporté résistant um-
zwei Gesetze verabschiedet wurden, fasste die Kategorie des déporté politique die zusammen mit zahlreichen Aus- eine Vielzahl weiterer Schicksale: Diesen
führungsbestimmungen die Rechte und Status konnten grundsätzlich alle wei-
Ansprüche von Deportierten und Inter- teren Deportierten erhalten, z. B. Opfer
nierten regelten. Anders als in der Vor- von Razzien oder jüdische Deportierte,
läuferverfügung vom Mai 1945 stellte sofern sie nicht vorbestraft waren, als
die Frage der Staatsangehörigkeit kein »kriminell« galten oder einen »schlech-
Ausschlusskriterium mehr dar. Jedoch ten Leumund« aufwiesen – die Kontinui-
blieben vorbestrafte Deportierte – bis täten sozialer Ausgrenzung schlossen be-
heute – von jeglicher Anerkennung aus- stimmte Personengruppen als moralisch
geschlossen. Die Gesetze schufen nun unwürdig von der Anerkennung aus.
zwei unterschiedliche Kategorien von Die beiden Gesetze trugen dazu bei,
Deportierten und Internierten, das Ge- die vielfältigen Facetten der Besatzung
148 CHRISTINE ECKEL
und der Kollaboration im dichotomi- nur sei sie eine »schwere Beleidigung
schen Bild des aktiven »Kämpfers« der moralischen Einheit der Franzo-oder »Helden« einerseits und des pas- 31 sen, die gemeinsam gelitten haben«,
siven »Opfers« oder »Märtyrers« ande- auch schloss die vornehmlich militä-
rerseits zu fixieren. Die damit einherge- rische Definition der Résistance viele
hende Hierarchisierung der Schicksale Kommunistinnen und Kommunisten
zeigte sich u. a. in den (bis 1970) höhe- von der Erlangung des Status des dé-
ren Rentenzahlungen für déportés ré- porté résistant aus. So waren zahlreiche
sistants. später deportierte Mitglieder der kom-
munistischen Partei bereits aufgrund
Die Verabschiedung der beiden Geset- des noch unter der Dritten Republik
ze 1948 ging mit Debatten einher, die erlassenen Parteiverbots vom 26. Sep-
die erinnerungspolitischen Auseinander- tember 1939 festgenommen worden
setzungen der Nachkriegszeit zwischen oder ihre Handlungen, z. B. das Ver-
gaullistischen und kommunistischen teilen von Flugblättern, wurde von
Gruppierungen widerspiegeln. Auf der den Prüfungskommissionen nicht als
Ebene der einflussreichen Verfolgten- Widerstandshandlung bewertet, da sie
verbände zeigte sich dies in der Aufspal- nicht im Rahmen der erst später ge-
tung in zwei konkurrierende, die Debat- gründeten offiziellen Widerstandsorga-
te prägende Organisationen: die größere, 32 nisationen erfolgt waren. Folgerichtig
kommunistisch orientierte Fédération hoben Vertreter der PCF daher die
Nationale des Déportés et Internés, Ré- Bedeutung des politischen oder zivilen
sistants et Patriotes (FNDIRP) und die Widerstands hervor, den sie als Voraus-
kleinere, gaullistisch orientierte Fédé- setzung für den späteren Kampf gegen
ration Nationale des Déportés et Inter- die deutschen Besatzer bezeichneten.
nés de la Résistance (FNDIR), die im Unterschied zur FNDIRP ausschließ- Weitere Kritik an den Gesetzen betraf
lich Angehörige des Widerstands ver- das Antragsprocedere, insbesondere die
trat.29 In den Nachkriegsjahren war in Auflagen bei der Beweisführung eines
den Verbänden eine spezifisch jüdische kausalen Zusammenhangs zwischen
Perspektive kaum vertreten, auch wenn Widerstandstätigkeit und Verhaftung,
sie durchaus jüdische Mitglieder hatten. oder die Besetzung und die Entschei-
Doch nahmen jüdische Organisationen dungen der Prüfkommissionen, die
weder an den Debatten um die beiden knappen Antragsfristen und die hohen
Gesetze teil noch gründete sich ein eige- Ablehnungsquoten. Daraufhin wur-
ner Verband.30 den in den 1950er-Jahren erste Modi-
Auch wenn die Résistance über fizierungen der Gesetze vorgenommen,
Parteigrenzen hinweg als verbinden- sodass zahlreiche abgelehnte Anträge
des patriotisches Ideal galt, wurde sie erneut geprüft werden konnten. An-
angesichts zeitgenössischer politischer dere Aspekte blieben hingegen auch
Bedürfnisse unterschiedlich definiert. in den darauffolgenden Jahrzehnten
Der Parti Communiste Français (PCF) Gegenstand von Diskussionen. Hier-
und die ihm nahestehende FNDIRP zu gehörten die Fragen, welche An-
kritisierten grundsätzlich die Trennung erkennung Widerstandskämpferinnen
der Deportierten in zwei Kategorien und -kämpfer erfahren sollten, deren
durch die Gesetze von 1948. Nicht Verhaftung in einem ganz anderen DIE ANERKENNUNG EHEMALIGER KZ-HÄFTLINGE 149
Kontext erfolgt war, z. B. im Rahmen erneute Internierung. Er durchlief meh-
einer Vergeltungsaktion, ob Personen, rere Lager und Gefängnisse, bis er aus
die sich zunächst freiwillig als Arbei- dem Internierungslager Voves über das
ter nach Deutschland gemeldet hatten, Sammellager Compiègne am 10. Mai
in begründeten Fällen Anspruch auf 1944 in das KZ Neuengamme depor-
den Status eines déporté résistant haben tiert wurde. Das Rote Kreuz befreite
könnten oder ob die Zwangsrekrutier- ihn Ende April 1945 in der Lübecker
ten des STO sich als déportés du travail Bucht.
(Arbeitsdeportierte) bezeichnen und Jean Dolidiers 1950 gestellter An-
organisieren dürften.33 trag auf Anerkennung als déporté ré-
sistant wurde abgelehnt, ebenso sein
Zwischen Anerkennung Antrag auf erneute Prüfung 1964, dem
und Ablehnung: Fallbeispiele fügte. Die Kommissionen sahen die er zusätzliche Bescheinigungen bei-
Die skizzierten gesetzlichen Rahmen- beiden wesentlichen Bedingungen für
bedingungen und die damit verbunde- die Anerkennung nicht erfüllt: Seine
nen administrativen Vorgänge für die Internierung 1939 sei nicht auf eine
Anerkennung als déporté résistant oder Widerstandshandlung zurückzuführen,
déporté politique stellten ehemalige auch seine Deportation wurde nicht
KZ-Häftlinge oder ihre Angehörigen als Folge solcher Handlungen gewertet. vor zahlreiche Schwierigkeiten. Wäh- Dass er im Gefängnis Eysses Mitglied
rend viele Anträge beim Ministère des einer Widerstandsgruppe gewesen war,
Anciens Combattants mithilfe weniger die Fluchten von Gefangenen und einen
entscheidender Nachweise problemlos bewaffneten Aufstand organisiert hatte,
beschieden wurden, kam es in ande- hatte keinen Einfluss auf die Entschei-
ren Fällen zu Nachfragen, langwierigen dung. Jean Dolidier erhielt 1954 den
Überprüfungen oder Neubewertungen Status eines déporté politique. Im Jahr
aufgrund geänderter gesetzlicher Rege- darauf wurde er Präsident der Amica-
lungen. Einen Eindruck hiervon ver- le Internationale de Neuengamme. Er
mitteln die folgenden fünf Fallbeispiele starb 1971 im Alter von 65 Jahren.
ehemaliger Häftlinge des KZ Neuen-
gamme. Die Hartnäckigkeit ehemaliger Depor-
tierter konnte aber durchaus zur Neu-
Ein Beispiel für Personen, die als Mit- bewertung ihrer Anträge führen, so im
glieder der Kommunistischen Partei 35 Fall von Chana Perelman. Die 1907
bereits unter der Dritten Republik in- geborene polnische Jüdin war 1931 nach
terniert worden waren und denen der Frankreich eingewandert und arbeitete
Status déporté résistant nur selten zuer- als Strickerin in Paris. Sie engagierte
kannt wurde, ist Jean-Aimé Dolidier.34 sich früh in der kommunistischen Wi-
Der 1906 geborene Möbeltischler und derstandsgruppe eingewanderter Frauen
Gewerkschafter aus Pré-Saint-Gervais und Männer Francs-tireurs et partisans –
bei Paris wurde im Dezember 1939 in- main d’œuvre immigrée (FTP-MOI).
terniert. Nachdem er im April 1940 für Nachdem Chana Perelman im Juli 1942
kurze Zeit in eine militärische Einheit nur knapp ihrer Verhaftung bei einer
eingezogen worden war, erfolgte nach Razzia der französischen Polizei nach
dem Ende der Kampfhandlungen seine ausländischen Jüdinnen und Juden 150 CHRISTINE ECKEL
gehen konnte, lebte sie unter falschem glieder des Netzwerks, die in dersel-
Namen. In ihrer Wohnung vervielfäl- ben Sache verhaftet worden waren, als
tigte sie Flugblätter und gab sie an déportés résistants anerkannt worden,
Kontaktpersonen weiter. Im April 1943 sodass eine andere Behandlung Chana
wurde das Netzwerk enttarnt und Cha- Bayans dem Ministerium als nicht zu
na Perelman von der französischen Bri- rechtfertigen erschien. gade spéciale, einer auf die Verfolgung
von Kommunistinnen und Kommunis- Manche ehemaligen KZ-Häftlinge be-
ten spezialisierten Einheit, verhaftet. Es mühten sich noch Jahrzehnte nach der
folgte eine Verurteilung zu zwei Jahren ersten Ablehnung durch das Ministère
Haft. Der Verbleib als kommunistische des Anciens Combattants um die An-
Gefangene in französischer Hand rettete erkennung als déporté résistant oder dé-
ihr vermutlich das Leben: Da sie in den porté politique. Die Ablehnungsgründe
Unterlagen wohl nicht zusätzlich auch waren vielen angesichts ihrer Deporta-
als Jüdin vermerkt worden war, entging tionserfahrungen nicht verständlich, so
sie der Überstellung nach Drancy und 36 auch im Fall von Daniel Roger. 1943
der Deportation in ein Vernichtungs- war der 21-Jährige zum STO einberu-
lager. Im Mai 1944 wurde sie als poli- fen und in Malchow in Mecklenburg
tische Gefangene mit zahlreichen weite- als Zahntechniker eingesetzt worden.
ren Insassinnen der Haftanstalt Rennes In seinem Antrag auf Anerkennung
an die deutschen Besatzer ausgeliefert. als déporté résistant führte Roger
Sie überlebte die Deportation in das mehrere Ereignisse sowie Tätigkeiten KZ Ravensbrück und in das Außenlager an, die er als Widerstandshandlungen
Hannover-Limmer des KZ Neuengam- verstand, darunter die Teilnahme an
me und wurde in Bergen-Belsen befreit. einer Zusammenkunft mit 90 weiteren
Chana Perelman, inzwischen ver- Zwangsarbeitern, bei der eine französi-
heiratete Bayan und seit 1950 Trägerin sche Flagge getragen worden war, und
der Carte de Combattant volontaire de die Weitergabe von BBC-Nachrichten,
la Résistance, stellte 1953 einen Antrag die er in der Arztpraxis, in der er ar-
auf Anerkennung als déporté résistant. beitete, hatte hören können. Im Juli
Die von ihr vorgelegten Dokumen- 1944 wurde Daniel Roger verhaftet und
te galten jedoch als nicht ausreichend, über das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel
weder die Bescheinigung der Wider- in Hamburg im November 1944 in das
standsorganisation noch ein Polizeibe- KZ Neuengamme eingewiesen. Seine richt, der über ihre Verhaftung 1943 Befreiung erlebte er am 3. Mai 1945 in
Auskunft gab. Erst nachdem Chana der Lübecker Bucht.
Bayan 1960 erneut einen Antrag stellte, Daniel Roger wurde 1954 als dé-
erfolgte eine Neubewertung ihres Falls. porté politique anerkannt, seine insge-Fünf Jahre später erhielt sie schließlich samt drei Anträge, den Status déporté
die Carte de déporté résistant: Dabei résistant zu erhalten, wurden hingegen
wurde der bereits im ersten Antrag abgelehnt, da seine Handlungen nicht
vorliegende Polizeibericht nun als aus- als Widerstandshandlungen gewertet
reichender Beleg dafür anerkannt, dass wurden. Im Alter von 61 Jahren stell-
ihre Widerstandstätigkeit der Grund te Daniel Roger einen letzten Antrag.
für die Verhaftung gewesen war. Auch Er konnte inzwischen eine Fotografie
waren inzwischen zwei weitere Mit- der Zusammenkunft der STO mit der DIE ANERKENNUNG EHEMALIGER KZ-HÄFTLINGE 151
französischen Flagge vorlegen sowie vorbestrafte Deportierte nicht geändert
Bescheinigungen weiterer Kameraden hatte, blieben dem inzwischen 69-Jähri-und glaubte, dass dies seine Wider- gen finanzielle Hilfeleistungen weiterhin
standstätigkeit beweisen würde. Doch verwehrt.
auch dieser Antrag wurde abgelehnt.
Die teilweise umfangreichen Antrags-
Auch in anderen Fällen scheinen den unterlagen ehemaliger Häftlinge ge-
ehemaligen Deportierten die Gründe ben neben wichtigen biografischen In-
für die Ablehnung nicht verständlich formationen zu den Verfolgten auch
gewesen zu sein, so im Fall von Sébas- einen Eindruck des Umgangs der
tien Mondoloni, dem aufgrund seiner staatlichen Akteure mit verschiedenen
Vorstrafen jegliche Anerkennung ver- sozialen Gruppen. So wird im letzten
wehrt blieb. Der korsische Tagelöhner Fallbeispiel der Blick auf zwei als
wurde im Alter von 34 Jahren im Januar »Tsiganes« bezeichnete französische
1943 bei einer Razzia in einer Marseiller Roma gerichtet. Während als »Zigeu-
Bar von französischer Polizei verhaf- ner« kategorisierte Personen aus dem
tet.37 Im April 1943 zunächst in das Deutschen Reich in Ghettos, Kon-
KZ Sachsenhausen deportiert, gelangte zentrations- und Vernichtungslager
er Anfang 1944 in das KZ Neuengam- deportiert wurden, sah die deutsche
me und in ein Außenlager in Bremen, Besatzungspolitik in Frankreich keine
bis er Ende April 1945 im »Auffangla- systematische Deportation dieser Be-
ger« Sandbostel befreit wurde. völkerungsgruppe vor.38 Viele wurden
Sébastien Mondoloni stellte 1953 von französischen Stellen interniert,
einen Antrag auf Anerkennung als dé- andere gelangten in unterschiedlichen
porté politique, dem er Bescheinigungen weiteren Zusammenhängen in Kon-
von Mithäftlingen als Zeugen der Ver- zentrationslager, wo sie, wie die große
haftung beifügte. Während die regionale Mehrheit der französischen Häftlinge,
Prüfkommission den Antrag befürwor- den roten Winkel der »Politischen«
tete, lehnte die nationale Kommission erhielten. So befanden sich unter den
den Antrag ab. Der Abgleich mit dem 22 Männern, die nach einer Razzia im
Strafregister hatte ergeben, dass Sébas- Juni 1944 in Maurs im Cantal in das
tien Mondoloni vor dem Krieg wegen KZ Neuengamme deportiert wurden,
Waffenbesitzes und bewaffneten Raub- 39 auch vier »Tsiganes«. Die Bemühun-
überfalls zu einer mehrjährigen Haft- gen um Anerkennung gestalteten sich
strafe verurteilt worden war, weshalb für diese Minderheit oft schwierig, so
seine Verhaftung 1943 als Maßnahme im Fall des bei der Razzia verhafteten
der »öffentlichen Sicherheit« bewertet 40 Betini Demestre. Es wurde ledig-
wurde. Den Grund für die Ablehnung lich seine Internierung im Sammellager seines Antrags scheint Sébastien Mondo- Compiègne anerkannt, seine Depor-
loni nicht erfahren zu haben, denn weni- tation in das KZ Neuengamme fand
ge Jahre später bemühte er sich erfolglos zunächst keine Berücksichtigung. Dies
um die Anerkennung als déporté résis- lag in seinem Fall auch daran, dass er
tant. 1978 ließ er beim Ministère des An- sich im administrativen Procedere nur
ciens Combattants nach den Gründen schwer Gehör verschaffen konnte, da
für die Ablehnungen nachfragen. Doch er, wie ein Sachbearbeiter 1969 intern
da sich die Gesetzeslage in Hinblick auf vermerkte, Analphabet war. 152 CHRISTINE ECKEL
In anderen Fällen führten Wohn- hatte, posthum als déporté politique
ortwechsel oder die Frage, welche Na- anerkannt, im Gegensatz zu Betini De-
tionalität die Betroffenen hatten, zu mestre, der offenbar keine weiteren
einer Verzögerung und Erschwerung Anträge mehr gestellt hat.
der Korrespondenz mit den Behörden
wie im Fall von Manoch Gorgan. Der Die hier vorgestellten Bemühungen um
49-Jährige war mit seinem Schwieger- Anerkennung des Deportationsschick-
sohn Betini Demestre in das KZ Neu- sals vermitteln einen Eindruck von den
engamme deportiert und von dort in das Herausforderungen, vor denen viele ehe-
Außenlager Hannover-Stöcken über- malige KZ-Häftlinge standen. Nicht alle stellt worden. Er gehört zu den Opfern Überlebenden der Konzentrationslager
des Massakers an über 1000 Häftlingen verfügten über die gesundheitlichen,
in Gardelegen im Kreis Salzwedel am psychischen oder sozialen Ressourcen
13. April 1945. 41 Als sich die Witwe für den Umgang mit einem über die
Gorgans in den 1950er-Jahren um eine Anträge entscheidenden Verwaltungsap-
Sterbebescheinigung bemühte, erhielt parat, der die individuellen Erlebnisse
sie vom Ministère des Anciens Com- und Widerstandshandlungen unter deut-
battants die Mitteilung, dass auf dem scher Besatzung und französischer Kol-
Friedhof in Gardelegen die sterblichen laboration häufig nicht berücksichtigte –
Überreste eines Häftlings lägen, dessen oder aufgrund der Gesetzeslage nicht
Nummer mit der ihres Mannes über- berücksichtigen konnte. Die Kategorien,
einstimme. Eine weitere Untersuchung die in den ersten Nachkriegsjahren für
kam jedoch nicht zustande, nachdem die Beschreibung und Anerkennung der
ein Hinweis auf die belgische Staatsan- Deportierten mit den erlassenen Geset-
gehörigkeit Gorgans eingegangen war. zen geschaffen wurden, sind Ausdruck
Da seine Familie angab, dass er im davon, wie der Gesetzgeber im Nach-Alter von etwa 14 Jahren in Frankreich kriegsfrankreich mit der Erarbeitung
naturalisiert worden sei, dafür jedoch juristischer Normen die »Konturen der
keine Belege vorbringen konnte, gab 43 Erinnerung« an Besatzung und libéra-
das französische Ministerium den Fall tion schuf, in der das Bild der kämpfe-an die belgischen Stellen ab. Diese wie- rischen Résistance dominierte. Die erin-
derum lehnten weitere Maßnahmen zur nerungspolitisch motivierten Kategorien
Exhumierung mit dem Hinweis ab, dass déporté résistant oder déporté politique
der Fall sie nicht interessiere, da es sich konnten die vielfältigen Erfahrungen
um einen »1931 nach Frankreich ausge- von Verfolgung, Haft und Deportation
wiesenen Ausländer (Zigeuner)« 42 han- nur ungenügend abbilden, wie in zahl-
dele – womit der Vorgang als erledigt reichen Anträgen ehemaliger sowohl
galt. Wenige Jahre darauf, 1963, wurde jüdischer als auch nicht jüdischer KZ-Manoch Gorgan auf Antrag seines Soh- Häftlinge deutlich wird.
nes, der das KZ Neuengamme überlebt
DIE ANERKENNUNG EHEMALIGER KZ-HÄFTLINGE 153
Anmerkungen
1 Vgl. in vergleichender Perspektive zuletzt salien und Terror. »Vergeltungsaktionen«
István Deák: Kollaboration, Widerstand im deutsch besetzten Europa 1939-1945,
und Vergeltung im Europa des Zweiten Paderborn 2017, S. 155-171; dies.: Repres-
Weltkriegs, Übers. aus d. Ungarischen: sionspolitik und Deportationspraxis im
Andreas Schmidt-Schweizer, Wien 2017 besetzten Frankreich 1940-1944. Feind-
(engl. Orig. 2015); Klaus Kellmann: Di- bilder, Akteure, Verfolgtengruppen, Ber-
mensionen der Mittäterschaft. Die euro- lin 2023 (in Vorbereitung).
päische Kollaboration mit dem Dritten 6 Vgl. Bernd Kasten: Zwischen Pragmatis-
Reich, Wien 2019. mus und exzessiver Gewalt. Die Gestapo
2 Vgl. als Überblick zum Vichy-Regime in Frankreich 1940-1944, in: Gerhard
Marc Olivier Baruch: Das Vichy-Re- Paul (Hg.): Die Gestapo im Zweiten
gime. Frankreich 1940-1944, Übers. aus Weltkrieg. »Heimatfront« und besetztes
d. Französischen: Birgit Martens-Schöne, Europa, Darmstadt 2000, S. 361-382; Pa-
Stuttgart 1999 (frz. Orig. 1996); Henry trice Arnaud: Qui dirigeait la police alle-
Rousso: Vichy. Frankreich unter deut- mande en France sous l’Occupation? Re-
scher Besatzung 1940-1944, München sponsabilités individuelles et plaidoyers
2009. Vgl. als Überblick zu den deut- pro domo: Karl Oberg et Helmut Kno-
schen Besatzungsakteuren Peter Lieb: chen devant le tribunal militaire de Paris
Konventioneller Krieg oder NS-Weltan- (1940-1954), in: ders. / Fabien Théofila-
schauungskrieg? Kriegführung und Parti- kis (Hg.): Gestapo et polices allemandes.
sanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, France, Europe de l’Ouest 1939-1945,
München 2007, S. 49-82. Paris 2017, S. 19-52.
3 Vgl. Ludwig Nestler (Hg.): Europa un- 7 Nicht enthalten sind in diesen Zahlen die
term Hakenkreuz, Bd. 4: Die faschistische Personen, die in den annektierten Gebie-
Okkupationspolitik in Frankreich (1940- ten (6700) und im Reichsgebiet (8500)
1944), Berlin 1990, Dok. 109, S. 209. Vgl. verhaftet wurden, oder die systematisch
grundlegend Regina M. Delacor: Attenta- überstellten spanischen Angehörigen der
te und Repressionen. Ausgewählte Doku- republikanischen Armee (6300). Vgl.
mente zur zyklischen Eskalation des NS- Fondation pour la Mémoire de la Dépor-
Terrors im besetzten Frankreich 1941/42, tation (FMD): Rapport moral et d’activité
Stuttgart 2000, S. 5-62 (Einführung). 2020, https://fondationmemoiredeporta
4 Vgl. Die Verfolgung und Ermordung der tion.com/1-rapport-dactivite-2020, Zu-
europäischen Juden durch das national- griff: 29.12.2021; Arnaud Boulligny: Les
sozialistische Deutschland 1933-1945, hg. déportations de répression, in: Jean-Luc
im Auftrag d. Bundesarchivs u. a., Bd. 12: Leleu / Françoise Passera / Jean Quellien
West- und Nordeuropa Juni 1942-1945, (Hg.): La France pendant la Seconde
Berlin 2015, S. 62-82, insbes. S. 80. Vgl. Guerre mondiale. Atlas historique, Pa-
zur Shoah in Frankreich zuletzt Laurent ris 2010, S. 204-205; E-Mail von Arnaud
Joly (Hg.): Vichy, les Français et la Sho- Boulligny an die Verf., 2.6.2016.
ah. Un état de la connaissance scienti- 8 Vgl. Heinrich Müller, Leiter des Am-
fique, Paris 2020 (Revue d’histoire de la tes IV (Gestapo) im Reichssicherheits-
Shoah 212). hauptamt, an die Befehlshaber, Inspek-
5 Vgl. zu Deportationen im Rahmen der teure und Kommandeure der Sicherheits-
Repressionspolitik Thomas Fontaine: polizei und des SD sowie an die Leiter
Déporter. Politiques de déportation et der Staatspolizei(leit)stellen, 17.12.1942,
répression en France occupée 1940-1944, wiedergegeben in Der Prozeß gegen die
Paris, Université Paris 1 Panthéon-Sor- Hauptkriegsverbrecher vor dem Inter-
bonne, Diss., 2013, https://tel.archives- nationalen Militärgerichtshof. Nürnberg,
ouvertes.fr/tel-01325232/document, Zu- 14. November 1945-1. Oktober 1946.
griff: 5.11.2021; Christine Eckel: »…, da- Amtlicher Text. Deutsche Ausgabe,
mit uns die Bevölkerung mehr fürchtet Bd. 26: Urkunden und anderes Beweis-
als die Terroristen«. Repressionsmaßnah- material. Nummer 405-PS bis 1063(d)-
men im besetzten Frankreich und die PS, Nürnberg 1947, fotomech. Nachdr.,
Deportationen in Konzentrationslager, München 1989, Dokument 1063(d)-PS,
in: Oliver von Wrochem (Hg.): Repres- S. 701-705.
154 CHRISTINE ECKEL
9 Vgl. zum Transport vom 6.7.1942 in das 2 Bde., Mainz 2004; Arnd Bauerkämp-
KZ Auschwitz Claudine Cardon-Ha- fer: Das umstrittene Gedächtnis. Die
met: Mille otages pour Auschwitz. Le Erinnerung an Nationalsozialismus, Fa-
convoi du 6 juillet 1942 dit des »45 000«, schismus und Krieg in Europa seit 1945,
Paris 1997. Paderborn 2012. 10 Vgl. Livre-Mémorial des déportés de 18 Pierre Nora: Gaullisten und Kommu-
France arrêtés par mesure de répression nisten, in: ders. (Hg.): Erinnerungsorte
et dans certains cas par mesure de persé- Frankreichs, München 2005, S. 214-252,
cution 1940-1945, Bd. 1, hg. v. d. Fonda- hier S. 229.
tion pour la Mémoire de la Déportation, 19 Vgl. Olivier Wieviorka: La mémoire
Paris 2004, S. 71. désunie (Anm. 14), S. 61. 11 Vgl. Delphine Kazandjian: La dépor- 20 Vgl. zum Folgenden Olivier Wievior-
tation de répression organisée après le ka: Les avatars du statut de résistant
débarquement au départ de la »zone oc- en France (1945-1992), in: Vingtième
cupée«, in: Bernard Garnier / Jean-Luc Siècle 50 (1996), S. 55-66. Die Geset-
Leleu / Jean Quellien (Hg.): La répres- zesfassungen und Ausführungsbestim-
sion en France 1940-1945, Caen 2007, mungen des Code des pensions mi-
S. 237-258. litaires d’invalidité et des victimes de
12 Vgl. Laurent Douzou: Le travail des la guerre sind einsehbar unter www.
correspondants de la Commission legifrance.gouv.fr/codes/texte_lc/LEGI
d’histoire de l’occupation et de la libéra- TEXT000006074068/2010-01-01, Zu-
tion de la France et du Comité d’histoire griff: 21.10.2021. Aufgrund von Protes-
de la Deuxième Guerre mondiale, in: ten sind die Modalitäten über die Jahre
ders. (Hg.): Faire l’histoire de la résis- hinweg mehrfach modifiziert worden.
tance, Rennes 2010, S. 155-170; Fontaine 21 So musste z. B. das Engagement eine
(Anm. 5), S. 126-171. Mindestdauer von 90 Tagen aufweisen,
13 Zur methodologischen Vorgehenswei- die zudem vor dem 6. Juni 1944 gelegen
se vgl. Livre-Mémorial des déportés, haben mussten, dem Tag der Landung
Bd. 1 (Anm. 10), S. 13-18, 29-39; Yves der Alliierten in der Normandie.
Lescure: L’enquête de la Fondation de la 22 Vgl. Oliver Wieviorka: Les avatars
Mémoire de la Déportation, in: Garnier/ (Anm. 20), S. 64.
Leleu/Quellien (Anm. 11), S. 159-162; 23 Jean-Maurice Hermann: Neuengamme.
Jean Quellien: Motifs d’arrestation et de F. 31.234 vous parle …, [Artikel in einer
déportation, in: ebd., S. 163-172. Etwa nicht bekannten Zeitung], 6.12.1945,
10 % der Gefangenen waren Frauen. Archives nationales, Pierrefitte-sur-Sei-
14 Vgl. zur Erinnerungsgeschichte Olivier ne, 72AJ/331, Übers.: Christine Eckel.
Wieviorka: La mémoire désunie. Le sou- 24 Vgl. zum Folgenden Olivier Wieviorka:
venir politique des années sombres, de la La mémoire désunie (Anm. 14), S. 28-
Libération à nos jours, Paris 2010; Pierre 147; Olivier Lalieu: Le statut juridique
Laborie: Le chagrin et le venin. Occupa- du déporté et les enjeux de mémoire
tion, résistance, idées reçues, 2., überarb. de 1948 à nos jours, in: Tal Brutt-
Aufl., Paris 2014 (1. Aufl. 2011). mann / Laurent Joly / Annette Wieviorka
15 Vgl. Fred Kupferman: Le procès de Vi- (Hg.): Qu’est-ce qu’un déporté? Histo-
chy. Pucheu, Pétain, Laval. 1944-1945, ire et mémoires des déportations de la
Brüssel 2006 (1. Aufl. 1980). Seconde Guerre mondiale, Paris 2009,
16 Jean-Marc Dreyfus: Eine nie verheilende S. 333-350; Annette Wieviorka: Dépor-
narzisstische Wunde? Die Kollabora- tation et génocide. Entre la mémoire et
tion im französischen Gedächtnis, in: l’oubli, Paris 2010 (1. Aufl. 1992), S. 23-
Irmtrud Wojak / Susanne Meinl (Hg. im 157.
Auftrag d. Fritz Bauer Instituts): Gren- 25 Annette Wieviorka (Anm. 24), S. 141,
zenlose Vorurteile. Antisemitismus, Na- Übers.: Christine Eckel.
tionalismus und ethnische Konflikte in 26 Loi n° 48-1251 du 6 août 1948 établis-
verschiedenen Kulturen, Frankfurt am sant le statut définitif des déportés et
Main 2002, S. 167-188. internés de la Résistance, Journal officiel
17 Vgl. für einen europäischen Vergleich de la République française, Nr. 187,
Monika Flacke (Hg.): Mythen der Na- 8.8.1948, S. 7810-7811.
tionen. 1945. Arena der Erinnerungen, 27 Loi n° 48-1404 du 9 septembre 1948
DIE ANERKENNUNG EHEMALIGER KZ-HÄFTLINGE 155
définissant le statut et les droits des de la Défense, Division des Archives des
déportés et internés politiques, Jour- Victimes des Conflits Contemporains,
nal officiel de la République française, Caen (SHD/DAVCC), 21 P 635.800, so-
Nr. 215, 10.9.1948, S. 8946-8947. wie den Eintrag in Le Maitron. Mou-
28 Vgl. zu den Bedingungen für die An- vement ouvrier, mouvement social.
erkennung die Abschnitte R286 und Dictionnaire biographique, https://mai-
R287 des Code des pensions militaires tron.fr/spip.php?article22798, Zugriff:
d’invalidité et des victimes de la guerre, 28.10.2021.
www.legifrance.gouv.fr/codes/id/LE 35 Vgl. zum Folgenden Antragsunterlagen
GIARTI 000006795370/1951-04-27, Zu- von Chana Bayan, née Perelman, SHD/
griff: 28.10.2021. DAVCC, 21 P 704.504, sowie Auskunft 29 Die Konflikte zwischen den Organisa- der Familie an die Verf.
tionen traten u. a. in Fragen der Zusam- 36 Vgl. zum Folgenden Antragsunterla-
mensetzung der regionalen Kommissi- gen von Daniel Roger, SHD/DAVCC,
onen zur Prüfung der Anträge ehema- 110.113.496.
liger KZ-Häftlinge zutage, in denen die 37 Vgl. zum Folgenden Antragsunterlagen
FNDIR oft mehrheitlich vertreten war von Sébastien Mondolini [Mondoloni],
und öfter Entscheidungen zuungunsten SHD/DAVCC, 21 P 599.835. Seine Ver-
von Antragsstellerinnen und Antragstel- haftung erfolgte kurz vor einer umfang-
lern mit kommunistischem Hintergrund reichen deutsch-französischen Polizeiak-
fällte. Vgl. Serge Wolikow: Les combats tion, die die Deportation von 2200 Per-
de la mémoire. La FNDIRP de 1945 à sonen aus Marseille zur Folge hatte. Vgl.
nos jours, Paris, 2006, S. 80. Ahlrich Meyer: Die deutsche Besatzung
30 Vgl. Annette Wieviorka (Anm. 24), in Frankreich 1940-1944. Widerstandsbe-
S. 157. Zum Ausschluss von jüdischen kämpfung und Judenverfolgung, Darm-
Überlebenden in den von Résistance- stadt 2000, S. 115-127; Eckel: Repressi-
kämpfern dominierten Lagergemein- onspolitik (Anm. 5), Kapitel 3.
schaften vgl. Jean-Michel Chaumont: 38 Vgl. Marie-Christine Hubert: Les ré-
Die Konkurrenz der Opfer: Genozid, glementations anti-tsiganes en France
Identität und Anerkennung, Übers. aus et en Allemagne, avant et pendant
d. Französischen: Thomas Laugstien, l’occupation, in: Revue d’histoire de la
Lüneburg 2001 (frz. Orig. 1997), S. 23- Shoah. Le monde juif 167 (1999), S. 20-
54. 52; Denis Peschanski: Les Tsiganes en
31 Roger Roucaute, ehemaliger Wider- France 1939-1946, überarb. Aufl., Paris
standskämpfer der Francs-tireurs et 2015 (1. Aufl. 1994).
partisans und Abgeordneter der PCF, 39 Vgl. De mémoire de Maursois … 12
zit. nach Annette Wieviorka (Anm. 24), mai 1944. »La rafle«, hg. v. d. Mairie
S. 145, Übers.: Christine Eckel. de Maurs, Maurs 2004, https://drive.
32 Vgl. Lucie Hébert: Militer contre Vichy google.com/file/d/1NamiH LiyphY
est-il un acte de résistance? Les commu- TlWs3DmV H V7 V TotVemyf7/view,
nistes déportés arrêtés pendant le pacte Zugriff: 5.11.2021. Vgl. auch einzel-
germano-soviétique face à l’attribution ne biografische Einträge in Associa-
du titre de déporté résistant, in: Cahiers tion des déportés internés et familles
d’histoire. Revue d’histoire critique 128 (ADIF) du Cantal / Association Régi-
(2015), S. 127-141. onale de Neuengamme du Cantal: Ar-
33 Die ehemaligen Zwangsrekrutierten ver- rêtés dans le département du Cantal en
wiesen darauf, dass im besetzten Frank- 1944, déportés à Neuengamme, www.
reich die zum STO einberufenen Perso- murat.fr/userfile/documents/Histoire/
nen als »déportés« bezeichnet worden Deportes_24avril2014_complet_BD.pdf,
waren. Vgl. Patrice Arnaud: La longue Zugriff: 5.11.2021.
défaite des »requis« du STO. L’échec du 40 Vgl. zum Folgenden Antragsunterlagen
combat pour l’adjonction du terme de von Betini Demestre, SHD/DAVCC,
»déportation« dans leur titre, in: Brutt- 21 P 632.505.
mann/Joly/Wieviorka (Anm. 24), S. 351- 41 Vgl. Antragsunterlagen von Manoch
375. Gorgan, SHD/DAVCC, 21 P 457.434. 34 Vgl. zum Folgenden Antragsunterlagen Zum Massaker in Gardelegen vgl. Di-
von Aimé Dolidier, Service Historique ana Gring: Das Massaker von 156 CHRISTINE ECKEL
legen. Ansätze zur Spezifizierung von des Anciens Combattants et Victimes
Todesmärschen am Beispiel Gardelegen, de guerre, Direction des Statuts et des
in: Detlef Garbe / Carmen Lange (Hg.): Services Médicaux, Service des Resti-
Häftlinge zwischen Vernichtung und tutions, Paris, 5.8.1955, SHD/DAVCC,
Befreiung, Bremen 2005, S. 155-168. 21 P 457.434, Übers.: Christine Eckel.
42 Schreiben des Ministère des Anciens 43 Olivier Wieviorka: La mémoire désu-
Combattants et Victimes de guerre, Dé- nie (Anm. 14), S. 69, Übers.: Christine
légation générale pour l’Allemagne et Eckel.
l’Autriche, Bad Neuenahr, an Ministère