NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Claudia Bade: »Man war auch nach 1945 noch eine Ausnahme.« Akteure und Akteurinnen des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) nach der Befreiung
Claudia Bade
»Man war auch nach 1945 noch eine Ausnahme.«
Akteure und Akteurinnen des Internationalen
Sozialistischen Kampfbundes (ISK) nach der Befreiung
»Als ISK-Mitglied mußte man erstmal die Befreiung 1945 erlebte und wie
an sich selbst arbeiten, um den Anfor- sich für sie der Neubeginn nach den
derungen gewachsen zu sein, für eine langen Jahren der NS-Herrschaft ge-
gerechtere Gesellschaftsordnung zu staltete. Dabei soll vor allem die Bin-kämpfen. – Es kommt nicht von unge- nensicht interessieren. Ich möchte die
fähr, daß gerade die kleine festgefügte Erfahrungen in den Blick nehmen, die
Gruppe der ISK-Leute im antifaschis- die ehemals Verfolgten aus dem ISK
tischen Widerstand eine aktive Rolle im Nachkriegsdeutschland machten, spielte.«1 und fragen, wie sie untereinander und
Dies gab die Frankfurter ISK-Wi- mit anderen interagierten. Der spezielle
derstandskämpferin Anna Beyer (1909- Gruppenzusammenhalt erleichterte den
1991) am Ende ihres Lebens über die ISK-Mitgliedern zwar den Neubeginn, Gründe an, warum sie einst als Jugend- doch Widerstände bei den Militärregie-
liche dem ISK beigetreten und auch rungen und den deutschen Verwaltun-
treu geblieben war. Andere führten die gen, traditionsverhaftete Strukturen in
entschiedene politische Haltung des der SPD sowie Unverständnis für ihre Kampfbundes gegenüber den aufkom- Erfahrungen aus dem Kreis der frühe-
menden reaktionären Kräften in der ren »Volksgemeinschaft« setzten ihnen
Weimarer Republik an oder dass von Grenzen. Die Aktivitäten und Erfah-
den Mitgliedern Verantwortungsbe- rungen 1945 und danach werde ich vor
wusstsein und Zuverlässigkeit erwartet allem anhand von Selbstzeugnissen und
wurde. In der Literatur wird der ISK Berichten von Mitgliedern des ISK aus
aufgrund der Anforderungen häufig Hamburg, Frankfurt am Main und dem
als elitär und sektenhaft beschrieben. Ruhrgebiet schildern. Als Quellen habe
Doch die Aktivisten und Aktivistinnen ich Wiedergutmachungsakten sowie
selbst empfanden sich zeitgenössisch Briefe, Berichte und lebensgeschicht-
vermutlich weniger als »elitär«, denn 3 liche Interviews verwendet.
Anna Beyer und die anderen Mitglieder
aus den Jugendgruppen stammten meist Der Internationale Sozialistische
aus Arbeiterfamilien. Sie erlebten sich
vielmehr als Gesinnungsgenossen und Kampfbund
-genossinnen, eben als eine »festgefüg- Der Internationale Sozialistische Kampf-
te Gruppe«. Der ISK war zwar eine bund (ISK) entstand 1925 aus dem In-
recht kleine Gruppierung, doch waren ternationalen Jugendbund (IJB), der in besonders viele seiner Mitglieder im Göttingen von dem Philosophen Le-
Widerstand gegen den Nationalsozialis- onard Nelson (1882-1927) gegründet
mus aktiv.2 4 worden war. Hintergrund war ein Un-
Im Folgenden möchte ich darlegen, vereinbarkeitsbeschluss der SPD gegen-
wie diese »festgefügte Gruppe« des ISK über dem IJB, da einige seiner Mitglieder 158 CLAUDIA BADE
in der KPD aktiv waren. Nelson war gen das stetige Anwachsen der NSDAP
der Auffassung, dass es eine ethische bemühte sich der ISK ab etwa 1931, Verpflichtung sei und dass es in der die Spaltung der Arbeiterbewegung zu
Handlungsbereitschaft jedes und jeder überwinden und die beiden großen Par-
Einzelnen liege, für eine sozialistische teien SPD und KPD zur Zusammenar-
Gesellschaft zu kämpfen.5 11 Die Mitglied-beit zu bewegen. Seit Januar 1932 in-schaft im IJB und später im ISK verlang- tensivierte der Bund seine publizistische
te daher auch der Lebensführung einiges Arbeit mit der Tageszeitung »Der Fun-
ab: Die Verpflichtung zur Mitarbeit in ke«, die bis zu ihrem Verbot im Februar
anderen Organisationen der Arbeiterbe- 1933 verkauft wurde. Zudem bereiteten
wegung, die Einhaltung einer vegetari- sich die Mitglieder schon zu dieser Zeit
schen Lebensweise, Abstinenz von Al- auf die Illegalität vor. Sie organisierten
kohol und vor allem der Austritt aus der sich nach einem Fünfergruppensystem
Kirche gehörten zu den unabdingbaren und übten konkret die illegale Arbeit
und vielerorts recht rigoros gehandhab- 12 ein: Sie entwickelten Codes, in de-
ten Forderungen an die Mitglieder. 6 Die nen Texte und Mitteilungen geschrieben
Arbeit in IJB und ISK wurde ergänzt werden konnten, verständigten sich auf
durch eine intensive Schulung der Mit- geheime Erkennungszeichen, eigneten
glieder. Seit 1924 existierte hierfür das sich Methoden der Weitergabe politi-
Landerziehungsheim »Walkemühle« bei scher Informationen an – und trainierten
Melsungen in Hessen.7 sogar das Hinunterschlucken von Flug-
Der 13 ISK blieb bis zum Beginn der blättern. Die ISK-Mitglieder verteilten
illegalen Zeit 1933 eine kleine Grup- nach der Machtübernahme der Natio-
pierung – die Zahl der Mitglieder ging nalsozialisten Flugblätter und Klebezet-
nicht über etwa 300 im gesamten Deut- tel und machten mit Aktionen wie dem
schen Reich hinaus – bei einem Kreis Aufmalen von Antinaziparolen auf sich
von 600 bis 1000 Sympathisierenden.8 aufmerksam. Sie führten auch weiter-
1945 löste sich der ISK auf; die meisten hin heimlich Treffen, Gesprächskreise
Mitglieder traten der SPD bei. und Schulungen durch. Viele von ihnen
Die Jugendgruppen des ISK wirk- waren jedoch gezwungen, ins Ausland
ten nicht nur bei der »Straßenagitation« fliehen, als die Gefahr bestand, entdeckt
mit, d. h. dem Verkauf der ISK-eigenen zu werden. Die Exilleitung des ISK
Zeitschriften,9 sondern praktizierten unter Willi Eichler – zunächst in Paris,
auch das Diskutieren nach dem Prinzip ab etwa 1939 in London – brachte mo-
des »Sokratischen Gesprächs«. Diese von natlich ein Mitteilungsblatt heraus, die
Nelson, der Pädagogin Minna Specht »Reinhartbriefe«. Diese Blätter wurden
(1879-1961) und dem Philosophen Gus- in Frankreich hergestellt und illegal nach
tav Heckmann (1898-1996) entwickelte Deutschland geschmuggelt. Sie dienten
Methode zielt darauf, Lernen und Er- der Information der im Untergrund Ar-
kenntnisgewinn nicht durch das Aus- beitenden und zugleich der Selbstver-
wendiglernen von Fakten zu erlangen, gewisserung. In Paris, vor allem aber
sondern durch selbstständiges Denken in London ab 1940, nahm der Exil-ISK und Diskutieren in der Gruppe.10 Nach unter Leitung von Willi Eichler eine
dem Tod Nelsons 1927 übernahm Willi 14 umfangreiche Publikationsarbeit auf.
Eichler (1896-1971), ein Schüler Nel- Zentral für die illegale Arbeit waren
sons, die Leitung des 15 ISK . Im Kampf ge- die vegetarischen Gaststätten des ISK .
»MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 159
Diese hatte der Kampfbund vor 1933
schon in Köln und in Berlin betrieben –
beides geschäftlich erfolgreiche Unter-
nehmungen. Das Modell der »Vegas«
wurde ab 1933 in Paris und London
übernommen und ab 1934 auch in an-
deren Städten im Deutschen Reich wie
in Hamburg und Frankfurt am Main.
Neben der Verdienstmöglichkeit und
Tarnung für den ISK und für die dort
Beschäftigten waren die Gaststätten
zudem unauffällige Treffpunkte und
Anlaufstellen für Kuriere. Frauen wa-
ren an der Widerstandsarbeit im Ver-
gleich zu den meisten anderen illegalen
Gruppen besonders zahlreich beteiligt,
dies lässt sich aus vielen Lebensberich-
ten erkennen.16 Als der Reichsleiter für die illegale Arbeit in Deutschland,
Fritz Eberhard (1896-1982), 1937 ins Abb. 1: Ernst Volkmann aus Bochum
Ausland fliehen musste, übernahm die (links) und sein Schwager Hellmut
frühere Lehrerin Erna Blencke (1896- Kalbitzer aus Hamburg 1940 im 1991) diese Arbeit, bis auch sie 1938 ins Sauerland. Ernst Volkmanns Ferien-
Exil gehen musste. konspirativen Gruppentreffen. häuschen im Sauerland diente auch
Trotz aller Vorsicht geriet der ISK in Quelle: Privatbesitz
das Visier der Gestapo. Die meisten der
im Deutschen Reich verbliebenen ISK-
Mitglieder wurden zwischen Ende 1936 nen Exilgruppe in der Schweiz. Da-
und Mitte 1938 verhaftet. Viele von durch konnten zum ersten Mal seit
ihnen erhielten Gefängnis- oder Zucht- den Verhaftungen von 1938 wieder
hausstrafen zwischen zwei und sechs Informationen direkt von der Londo-
Jahren. Die meisten hatten das Glück, ner Exilleitung ins Deutsche Reich ge-
im Anschluss an die Haft entlassen schleust werden – und umgekehrt. Vom
und nicht ins KZ überstellt zu werden. US-amerikanischen Office of Strategic Andere starben jedoch in Gefängnissen, Services (OSS) geschult, sprang Jupp
Konzentrationslagern oder Strafeinhei- Kappius (1907-1967) im Jahr 1944
ten der Wehrmacht. Dennoch gelang mit einem Fallschirm in der Nähe des
es, nach den 1939 und 1940 erfolgten Ruhrgebiets ab und begab sich illegal
Entlassungen wieder Kontakte unterei- nach Bochum, wo er Kontakt zu ver-
nander aufzubauen. Dabei waren legale bliebenen Teilen einiger ISK-Gruppen
Handelsnetzwerke wie etwa das des aufnahm. Seine Frau Änne Kappius
Hamburger Zigarrenhändlers Hellmut (1906-1956) fuhr in den Jahren 1944 Kalbitzer (1913-2006) und des Bochu- und 1945 mehrmals aus der Schweiz
mer Seifenhändlers Ernst Volkmann mit Regionalzügen illegal ins Deutsche
(1909-1987) sehr nützlich. 1941 ent- 17 Reich und zurück. Auf diesem Weg
stand eine Verbindung zu einer klei- erhielten die im Deutschen Reich ver-
160 CLAUDIA BADE
bliebenen ISK-Mitglieder Nachrichten rung von Unternehmen, Verwaltungen
von den Überlegungen der Exilierten 20 und Institutionen einsetzten. Daran zu einer politischen Neuordnung im waren in einigen Städten auch ISK-
befreiten Deutschland. Mitglieder beteiligt. In Hamburg ent-
stand wenige Tage nach dem Einmarsch
Aushandlungsprozesse der britischen Armee am 3. Mai 1945
nach Kriegsende dete Sozialistische Freie Gewerkschaft die von ISK-Mitgliedern mitbegrün-
Als die Alliierten Deutschland vom 21 ( SFG ). Eine Parteigründung hatten
NS-Regime befreiten, empfanden dies die britischen Besatzungsbehörden zu-
nicht alle Deutschen als Befreiung. nächst noch nicht zugelassen. Mit der
Doch die Menschen aus dem Wider- SFG existierte bereits kurz nach der stand waren »selig und überglücklich«, Befreiung eine erste Organisation in
wie Irmgard Heydorn (1916-2017) es in Hamburg, die sich nicht nur für die
einem Interview ausdrückte.18 Hellmut Rechte der arbeitenden Menschen en-
Kalbitzer vom Hamburger ISK brachte gagierte, sondern sich zugleich explizit
die Situation und das Selbstverständnis politische Ziele setzte. Im vorläufigen
der Aktiven aus dem Widerstand, die Vorstand der SFG sowie im erweiterten
während des Krieges nur im Verbor- Vorstand (»Vollzugsausschuß«) waren
genen politisch arbeiten konnten und neben Aktiven der früheren Parteien
im Mai 1945 von einem Tag auf den SPD und KPD auch ISK-Mitglieder
anderen wieder zu politischen Akteu- vertreten. Innerhalb weniger Wochen
rinnen und Akteuren wurden, folgen- meldeten sich etwa 50 000 Hamburger
dermaßen auf den Punkt: »So hatte sich Arbeiter, Arbeiterinnen und Angestell-
das Blatt gewendet: Als die Gehetzten te bei der SFG, um dort Mitglied zu
von gestern traten wir jetzt auf mit dem 22 werden. Für viele von ihnen ver-
Anspruch, die Interessen unseres Vol- band sich damit auch die Hoffnung auf
kes gegenüber den Siegern zu vertreten. eine Beseitigung allen nationalsozialis-
Zwar waren wir befreit, aber wir bean- tischen Gedankenguts. So forderte die
spruchten vom Augenblick der Befrei- SFG in einem Memorandum die poli-
ung, das Sprachrohr der Besiegten zu tische Säuberung von Betrieben und
sein. Unser Widerstand gegen die Nazis Verwaltung: »Ausrottung der Nazis,
war unsere Legitimation.«19 ihrer Ideologie und des Militarismus.
Das Zitat deutet bereits auf Kon- Absetzung und Bestrafung aller Rich-
fliktlinien in der unmittelbaren Nach- ter und Staatsanwälte, die Terrorurtei-
kriegszeit hin. Im Folgenden soll da- le gefällt haben. […] Bestrafung aller
her von den Aushandlungsprozessen Generäle, die nach dem 20. Juli 1944
die Rede sein, die sich daraus ergaben trotz besseren Wissens um die militä-
und die zu manchen Enttäuschungen rische Lage Deutschlands den Krieg
führten. In vielen deutschen Städten 23 fortgesetzt haben.« Doch das poli-konstituierten sich unmittelbar nach tische Projekt SFG endete bereits nach
Kriegsende Antifaschistische Aktions- wenigen Wochen: Auf Druck der bri-
ausschüsse (»Antifas«), die sich vor tischen Militärregierung löste sich die
allem in Betrieben für die Versorgung 24 SFG am 20. Juni 1945 auf. Aus Sicht der Belegschaft und für Aufräumarbei- der Militärregierung war die SFG als
ten, aber auch für die politische Säube- Gewerkschaft zu politisch aufgetreten.
»MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 161
Forderungen wie z. B. »Überführung 27 tiert gewesen waren. Entschädigungen
des Großgrundbesitzes und Baulandes für Haftzeiten wurden durch Behörden
in öffentliches Eigentum«25 wurden als allerdings nur bei nachgewiesener poli-
politische Stellungnahmen verstanden tischer oder rassistischer Verfolgung
und als unvereinbar mit den Vorstel- gezahlt. Wenn die zuständigen Stellen
lungen der britischen Besatzungsmacht bestimmte Haftgründe hingegen nicht
angesehen. als politische Verfolgung anerkannten,
Außer mit den Militärregierungen bewirkte auch die gegenseitige Unter-
mussten sich die Akteure und Akteu- stützung nichts. So zahlten Ämter kei-
rinnen des ISK in allen Besatzungs- ne Entschädigungen für Hinterbliebe-
zonen auch mit deutschen Behörden ne von Soldaten, die ihren Wehrdienst
auseinandersetzen, die für die Versor- in einer Strafeinheit ableisten mussten
gung der ehemals politisch Verfolgten und dabei ums Leben gekommen wa-
mit deutscher Staatsangehörigkeit zu- ren. Der Tod im »Bewährungsbatail-
ständig waren. Diese erhielten Unter- lon«, in das die Männer in der Regel
stützung durch die Wohlfahrtsämter ja wegen einer vorherigen Haftstrafe
bei der Wohnungsvermittlung, konn- eingewiesen worden waren, sei »nicht
ten bei Wirtschaftsämtern Lebens- Folge einer Gewaltmaßnahme, son-
mittelvergünstigungen erhalten und dern hat seine Ursache im militärischen
hatten Anspruch auf bevorzugte Ar- Dienst und der Eigentümlichkeit dieser
beitsplatzvermittlung. Luise Gabriely 28 Verhältnisse«, hieß es im ablehnenden
(1911-2002) vom Hamburger ISK be- Rentenbescheid der Witwe des in der
richtete, dass ihr als politisch Verfolg- Strafeinheit 999 umgekommenen ISK-
te eine Wohnung vermittelt worden Mitglieds Rudolf Schmidt. Besonders
sei. 26 Die Frauen und Männer vom schwierig zu erlangen waren Unter-
ISK halfen sich gegenseitig bei Anträ- stützungen aufgrund haftbedingter ge-
gen auf Entschädigungszahlungen, wie sundheitlicher Schäden. Hier konnten
zahlreichen Entschädigungsakten zu die Fürsprecher und Fürsprecherinnen
entnehmen ist. Unterstützt wurden die aus dem ISK zumeist wenig ausrichten,
Verfolgten in Hamburg dabei durch da diese Verfahren nur auf Basis der das Hamburger »Komitee ehemaliger Stellungnahmen medizinischer Gut-
politischer Gefangener« und die 1948 achter entschieden wurden. Selbst bei
gegründete »Arbeitsgemeinschaft ver- schweren Schädigungen wie korona-
folgter Sozialdemokraten«, die in vie- ren Herzerkrankungen sahen die Ärzte
len Fällen die Anträge stellten, das meist keinen Zusammenhang mit der
juristische Procedere abwickelten und 29 Haft. Außerdem konnte die Hambur-
Erholungsaufenthalte für politisch Ver- ger »Vega«, die 1938 von der Gestapo
folgte organisierten. Die für Wieder- beschlagnahmt worden war, von der
gutmachung zuständigen Stellen ver- einstigen Besitzerin Anna Kothe (1898-
langten für Entschädigungszahlungen 1994) nicht zurückerlangt werden.
meist die Angabe von Zeuginnen oder Anna Kothe musste nach jahrelangem
Zeugen, vor allem, wenn Dokumente Rechtsstreit letztlich einen Vergleich über Haftzeiten nicht vorlagen. Die hinnehmen und kehrte nicht mehr nach
Verfolgten gaben dann Personen an, 30 Hamburg zurück.
die in der gleichen illegalen Gruppe Nicht immer einfach gestaltete sich
gearbeitet hatten oder mit ihnen inhaf- zudem die Einbindung früherer 162 CLAUDIA BADE
Mitglieder in die sich neu formierende einen eigenen Verlag oder eigene Schu-
SPD 32 . Nach einer Reise durch deutsche len. In der SPD war die Einrichtung Städte im Spätsommer 1945 schrieb solcher Strukturen innerhalb der Partei
Willi Eichler aus London in einem in dieser Form allerdings nicht möglich.
Bericht an die ISK-Mitglieder: »Es gab Doch konnten ISK-Mitglieder 1946 mit
zwei Möglichkeiten, uns der KP anzu- »Geist und Tat« eine Zeitschrift und
schließen oder der SP oder eine drit- mit der »Europäischen Verlagsanstalt«
te Rechnung aufzumachen, die dann 33 einen Verlag ins Leben rufen. 1949
später versuchen konnte, bei den Ein- gründeten sie die »Philosophisch-Poli-
heitsbestrebungen der Linken sich ein- tische Akademie« (PPA) als eingetra-zuschalten. Nach gründlichen Unter- genen Verein, um in dieser Institution
suchungen entschieden wir uns, keine das Erbe Leonard Nelsons weiterzu-
dritte Partei zu gründen, sondern […] 34 führen. Weder Verlag noch Akademie
alles zurückzustellen, was an trennen- waren parteilich gebunden. den Gesichtspunkten sich einer Zusam- Es war für die Mitglieder des ISK
menarbeit […] entgegenstellte und zu oft schwierig, sich in der in Wieder-
versuchen, in der sich neu bildenden SP gründung befindlichen SPD mit ihren
durch den Eintritt in sie diejenigen Än- Vorstellungen durchzusetzen, da diese
derungen herbeizuführen, die wir im- nun Minderheitenpositionen waren. Im
mer für notwendig gefunden hatten.« 31 Alltag stellte sich die Zusammenarbeit
Noch im Londoner Exil hatten sich mit vielen SPD-Mitgliedern als kom-
alle früheren linkssozialistischen (und pliziert heraus. Der Bochumer Jupp nicht kommunistischen) Parteien wie ISK, Kappius berichtete von Versuchen,
Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) und Ortsgruppen der SPD »in unserem
»Neu Beginnen« mit der Exil- 35 SPD zur Sinne« zu beeinflussen. Er und andere
»Union deutscher sozialistischer Organi- ISK-Mitglieder wollten die Ortsverei-sationen in Großbritannien« zusammen- ne dazu bewegen, den Rahmen der in
geschlossen. Über diesen Zusammen- Entstehung begriffenen SPD »so zu
schluss waren die im Deutschen Reich spannen, daß alle Sozialisten hineinge-
verbliebenen ISK-Mitglieder schon hen können und vor allen Dingen nicht 1944 durch die konspirativen Reisen 36 den alten Namen wieder zu wählen«.
von Änne Kappius aus der Schweiz Um Akteure und Akteurinnen der SPD
nach Deutschland informiert wor- in seinem Sinne zu lenken, verteilte
den. Willi Eichler hatte sich noch vor er Informationsmaterial, ergänzt mit
Kriegsende dafür eingesetzt, dass die praktischen Vorschlägen für eine (sozi-
ISK 37-Mitglieder nicht einfach der SPD alistische) Einheitspartei. Anna Beyer
beitreten, sondern dies mit bestimm- vom ISK in Frankfurt am Main schrieb
ten Forderungen verbinden sollten. Er im August 1945 hierzu: »Ich denke,
sah den ISK als eine Organisation mit ich werde mir ansehen, welchen Weg
wissenschaftlichen und pädagogischen das Ganze nimmt. Trotzdem stehe ich
Zielen und wollte durchsetzen, dass die noch nach wie vor für eine neue Partei,
Gruppe ihre Arbeiten zur Begründung in der alle Linken einen Platz haben.
des Sozialismus und zur Anwendung Wie der Name der Partei ist, ist nicht
bestimmter Erziehungsprinzipien fort- so wichtig. Falsch scheint mir aber
führen konnte. Dies sollte einen organi- zu sein, daß man sie mit dem alten,
satorischen Rahmen erhalten wie etwa etwas ramponierten Namen der SP »MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 163
sieht. […] Aber in den entscheidenden sen«, wie Hellmut Kalbitzer ironisch
Besprechungen sitzen eben wieder die formulierte, »vollauf damit beschäftigt
alten Herren von früher und die möch- [waren], ihre Organisationstermine
ten wieder da anfangen, wo sie 1933 42 abzuarbeiten«. Für die früheren ISK-
aufgehört haben.«38 Aus diesen Wor- Mitglieder war Politik jedoch immer
ten wird deutlich, dass der Übergang mehr als nur das Abhandeln von Tages-zur SPD für die Aktiven aus dem ISK ordnungspunkten, sie sollte stets eine
nicht selbstverständlich war, auch wenn Haltung widerspiegeln.
dieser Schritt schon vor Kriegsende
beschlossen worden war. Nicht nur Engagement gegen Nazis waren die Beharrungskräfte der (über-
wiegend männlichen) Traditionalisten Noch während des Krieges hatte sich
in der SPD groß, sondern offenbar im Exil-ISK ein intensives Berichtswe-war es insbesondere für die Frauen sen etabliert, das nach dem Mai 1945
aus dem ISK viel selbstverständlicher auf verschiedene deutsche Städte aus-
als für viele Mitglieder aus der »Wei- geweitet wurde. Aus den Metropolen
marer« SPD, dass sich künftig auch gaben zurückkehrende Emigrantinnen Frauen an der Arbeit in Partei und und Emigranten sowie ISK-Mitglieder,
Gesellschaft aktiv beteiligten. In Ham- die vor Ort geblieben waren, ihre Erfah-
burg entstand im August 1945 mit der rungen an die Leitung des ISK in Lon-
»Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft« don weiter. Sie begannen schon früh, (SAG) in der SPD ein Gremium, in sich für die Entfernung von Nazis aus
dem inhaltliche und theoretische Pro- Wirtschaft und Verwaltung einzusetzen;
grammdebatten geführt wurden und an davon zeugen die Berichte, die sie an
dessen Gründung zahlreiche frühere 43 Willi Eichler schickten. Die Akteurin-Hamburger ISK-Mitglieder beteiligt nen und Akteure aus dem ISK zeigten
waren.39 Die SAG öffnete sich nicht nur sich dabei irritiert, dass die alliierten
für Menschen außerhalb der SPD, die Militärbehörden nicht all ihren Hinwei-
sich mit gesellschaftlich relevanten Fra- sen zu belasteten Personen nachgingen.
gen auseinandersetzen wollten, sie hatte Sie interpretierten dies als Mangel an
mit Käthe Plume (1914-1987) aus dem Interesse an einer politischen Säube-
Hamburger ISK auch eine Geschäfts- rung durch die jeweilige Militärregie-
führerin, die stark an der inhaltlichen rung. Jupp Kappius berichtete an Willi
Ausrichtung der Arbeitsgemeinschaft Eichler, dass Sergeant-Major Saunders
beteiligt war. 40 Auch die 1954 gegrün- von einer der britischen Field Security
dete politische Weiterbildungsvereini- 44 Sections ( FSS ) sich geweigert habe,
gung »Die Neue Gesellschaft« in Ham- zwei leitende Angestellte einer Zeche im
burg stand letztlich in der Tradition Ruhrgebiet zu verhaften. Ihnen waren
des ISK, da hier Weiterbildung und Misshandlungen von Zwangsarbeitern
Theoriebildung sowohl innerhalb der vorgeworfen worden. Auf Nachfrage
SPD als auch für außerhalb der Partei eröffnete Saunders einem ISK-Mitglied, stehende Interessierte etabliert werden er könne dann ja gleich alle Deutschen
konnten.41 In der SPD erlebten die frü- verhaften, da sich alle »irgendwie« an
heren ISK-Mitglieder zunächst meist solchen Misshandlungen beteiligt hät-
kein großes Interesse an politischer und 45 ten. Jupp Kappius befand, dass es bei theoretischer Bildung, da »die Genos- dieser Einstellung der Alliierten, die für
164 CLAUDIA BADE
ihn offenbar nach »Kollektivschuld«- chen ein Bürgermeister eingesetzt, der
Vorwürfen klang, fast sinnlos sei, weiter als Zentrumsmann des rechten Flügels
nach Antinazis zu suchen, die wirklich galt. Er sorgte nur unzureichend für
eine »neue Entwicklung in Deutschland den Ersatz von NS-Spitzenbeamten und
anbahnen und einer neuen, demokrati- zog sich dabei auf eine formaljuristische
schen Geisteshaltung zur Durchsetzung 50 Position zurück. Bahlmann wurde von verhelfen könnten«.46 Als besonders der Militärregierung durch den Juristen
inkonsequent empfanden die ehemals Franz Geyer ersetzt, der ebenfalls vom
Verfolgten die fehlende Säuberung bei Zentrum stammte, während der NS-Zeit
den großen Kohle- und Stahlunter- aber Zweiter Bürgermeister in Bochum
nehmen im Ruhrgebiet. Jupp Kappius 51 gewesen war. Jupp Kappius kommen-
und andere sammelten »erdrückendes tierte dies mit den Worten: »Bochum
Beweismaterial«47 über die Vorstands- soll also in Zukunft rechts-katholische
mitglieder der Ruhrstahl AG und an- Halbfaschisten an leitender Stelle in der
deres Führungspersonal, damit diese 52 deutschen Verwaltung haben.« Die
verhaftet oder aus ihren Positionen ent- scharfe Formulierung Kappius’ kann als
fernt werden konnten. Die britische Mi- Ausdruck der politischen Konkurrenz
litärregierung nahm die Genannten zwar zwischen sozialistisch orientierten Kräf-
fest, ließ sie aber nach wenigen Wochen ten und dem Zentrum verstanden wer-
wieder frei. Dies geschah, so schreibt den. Allerdings gab es auch aus fakti-
Jupp Kappius, »zum größten Erstaunen schen Gründen einen Mangel an fachlich
aller Vertreter des Antifaschismus sowie geeigneten Personen für Verwaltungs-
auch der Öffentlichkeit, die es begrüßt posten aus dem Umfeld der früheren
hätten, wenn solche politisch schwer Arbeiterbewegung. Die Verluste durch
belasteten Nazis unschädlich gemacht, den NS-Terror und das Exil waren in
zumindest aber ihrer Posten enthoben der Arbeiterbewegung und allgemein in
worden wären. Es ist unverständlich, der Linken erheblich größer als beim
daß derart aktiv tätigen Nazis das Hand- Zentrum, zudem spielte auch das Zu-
werk nicht gelegt wird.« 48 Auch das zugsverbot von Emigrantinnen und
Einsetzen von NS-Gegnerinnen und Emigranten eine Rolle und machte die -Gegnern in den Verwaltungen und dort 53 Besetzung wichtiger Posten schwierig.
vor allem auf Leitungspositionen erwies Aus anderen Städten berichteten
sich als schwierig bis unmöglich, wor- ISK-Mitglieder Ähnliches. In Hamburg
auf frühere ISK-Mitglieder gemeinsam protestierte Hellmut Kalbitzer dagegen,
mit anderen linken und demokratischen dass aufgrund ihrer nationalsozialisti-
Kräften in vielen Städten hinwiesen.49 schen Belastung entlassene Beamtinnen
Politisch Verfolgte erkannten früh, dass und Beamte auch noch Pensionen er-
für die Beurteilung, ob jemand für einen hielten. Er schrieb am 26. Juli 1945 an
demokratischen Neubeginn geeignet den Senatssyndikus Harder, ehemalige
war, nicht nur eine eventuell vorhan- NSDAP-Mitglieder, die im Staatsdienst
dene NSDAP-Mitgliedschaft entschei- nicht mehr tragbar seien, sollten zu
dend war, sondern auch ein zögerliches harter Arbeit herangezogen werden:
Verhalten bei der Entlassung von Na- »Es muss also gesichert werden, dass
zis in der aktuellen Nachkriegssituati- er auch zu einer solchen Arbeit (z. B.
on. In Bochum war im Sommer 1945 Steineklopfen) herangezogen wird und
mit Friedrich Bahlmann für einige Wo- nicht durch seine guten Beziehungen zu
»MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 165
Nazi-Unternehmern in der Wirtschaft Erfahrungen mit der
unter Umständen eine bessere Stelle Mehrheitsgesellschaft wieder erlangt.« 54 Im Ruhrgebiet wur-
den Nazis zu solcher Aufbauarbeit he- Die Erleichterung der Aktiven im ISK
rangezogen, doch bemängelten frühe- über das Ende des NS-Regimes im Mai
re ISK-Aktive deren Arbeitsmoral. Es 1945 war groß, doch waren die meisten
falle auf, dass bekannte Nazis während ihrer Mitmenschen Teil des NS-Sys-dieser Arbeitspflicht mehr oder weniger tems gewesen. Deshalb stellten sich bei
gar nichts täten, so Wilhelm Kirstein vielen ehemals Verfolgten teils bereits
in einem Bericht aus Dortmund. 55 We- nach einigen Monaten, teils auch erst
der die deutsche Verwaltung noch die nach Jahren Enttäuschungen ein, und
zuständige britische Militärregierung manche scheuten sich, über ihre Erfah-
sorgten offenbar dafür, dass die Arbeits- rungen zu sprechen. Die Hamburger
pflicht auch durchgesetzt wurde. SPD-Politikerin und frühere ISK-Ak-
Verhaftungen von Vertretern der tivistin Marta Damkowski (1911-1982)
Schwerindustrie nahm die britische Be- äußerte sich 1981 – 36 Jahre nach dem
satzungsmacht im Ruhrgebiet erst im Ende des NS-Regimes und mittlerwei-
Dezember 1945 in größerem Umfang le 70-jährig – erstmals öffentlich über vor. Unter den Verhafteten befand sich die Zeit des Nationalsozialismus und
auch der frühere kaufmännische Leiter berichtete für eine Publikation aus-
der Hoesch AG Carl Lipp, zu dem führlich von ihrer Zeit im ISK und
Zeitpunkt Vorsitzender der Dortmun- 59 im Widerstand. Sie sprach nicht nur der Industrie- und Handelskammer.56 über ihre Aktivitäten, sondern auch
Jupp Kappius hatte bereits im Okto- über Gefühle wie Einsamkeit wäh-
ber 1945 sein Unverständnis darüber rend der Widerstands- und Haftjahre
geäußert, dass die Regularien nur die sowie über die Vereinzelung der im Beachtung formaler Belastungskriterien Widerstand Tätigen in der sie umge-
vorsahen und somit diejenigen nicht benden »Volksgemeinschaft«. Ihre Er-
einbezogen, die »ihrer Gesinnung und innerung an das Kriegsende 1945 zeigt
ihrem Verhalten nach Nazis und Na- dies deutlich: »Unvergeßlich ist mir der
zihintermänner waren«. 57 Er erwähnte 8. Mai 1945 [sic!], als durchs Radio die
dabei auch das Beispiel Lipp. Offenbar Nachricht von der kampflosen Über-
löste nur entschlossener Widerstand gabe Hamburgs an die Alliierten kam.
und Protest gegen bestimmte Neube- Ein Leben in Freiheit – reden kön-
setzungen in der Industrie überhaupt nen – Freunde haben – das war beinahe
eine Reaktion bei den verantwortli- 60 unvorstellbar.« Die große persönli-
chen Stellen der Besatzungsbehörden che Erleichterung über das Ende der
aus. Wobei andererseits fraglich ist, ob Schreckenszeit und der Anstrengung,
die britische Militärregierung im Fall die jede noch so kleine Aktion, jedes
der Ruhr-Industriellen tatsächlich auf noch so geringe »Neinsagen« bedeutet
Proteste von deutschen Emigrantinnen hatte, lässt sich durch ihren Bericht
und Emigranten reagierte oder nicht gut nachvollziehen. Marta Damkowski doch gleichlautenden Hinweisen ihres beschreibt, wie gegenwärtig alle Ereig-
militärischen Nachrichtendienstes FSS nisse noch fast 40 Jahre später bei ihr
folgte, der die Verhaftungen im Dezem- seien – »die Erlebnisse und Ängste sind
ber 1945 vornahm. 58 61 unauslöschlich«.
166 CLAUDIA BADE
Ähnlich haben viele politisch Ver- 63 funden. Sie kamen zu dem Schluss:
folgte das Kriegsende erlebt. Zum einen »Die Hauptschwierigkeit bei der Säu-
spürten sie Erleichterung, dass nun alles berung scheint darin zu liegen, daß
vorbei war, zum anderen Angst, über- sich die Nazis gegenseitig so viel als
haupt über ihre Erlebnisse zu spre- 64 möglich schützen.« Irritierend war
chen. Das Verhältnis zu den früheren für die ehemals Verfolgten, wenn sich
Nazinachbarn kehrte sich bisweilen die auf Ämtern Tätigen negativ über
um – statt der vorhergehenden Ohn- die Militärregierung äußerten, ihr die
macht konnten sie nun Genugtuung Schuld an der bestehenden Lage gaben
empfinden. Manche Erlebnisse mit der und sogar befanden, die Nazis hätten
Mehrheitsgesellschaft waren aber auch die Probleme besser gelöst. Emmi Kal-
erschreckend. »Nach dem Krieg woll- bitzer (1912-1999) appellierte im Sep-
ten sie von alledem nichts gewußt ha- tember 1945 nach solchen Erlebnissen
ben«, erinnert sich Marta Damkowski, in einem »Offenen Brief an die Nach-
»ja, sie genierten sich nicht, mich um barn«: »Täglich hören wir allerorts
einen ›Persilschein‹ zu bitten. Den NS- noch Nazipropaganda, der wir unbe-
Ortsgewaltigen, der uns immer wie- dingt energisch entgegentreten müssen.
der als Sträflinge und Volksverräter Nur wenn wir es wieder lernen, unsere beschimpft und meinen Mann ständig Meinung offen und laut zu sagen, haben
bedroht hatte, den mußte ich nach dem wir Aussicht, den Anfang zu machen
Krieg leider noch oft treffen. […] Wenn zu einer Reinigung der öffentlichen
es der Zufall wollte, daß wir im selben 65 Meinung.« Dieser Appell zeigt, wie Wagen [in der S-Bahn; C. B.] waren, mühsam sich »Entnazifizierung« im
stieg er sehr schnell um. Er hatte Angst. Alltag gestaltete.
Und die sollte er auch haben.«62 Durch den Austausch mit Willi
Sowohl die autobiografischen Tex- Eichler in London und mit der ehe-
te von ISK-Mitgliedern als auch die maligen Schweizer Exilgruppe war es
Nachkriegsberichte an Willi Eich- für die früheren ISK-Aktiven mög-
ler sprechen häufig die Begegnungen lich, sich über die Schwierigkeiten der
mit Nazis in deutschen Behörden an. Einflussnahme auf die jeweilige lokale
Das frühere Hamburger ISK-Mitglied Politik zu verständigen. An dem im
Erna Meyer (1912-2002) und ihr Mann ISK etablierten Berichtswesen zeigte
Klaus kamen im Sommer 1945 aus sich zudem der enge Zusammenhalt
dem Schweizer Exil im Auftrag des der ISK-Mitglieder. Auf der einen Seite Schweizerischen Arbeiterhilfswerks nach konnte so sichergestellt werden, dass
Hamburg. Sie berichteten von zwie- sie bei der mühsamen Aufbauarbeit von
spältigen Erfahrungen. Während auf Partei, Gewerkschaft und Gesellschaft
dem Zentralwohnungsamt bereits etli- ähnlich vorgingen. Auf der anderen
che frühere KZ-Häftlinge tätig waren, Seite konnten sie durch den Austausch
war dies in anderen Behörden, wie über Hoffnungen und Enttäuschungen
dem Wohnungsamt auf Bezirksebene, mehr oder weniger direkt an die Dis-
vollkommen anders. Im Einwohner- kussionskultur des ISK vor 1933 an-meldeamt hingen an den Wänden noch knüpfen. Wichtig bei der Interpretation
Erlasse der NSDAP, auf dem Vermö- der Berichte und Briefe sind dabei nicht
gensamt des Oberfinanzamtes hatte nur die Betrachtungen über das politi-
noch kein Personalaustausch stattge- sche Leben, sondern auch die »MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 167
tungen im zwischenmenschlichen und wig Gehm beschrieb dies so: »Ich habe
im sozialen Bereich. gesagt: ›Ich erzähle dann nichts mehr
Unangenehme Erfahrungen im Um- darüber. Wenn mir das wieder passiert
gang mit Behörden und der ihn um- da, und ich kein richtiger Kerl mehr
gebenden Gesellschaft machte auch 67 bin.‹« Er erlebte seinen Zusammen-
der Frankfurter Ludwig Gehm (1905- bruch als »Schwäche« seiner Männlich-
2002). Als er im Januar 1947 nach keit: Das selbstverordnete Schweigen
Zuchthaus, KZ Buchenwald, »Bewäh- entstand nicht nur wegen der Zurück-
rungsbataillon« 999, Desertion, Kampf weisungen und des Desinteresses seiner
bei den griechischen Partisanen und Umgebung, sondern auch aus Angst Kriegsgefangenschaft in seine Hei- vor erneuten emotionalen Zusammen-
mat zurückkehrte, wurde er nicht mit brüchen. Solche Ängste könnten auch
offenen Armen empfangen. Er ging bei Marta Damkowski der Grund für
zum Wohlfahrtsamt, um Lebensmit- ihr jahrzehntelanges Schweigen in der
telkarten und Kleidung zu erhalten. Öffentlichkeit gewesen sein.
Die Situation beschrieb er später fol- Die Hamburgerin Irmgard Heydorn
gendermaßen: »Da habe ich dann eine beschrieb 2006 und 2007 in Interviews
Abweisung gespürt, einen innerlichen die Aufbruchstimmung, die unter den Widerstand, wenn ich sagte, woher ich ISK-Mitgliedern nach der Befreiung
kam und was ich vorher gemacht hatte. zunächst geherrscht habe. Sie hätten
Es war da eine unausgesprochene Ab- gedacht, nun könnten sie alles durchset-
lehnung […]. Das hat mir einen ziemli- zen, was sie sich erträumt hatten: »Wir
chen Schock versetzt, diese Abweisung haben geglaubt, wir könnten eine neue
ganz deutlich zu spüren. Ich hatte eben 68 Welt erstellen«. Nur hätten sie nicht
ganz einfach vergessen, daß sie alle ir- daran gedacht, sich zu fragen, mit wem
gendwie beteiligt gewesen waren, und sie diese »neue Welt« hätten erschaffen
wenn sie bloß in der Arbeitsfront oder sollen, da doch eigentlich die meisten
beim Winterhilfswerk gewesen sind. um sie herum »mitgelaufen« seien. So
Ich habe mir dann schnell abgewöhnt, habe sie diese Zeit im Nachhinein als
vom KZ oder auch vom Strafbataillon »große Enttäuschung« erlebt. zu sprechen. Ich habe nur noch gesagt:
›Ich komme eben aus der Kriegsgefan-
66 Fazit
genschaft.‹ Da ging das besser.«
Ludwig Gehm gewöhnte sich also Der im ISK besonders enge Zusammen-
an, eine Art Code zu verwenden, den halt ist durch unterschiedliche Faktoren
die deutsche Mehrheitsgesellschaft ver- erklärbar. Der Bund unterschied sich
stand, um keine Zurückweisung mehr durch ungewöhnlich strenge Regeln in zu erfahren. Er berichtet noch von der Lebensführung von anderen Grup-
einem anderen Erlebnis im Jahr 1947. pierungen. Die Arbeit in der Illegalität
Auf einer Schulveranstaltung sollte er und in der Emigration verstärkte den
vor 12-Jährigen von seinen KZ-Erfah- Zusammenhalt. Eine frühzeitige Vorbe-
rungen sprechen. Er erlitt durch dieses reitung auf die Widerstandsarbeit sowie
Erzählen einen Zusammenbruch und die Geschlossenheit der Gruppe trugen
hatte schwere Albträume, sodass er erst dazu bei, dass die NS-Institutionen den
in den 1980er-Jahren wieder öffentlich Widerstand des ISK erst relativ spät über seine Erinnerungen sprach. Lud- entdeckten. Die intensive Schulung im
168 CLAUDIA BADE
Abb. 2: Am 23. Juli 1966 fand im Bürgerhaus Riederwald in Frankfurt am Main aus Anlass der 70. Geburtstage von Willi Eichler, Erna Blencke, Nora Platiel und anderen ein großes Treffen früherer ISK-Mitglieder statt, die »Geburtstagsfeier der Siebziger«. Von links: Hermann Beermann, Gustav Heckmann, Emmi Kalbitzer, Erna Düker und Heinrich Düker. Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, Archiv der sozialen Demokratie, 6/FOTA030498
ISK schlug sich auf das gesamte Kom- wir ja ein unauffälliges bürgerliches Le-
munikationsverhalten auch noch nach ben führen. In Wirklichkeit bedeutete
Jahrzehnten nieder: Sowohl in der »Wal- der Widerstand für uns die Aufgabe
kemühle« als auch in den Jugendgrup- der bürgerlichen Existenz. Privat und
pen war eine aktive Mitarbeit an den beruflich. Fast alle Freundschaften gin-
Diskussionen wesentlich. Zu etwas kei- gen auseinander. […] In unserer Freizeit
ne 69 Meinung zu haben, war nicht gerne trafen wir uns mit den Genossen.« Die
gesehen. Diese erlernten Fähigkeiten tra- Erfahrungen von Einsamkeit und Lei-
fen dann mit dem Umstand zusammen, den in Illegalität und Haft schweißten
in der Zeit des NS-Regimes aufeinander die Gruppe zusammen, gemeinsam er-
angewiesen zu sein. Die Akteure und lebtes Leid konnte daher zugleich Trost
Akteurinnen aus Widerstand und Exil 70 bringen. Auf den Treffen der früheren
wussten, dass sie nur einander trauen ISK-Mitglieder in der Nachkriegszeit konnten, Fremden nur in seltenen Fäl- bestätigten sie sich, dass die Vergangen-
len. Marta Damkowski beschrieb dies heit im Kampfbund weiterhin Teil ihrer
folgendermaßen: »Nach außen mußten Identität war.
»MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 169
Ich habe gezeigt, auf welche Wei- innerhalb der Gruppe unterschiedlich
se die Aktiven des ISK versuchten, waren. Von der Mehrheitsgesellschaft ihre Ideen und Erfahrungen aus Exil unterschieden sich diese jedoch sehr
und Widerstand in die Zeit nach der deutlich. In den Worten von Irmgard
Befreiung zu transferieren. Deutlich Heydorn: »Man war auch nach 1945
wird aber auch, wo dies nicht ge- 71 noch eine Ausnahme.« Viele Akteu-lang: Eine Wiedergutmachung erfolgte rinnen und Akteure des ISK haderten
nur begrenzt, und viele ISK-Aktive zumindest innerlich oft noch jahrelang
zeigten sich enttäuscht, dass so viele mit ihrer Rolle in der SPD, selbst wenn
NS 72-Belastete in Unternehmen und Be-sie Ämter innehatten. Dies schuf zu-hörden verblieben. Auch das Sprechen gleich ein lang anhaltendes Zusammen-
über traumatisierende Erfahrungen mit gehörigkeitsgefühl in der »festgefügten
Menschen außerhalb der eigenen Grup- Gruppe«, obgleich die politische Praxis
pe war teilweise erst nach Jahrzehnten des ISK längst verblasst war und – wie möglich. Der Gruppenzusammenhalt die Familie Kalbitzer – längst nicht
blieb weiterhin von Bedeutung, auch mehr alle vegetarisch lebten.
wenn die Erfahrungen in der NS-Zeit
Anmerkungen
1 Anna Beyer: Politik ist mein Leben, hg. 4 Zur Geschichte des ISK vgl. Werner
v. Ursula Lücking, Frankfurt am Main Link: Die Geschichte des Internationa-
1991, S. 25. len Jugendbundes (IJB) und des Inter-
2 Nach Jan Foitzik hatten die linken nationalen Sozialistischen Kampfbundes
Gruppierungen zwischen SPD und (ISK). Ein Beitrag zur Geschichte der
KPD, zu denen auch der ISK gehörte, Arbeiterbewegung in der Weimarer Re-
1933 etwa 20 000 Mitglieder. Mitte der publik und im Dritten Reich, Meisen-
1930er-Jahre war etwa noch die Hälfte heim am Glan 1964; Karl-Heinz Klär:
der Mitgliedschaft dieser Gruppen im Zwei Nelson-Bünde: Internationaler
Widerstand gegen den Nationalsozialis- Jugend-Bund (IJB) und Internationaler
mus aktiv. Vgl. Jan Foitzik: Zwischen Sozialistischer Kampf-Bund (ISK) im
den Fronten. Zur Politik, Organisation Licht neuer Quellen, in: Internationale
und Funktion linker politischer Klein- wissenschaftliche Korrespondenz zur
organisationen im Widerstand 1933 bis Geschichte der deutschen Arbeiterbe-
1939/40, Bonn 1986, S. 241. wegung (IWK) 18 (1982), Nr. 3, S. 310-
3 An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich 360. Für wichtige Quellen und Selbst-
eine Enkelin von Emmi und Hellmut zeugnisse zum Widerstand des ISK vgl.
Kalbitzer bin, zwei Hamburger Mit- Sabine Lemke-Müller: Ethik des Wi-
gliedern des ISK, die in diesem Bei- derstands. Der Kampf des Internationa-
trag mehrfach erwähnt und zitiert wer- len Sozialistischen Kampfbundes (ISK)
den. Ich bin daher mit vielen Berichten gegen den Nationalsozialismus, Bonn
über diese Gruppe aufgewachsen. Bis- 1996. Alle Informationen zum ISK vor
lang habe ich aufgrund des persön- 1945 stammen – sofern nicht anders ge-
lichen Bezuges nichts zu diesem Thema kennzeichnet – aus diesen Publikationen
publiziert, denke aber, dass dies kein und aus den Erzählungen in meiner Fa-
Hinderungsgrund ist, vielmehr für die milie.
Betrachtung der Binnensicht sogar hilf- 5 Leonard Nelson hatte in Heidelberg,
reich sein kann. Berlin und Göttingen studiert, 170 CLAUDIA BADE
tierte sich an Kant und Fries, und sah bereitung auf die Illegalität durchführte
seine Arbeit als Forscher und Hoch- (vgl. Transkript, Teil 1, S. 17).
schullehrer nie losgelöst von gesell- 14 Die Publikationen wurden von der Fried-
schaftlichen Fragen. Er war Pazifist und rich-Ebert-Stiftung retrodigitalisiert und
gründete 1917 gemeinsam mit der Pä- sind online verfügbar (vgl. http://library.
dagogin Minna Sprecht und anderen den fes.de/isk, Zugriff: 19.4.2022).
Internationalen Jugendbund, der Arbei- 15 Vgl. hierzu auch Susanne Miller: »Ich
terinnen und Arbeiter mit Akademike- wollte ein anständiger Mensch bleiben.«
rinnen und Akademikern zusammen- Frauen des Internationalen Sozialistischen
führen sollte. Er gilt als Begründer des Kampfbundes (ISK), in: Christl Wickert
»ethischen Sozialismus«. (Hg.): Frauen gegen die Diktatur – Wi-
6 Zur Begründung des Vegetarismus im derstand und Verfolgung im nationalso-
IJB/ISK vgl. Willi Eichler: »Sogar Ve- zialistischen Deutschland, Berlin 1995,
getarier?«, in: Junge Menschen. Monats- S. 106-117, hier S. 106. Vgl. außerdem
hefte für Politik, Kunst, Literatur und den Erfahrungsbericht von Anna Beyer,
Leben aus dem Geiste der jungen Gene- Gründerin der Frankfurter »Vega« (Bey-
ration 7 (1926), Nr. 2, S. 33 f. er: Politik ist mein Leben [Anm. 1], S. 36-
7 Näheres zur »Walkemühle« auf der 41).
Website von Ralf Schaper, dem Sohn des 16 Vgl. zusammenfassend dazu Miller
ISK-Mitglieds Wilhelm Schaper, https:// (Anm. 15).
www.landerziehungsheim-walkemueh 17 Vgl. Link (Anm. 4), S. 313-322; Hell-
le.de/index.php?title=Hauptseite, Zu- mut Kalbitzer: Widerstehen oder Mit-
griff: 20.5.2022. machen. Eigen-sinnige Ansichten und
8 Zahlen bei Link (Anm. 4), S. 141 f. sehr persönliche Erinnerungen, Ham-
9 Dies waren ab 1926 die Monatsschrift burg 1987, S. 88-92.
»isk«, ab 1932 die Tageszeitung »Der 18 Vgl. Ausschnitte aus Interviews mit
Funke«. Irmgard Heydorn, geführt von Adrian
10 Zu den Grundlagen des »Sokratischen Oeser, 2006-2007, zit. nach Eine Aus-
Gesprächs« vgl. die Erläuterungen auf nahme. Überleben. Freundschaft. Wi-
der Website der Philosophisch-Politi- derstand. Irmgard Heydorn und Tru-
schen Akademie, https://www.philoso de Simonsohn im Gespräch. Ein Me-
phisch-politische-akademie.de/grund dienprojekt von Adrian Oeser, 2015,
lagen-des-sokratischen-gespraechs, Zu- Kapitel 5, Clip »Erleben der Befrei-
griff: 19.4.2022. ung«, https://eine-ausnahme.de, Zugriff:
11 Vgl. hierzu insbesondere Link (Anm. 4), 19.4.2022.
S 146-171. Bekannt wurde dabei vor 19 Kalbitzer: Widerstehen oder Mitmachen
allem auch der »Dringende Appell« für (Anm. 17), S. 99.
die Einheit von SPD und KPD zur Ver- 20 Zu den »Antifas« und ihrem Schei-
hinderung der Herrschaft der NSDAP tern in den westlichen Besatzungszonen
aus dem Sommer 1932. Dieser Appell vgl. Inge Marszolek: Arbeiterbewegung
wurde nicht nur vom ISK-Vorstand, nach dem Krieg (1945-1948) am Bei-
sondern auch von zahlreichen bekann- spiel Remscheid, Solingen, Wuppertal,
ten Persönlichkeiten wie Erich Kästner, Frankfurt am Main 1983.
Käthe Kollwitz und Heinrich Mann 21 Vgl. Kalbitzer: Widerstehen oder Mit-
unterzeichnet. Der »Dringende Appell« machen (Anm. 17), S. 97-103, 126-144.
ist abgedruckt in Der Funke, Nr. 147, Zur SFG vgl. außerdem Holger Chris-
25.6.1932, S. 2. tier: Sozialdemokratie und Kommunis-
12 Ausführlich berichtet darüber Anna mus. Die Politik der SPD und KPD in
Beyer. Vgl. Beyer: Politik ist mein Le- Hamburg 1945-1949, Hamburg 1975,
ben (Anm. 1), S. 31-34. S. 59-79; Walter Tormin: Die Geschich-
13 Vgl. Interview mit Luise Gabriely, ge- te der SPD in Hamburg 1945 bis 1950,
führt von Beate Meyer, 27.11.1990, Hamburg 1995, S. 23-27.
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in 22 Vgl. Kalbitzer: Widerstehen oder Mit-
Hamburg (FZH), Werkstatt der Erinne- machen (Anm. 17), S. 103.
rung, 62, Transkript, Teil 1, S. 14. Luise 23 Zit. nach ebd., S. 132.
Gabriely berichtet, dass René Bertholet 24 Der Prozess der Selbstauflösung der
1933 in Hamburg Schulungen in Vor- SFG wurde beschleunigt durch eine »MAN WAR AUCH NACH 1945 NOCH EINE AUSNAHME.« 171
enge Zusammenarbeit der Militärregie- ist mein Leben (Anm. 1), S. 112-114, hier
rung mit älteren Gewerkschaftsfunk- S. 113.
tionären aus der Weimarer Zeit, die 39 Zur SAG vgl. Tormin (Anm. 21), S. 57-
der Ausrichtung der SFG ebenfalls ab- 61.
lehnend gegenüberstanden. Vgl. hierzu 40 Vgl. Nachlass Käthe Plume, FZH, 11-
Christier (Anm. 21), S. 65-68. P09. Dieser Bestand harrt noch der
25 Zit. nach Kalbitzer: Widerstehen oder Bearbeitung der frühen Nachkriegszeit
Mitmachen (Anm. 17), S. 132. unter Genderaspekten. 26 Vgl. Interview mit Luise Gabriely 41 Zur Neuen Gesellschaft vgl. Micha-
(Anm. 13), Transkript, Teil 2, S. 23. el Joho: Lebendig. Politisch. Bildend.
27 Vgl. Entschädigungsakten von Emmi 50 Jahre Die Neue Gesellschaft, Ham-
und Hellmut Kalbitzer, Staatsarchiv burg 2004.
Hamburg (StA HH), 351-11, 38715. 42 Hellmut Kalbitzer: Widerstehen und
28 Ablehnender Bescheid wegen des »Hin- Mitgestalten. Ein Querdenker erinnert
terbliebenenanspruchs nach dem Bun- sich, hg. v. Christiane Rix unter Mitarb.
desentschädigungsgesetz« (BEG) für v. Thomas John, Hamburg 1997, S. 184.
Hedwig Schmidt, 3.2.1960, StA HH, 43 Viele dieser Berichte wurden 1998 als
351-11, 33615, Rudolf Schmidt Erben- Quellensammlung veröffentlicht (vgl.
gemeinschaft, Bl. 39-41. Rüther/Schütz/Dann [Anm. 31]). 29 Vgl. Entschädigungsakten von Lui- 44 Die Field Security Sections (FSS) wa-
se Gabriely, StA HH, 213-13, 25462 u. ren nachrichtendienstliche Einheiten
27024. der britischen Armee, die im besetzten
30 Vgl. Entschädigungsakten von Anna Ko- Deutschland gegen NS- und Kriegsver-
the, StA HH, 213-13, 3615-3617; 311-3 I, brecher ermittelten.
Abl. 1989 305-2-1/107.1; 351-11, 52840. 45 Jupp Kappius, Schreiben an Willi Eich-
31 Willi Eichler, Bericht »Die Lage in ler, 12.6.1945, abgedruckt in Rüther/
Deutschland«, 22.10.1945, abgedruckt Schütz/Dann (Anm. 31), S. 235-240, hier
in Martin Rüther / Uwe Schütz / Otto S. 236.
Dann (Hg.): Deutschland im ersten 46 Ebd.
Nachkriegsjahr. Berichte von Mit- 47 Jupp Kappius, Bericht aus Bochum,
gliedern des Internationalen Sozialis- 22.6.1945, abgedruckt in Rüther/Schütz/
tischen Kampfbundes (ISK) aus dem Dann (Anm. 31), S. 244-250, hier S. 244.
besetzten Deutschland 1945/46, Bearb.: 48 Ebd.
dies. / Werner Röder / Christoph Weisz, 49 Vgl. z. B. Jupp Kappius, Bericht aus Bo-
München 1998, S. 96-108, hier S. 100 f. chum, 10.8.1945 (Anm. 35), S. 255. 32 Vgl. ebd., S. 101. 50 Vgl. Jupp Kappius, Bericht aus Bochum,
33 Verlag und Zeitschrift wurden mit Li- 22.6.1945 (Anm. 47), S. 249.
zenz der britischen Militärbehörden un- 51 Vgl. ebd.
ter Beteiligung u. a. von Hellmut Kalbit- 52 Ebd.
zer gegründet. Vgl. Sabine Lemke-Mül- 53 Vgl. Jupp Kappius, Bericht aus Bochum,
ler: Ethischer Sozialismus und soziale 10.8.1945 (Anm. 35), S. 255 f.
Demokratie. Der politische Weg Willi 54 Vgl. Hellmut Kalbitzer, Schreiben an
Eichlers vom ISK zur SPD, Bonn 1988, Senatssyndikus Hans Harder, 26.7.1945,
S. 211-214. Nachlass Kalbitzer, StA HH, 622-1-34 Vgl. den Abschnitt »Zur Geschichte der 215_09, o. Bl.
PPA « auf der Website der PPA, https:// 55 Wilhelm Kirstein, Bericht aus Dort-
www.philosophisch-politische-akade mund, 29.7.1945, abgedruckt in Rüther/
mie.de/zur-geschichte-der-ppa, Zugriff: Schütz/Dann (Anm. 31), S. 250-253, hier
19.5.2022. S. 252. 35 Vgl. Jupp Kappius, Bericht aus Bo- 56 Vgl. Klaus-Dietmar Henke: Die amerika-
chum, 10.8.1945, abgedruckt in Rüther/ nische Besetzung Deutschlands, 2. Aufl.,
Schütz/Dann (Anm. 31), S. 253-261, hier München 1996, S. 563 f. In einer Arti-
S. 257. kelserie zum Jubiläum der Dortmunder
36 Ebd., S. 257 f. IHK ist der Fall Lipp apologetisch darge-37 Vgl. ebd., S. 258. stellt. Vgl. Karl-Peter Ellerbrock: »Stun-
38 Anna Beyer, Brief an Fritz Eberhard, de Null« und Verwaltung des Mangels
20.8.1945, abgedruckt in Beyer: Politik [Teil 5 der Serie], in: Ruhrwirtschaft. Das
172 CLAUDIA BADE
regionale Unternehmermagazin [Hg.: In- Diktaturen. Ein Beitrag zur deutsch-
dustrie- und Handelskammer zu Dort- deutschen Erinnerungskultur, Bonn
mund] (2013), Juni, S. 38-41, hier S. 40. 2003, S. 172. 57 Jupp Kappius, Bericht an Willi Eich- 68 Interview mit Irmgard Heydorn, zit.
ler, 25.10.1945, abgedruckt in Rüther/ nach Eine Ausnahme (Anm. 18), Kapi-
Schütz/Dann (Anm. 31), S. 285-288, hier tel 5, Clip »Glaube an eine neue Welt«.
S. 287. 69 Gespräch mit Marta Damkowski
58 Ähnlich auch Henke (Anm. 56), S. 646. (Anm. 59), S. 163. 59 Vgl. Gespräch mit Marta Damkows- 70 Über diese Art Trost durch den Zusam-
ki. Aufgezeichnet von Elke Kröplien menhalt unter Mithäftlingen berichtet
(1981), in: Lemke-Müller: Ethik des Gisela Konopka in ihrer Autobiografie.
Widerstands (Anm. 4), S. 158-173. Im Vgl. Gisela Konopka: Mit Mut und Lie-
persönlichen sowie im ISK-Umfeld hat be. Eine Jugend im Kampf gegen Unge-
Martha Damkowski – wie auch andere rechtigkeit und Terror, Weinheim 1996,
ISK-Aktive – durchaus über ihre Erleb- S. 131-158. Emmi Kalbitzer schrieb im
nisse gesprochen. Gefängnis ein Trost spendendes Gedicht
60 Ebd., S. 172. Die kampflose Übergabe für die mit ihr inhaftierte Luise Gabrie-
Hamburgs erfolgte am 3. Mai 1945, ly. Vgl. Andrea Althaus / Claudia Bade:
nicht am 8. Mai. »Was ich vom Himmel seh, ist nur ein
61 Ebd., S. 158. kleines Stück«. Entdeckung, Geschichte
62 Ebd., S. 171. und Klang eines Gedichtes, in: Zeitge-
63 Vgl. Erna und Klaus Meyer, Hamburg, schichte in Hamburg 2021. Nachrich-
Schreiben an Willi Eichler, August 1945, ten aus der Forschungsstelle für Zeitge-
abgedruckt in Rüther/Schütz/Dann schichte in Hamburg (FZH), Hamburg
(Anm. 31), S. 500-504. 2022, S. 149-158. 64 Ebd., S. 502. 71 Interview mit Irmgard Heydorn, zit.
65 Emmi Kalbitzer, Offener Brief an die nach Eine Ausnahme (Anm. 18), Kapitel
Nachbarn, 15.9.1945, abgedruckt in 5, Clip »Eine Ausnahme«.
Rüther/Schütz/Dann (Anm. 31), S. 508- 72 Sabine Lemke-Müller beschreibt den
509, hier S. 508. Transformationsprozess der ISK-Ideale 66 Zit. nach Antje Dertinger: Der treue von der Nelson’schen Philosophie in
Partisan. Ein deutscher Lebenslauf: die Nachkriegs-SPD als ein Schwanken
Ludwig Gehm, Bonn 1989, S. 171 f. zwischen Eigenständigkeit und Anpas-
67 Zit. nach Friedhelm Boll: Sprechen als sung. Vgl. Lemke-Müller: Ethischer So-
Last und Befreiung. Holocaust-Über- zialismus (Anm. 33), S. 206-226.
lebende und politisch Verfolgte zweiter