NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Suzanne Maudet: Dem Tod davongelaufen. Wie neun junge Frauen dem Konzentrationslager entkamen, Berlin/Hamburg 2021 (Alyn Beßmann)
REZENSIONEN 229
Überlebenden erwähnt, aber im Unter-
schied zu anderen Erfahrungen der KZ-Haft selten näher beschrieben. Dagegen
fokussiert ein 1945/46 von Suzanne
Maudet, Überlebende der Konzentra-
tionslager Ravensbrück und Buchen-
wald, verfasster Bericht ausschließlich
auf die erfolgreiche Flucht von ihr
und acht Mitgefangenen von dem am
14. April 1945 begonnenen Räumungs-
marsch des KZ-Außenlagers Hasag-
Leipzig, des größten Frauenaußenlagers
des KZ Buchenwald. Dieser erstmals
2004 in Frankreich und nun auch in
deutscher Sprache veröffentlichte Be-
richt zeichnete sich nicht allein durch
die minutiösen und mit Liebe zum De-
tail verfassten Schilderungen aus, son-
dern vor allem durch die humorvolle,
leichte und mitreißend optimistische
Darstellung, die die Leserinnen und
Leser die Freude, die Abenteuer- und
Lebenslust sowie das strahlende Selbst-
Suzanne Maudet: Dem Tod davonge- bewusstsein der jungen Frauen wäh-
laufen. Wie neun junge Frauen dem rend der Rückeroberung ihrer Freiheit
Konzentrationslager entkamen, Übers. quasi hautnah miterleben lässt. aus d. Französischen: Ingrid Scherf, Dies hängt unmittelbar mit dem
Hg.: Patrick Andrivet / Pierre Sauva- Entstehungskontext dieses Berichtes
net, Berlin/Hamburg: Assoziation A, zusammen. In der Gruppe der neun
2021, 127 S., 16,00 EUR Lagerfreundinnen – sämtlich im Wider-
stand aktiv, jünger als 30 Jahre, gebildet
In den letzten Wochen und Monaten und aus Frankreich, den Niederlanden
vor Kriegsende setzte die SS bei der und Spanien stammend – erhielt Suzan-
Räumung der Konzentrations- und Au- ne Maudet die Rolle einer Chronistin
ßenlager Hunderttausende KZ-Häftlin- der gemeinsamen Flucht. Die damals
ge zu Fuß in Marsch. Während dieser 23-Jährige begann bereits unterwegs
stark improvisierten und häufig von mit ihren Aufzeichnungen über die acht
großer Brutalität des Wachpersonals Tage, die die Gruppe brauchte, um begleiteten »Todesmärsche« starben sich nach Colditz zu US-amerikani-
nach Schätzungen zwischen 10 % und schen Truppen durchzuschlagen. Ihre
35 % der Gefangenen.1 Die chaotischen Aufzeichnungen hatten demnach nicht
Zustände während dieser Märsche allein die Funktion, die gemeinsamen konnten einzelne KZ-Häftlinge aller- Erlebnisse zu dokumentieren, um das
dings auch zur Flucht nutzen. Abenteuer »später unseren Kindern
Dieser Akt der Selbstbefreiung wird erzählen zu können« (S. 56). Maudet
in etlichen Selbstzeugnissen von KZ- wollte ihren Mitgeflohenen auch Mut
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machen und betonte daher besonders heimlich?‹ Und er [der Oberwacht-
die komische Seite ihrer Erfahrungen. meister] gibt diese herrliche Auskunft:
So beschreibt sie, wie die Frauen, be- ›Es ist nicht so schlimm …‹ Umso bes-
reits auf dem »Todesmarsch« trun- ser, also vorwärts!« (S. 67, Hervorh.
ken von der frischen Luft, »weil wir i. Orig.) Gezielt machen sich die Frau-
wissen, dass dieser Frühling bald uns en unterwegs Geschlechterstereotypen
gehören wird«, eine kindliche Freude zu Nutze: »Was ist selbstverständlicher
dabei empfanden, sich über die Auf- als der Anblick von neun ziellos um-
machung der sich auf der Flucht befin- herirrenden jungen Frauen, die sich
denden Deutschen lustig zu machen, ans Militär wenden, das ihnen fraglos »die wirklich an Stillosigkeit nicht zu Hilfe und Schutz gewähren wird? […]
überbieten ist« (S. 22). Mit brennen- Wir müssen […] so unschuldig und so
den Füßen voller Blasen fassen sie den weiblich wie möglich aussehen […]. Es
Entschluss zur Flucht: »Vielleicht wird verbietet sich also, eine Hose anzuzie-
es hart werden, aber wir wollen leben hen; ein Kleid, selbst ein noch so zer-
und werden es wagen, weil wir dieses lumptes, ist vorzuziehen. […] und alle
wunderbare, freie, abenteuerliche Le- reden mit hoher Stimme so weiblich
ben zurückhaben wollen […].« (S. 26) wie möglich.« (S. 91, 98, 108) Der klare
Die Flucht selbst ist dann wenig spek- Blick der Autorin auf Rollenklischees
takulär: »Hinter uns ist keine SS in versagt auch dann nicht, als die Gruppe
Sicht; sie sind weit vorne. […] Direkt endlich auf US-amerikanische Soldaten
vor uns geht ein Hohlweg in die Wie- trifft und damit ihre Selbstbefreiung
se. Wir stürzen uns dort hinein, alle vollendet: »Einer [der US-Soldaten]
neun, und marschieren zügig weiter.« zieht ein frisches Päckchen Camel aus
(S. 34) Nachdem sie sich so weit wie seiner Tasche, reißt es mit den Zähnen
möglich ihrer Häftlingskleidung ent- auf und bietet uns allen eine an … Das
ledigt haben, beschließen sie, sich als entspricht so sehr dem, was wir uns in
Fremdarbeiterinnen auszugeben: »Das unseren albernsten und altmodischsten
wichtigste ist das Auftreten, schließ- Träumen vorstellen konnten, dass es
lich muss man den denkbar besten zum Heulen ist.« (S. 113) Eindruck auf die Bevölkerung machen. Im Vorwort zu diesem schmalen
Wir legen überhaupt keinen Wert da- Band schildert Ingrid Scherf, auf de-
rauf, in einem realistischen Kinofilm ren Übersetzung und Engagement die
die Geflohenen aus einem Straflager zu deutschsprachige Veröffentlichung ba-
spielen.« (S. 36) Ihre Köpenickiade hat siert, dessen Publikationsgeschichte und
Erfolg: Sie werden bei Bürgermeistern, stellt die von Suzanne Maudet nur mit
Feldwebeln und Oberwachtmeistern Vor- bzw. Decknamen benannten Pro-
der durchquerten Dörfer vorstellig, tagonistinnen ausführlich vor. Dass ihr die vom Vormarsch der Alliierten ver- dabei die eine oder andere historische
ängstigt sind und daher überwiegend Unebenheit unterlaufen ist, etwa wenn
devot reagieren. Diese requirieren für sie dem Mythos von der Selbstbefreiung
die Frauen Zimmer auf Bauernhöfen, des KZ Buchenwald aufsitzt, macht die-beschaffen oder servieren ihnen Essen ses außergewöhnliche Buch nicht weni-
und erliegen ihrem Charme: »›[…] wir ger lesenswert.
haben den Krieg ja nicht angefangen, Alyn Beßmann
oder? So eine Front – ist das sehr un-
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Anmerkungen
1 Vgl. Katrin Greiser: Die Todesmärsche niel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45.
von Buchenwald. Räumung, Befreiung Das letzte Kapitel des nationalsozialis-
und Spuren der Erinnerung, hg. v. d. tischen Massenmords, Übers. aus d. He-
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und bräischen: Markus Lemke, Reinbek bei
Mittelbau-Dora, Göttingen 2008, S. 9; Da- Hamburg 2011, S. 29.