NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn
Dokumentation
Am Vortag der Gedenkveranstaltung Versuch, sich zu retten, von der SS am »Cap Arcona«-Ehrenmal zum und Marinesoldaten erschossen. Wel-
77. Jahrestag der Bombardierung der che Tragik: Bomben, die das Ende des
KZ-Schiffe in der Lübecker Bucht fand Naziregimes beschleunigen sollten, tö-
erstmals auf dem Marktplatz der Stadt ten die, deren Leben sie retten sollten.
Neustadt in Holstein eine öffentliche Gerade Überlebende der Schiffskata-
Auftaktveranstaltung mit Vorträgen, strophe waren unter dem Eindruck des
Diskussion, Musik- und Filmbeiträgen erlebten Infernos erinnerungspolitisch
statt. Als Keynote Speaker war Pro- besonders aktiv. Sie initiierten Denk-
fessor Bill Niven, Nottingham Trent mäler, halfen bei der Identifizierung
University, Großbritannien, eingela- von Toten und setzten sich für wür-
den, der zum Thema »Die Versen- dige Grabstätten ein. Doch obgleich
kung der Cap Arcona in deutscher ihr Leben stark von dem Geschehen und britischer Erinnerung« sprach. Da geprägt war, fanden sie wenig Gehör.
seine Überlegungen zeigen, wie sehr Ihre Geschichte fügte sich nicht in
die westdeutsche Selbstviktimisierung, die gängigen Muster und Narrative.
das Widerstandsnarrativ in der DDR In der bundesdeutschen wie in der
und die britische Rezeption des Ge- britischen Erinnerung war die »›Cap
schehens dazu beigetragen haben, dass Arcona‹-Katastrophe« jahrzehntelang
diese Großkatastrophe in den Nach- von nachrangiger Bedeutung, erst spät
kriegsjahrzehnten nur wenig Aufmerk- änderte sich dies. Der Vortrag, den Bill
samkeit fand, liefern sie zugleich auch Niven am 2. Mai 2022 hielt und den er
Antworten zu Fragen dieses Heftes. für die Veröffentlichung überarbeitete,
Beim irrtümlichen Angriff briti- ist ein eindrucksvoller Appell, sich in
scher Jagdbomber, die die Schiffe für Forschung und Erinnerungskultur auch Truppentransporter hielten, verbrann- komplexen und mehrdeutigen Ereignis-
ten und ertranken wenige Stunden vor sen zu stellen.
ihrer möglichen Befreiung fast 7000
KZ-Häftlinge. Andere wurden bei dem Die Redaktion
Bill Niven
Die »›Cap Arcona‹-Katastrophe«
in der deutschen und britischen Erinnerung
Fritz Schwarz war Obersteward auf der KZ-Häftlinge übernommen. Während »Cap Arcona«, als sie versenkt wurde. dieser Aktion wurde das Schiff von
Er hat überlebt. 1953 berichtete er von feindlichen Fliegern überflogen, die
dem, was er erlebt hatte: »Am zweiten aber nicht gleich angriffen. Diese Flie-
Mai hatte die ›Cap Arcona‹ auf Reede ger wurden von den Marine-218 BILL NIVEN
gerschiffen durch Flak beschossen. Die te. Eine Katastrophe, die höchstwahr-
Flugzeuge flogen an diesem Tage ab, scheinlich ganz bewusst von der SS
ohne anzugreifen. Während die Flug- und Gauleiter Kaufmann einkalkuliert
zeuge das Schiff umkreisten, hatten wurde. In der irrigen Annahme, bei der
sich die Häftlinge in den Buchstaben »Cap Arcona« und der »Thielbek« han-
KZ auf dem Oberdeck hingelegt. Es dele es sich um deutsche Truppentrans-sollten [sic!] 6000 Häftlinge an Bord porter, haben britische »Typhoons«
gewesen sein. Am nächsten Tag, am die beiden Schiffe ebenso wie andere
3. Mai also, gegen 11 Uhr vormittags, Schiffe in der Lübecker Bucht ange-
kamen erneut feindliche Flieger […] griffen. Dass KZ-Gefangene am Bord und griffen sofort an. Das Schiff wurde waren, haben die Briten entweder nicht
in Längsrichtung von vorne nach hin- gewusst oder die Nachricht hat die
ten überflogen. Die Bomben wurden Piloten nicht erreicht – eine Frage, die
der Länge nach auf dem ganzen Schiff meines Erachtens in Großbritannien
verteilt. Vorwiegend waren es Brand- nicht ausreichend erforscht worden ist.
bomben (Phosphor). Das Schiff fing an An diese Katastrophe wurde in der
zu brennen. Die Bomben schlugen aber Bundesrepublik und in der DDR schon
nur bis zum A-Deck und Salon-Deck seit Kriegsende erinnert, wenn auch
durch. Überall setzte Panikstimmung eher regional begrenzt. 1949 entstand
ein, wie es wohl auf der ›Gustloff‹ in Neustadt-Pelzerhaken ein »Cap
gewesen ist. Menschen, die zu Fall ge- Arcona«-Ehrenmal, und Anfang der
kommen waren, wurden von anderen 1950er-Jahre berichteten Zeitungen zu Tode getreten. Viele Häftlinge, die in über die Versuche, die »Thielbek« zu
den oberen Decks untergebracht waren, bergen – obwohl man damals eher an
wurden am lebendigen Leibe verbrannt. der möglichen Instandsetzung als an
Als das Feuer sich in den oberen Decks der Ermittlung der Opferzahlen inter-
stark verbreitet hatte, konnte niemand essiert war. In der sowjetischen Besat-
mehr nach oben. So versuchten die zungszone wurde 1947 ein Birkenkreuz
Häftlinge und die Besatzungsmitglie- auf dem Gräberfeld in Groß Schwansee
der durch die Bullaugen zu entkom- aufgestellt. Später wurden die Gräber
men, welches aber nur den schlanken geöffnet und die Toten nach Greves-
Menschen gelang. Viele sind in den mühlen umgebettet, wo eine Gedenk-
Bullaugen stecken geblieben [sic!]. Von stätte entstand. Die Grenze zwischen
der Ankerstelle der ›Cap Arcona‹ aus der DDR und der Bundesrepublik ver-konnte man Land sehen. Noch näher lief in unmittelbarer Nähe zu Groß
als Neustadt lag Pelzerhagen. Dorthin Schwansee. So wurde die Erinnerung an
versuchten viele zu schwimmen. Vie- die Katastrophe in der Lübecker Bucht
le kamen dabei ums Leben […] Am zu einer getrennten Erinnerung, auch nächsten Tag brannte die ›Cap Arcona‹ wenn es gelegentlich Versuche gegeben
immer noch, bis sie dann seitlich nach hat, grenzüberschreitende Erinnerungs-
Steuerbord abkippte und dann kieloben 2 arbeit zu leisten. In der DDR wur-
auf Grund ging.«1 de die Geschichte der Versenkung ins
Wie aus diesem Bericht klar hervor- antifaschistische Widerstandsnarrativ
geht, handelte es sich beim Untergang eingebettet: An Bord des Schiffes hatte
der »Cap Arcona« um eine der größten es schließlich eine illegale Häftlingsor-
Katastrophen der letzten Kriegsmona- ganisation gegeben, die versuchen DIE »›CAP ARCONA‹-KATASTROPHE« 219
te, das Schiff zu übernehmen und die Zweck des Projekts war es, eine Doku-
Alliierten auf die Situation aufmerksam mentation über die Rückführung der
zu machen. Eine zentrale Figur bei deutschen Flüchtlinge, Verwundeten
der DDR-Erinnerung war der berühm- und Soldaten in den letzten Jahren des
te Schauspieler Erwin Geschonneck, Zweiten Weltkrieges zusammenzustel-
der die Versenkung der »Cap Arcona« len. Die Absicht war klar: Es sollte die
überlebt hatte und schon in den späten »Rettung von 2 Millionen Menschen
1940er- und in den 1950er-Jahren da- über das eisige Wasser der winterlichen
rüber berichtete. Im November 1965 Ostsee 1944/45 vornehmlich als hu-
waren 28 Vertreter des Komitees der 7 manitäre Tat« dargestellt werden. In-Antifaschistischen Widerstandskämp- dem die Beteiligten an dem Projekt die
fer der DDR dabei, als in Neuengamme Handels- und auch die Kriegsmarine in
das internationale Mahnmal eingeweiht ein positives Licht rückten, wollten sie
wurde. Sie besuchten auch das Eh- für die neue Bundeswehr eine Vorge-
renmal zur Erinnerung an die »Cap schichte humanitärer Einsätze schaffen.
Arcona«-Opfer bei Neustadt und über- Laut dem Entwurf eines Vorworts zu
gaben den Wellen einen Kranz zu Eh- der Dokumentation sei gegen Ende des
ren der Toten. Geschonneck hielt eine Krieges auf deutscher Seite »das Han-
flammende Rede, in der er »die Reha- deln einer überpolitischen Vernunft,
bilitierung der Nazimörder in West- einer menschlichen Anteilnahme, einer
deutschland« geißelte. 3 Barmherzigkeit um ihrer selbst willen
In den letzten 30 Jahren nimmt die 8 auf den Plan« getreten. Die Erinnerung
Erinnerung an die Versenkung in der an die Versenkungen der »Wilhelm
Lübecker Bucht zu, mit neuen Ausstel- Gustloff« und der »Cap Arcona« stör-
lungen, Netzwerken, Förderkreisen und ten hier das Narrativ gelungener Ret-
Erinnerungsinitiativen. 4 Es gibt jetzt ein tungen. Was auch nicht ins erwünschte
gemeinsames Erinnern in West und Ost. Bild passte, war die Erkenntnis, dass
Die Gedenkstätte in Grevesmühlen ist der Massentransport per Schiff aus dem
vor Kurzem umfassend saniert wor- Osten gegen Kriegsende aus ganz un-
den.5 Und doch hat man manchmal terschiedlichen Gründen erfolgte – was den Eindruck, die Erinnerung an die allein an der Zusammensetzung der
»Cap Arcona« und die »Thielbek« ist »Passagiere« deutlich wird. Um nur ein
im heutigen Deutschland bei Weitem Beispiel herauszugreifen: An Bord der
nicht so präsent wie die Erinnerung an »Potsdam«, die am 9. März 1945 von
die Versenkung der »Wilhelm Gustloff«, Gotenhafen nach Kopenhagen fuhr, be-
die am 30. Januar 1945 von einem sowje- fanden sich 750 KZ-Häftlinge, 3750
tischen U-Boot torpediert wurde. Mehr verwundete Soldaten und 4000 Flücht-
als 9000 Menschen kamen dabei ums 9 linge. Eine Schicksalsgemeinschaft war Leben, die meisten von ihnen deutsche das nicht, es bestand ja schließlich keine
Flüchtlinge. 6 Absicht, anders als bei den Soldaten
Sehr lange hatte weder die eine noch und Flüchtlingen, die Häftlinge zu ret-
die andere Tragödie eine große Rolle ten. Im Gegenteil, sie wurden als Ar-in der deutschen Erinnerung gespielt. beitssklaven dem fast sicheren Tod im
In den 1960er-Jahren wurde die »For- Restreich entgegengeführt.
schungsstelle Ostsee« an der »Ost-Aka- Mit der Zeit setzte in der Bundesre-
demie Lüneburg« ins Leben gerufen. publik jedoch eine Erinnerung ein, die 220 BILL NIVEN
ich als »Flucht- und Katastrophenge- gedrehte Film »Nacht fiel über Goten-
dächtnis« bezeichnen würde. Schon das hafen« 1959 in die westdeutschen Kinos
zitierte geplante Vorwort aus dem Jahr 14 kam. Der Untergang der »Wilhelm
1968 zu der von der Forschungsstelle Gustloff« forderte mehr als 9000 Men-
geplanten Dokumentation befand, es schenleben. Ihre Versenkung gilt inso-
sei für die Wahrheitsfindung ausge- fern als größtes Unglück der Seefahrts-
sprochen hinderlich, dass eine »Zahl geschichte. Gerade weil die »Wilhelm
von mehr populären, publizistisch an- Gustloff« der Stolz der KdF-Flotte war
gelegten Darstellungen […] einzelne und weil das Schiff dann ausgerechnet
Transportkatastrophen (Untergang der am Tag der »Machtergreifung« unter-
›Wilhelm Gustloff‹, ›Steuben‹ usw.) ging, erscheint ihr Schicksal symbolisch
zum Mittelpunkt nahmen«10. Dadurch für Aufstieg und Niedergang des »Drit-
sei – auch vertieft durch den Film ten Reiches«. Vieles in der Geschichte
»Nacht fiel über Gotenhafen« über die des »Wilhelm Gustloff«-Untergangs
»Wilhelm Gustloff« – in der Öffent- erinnert an die Elemente der klassi-
lichkeit der Eindruck entstanden, der schen Tragödie: Glanz, Hybris, Peripe-
Seetransport über die Ostsee sei »mit tie, Steigerung, retardierendes Moment,
ungeheuren Verlusten« verbunden ge- gefolgt von der Katastrophe. Bei der
wesen.11 Es dominierte also schon früh »Cap Arcona« kommen auch einige
die Erinnerung an Flucht nicht als »Ret- dieser Merkmale vor, aber eben nicht
tung« der deutschen Zivilbevölkerung, alle.
sondern als »Katastrophe«. In seinem Ist das Erinnerungsvermögen allge-
Buch »Zweierlei Untergang« hat And- mein an klassische Vorstellungsmuster
reas Hillgruber den Holocaust in Bezug gebunden, wie an das tragische und
zur Flucht und Vertreibung der Deut- konträre Aufeinanderfolgen von Flucht
schen gesetzt, dabei betonend, dass nur und Tod, Rettung und Untergang?
1 % der über den Seeweg flüchtenden Oder geht es hier um ein spezifisch
Menschen durch Schiffsuntergänge wie deutsches Erinnern an die vermeint-
den der »Wilhelm Gustloff« – »so ent- liche Tragik der nationalsozialistischen
setzlich sie auch waren« – ums Leben »Volksgemeinschaft«? Hitler bietet die-
gekommen seien.12 Publizistisch erwies ser »Volksgemeinschaft« Kreuzfahrten,
sich die Fokussierung auf »Rettung« und auf denselben Schiffen werden sie
aber als uninteressant. Als der Marine- schließlich Opfer von Hitler. Es ist eine
historiker Fritz Brustat-Naval ein Buch pathetische Sichtweise, selbstbemitlei-
zur Ostseerettung bei Ullstein veröf- dend, eine, in der die Opfer der Deut-
fentlichen wollte, winkte der Verleger schen nicht vorkommen. Bei der Ge-
Wolf Jobst Siedler ab. Siedler schrieb: schichte der »Cap Arcona« aber stehen
»Sie haben es […] mit sozusagen er- die Opfer der Politik der Deutschen im
eignislosem Elend zu tun, das bis auf Mittelpunkt: die, für die keine Rettung
Schiffsuntergänge keine dramatischen geplant war; die, für die das »Dritte
Zuspitzungen und Schicksalswenden Reich« von Anfang an eine Katastro-
mehr kennt.« 13 Schiffsuntergänge dage- phe war, nicht erst am Ende; die, die
gen waren ergreifender. von vornherein aus der »Volksgemein-
Inbegriff dieses Untergangs war schaft« ausgeschlossen wurden.
eben die »Wilhelm Gustloff«, schon als Es kommen andere Gründe hinzu,
der oben erwähnte, von Frank Wisbar warum die Erinnerung an die »Wilhelm
DIE »›CAP ARCONA‹-KATASTROPHE« 221
Gustloff« auch im Ausland dominiert.15 richtet worden ist und im revanchisti-
Die Versenkung der »Cap Arcona« schen Ton kampfbereite und marschie-durch britische »Typhoons« war für rende Soldaten darstellt. Hrdlicka stellt
die britische Rezeption des Themas im- stattdessen den Krieg als zerstöreri-
mer ein Problem. Nach dem Krieg hat sche Macht dar. Ursprünglich sollte das
ein britisches Ermittlerteam – die War »Gegendenkmal« aus vier Teilen beste-
Crimes Investigation Unit – die Um- hen: »Hamburger Feuersturm« – »Cap
stände, die zur Versenkung der »Cap Arcona« – »Soldatentod« – »Frauen im
Arcona« geführt haben, untersucht. Es Faschismus«. Realisiert wurden nur die
gibt Hinweise darauf, dass der briti- Teile »Hamburger Feuersturm« und
sche Nachrichtendienst von der Tatsa- »Cap Arcona«. Die Produktionskosten
che informiert worden ist, dass sich an lagen viel höher als erwartet, sodass
Bord KZ-Gefangene befanden. Leider nach vielem Hin und Her entschieden
aber wurde diese Nachricht aus unbe- wurde, Hrdlickas Mahnmalensemble
kanntem Grund nicht an die Piloten 17 nicht zu vollenden.
der Royal Air Force (RAF) weiterge- Ohne Zweifel leitet Hrdlickas
geben. In den Akten fehlt der Bericht Mahnmal eine Trendwende in Rich-
des Nachrichtenoffiziers, in dem von tung »Gegendenkmäler« ein. Aber viel-diesen Hinweisen die Rede ist. Die leicht eben weil es unvollendet bleibt,
RAF-Berichte zu der Katastrophe, auf bleibt es auch problematisch. Denn das
die in einem Index hingewiesen werden, Mahnmal thematisiert nicht den deut-
fehlen ebenfalls. Die Vermutung liegt schen Angriffskrieg, sondern nur die nahe, dass diese Berichte ein fragwür- Luftangriffe der Briten auf Hamburg
diges Licht auf das britische Vorgehen im Sommer 1943. Und die Häftlinge auf
in der Lübecker Bucht werfen könnten der »Cap Arcona« und die Opfer der
und deswegen nicht öffentlich zugäng- »Operation Gomorrha« werden in Be-
lich sind. Der Angriff war ein fol- ziehung zueinander gesetzt, ohne dass
genschwerer Fehler. Gegen Kriegsende das Mahnmal uns dazu auffordert, über
sind die kriegsmüden Briten nicht im- Unterschiede nachzudenken. Stattdes-
mer mit der notwendigen Vorsicht vor- sen wird eine Opfergemeinschaft sug-
gegangen, und die nachrichtendienst- geriert, und die Briten werden zumin-
liche Koordination ließ zu wünschen dest implizit als Täter dargestellt. Ich
übrig. Aber die Angst, die Deutschen übersehe nicht, dass in Großbritannien
würden versuchen, sich nach Norwe- in letzter Zeit immer mehr Bücher
gen abzusetzen, war eben groß. Und die erscheinen, die die britische und US-
Briten hatten es eilig, Lübeck einzuneh- amerikanische Führung des Luftkrieges
men vor – wie Churchill es ausdrück- durchaus kritisch beleuchten und die
te – »unseren russischen Freunden« 16. Leiden der Bevölkerung in den betrof-
In der Nähe des Bahnhofs Dammtor 18 fenen Städten deutlich machen. Wir
in Hamburg steht seit 1986 ein Mahn- Briten müssen kritischer mit unserer
mal des österreichischen Bildhauers Geschichte umgehen: Das gilt auch für
Alfred Hrdlicka. Hrdlickas Werk ist unsere Rolle bei der Versenkung der als Gegenreaktion auf das »76er-Denk- Schiffe in der Lübecker Bucht. Man
mal« von Richard Kuöhl konzipiert, ein kann Fehler eingestehen, ohne dass die
Denkmal, das 1936 zur Mobilisierung Schuld der anderen – und ich denke vor
der Kriegsbereitschaft ebenfalls dort er- allem an Gauleiter Kaufmann, die SS 222 BILL NIVEN
und die deutsche Industrie, die vor der Krieges verflochten. Wir dürfen unsere
Übergabe Hamburgs an die britischen Erinnerung an den Krieg nicht um vier
Truppen die geschundenen KZ-Häft- Monate verkürzen.
linge loswerden wollten – vermindert Das, was heute aus Mariupol, Bu-
wird. Es geht nicht um Verdammung, tscha und anderen ukrainischen Orten
sondern um Erkenntnis. berichtet wird, deutet auf Kriegsver-
An die Versenkung der Schiffe in der brechen hin; es gibt Hinweise, dass die
Lübecker Bucht im Mai 1945 sollte und russische Armee Massengräber angelegt
muss regelmäßig erinnert werden. Wir 19 hat, um die Spuren zu verwischen.
erinnern uns zu Recht an die Befreiung Immer wieder versuchen Armeen, Spu-
von Auschwitz am 27. Januar 1945. Je- ren zu tilgen und zu verstecken. Das
des Jahr. Auch in Großbritannien. Aber ist nichts Neues. Was auf der »Cap
mit der Befreiung von Auschwitz war Arcona« und der »Thielbek« passierte,
der Krieg längst nicht zu Ende, auch war der Versuch, noch lebende Men-
nicht mit der Befreiung von Bergen- schen vor den Augen der Welt zu
Belsen am 15. April 1945, an die wir uns verstecken. Das war durchaus mit den
in Großbritannien besonders intensiv »Todesmärschen« vergleichbar: Kaum
erinnern. Bis zuletzt wurden erschöpf- noch Lebende wurden weggebracht,
te KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und und im Zuge dieses verbrecherischen
Zwangsarbeiterinnen und Zwangsar- Vorgangs kamen sie massenweise ums
beiter aus vielen Ländern hin- und Leben. Wir dürfen unsere Augen nicht
hergeschoben, die »Todesmärsche« for- vor Massenmord und Kriegsverbrechen
derten ungezählte Opfer, es wurde wei- verschließen, und auch nicht vor dem
ter gemordet, Menschen verhungerten Verschwindenlassen von Spuren. Denn
und erfroren. Auf der »Cap Arcona« in dem Tilgen von Spuren liegt schon
herrschten entsetzliche Zustände, be- die Leugnung, dass überhaupt ein Ver-
vor sie angegriffen wurde. Die Flucht brechen stattfand. Das ist ein program-
der Deutschen vor der Roten Armee miertes Vergessen. Dem sollen wir die
war engstens mit dem Fortsetzen des Kraft des Erinnerns entgegensetzen.
Anmerkungen
1 Brief [Verf. unbekannt] an Heinz zeugwerken in Barth, dem Raketen-
Schön [Wiedergabe eines Berichtes des versuchsgelände Peenemünde und den
Oberstewards Fritz Schwarz], Ham- Zwangsarbeiterlagern in Born, Wieck,
burg, 4.7.1953, Bundesarchiv (BArch), Prerow, Zingst und Rövershagen. Die
OstDok, 4/66, S. 62-64. Ausstellung war das Ergebnis einer Zu-
2 So hat die DDR 1966 in Stralsund eine sammenarbeit mit der »Amicale Interna-
Ausstellung eröffnet (»Wir klagen an«), tionale de Neuengamme in Hamburg«.
in der die KZ-Verbrechen der Nazis Vgl. Günter Brock: Naziverbrechen an
im Küstengebiet zwischen Gdansk und der Ostseeküste, in: Neues Deutschland,
Lübeck dokumentiert wurden. Die Ver- 30.7.1966, S. 10. Mit »Amicale Interna-
senkung der »Cap Arcona« und der tionale de Neuengamme in Hamburg«
»Thielbek« wurde in Beziehung gesetzt ist vermutlich der 1948 gegründete Zu-
zum KZ Stutthof, dem Außenlager es sammenschluss überlebender Häftlinge
KZ Ravensbrück bei den Heinkel-Flug- des KZ Neuengamme » DIE »›CAP ARCONA‹-KATASTROPHE« 223
schaft Neuengamme« (seit 1970 »Ar- »Der Mann von der Cap Arcona«, mit
beitsgemeinschaft Neuengamme für die Erwin Geschonneck in der Hauptrolle
Bundesrepublik e. V.«), der westdeut- (als »Erwin Gregorek«). Der Film schil-
sche Mitgliedsverband der Amicale In- dert das Scheitern eines in Westdeutsch-
ternationale de Neuengamme, gemeint. land geplanten Filmprojekts zum Thema
Zur Geschichte der Arbeitsgemeinschaft »Cap Arcona«, aus dem sich der Ost-
Neuengamme vgl. Michael Grill / Sabine deutsche Gregorek zurückzieht, nach-
Homann-Engel: »… das war ja kein Spa- dem deutlich geworden ist, dass es bei
ziergang im Sommer!« Die Geschichte dem Projekt mehr um kapitalistische
eines Überlebendenverbandes, hg. v. d. Geldmacherei als um eine Suche nach
Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e. V., geschichtlicher Wahrheit geht. Thema
Hamburg 2008, hier insbes. S. 73-97. von »Der Mann von der Cap Arcona«
3 Naziverbrechen sind unverjährbar, in: ist eher die fehlende Vergangenheitsbe-
Neues Deutschland, 9.11.1965, S. 2. wältigung und der Antikommunismus
4 Eine aktive Rolle hat hier der Historiker in der Bundesrepublik als der Untergang
Wilhelm Lange gespielt. Vgl. Wilhelm in der Lübecker Bucht.
Lange: Cap Arcona. Dokumentation. 15 Vgl. z. B. Cathryn Prince: Death in the
Das tragische Ende einiger Konzen- Baltic: The World War II Sinking of
trationslager-Evakuierungstransporte the Wilhelm Gustloff, New York 2013;
im Raum der Stadt Neustadt in Holstein Roger Moorhouse: Ship of Fate: The
am 3. Mai 1945, Neustadt in Holstein Story of the MV Wilhelm Gustloff,
1988. Vgl. auch Heinz Schön: Die Cap London 2018; Ruta Sepetys: Salz für die
Arcona-Katastrophe: Eine Dokumen- See, Übers. aus d. Englischen: Henning
tation nach Augenzeugen-Berichten, Ahrens, Hamburg, 2016 (Original: Salt
Stuttgart 1989. to the Sea, New York 2016). Der His-
5 Vgl. Der Untergang der Cap Arcona, toriker Robert Watson beschäftigt sich
in: Politik MV. Berichte, Hintergründe, allerdings in einer neuen Studie mit der
Analysen, 3.5.2020, https://politik-mv. »Cap Arcona« (vgl. Robert P. Watson:
de/2020/05/03/der-untergang-der-cap- The Nazi Titanic: The Incredible Un-
arcona, Zugriff: 23.5.2022. told Story of a Doomed Ship in World
6 Als Beleg für die zeitgenössische Domi- War II, Boston, 2016).
nanz der Erinnerung an die Versenkung 16 Daniel Long: ›A Controversial His-
der »Wilhelm Gustloff« verweise ich tory?‹ An Analysis of British Attitudes
auf Günter Grass: Im Krebsgang. Eine and Responsibility in the Bombing of
Novelle, Göttingen 2002, sowie Guido the Cap Arcona, 3 May 1945, S. 29,
Knopp: Der Untergang der »Gustloff«. https ://cdn.southampton.ac.uk/assets/
Wie es wirklich war, München 2002. imported/transforms/content-block/
2008 wurde Joseph Vilsmaiers viel be- UsefulDownloads_Download/0E D 7
achteter Zweiteiler »Die Gustloff« im F6B10A8C48A99441F1705EF8E383/
ZDF und im ORF ausgestrahlt. Daniel%20Long%20-%20A%20Con
7 Vorwort, Entwurf, 1968, BArch, Ost- troversial%20History,%20An%20
Dok, 4/5, S. 5, Hervorh. i. Orig. Analysis%20of%20British%20Atti
8 Ebd. tudes%20….pdf, Zugriff: 23.5.2022.
9 Vgl. Brief von Konrad Engelhardt an Auf Daniel Longs exzellente Disserta-
Hans Schwarz, 27.8.1968, BArch, Ost- tion zur britischen Rolle bei der Ver-
Dok, 4/49, S. 263. senkung sei hier ebenfalls verwiesen:
10 Vorwort (Anm. 7), S. 7. Daniel Long: A Disaster in Lübeck
11 Ebd., S. 13. Bay: An Analysis of the Tragic Sinking
12 Andreas Hillgruber: Zweierlei Unter- of the Cap Arcona, 3 May 1945, Not-
gang. Die Zerschlagung des Deutschen tingham, Nottingham Trent Universi-
Reiches und das Ende des europäischen ty, Diss., 2017, https://irep.ntu.ac.uk/id/
Judentums, Berlin 1986, S. 37. eprint/36252/1/Daniel_Long_2018.pdf,
13 Brief von Wolf Jobst Siedler an Kon- Zugriff: 23.5.2022.
rad Engelhardt, 8.11.1968, BArch, MSg, 17 Vgl. Gegendenkmal von Alfred Hrdlic-
1/2632. ka, https://denkmalhamburg.de/gegen
14 In der DDR wurde 1982 ein Spielfilm denkmal-von-alfred-hrdlicka, Zugriff:
über die »Cap Arcona« fertiggestellt: 23.5.2022.
224 BILL NIVEN
18 Vgl. z. B. Keith Lowe: Inferno: The Toten, 22.4.2022, https://www.br.de/
Devastation of Hamburg 1943, Lon- nachrichten/deutschland-welt/berich
don 2012; Richard Overy: The Bombing te-ueber-massengraeber-bei-mariupol-
War: Europe, 1939-1945, London, 2014. mit-tausenden-toten,T3hhPDA, Zugriff: 19 Vgl. Christina Lutz: Berichte über Mas- 23.5.2022.
sengräber bei Mariupol mit Tausenden