NS-Verfolgte nach der Befreiung, Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn

Pavla Plachá: Tschechische ehemalige Häftlinge des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück in der Nachkriegszeit. Möglichkeiten und Grenzen ihres politischen Engagements

Pavla Plachá

 

 

Tschechische ehemalige Häftlinge

des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück

in der Nachkriegszeit

Möglichkeiten und Grenzen ihres politischen Engagements

 

Ab Mai 1945 kehrten Tausende politi- in der Tschechoslowakei trugen auch

sche Gefangene aus den befreiten Kon- die Dankbarkeit gegenüber der Sowjet-

zentrationslagern in die Tschechoslo- union und das Ansehen bei, dass sie

wakei zurück. Die Rückkehr in die sich durch ihren entscheidenden Anteil

Normalität war nicht einfach. Viele von an der Befreiung eines überwiegenden

ihnen hatten mit gesundheitlichen Pro- Teils des tschechoslowakischen Staats-

blemen infolge der Entbehrungen wäh- gebiets von der deutschen Besatzung

rend ihrer Inhaftierung zu kämpfen, oft erworben hatte, sowie die Beteiligung

hatten sie den Tod von Angehörigen vieler linker Aktivistinnen und Aktivis-

erleiden müssen und ihr Eigentum ver- ten am antifaschistischen Widerstand.

loren. Sie stießen auf Unverständnis in Zur Durchsetzung eines »gerech-

ihrer Umgebung und auf Hindernisse teren« und verglichen mit der soge-

im Umgang mit Behörden und Ämtern. 2 nannten Ersten Republik flexibleren

Trotzdem begannen viele, sich (erneut) politischen Systems sollte in der Nach-

im gesellschaftlichen Leben zu engagie- kriegstschechoslowakei, der sogenann-

ren, traten politischen Parteien bei und 3 ten Dritten Republik, die politische

gründeten Häftlingsvereinigungen. Der Macht auf vier tschechische und zwei

vorliegende Beitrag skizziert die Bio- slowakische Parteien beschränkt wer-

grafien einiger tschechischer weiblicher 4 den. Die Opposition wurde verboten, Häftlinge des Konzentrationslagers Ra- Industrie und Finanzwesen verstaat-

vensbrück, die nach dem Krieg aktiv licht und eine Bodenreform durchge-

am gesellschaftlichen Leben teilgenom- führt.

men haben. Er schildert ihren Weg in Viele der weiblichen ehemaligen Ge-

die Politik und die Möglichkeiten und fangenen des KZ Ravensbrück waren

Grenzen ihres politischen Engagements mit diesem Vorgehen einverstanden

ebenso wie die Folgen ihres Handelns. und unterstützten es, einige nahmen

In vielen europäischen Staaten, die daran auf verschiedenen Ebenen aktiv

vom Zweiten Weltkrieg betroffen wa- Anteil. Innerhalb linksgerichteter Par-

ren, rückten Teile der Bevölkerung teien, in verschiedenen Verbänden und

nach Kriegsende politisch nach links.1 Organisationen sowie in den entstehen-

Die Ursachen sind hauptsächlich in den Häftlingsvereinigungen eröffne-der Kriegserfahrung zu sehen. Viele ten sich ihnen neue Handlungsräume.

erkannten im Sozialismus, von dem es Einige verließen ihren ursprünglichen

durchaus unterschiedliche Vorstellun- Beruf – aus Hausfrauen, Arbeiterinnen

gen gab, ein Heilmittel gegen die vor- und Handwerkerinnen wurden Journa-

angegangenen national-völkischen und listinnen, Historikerinnen, Angestellte

faschistischen Bestrebungen. Zum Er- staatlicher Institutionen oder Politike-

starken sozialistischen Gedankenguts rinnen. TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 95

 

Nach vorsichtigen Schätzungen durch- dem Widerstand angeschlossen, sei es

liefen mindestens 1400 Frauen tsche- den einflussreichsten tschechischen

chischer Nationalität das zentrale Widerstandsorganisationen wie der

Frauen-Konzentrationslager Ravens- Obrana národa (Verteidigung der Na-

brück 5 7 , deportiert vorwiegend aus dem tion, ON ), dem Peti ční výbor Věrni

sogenannten Protektorat Böhmen und zůstaneme (Petitionsausschuss Wir Mähren. Sie wurden im Lager überwie- 8 bleiben treu, PVVZ ) und dem Politické

gend als »politische Häftlinge« geführt. úst ř 9 edí (Politisches Zentrum, PÚ ), sei Haftgründe waren aktive Widerstands- es in verschiedenen lokalen Gruppie-

handlungen und spontane Bekundun- rungen und illegalen Interessengemein-

gen von Missbilligung oder Ablehnung schaften. Antrieb ihres Widerstands

des Regimes, ebenso erfolgten präven- war vor allem ihr Patriotismus und

tive Verhaftungen bzw. Inhaftierungen der Wunsch nach Wiederherstellung

als Vergeltungsmaßnahmen und wegen der staatlichen Souveränität der Tsche-Verstößen gegen die Rassengesetze, Sa- choslowakei. Viele waren unter dem

botage am Arbeitsplatz und Vergehen Einfluss der Kriegserfahrung politisiert

gegen Kriegswirtschaftsbestimmungen. 6 worden und haben sich nach Kriegsen-

Unter den Tschechinnen im KZ Ra- de zum Eintritt in eine politische Partei

vensbrück haben sich schätzungswei- entschieden.

se 200 Frauen befunden, die vor der Einen hohen Prozentsatz unter den

deutschen Okkupation Mitglied in Par- tschechischen weiblichen Gefangenen

teien waren – vor allem der Kommu- im KZ Ravensbrück bildeten jedoch nistischen Partei (Komunistická strana auch Frauen, die unpolitisch waren

Československa, KSČ), der Sozialde- oder nur geringes Interesse am poli-

mokratischen Partei (Československá tischen Geschehen hatten. Ein Beispiel

sociálně demokratická strana dělnická) ist die Gruppe der Frauen aus Lidi-

und der Volkssozialistischen Partei ce, die als Vergeltungsmaßnahme nach

( Česká strana národně sociální). Da- dem Attentat des tschechoslowakischen

neben finden sich auch liberal-demo- Widerstands auf Reinhard Heydrich

kratisch orientierte Tschechinnen und vom 27. Mai 1942 verhaftet worden wa-

Frauen, die Anhängerinnen konser- ren. Diese Frauen hatten vor ihrer In-

vativer Parteien wie der Agrarpartei haftierung selbst nicht am Widerstand

(Republikánská strana zem ědělského a teilgenommen, hatten kein ausgeprägtes

malorolnického lidu), der Volkspartei Interesse an Politik und wurden mit

( Československá strana lidová) oder politischen Fragen größtenteils erst im der Nationaldemokratischen Partei 10 Konzentrationslager konfrontiert.

( Československá národní demokracie) Kontakte innerhalb der tschechi-

waren. schen Gruppe der Gefangenen im

Ein erheblicher Teil der inhaftierten KZ Ravensbrück sind vornehmlich von

Tschechinnen war nicht parteipolitisch, Frauen, die der Kategorie der »politi-

sondern z. B. in Frauenorganisationen, schen Häftlinge« zugerechnet wurden,

Bildungs- und Kulturvereinen, karita- bekannt, und diese waren äußerst inten-

tiven und anderen Hilfsorganisationen 11 siv. Der Austausch wurde vor allem

sowie Sportvereinen gesellschaftlich durch die gemeinsame Unterbringung

engagiert. Auch diese Frauen hatten der Tschechinnen in einem einzigen

sich während der deutschen Besatzung 12 Block befördert, ebenso aber durch 96 PAVLA PLACHÁ

 

die gemeinsame Sprache, Kultur und auch kritisch sahen. Sie störten sich vor

Tradition. allem am politischen Kadergeist, der

Politische Aktivitäten entwickelten bis in die alltäglichen zwischenmensch-

im Lager besonders die Kommunis- lichen Beziehungen hineinwirkte und

tinnen. Sie brachten die Voraussetzun- der die Solidarisierung mit Mitgefange-

gen dafür aus der Vorkriegszeit mit. nen von deren »Linientreue« abhängig Als Mitglieder einer systemfeindlichen machte. Stark patriotisch orientierten

politischen Partei waren sie bereits Tschechinnen fiel es schwer, sich damit

darin geübt, sich am Rande der Lega- abzufinden, dass die politische Zuge-

lität zu bewegen. Viele von ihnen hatten hörigkeit Vorrang vor der nationalen

schon zu Zeiten der Ersten Republik 16 Gemeinsamkeit haben sollte.

Studienaufenthalte an Parteischulen in Sympathisantinnen linksdemokrati-

der UdSSR absolviert, waren an Partei- scher Parteien, vor allem der Sozialde-

disziplin gewöhnt und hatten Erfahrun- mokratischen und der Volkssozialisti-

gen mit politischer Agitation und kurz- schen Partei, hielten sich politisch eher

zeitigen Inhaftierungen aufgrund ihrer zurück. Sie legten Wert auf den natio-

politischen Orientierung. Ihre politi- nalen Zusammenhalt und propagierten

schen Aktivitäten brauchten sie in Ra- allgemein demokratische Ideen. Sie be-

vensbrück »nur« der neuen Umgebung zogen sich hauptsächlich auf den ers-

anzupassen. Auch im Konzentrations- ten tschechoslowakischen Präsidenten

lager organisierten sie Politschulungen, Tomáš Garrigue Masaryk und auf die

agitierten unter ihren Mitgefangenen 17 Traditionen der Ersten Republik. Sie und »bekämpften das System« gemein- bildeten keine gesonderten Parteigrup-

sam. Dabei zielte ihre Agitation vor al- pen, sondern initiierten eher verschie-

lem auf politisch nicht gefestigte Frau- dene kulturelle Aktivitäten, begingen

en, die ihrer Meinung nach »diese ganze die Nationalfeiertage und organisierten

Umgebung nur sehr schwer ertrugen, 18 kleinere Bildungsklubs.

in Hoffnungslosigkeit verfielen, klag- Während gemeinsame kulturelle Ak-

ten und sich das alles nicht zu erklären tivitäten die Frauen unabhängig von

wussten«. 13 Solchen Frauen »musste ihrer politischen Überzeugung zusam-geholfen werden […], man musste ih- menbrachten, hatte die Politik die ge-

nen den Zusammenhang ihrer Lage mit genteilige Wirkung. Unterschiedliche

der politischen Situation aufzeigen«.14 politische Meinungen führten zu Kon-

Die politischen Schulungen der Kom- flikten, wobei besonders die Vorstellun-

munistinnen zielten hauptsächlich auf gen über die Neugestaltung des Staates

junge Frauen und auf die Frauen aus 19 nach dem Krieg auseinandergingen.

Lidice.15 Die Kommunistinnen über- Nach dem späteren offiziellen kommu-

nahmen auch bewusst Aufgaben als nistischen Ravensbrück-Narrativ seien Funktionshäftlinge, was ihnen zumin- die Kommunistinnen davon ausgegan-

dest begrenzte Möglichkeiten gab, auf gen, »der Krieg werde die Faschisten

die Lebensbedingungen im Lager Ein- hinwegfegen und mit ihnen auch die

fluss zu nehmen. Nach dem deutschen 20 Vertreter der Bourgeoisie«. Sie hätten Überfall auf die Sowjetunion wuchs sich die Errichtung eines neuen Staa-

ihr Ansehen. Ihr selbstbewusstes Auf- tes nach sowjetischem Muster vorge-

treten imponierte manchen weiblichen stellt, während die national orientierten

Mitgefangenen, während andere sie Frauen – von den Kommunistinnen als TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 97

 

»Nationalistinnen« bezeichnet – von tisch war der Verband zwar nicht neu-

einer Rückkehr »zur alten Ordnung« tral, aber auch nicht parteigebunden, geträumt hätten.21 Tatsächlich wünsch- und er bekannte sich zu den allgemei-

te sich jedoch fast keine der Frauen die nen Idealen von Demokratie, Nation

Wiederherstellung der Tschechoslowa- und Menschlichkeit. Er machte es sich

kischen Republik in ihrer alten Form. zur Aufgabe, den Faschismus zu be-

Die Mehrheit war für ein System mit kämpfen, die Verteidigung des Staates

mehr sozialer Gerechtigkeit und einer zu sichern und diesen im Geiste des

höheren wirtschaftlichen Effizienz. 22 nationalen Befreiungskampfes und der

Zum politischen Engagement der »Volksdemokratie« aufzubauen sowie

weiblichen ehemaligen Ravensbrücker den internationalen Zusammenhalt der

Häftlinge in der Nachkriegszeit trug politischen Gefangenen zu unterstüt-

neben ihrer Kriegserfahrung auch die 23 zen. Zu diesem Zweck organisierte

gesamtgesellschaftliche Atmosphäre bei, er z. B. Gedenk- und Kulturveranstal-

die in der Tschechoslowakei von all- 24 tungen. Anlässlich des ersten Jahres-

gemeiner Freude über die Niederlage tages der Befreiung des KZ Ravens-

Deutschlands und die Wiederherstel- brück organisierte die Ravensbrücker

lung des Friedens geprägt war. Der Mo- Vereinigung in Prag ein internationales

bilisierung der Gesellschaft dienten u. a. Treffen weiblicher ehemaliger Häftlin-

neu gegründete Organisationen, die ge, an dem Frauen aus Frankreich,

ehemalige Angehörige des Widerstands Jugo slawien, den Niederlanden, Öster-

vereinten. Zur Plattform politisch- reich und Polen teilnahmen und auf

gesellschaftlichen Engagements wur- dem der Grundstein für die Bildung

de die Sdružení bývalých politických des Internationalen Ravensbrück Ko-

vězňů – žen Ravensbrück (Vereinigung mitees (IRK) gelegt wurde. Dessen erste ehemaliger politischer Gefangener – Aufgabe sollte im Zusammentragen Frauen von Ravensbrück, im Weiteren von Zeugenmaterial für Prozesse gegen

»Ravensbrücker Vereinigung«), die sich Kriegsverbrecher und Kollaborateure

im ersten Nachkriegsjahr im Rahmen bestehen, eine weitere Aufgabe war die

des Svaz osvobozených politických Suche nach den vermissten Kindern

v 25 ě z ňů (Verband der befreiten politi-von Lidice. schen Gefangenen) bildete und auch in Die Leitungsebene der tschechischen

internationale Strukturen eingebunden Ravensbrücker Vereinigung spiegelte

war. Dieser Interessenverband, übri- in ihrer Zusammensetzung die politi-

gens die einzige Frauenvereinigung die- sche Machtverteilung im Staat: Vorsit-

ser Art in der Tschechoslowakei mit zende wurde die Kommunistin Zden-

Ambitionen zur Einflussnahme auf das ka Nedvědová-Nejedlá (1908-1998), politische Geschehen, trat im Namen stellvertretende Vorsitzende Antonie aller weiblichen ehemaligen politischen Kleinerová (1901-1982), Mitglied der

Häftlinge auf und bestimmte praktisch Volkssozialistischen Partei. Beide hat-

bis zum Sturz des kommunistischen ten schon im KZ Ravensbrück inner-

Regimes 1989 den Inhalt des Geden- halb der tschechischen Häftlingsgruppe

kens an Ravensbrück. Er stand allen zu den herausragenden Persönlichkei-

während des Zweiten Weltkrieges aus ten gehört und genossen große Auto-

politischen, religiösen oder rassisti- rität. Besonders Zdenka Nedvědová-schen Gründen Verfolgten offen. Poli- Nejedlá hatte durch ihr Wirken als

98 PAVLA PLACHÁ

 

Häftlingsärztin ein außergewöhnliches zung am Widerstand beteiligt. Beide

Ansehen errungen. Viele ihrer Mitge- wurden inhaftiert, ihr Mann kam 1943

fangenen (nicht nur Tschechinnen) be- im KZ Auschwitz ums Leben. Zden-

wunderten und verehrten sie und waren ka Nedvědová-Nejedlá kam im August ihr dankbar für die Hilfe, die sie ihnen 1943 von Auschwitz nach Ravens-

aufgrund ihrer Funktion im Lager ge- brück. Nach der Befreiung des Lagers

leistet hatte. 26 Ende April 1945 blieb sie dort und ver-

sorgte die Kranken. Nach Prag kehrte

 

In der Tschechoslowakei sie Ende Mai 1945 zurück. Infolge

politisch aktive weibliche der Haft litt sie unter gesundheitlichen

ehemalige Gefangene Beschwerden und war lange in Behand-

 

des KZ Ravensbrück Kinderärztin wieder auf. Schon zuvor, lung, erst 1947 nahm sie ihren Beruf als

im Dezember 1946, hatte sie jedoch

die weiblichen tschechischen ehemali-

gen Häftlinge als Zeugin im ersten Ra-

vensbrück-Prozess vor dem britischen

Militärgericht in Hamburg vertreten.

Von 1945 bis Ende der 1960er-Jahre

gehörte sie zu den Schlüsselfiguren des

tschechoslowakischen Ravensbrücker

Vereinigung, stellte ehemaligen Mitge-

fangenen u. a. berufliche Empfehlungs-

schreiben aus und verfertigte Kaderbe-

urteilungen für diverse Behörden. In

der Ravensbrücker Vereinigung war sie

bis Ende der 1960er-Jahre tätig. 1970

wurde sie wegen ihrer reformbefürwor-

tenden Ansichten und ihrer Kritik an

der Besetzung der Tschechoslowakei

durch Truppen des Warschauer Pakts

Abb. 1: Zdenka Nedv ědová-Nejedlá (1908- aus der Leitung der Vereinigung abbe-

1998), ca. 1947. Quelle: Národní archiv rufen und zog sich aus dem öffentlichen

 

ředitelství [Polizeidirektion] Praha II – Antonie Kleinerová hatte im [Nationalarchiv], Prag, Bestand Policejní Leben zurück.27KZ

všeobecná spisovna [allgemeine

Regis tratur] 1941-1950, Karton 7783, Ravensbrück keinen Posten inne, sie

N 353/33 arbeitete als Fegerin. Nach Angaben

der deutschen Inhaftierten Margarete

Buber-Neumann gehörte sie im La-

ger jedoch »zu den unvergesslichen

Mitglied der Kommunistischen Par- 28 Persönlichkeiten«. Sie stammte aus

tei der Tschechoslowakei (KSČ) war Prag, war Absolventin der Handels-

Zdenka Nedvědová-Nejedlá schon seit schule und verdiente ihren Lebens-

1932. Zusammen mit ihrem Ehemann unterhalt als Angestellte. Von ihrem

Miloš Nedvěd, ebenfalls Arzt, hatte 20. Lebensjahr an engagierte sie sich im sie sich während der deutschen Besat- tschechoslowakischen Zweig des inter-

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 99

 

Kampf!) und »Český kurýr« (Tschechi-scher Kurier); sie engagierte sich auch

in der Widerstandsbewegung 29 ON . Im

Herbst 1941 wurde sie von der Gestapo

verhaftet und noch im November nach

Ravensbrück deportiert. 30

Auch Antonie Kleinerová verlor

während des Krieges ihren Ehemann.

Jaroslav Kleiner, vor dem Krieg Chef

des technischen Betriebes beim Tsche-

choslowakischen Rundfunk, wurde zum

Tode verurteilt und 1942 im KZ Maut-

hausen hingerichtet. Nach der Befrei-

ung war Antonie Kleinerová kurzzeitig

bei der Repatriierungsbehörde in Prag

beschäftigt, anschließend arbeitete sie

als Sozialarbeiterin beim Svaz národní

revoluce (Verband der nationalen Revo-

lution, SNR), einer Organisation, in der

sich am Widerstand Beteiligte zusam-

Abb. 2: Antonie Kleinerová (1901-1982), mengeschlossen hatten. Neben ihrem

 

Archiv Poslanecké sně erste Hälfte der 1940er-Jahre. Quelle: Engagement in der Ravensbrücker Ver-

movny [Archiv des

Abgeordnetenhauses], Prag, Bestand Pos- einigung war sie auch im Frauenverein

lanci a senáto der Československá církev (Tschecho- ř i Národního a Federálního

shromáždění [Abgeordnete und Sena- slowakische Kirche) und im SNR als toren der Nationalen und Föderativen Vorsitzende des Klub pozůstalých po

Versammlung], 1174, Kleinerová Antonie nacistických obětech (Verein der Hin-

terbliebenen der Opfer des National-

sozialismus) tätig. Im Mai 1946 trat

nationalen Verbandes Young Women’s sie der Československá strana národně Christian Association (YWCA). Sie socialistická (Tschechoslowakische Na-

war in keiner Partei organisiert, hatte tional-Sozialistische Partei, ČSNS) bei, aber Interesse an demokratischen und als deren Vertreterin sie 1946 in die Ver-

sozialen Fragen. Als Angehörige der fassungsgebende Versammlung berufen

kleinen Gruppe tschechischer Quäke- wurde. Ihr Mandat als Abgeordnete übte

rinnen und Quäker beteiligte sie sich sie bis Mai 1948 aus, bis Februar 1948

an Hilfsaktionen für Flüchtlinge aus war sie Mitglied des Zentralausschusses

dem nationalsozialistischen Deutsch- 31 der Č SNS . In ihrer parlamentarischen land. 1939 bis 1940 leitete sie eine Arbeit widmete sie sich vor allem ge-Heilanstalt des Sozialministeriums für sundheitspolitischen und sozialen Fra-

hilfsbedürftige Mütter. Während der gen (z. B. der Kriegs- und Militärver-

deutschen Besatzung war sie in der sehrtenfürsorge und der Bekämpfung

Widerstandsbewegung PVVZ tätig und des Alkoholismus), der gesellschaftli-

beteiligte sich an der Herausgabe ille- chen Stellung der Frau (z. B. der Erhö-

galer Zeitschriften des tschechischen hung der Produktion technischer Hilfs-

Widerstands wie »V boj!« (Auf zum mittel für die Haushaltsführung und der 100 PAVLA PLACHÁ

 

der Zwischenkriegsjahre, der während

des Krieges zu den führenden Vertre-

tern des kommunistischen Widerstands

gehörte.

Im Februar 1941 wurden die Eheleu-

te von der Gestapo verhaftet und Ma-

tylda Synková später nach Ravensbrück

deportiert. Ihr Mann wurde im Septem-

ber 1941 in Prag-Kobylisy hingerichtet.

Matylda Synková gehörte im KZ Ra-vensbrück zum Kern der kommunisti-

schen Gruppe. Laut Margarete Buber-

Neumann übernahm sie nach dem Tod

von Jožka Jabůrková zusammen mit Ilsa Machová deren Leitung.33 Nach der

Befreiung kehrte sie nach Prag zurück.

Sie wurde in den Zemský národní výbor

(Landeszentralausschuss) berufen und

arbeitete in der Propagandakommissi-

Abb. 3: Matylda Synková (1906-1949), on des Ústřední národní výbor města

1947. Quelle: Archiv Poslanecké sn Prahy (Zentraler Nationalausschuss der ě movny,

Prag, Bestand Poslanci a senáto Stadt Prag). Im Kreis Prag war sie ř i Národ-

ního a Federálního shromáždění, 2555, als Leiterin der Frauenkommission der

Synková Matylda KS Č angestellt. Im März 1946 wurde

sie in den Ústřední výbor KSČ (Zent-ralausschuss der KS Č) gewählt und als

Arbeitserleichterung für Landfrauen) Abgeordnete der KS Č in die Verfas-

und der Entschädigung und Verteilung sungsgebende Versammlung berufen.

konfiszierten Eigentums.32 1948 wurde sie Mitglied der National-

Auch einige andere weibliche ehe- versammlung der ČSR. Auch Matylda

malige Häftlinge hatten wichtige poli- Synková widmete sich im Parlament bis

tische Ämter inne, von den Kommunis- zu ihrem plötzlichen Tod 1949 gesund-

tinnen z. B. Matylda (Hilda) Synková heitspolitischen und sozialen Themen

(1906-1949). Im Unterschied zu An- 34 sowie den Beziehungen zum Ausland.

tonie Kleinerová hatte sich Matylda Eine weitere herausragende kom-

Synková schon vor dem Krieg politisch munistische Politikerin der Vor- und

engagiert. Geboren wurde sie 1906 im Nachkriegszeit war Jarmila Taussigová

südmährischen Brumov. Sie absolvierte (1914-2011). Sie wurde 1914 in die

die Handelsschule und arbeitete danach Familie eines Oberschullehrers gebo-

als Büroangestellte in einer Glasfabrik. ren und erhielt eine Hochschulbildung.

Schon mit 20 Jahren trat sie der Kom- 1937 absolvierte sie die Fakultät für

munistischen Partei bei. Ab 1928 war Bauingenieurwesen an der Tschechi-

sie in Prag als hauptamtliche Partei- schen technischen Hochschule Brünn

und Gewerkschaftsfunktionärin tätig. und arbeitete anschließend bis 1940 als 1924 hatte sie Otto Synek geheiratet, Messassistentin. Mit 18 Jahren trat sie

einen Politiker und KS Č-Abgeordneten der Kommunistischen Studentenfrak-

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 101

 

1946 Mitglied des Zentralausschusses.

Im Mai 1948 kandidierte sie für die Na-

tionalversammlung, das Mandat trat sie

allerdings erst 1951 als Nachrückerin

an.35

 

Einige der späteren kommunistischen

Politikerinnen kamen aus der Grup-

pe der Frauen von Lidice. Die Tötung

Reinhard Heydrichs sowie die Rache-

aktion der deutschen Besatzer – die

Liquidierung der mittelböhmischen Ge-

meinde Lidice – riefen im Lager der

Gegnerinnen und Gegner des Natio-

nalsozialismus große Empörung hervor.

Noch während des Krieges entstanden in

Großbritannien und den USA Organisa-

tionen, Vereinigungen und Ausschüsse,

Abb. 4: Jarmila Taussigová-Pot die ihre Solidarität mit dem Schick- ů č ková

(1914-2011), Anfang der 1950er-Jahre, sal Lidices ausdrückten und sich dessen

Quelle: Archiv Poslanecké sn ěmovny, Wiederaufbau nach dem Krieg zum Ziel

Prag, Bestand Poslanci a senátoři Národ- setzten. Sie führten Sammlungen durch,

ního a Federálního shromáždění, 2740, errichteten Denkmäler und benannten

Taussigová-Potůčková Jarmila, Ing. Gemeinden, Städte, Straßen und Plätze

nach Lidice.36 Auch der tschechoslowa-

kische Widerstand im Ausland benutzte

tion bei, engagierte sich im Komsomol das Thema Lidice zur Propagierung sei-

und in der Roten Hilfe und wurde dann ner Aktivitäten. Die Frauen von Lidice,

Mitglied der KSČ. Ab März 1939 war die aus dem Konzentrationslager zu-

sie im kommunistischen Widerstand in rückkehrten, sahen sich so damit kon-

Brünn und danach in Prag tätig. frontiert, Teil einer Erzählung geworden

Ihr Ehemann František Taussig, zu sein, die sich verselbstständigt hat-

Mitarbeiter des ersten illegalen Zen- te, weit über ihre persönliche Tragödie

tralausschusses der KS Č, wurde im hinausging und in gewisser Weise zum September 1941 in Prag hingerichtet. »nationalen Eigentum« geworden war.

Jarmila Taussigová wurde im Juni 1941 In dieser Atmosphäre beteiligten sich

von der Gestapo verhaftet und im Fe- einige von ihnen aktiv an den Anstren-

bruar 1942 nach Ravensbrück depor- gungen zum Wiederaufbau Lidices, ein

tiert, wo sie bis Kriegsende in Haft erster Schritt zu einem späteren En-

blieb. Auch sie gehörte im Lager zum gagement in der Politik. Zwei dieser

Kern der kommunistischen Gruppe Frauen, Helena Leflerová (1921-1979)

und betrieb unter ihren Mitgefangenen und Marie Jarošová (1920-1998), erlang-

politische Agitation. Nach Prag kehrte ten wichtige politische Positionen. Ihr

sie Ende Juni 1945 zurück. Sie wurde öffentliches Engagement war eng mit

kurz darauf Mitglied des Sekretariats der Kommunistischen Partei verbunden,

des Zentralausschusses der KS Č und das diese wiederum für ihre Propaganda 102 PAVLA PLACHÁ

 

nutzte. Beide waren zum Zeitpunkt der MNV). Bereits 1945 trat sie in die

Tragödie von Lidice etwas über 20 Jahre KS Č ein, war dann nach der kom-alt gewesen. Sie hatten schon Familien munistischen Machtübernahme im Fe-

gegründet und waren Hausfrauen. Un- bruar 1948 zwanzig Jahre Abgeordnete

ter normalen Umständen hätte sie das der Nationalversammlung und nahm

übliche Leben von Frauen auf dem Dorf eine Reihe weiterer öffentlicher Äm-

erwartet. ter wahr. Sie arbeitete u. a. im Zen-

tralausschuss des Svaz protifašistických

bojovníků (Bund der Antifaschisti-schen Kämpfer), war drei Jahre Mit-

glied des Filmová rada (Filmrat), vertrat

ab 1947 die Tschechoslowakei im So-

zialausschuss der Vereinten Nationen

und übte auch Parteifunktionen auf

Kreisebene aus. In den 1950er-Jahren

studierte sie Jura an der Karlsuniversität

in Prag und besuchte die Parteischule

des Zentralausschusses der KS Č. Sie arbeitete auch in der Redaktion der

kommunistischen Tageszeitung »Rudé

právo« (Rotes Recht). 1958, 1962 und

1966 wurde sie in den Zentralausschuss

der KS Č gewählt, 1963 bis 1968 war sie

Vorsitzende des Československý svaz žen (Tschechoslowakischer Frauenver-

band). Im April 1968 trat sie aus Protest

gegen die reformistischen Bestrebungen

Abb. 5: Helena Leflerová (1921-1979),

1960er-Jahre. Quelle: Archiv Poslan- des sogenannten Prager Frühlings auf

ecké sn eigenen Wunsch vom Posten als stell- ě movny, Prag, Bestand Poslanci

a senátoři Národního a Federálního vertretende Vorsitzende der National-

shromážd ění, 1496, Leflerová Helena, Dr. versammlung zurück. Von 1969 bis

1971 war sie Abgeordnete der Födera-

len Versammlung.37

Marie Jarošová, geb. Bendová, wur-

Helena Leflerová wurde 1924 in de 1920 in Lidice geboren. Sie besuch-

Buštěhrad in eine Bergarbeiterfamilie te die Handelsschule für Frauenberu-geboren. Sie absolvierte die städtische fe und heiratete Josef Zelenka, einen

Schule und arbeitete bei Bauern. 1940 ebenfalls aus Lidice stammenden Buch-

heiratete sie den Hüttenarbeiter An- haltungsangestellten. Das Paar bekam

tonín Lefler aus Lidice und wurde einen Sohn. Bei der Zerstörung von

Hausfrau. Nach ihrer Rückkehr aus Lidice wurde ihr Mann erschossen und

dem Konzentrationslager 1945 betei- ihr Sohn kam im Vernichtungslager

ligte sie sich an Aktivitäten zum Auf- Kulmhof ums Leben. Im KZ Ravens-

bau eines neuen Lidice und wurde die brück verlor Marie Jarošová ihre Mut-

erste Vorsitzende des Místní národní ter. Nach ihrer Rückkehr aus dem

výbor (Örtlicher Nationalausschuss, Konzentrationslager wurde sie Mitglied TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 103

 

der Befreiung von Ravensbrück wur-

de erklärt: »Wir wollen weiterhin den

Geist der Kameradschaft erhalten und

pflegen, nicht mehr als Mittel des Wi-

derstands, sondern als schöpferisches

Element beim Aufbau und bei der Ver-

vollkommnung der gemeinsamen Hei-

mat und der Menschheit. Wir wollen

die Freundschaftsbande vertiefen und

verstärken, die in den Gefängnissen und

Konzentrationslagern zwischen Frauen

der ganzen Welt und aller Nationalitä-

ten geknüpft wurden, und gemeinsam

mit ihnen wollen wir für Frieden und

Demokratie kämpfen und gegen die

Abb. 6: Marie Jarošová (1920-1998), 39 Barbarei.« In der sich abzeichnenden

 

ecké sn ě 1970er-Jahre. Quelle: Archiv Poslan- machtpolitischen Neuordnung Europas

a senáto bzw. der Welt sollte sich dies jedoch als ř movny, Prag, Bestand Poslanci

i Národního a Federálního

shromážd nicht realisierbar erweisen. ě ní, 1010, Jarošová Marie

Das politische Klima in der Dritten

Republik verschärfte sich zunehmend

des Místní národní výbor (Örtlicher und nahm die Gestalt eines Macht-Nationalausschusses) in Lidice. 1948 kampfs zwischen der Kommunistischen

trat sie der KSČ bei. Ihre politische Partei und ihren Gegnern an. Die Kom-

Karriere reicht bis in die Zeit der so- munistische Partei verstärkte ihre Be-

genannten Normalisierung, also bis in mühungen um die Herrschaft im Staat,

die 1970er- bzw. 1980er-Jahre. Sie war die sie mithilfe ungesetzlicher Methoden

Vorsitzende des Zentralausschusses des im Februar 1948 auch errang, als sich

Český svaz žen (Tschechischer Frauen- die Tschechoslowakei definitiv in die

verband) (1969-1976) und Abgeordnete Staaten des sowjetischen Machtblocks

der Völkerkammer der Föderalen Ver- einreihte. Tatsächliche und vermeintli-

sammlung (1969-1971) und des Česká che Gegnerinnen und Gegner des neu-

národní rada (Tschechischer National- en Regimes wurden unbequem und die

rat) (1971-1990). Nach dem Sturz des Machtorgane begannen mit ihrer Verfol-

kommunistischen Regimes 1989/90 zog gung. Davon waren auch viele Männer

sie sich aus der Politik zurück.38 und Frauen des Widerstands gegen die

Nationalsozialisten betroffen, unter ih-

 

Zuspitzung alter politischer Diffe- nen auch weibliche ehemalige Häftlinge

 

renzen und neue Verfolgung Vilma Locherová, geb. Herychová des Konzentrationslagers Ravensbrück.

Die tschechoslowakische Ravensbrü- (geb. 1901), stellte sich im Unterschied

cker Vereinigung bekannte sich bei ih- zu den bisher vorgestellten Frauen nach

rer Gründung 1946 zu den Idealen von ihrer Rückkehr aus dem Konzentra-

Demokratie, Nation und Menschlich- tionslager auf die Seite der Opposi-

keit. Beim internationalen Treffen in tion gegen das dem Sozialismus zu-

Prag anlässlich des ersten Jahrestages neigende volksdemokratische Regime.

104 PAVLA PLACHÁ

 

nistinnen, gut aus.40 Ihr Mann blieb

nach dem Krieg in Großbritannien. Als

einem Gegner des neuen Regimes um

den Armeegeneral Lev Prchala drohte

ihm in der Heimat strafrechtliche Ver-

folgung. Vilma Locherová war bereits

im Sommer 1945 im Zusammenhang

mit der Untersuchung der sogenannten

Prchala-Aktion41 der Reisepass entzo-

gen worden. Wegen der Verteilung von

Flugblättern gegen Beneš drohte ihr die

Verhaftung, sodass sie sich entschloss,

ins Exil zu gehen. Schon im Herbst

1945 verließ sie die Tschechoslowakei

auf illegalem Wege.42 Im Januar 1950

wurde gegen sie unter dem kommunis-

tischen Regime beim Staatsgerichtshof

wegen Verstoßes gegen das Gesetz zum

Schutz der Volksdemokratischen Re-

Abb. 7: Vilma Locherová (1901-1991), publik (Nr. 231/1948 Sb.) Strafanzeige

 

Bestand Policejní gestellt. Zu dieser Zeit lebte sie mit editelství Praha vor 1940. Quelle: Národní archiv, Prag,

ř II –

všeobecná spisovna 1941-1950, ihrem Mann in London. Ab 1959 ver-

Karton 6758, L 2204/3 witwet, übersiedelte sie in den späten

1970er-Jahren ins australische Tasmani-

en, wo sie 1991 starb.43

Sie wurde 1901 in Prag geboren. Vor

dem Krieg besaß sie ein Mädchenpen-

sionat. Sie war mit dem tschechischen

konservativen Politiker Karel Locher

verheiratet. Ihr Mann ging 1939 ins

Exil und gehörte in Großbritannien der

Opposition gegen die Mehrheitsgruppe

des tschechischen Auslandswiderstands

unter Edvard Beneš an. Vilma Lochero-

vá blieb in Prag. Zur Zeit der »Heyd-

richiade«, der Racheaktion der deut-

schen Besatzer nach dem Tod Reinhard

Heydrichs im Juli 1942, wurde sie we-

gen ihrer Ehe mit einem tschechischen

Exilpolitiker als Geisel verhaftet. Ab

1942 war sie im KZ Ravensbrück in-

haftiert, wo sie als Blockälteste fun- 1946. Quelle: Milena Seborova: A Czech Abb. 8: Milena Šeborová (1916-2000),

gierte. Laut den Erinnerungen ihrer Trilogy, Rom 1990, S. 181 Mitgefangenen war sie beliebt und kam

trotz unterschiedlicher politischer An-

sichten mit allen, auch den Kommu-

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 105

 

Bereits im Februar 1948 wurde Mile- 44 fünf Jahren schwerer Haft verurteilt.

na Šeborová (1916-2000) verhaftet, die Nach Verbüßung der Strafe wurde sie

fast fünf Jahre wegen ihrer Beteiligung 1953 aus dem Gefängnis entlassen. Drei

am tschechischen nationalen Wider- Jahre später gelang es ihr, mit ihrem

stand im KZ Ravensbrück verbracht damaligen Ehemann aus der Tsche-

hatte. Sie war als Kryptografin in der 45 choslowakei zu emigrieren. Sie lebte nachrichtendienstlichen Gruppe Vla- zwei Jahre in Norwegen, wohin sie

dimír Krajinas tätig gewesen, die funk- ihren Freundinnen aus Ravensbrück,

telegrafisch Verbindung zum Londoner der Tschechin Anna Kvapilová und der

Exil hielt. Milena Šeborová hatte in Norwegerin Lille Graah, gefolgt war. Ravensbrück eine antikommunistische Danach gingen die Eheleute in die USA.

Position vertreten, und ihre Erfahrun- Sie engagierte sich nicht mehr partei-

gen in der Nachkriegszeit bestärkten sie politisch, arbeitete in einem Reisebüro

in dieser Haltung. Grund ihrer Verhaf- und hielt vor Studierenden und der

tung 1948 war ihr Nachkriegsengage- interessierten Öffentlichkeit Vorträge

ment in der Volkssozialistischen Partei, über ihre KZ-Erfahrungen. Sie starb

wo sie als Sekretärin des Generalsekre- 46 2000 in Denver, Colorado.

tärs Vladimír Krajina, ihres ehemaligen

Kameraden aus dem antifaschistischen Die Verfolgung traf auch Milena

Widerstand, tätig war. Krajina war in Šeborovás Parteigenossin, die stellver-

der Nachkriegszeit einer der Haupt- tretende Vorsitzende der Ravensbrü-

kritiker der Politik der Kommunisti- cker Vereinigung und Abgeordnete der

schen Partei. Milena Šeborová gehörte Nationalversammlung Antonie Klei-

zu seinen engsten Mitarbeiterinnen und nerová. Die kommunistische Staatssi-

Mitarbeitern. Deren Aufgabe bestand cherheit verhaftete sie im November

darin, Erkenntnisse über die Aktivi- 1949. Im folgenden Jahr wurde sie

täten der politischen Gegner, insbe- in einem gelenkten öffentlichen Pro-

sondere der Kommunistischen Partei, zess wegen Hochverrats und Spionage

gegen die eigene Parteiorganisation zu zu lebenslanger schwerer Haft verur-

sammeln. Kurz nach der kommunis- teilt. Nach einer Amnestie wurde sie

tischen Machtübernahme im Februar 1960 aus dem Gefängnis entlassen. Bis

1948 wurde sie verhaftet und im Sep- zu ihrem Tod 1982 litt sie als Folge

tember des Jahres vom Staatsgerichts- der erlittenen Inhaftierungen unter ge-

hof in einem politischen Schauprozess sundheitlichen Beschwerden und lebte

nach dem kommunistischen Umsturz zurückgezogen. Politisch rehabilitiert

abgeurteilt. Angeklagt wurden damals wurde sie erst posthum, nach dem

16 Mitglieder der Volkssozialistischen Sturz des kommunistischen Regimes,

Partei, unter ihnen als einzige Frau Mi- 47 im Jahr 1990. lena Šeborová. Über einige Angeklagte Unter dem kommunistischen Regime

wie Vladimír Krajina wurde in Ab- wurden auch einige heute weniger be-

wesenheit verhandelt, da es ihnen ge- kannte Widerstandskämpferinnen und

lungen war, aus der Tschechoslowakei ehemalige KZ-Häftlinge inhaftiert, dar-zu fliehen. Alle Angeklagten wurden unter 1949 Kornelie (Nelly) Procházko-

eines Anschlags auf die Republik, des vá, geb. Štúrová (geb. 1904), die Witwe

militärischen Verrats und der Spionage eines von den Nazis hingerichteten Of-

beschuldigt. Milena Šeborová wurde zu fiziers der tschechoslowakischen Armee.

106 PAVLA PLACHÁ

 

Abb. 9: Kornelie Procházková (geb. 1904), Foto der Staatssicherheit, 1949. Quelle: Archiv bezpečnostních složek [Archiv der Sicherheitskräfte], Prag, Sammlung Správa vyšet řování StB – vyšetřovací spisy (V) [Ermittlungsverwaltung der StB – Ermittlungsakte], V-6387 MV

 

Regimes zur Flucht verholfen und Kon-

takte zum tschechoslowakischen Exil

unterhalten hatten.

 

Der Verfolgung im kommunistischen

Regime entgingen auch Mitglieder der

KS Č nicht. Opfer der innerparteilichen Säuberungen wurde in den 1950er-Jah-

ren z. B. die oben vorgestellte Jarosla-

va Taussigová-Pot ůčková. Sie hatte ab 1948 in der Kommission zur Partei-

kontrolle gearbeitet. In dieser Funktion

hatte sie sich zunächst selbst an der

Vorbereitung inszenierter politischer

Prozesse beteiligt.50 1954 wurde sie vom Obersten Gerichtshof in einem nicht

öffentlichen Prozess zusammen mit den

 

1972), nach 1945. Quelle: Pam sogenannten »Helfern des staatsfeindli- národa Abb. 10: Leontina Neumannová (1890-

ěť

[Nationales Gedächtnis] chen Verschwörungszentrums« (Marie

Švermová und andere) wegen Hochver-

rats zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Sie war Gefangene im KZ Ravensbrück Nach der Amnestie 1960 wurde auch

1942 bis 1945.48 Ebenso wurde 1950 Le- sie aus der Haft entlassen. Sie kehrte

ontina Neumannová (1890-1972), Ge- nicht in die KS Č zurück. Während der

fangene im KZ Ravensbrück 1943 bis politisch-gesellschaftlichen Lockerung

1945, inhaftiert.49 Beide wurden verfolgt, Ende der 1960er-Jahre engagierte sie

weil sie Gegnern des kommunistischen sich in der Organisation ehemaliger

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 107

 

politischer Gefangener des kommunis- liche Hauptorganisatorin illegaler ge-

tischen Regimes K-231. Dieser Or- selliger und kultureller Aktivitäten. Sie

ganisation wurde die Tätigkeit nach gründete und führte u. a. den tschechi-

der militärischen Niederschlagung des schen Chor, sammelte, rezitierte und

sogenannten Prager Frühlings im Sep- schrieb Gedichte, stellte improvisierte

tember 1968 verboten. Ins politisch- Bücher her und war so durch ihre Tat-

gesellschaftliche Leben trat Jarmila kraft anderen eine moralische Stütze.

Taussigová-Pot ůčková erst wieder nach Vor dem Krieg hatte sie in einer Biblio-

dem Sturz des kommunistischen Re- thek gearbeitet, nach ihrer Rückkehr

gimes im Dezember 1989 ein, als sie in die Tschechoslowakei begann sie je-kurzzeitig Geschäftsführerin des vor- doch, sich zunehmend gesellschaftlich

läufigen Ausschusses K-231 wurde.51 zu engagieren. Sie trat der ČSNS bei Sie starb 2011.52 und wurde Vorstandsmitglied des Svaz

národní revoluce (Bund der Nationa-

len Revolution).53 Als dessen Angestellte

kümmerte sie sich um das Kulturreferat.

Nach der kommunistischen Machtüber-

nahme im Februar 1948 wurde ihr je-

doch aus politischen Gründen gekündigt

und sie entschloss sich, die Tschecho-

slowakei zu verlassen: »Mehrere meiner

Freundinnen aus Ravensbrück waren

verhaftet worden und mich hatte man

gewarnt, dass mich das gleiche Schick-

sal erwarte«,54 erinnerte sie sich. Im

Juni 1948 reiste sie illegal nach Nor-

wegen. Die Wahl dieses Landes hing

mit ihrer Gefangenschaft im KZ Ra-

vensbrück zusammen. In Norwegen

lebte Lille Graah55, eine enge Freundin

Abb. 11: Anna Kvapilová (1905-1992), aus dem Konzentrationslager, von der

1940er-Jahre. Quelle: Národní archiv, Prag, Anna Kvapilová auch bei ihren späteren

Bestand Policejní ředitelství Praha II – Aktivitäten im Exil unterstützt wur-

všeobecná spisovna 1941-1950, de. In Norwegen widmete sich Anna

Karton 6405, K 7680/11 Kvapilová der Unterstützung tschecho-

slowakischer Flüchtlinge. Zunächst war

sie in der Flyktningeutvalg (Kommis-

sion zur Auswahl der Flüchtlinge) bei

Mehrere der weiblichen ehemaligen der Europahlejpen (Europäische Hil-

Ravensbrücker Gefangenen entschieden fe), einer norwegischen Organisation

sich angesichts der drohenden Verfol- zur Unterstützung von Exilantinnen

gung nach der kommunistischen Macht- und Exilanten, tätig, später als Vorsit-

übernahme, ins Exil zu gehen. Unter zende der Sdružení československých

ihnen war Anna Kvapilová (1905-1992), demokratických uprchlíků v Norsku nach Erinnerungen von Zeitzeuginnen (Vereinigung tschechoslowakischer de-

schon im KZ Ravensbrück unermüd- mokratischer Flüchtlinge in Norwegen)

108 PAVLA PLACHÁ

 

und 1950 bis 1987 als Sekretärin des gerinnen des neuen Regimes. Auch

Norsk Tsjekkoslovakisk Hjelpeforenin- die Ravensbrücker Vereinigung, die

gen (Norwegisch-tschechoslowakischer sich unter der Leitung von Zdenka

Hilfsbund, NTH). Sie organisierte u. a. Nedvědová-Nejedlá auf die Seite des Sommeraufenthalte in norwegischen Fa- neuen Regimes gestellt hatte, wurde

milien für Exilantenkinder, deren Aus- dem neuen Verband eingegliedert58. Die bildung in Korrespondenzform (Fern- führenden Repräsentantinnen der Ra-

unterricht) und engagierte sich beim vensbrücker Vereinigung waren dabei

Aufbau etlicher »Exilheimens«, in denen über die Verfolgung ihrer ehemaligen

tschechoslowakische Flüchtlinge unter- Mitgefangenen informiert. Noch kurz

gebracht wurden. Ab 1959 veranstaltete zuvor hatten sie mit ihnen eng zusam-

sie in Storsand regelmäßig eine Sommer- mengearbeitet, sich mit ihnen auf Ge-

schule für Kinder von Emigranten aus denkveranstaltungen und bei anderen

der Tschechoslowakei. Sie starb 1992 Gelegenheiten getroffen. Die ehemalige in Norwegen, ihr Grab befindet sich in Ravensbrücker Gefangene Marie Zá-

Prag.56 potocká (1890-1981) war z. B. die Frau

des kommunistischen Regierungsvor-

Die Reihe der hier vorgestellten Tsche- sitzenden und einstigen Häftlings des

chinnen, die im KZ Ravensbrück in- KZ Sachsenhausen Antonín Zápotocký,

haftiert waren und die in der kom- ab 1953 Präsident der ČSSR. Darüber munistischen Tschechoslowakei wegen hinaus verliefen die politischen Prozes-

ihrer politischen Ansichten und gegen se unter aktiver Mitwirkung der Me-

das Regime gerichteten Aktivitäten er- dien.

neut verfolgt wurden, ist keineswegs

vollständig. Die Rekonstruktion ihrer

Schicksale wird durch das Verschwei-

gen ihrer Existenz in den offiziellen

Gedenkschriften, die zwischen 1948

und 1989 entstanden sind, erschwert.

Amtliche Quellen geben – soweit über-

haupt erhalten – über ihr Leben sowohl

im KZ Ravensbrück als auch danach

kaum Auskunft.57

Die kommunistische Machtüber-

nahme im Februar 1948 hatten erheb-

liche Folgen für das Funktionieren

der Ravensbrücker Vereinigung. Der

Übergang der Macht in die Hände

der Kommunistischen Partei war be-

gleitet von personellen Säuberungen in Abb. 12: Marie Zápotocká (1890-1981), 1933.

allen Bereichen des öffentlichen Le- Quelle: Národní archiv, Prag, Bestand An-

bens, die Frauenverbände eingeschlos- tonín Zápotocký, Karton 78, Životopisný

sen. Sie wurden in dem Gesamtver- materiál soudružky Marie Zápotocké

band Svaz protifašistických bojovník ů [Biographisches Material der Genosssin

Marie Zápotocká]

(Verband antifaschistischer Kämpfer)

zusammengefasst, geleitet von Anhän-

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 109

 

In den Quellen finden sich keine sie sich offenbar einem Parteidiktat. Sie

Hinweise, dass die Mitglieder der Ra- erfüllten die Forderungen der Partei, zu

vensbrücker Vereinigung oder auch denen auch gehörte, mit den sogenann-

einzelne Frauen versucht hätten, zu- ten reaktionären Kräften abzurechnen,

gunsten ihrer verfolgten Kolleginnen d. h. mit jenen, die mit dem im Februar

zu intervenieren. Lediglich Milena 1948 eingeschlagenen politischen Kurs Šeborová zitiert in ihren Erinnerungen der Tschechoslowakei nicht einverstan-

einen Brief, der nach ihrer Inhaftierung den waren.

1948 – allerdings aus Paris – von weib-

 

lichen Mitgliedern der französischen Fazit L’Association nationale des anciennes

déportées et internées de la Résistance Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte

(ADIR) an den damaligen tschechoslo- sich in der Tschechoslowakei denen

wakischen Präsidenten Klement Gott- ein Raum für politisches Engagement

wald gesandt wurde. 59 Sie wiesen darin geöffnet, die sich mehr oder weniger

auf die solidarische Haltung und die mit dem neuen Regime der Volksdemo-

Widerstandstätigkeit Milena Šeborovás kratie identifizierten. Die weiblichen

im KZ Ravensbrück hin sowie darauf, ehemaligen Häftlinge des KZ Ravens-

dass sie zwei inhaftierten Französin- brück gründeten 1946 ihre eigene Ver-

nen das Leben gerettet habe. Weiter einigung, die sich 1946 in den Verband

hieß es in dem Schreiben: »Dank Mi- der befreiten politischen Gefangenen

lena Šeborová, die die vornehmsten einreihte. Die Ravensbrücker Vereini-

Eigenschaften ihrer Nation verkör- gung war ein Interessenverband mit

pert – Würde, Patriotismus, Energie, dem Anspruch, aktiv ins gesellschaftli-

Großzügigkeit, praktischen Geist und che Leben einzugreifen. An seiner Spit-

Organisationstalent – gewannen alle ze standen Vertreterinnen der beiden

Französinnen deren Heimat lieb und bedeutendsten damaligen politischen

blicken durch Milena auf das tschechi- Strömungen, die Kommunistin Zdenka

sche Volk.«60 Diese Unterstützung der Nedvědová-Nejedlá und die Volkssozi-französischen ehemaligen Mitgefange- alistin Antonie Kleinerová. Beide waren

nen blieb allerdings ohne Wirkung. schon im KZ Ravensbrück bekannte

Der Verband der befreiten politi- Persönlichkeiten unter den inhaftierten

schen Gefangenen, in dessen Rahmen Tschechinnen. auch die Ravensbrücker Vereinigung Weibliche ehemalige Ravensbrücker

tätig war, setzte sich bei seiner Grün- Gefangene engagierten sich aber auch

dung 1946 u. a. die Unterstützung der außerhalb der Häftlingsvereinigungen.

politischen Häftlinge und ihren Zusam- Neue Möglichkeiten boten sich be-

menhalt zum Ziel. Bald wurde jedoch sonders den Mitgliedern der Kommu-

klar, dass dieser Anspruch nicht ver- nistischen Partei, die in der Tschecho-

wirklicht werden konnte. Kommunis- slowakei nach dem Zweiten Weltkrieg

tinnen, die 1948 in dem Kampf um die zu einer der stärksten Parteien wurde.

Macht in der Tschechoslowakei auf der Unter den Kommunistinnen, die in der

Seite der Sieger standen, sahen jetzt in Politik hohe Positionen erlangten, wa-

ihren ehemaligen Mitgefangenen wohl ren Frauen der jüngeren Generation,

vor allem politische Gegnerinnen. Wie die schon vor dem Krieg in der Partei

zur Zeit ihrer Inhaftierung unterwarfen aktiv waren und auch im 110 PAVLA PLACHÁ

 

trationslager den Ton innerhalb der ausgesetzt. Einige Frauen entgingen wie

kommunistischen Gruppe angegeben Anna Kvapilová der Verfolgung nur hatten. Diese Frauen unterstützten un- dank einer Flucht ins Exil, wo sie ihre

eingeschränkt die Politik ihrer Partei gesellschaftlichen Aktivitäten fortset-

und folgten den Direktiven der Füh- zen konnten.

rung. Wenn ihre politische Laufbahn

endete, geschah das entweder, weil sie Das gesellschaftliche Engagement der

starben (Matylda Synková), oder infol- ehemals im KZ Ravensbrück inhaf-

ge innerparteilicher Säuberungen un- tierten Tschechinnen unterlag grund-

ter Leitung der Parteiführung (Jarmila sätzlichen Beschränkungen durch die

Taussigová). politische Entwicklung der ersten

Zum Prüfstein ihrer Parteitreue wur- Nachkriegsjahre. Einigkeit, Solidarität

de erst die gewaltsame Unterdrückung und Freundschaft, wie sie unmittelbar

der Reformbemühungen 1968, die dazu nach der Niederlage des NS-Regimes führte, dass sich einige dieser Frauen von der Ravensbrücker Vereinigung als

von der Politik der KS Č 61 lossagten. Die Anspruch proklamiert worden waren, Kommunistische Partei eröffnete auch sollten sich unter den gegebenen Bedin-

zwei ursprünglich unpolitischen Frau- gungen bald als unerfüllbar erweisen.

en aus Lidice (Helena Leflerová und Einige der hier genannten Akteurin-

Marie Jarošová) den Weg ins öffentli- nen erlebten die politischen Veränderun-

che Leben; für sie wurde das politische gen in der Tschechoslowakei 1989 nicht

Engagement nach ihrer Rückkehr aus mehr, darunter Antonie Kleinerová, He-

dem Konzentrationslager zum neuen lena Leflerová, Vilma Locherová, Le-

Lebensinhalt. Ihr politisches Wirken ontina Neumannová, Matylda Synková

war mit der Politik der KS Č verbun- und Marie Zápotocká. Andere trafen die

den, der sie im Unterschied zu den ge- Ereignisse des Novembers 1989 in einem

nannten Kommunistinnen während des relativ hohen Alter. Marie Jarošová, die

gesamten kommunistischen Regimes in in den 1970er- und 1980er-Jahren in

der Tschechoslowakei bis zu dessen der Politik tätig war, zog sich nach dem

Sturz 1989 treu blieben. Demgegen- Fall des kommunistischen Regimes zu-

über waren Frauen, die wie Antonie rück. Andere wie Zdenka Nedvědová-Kleinerová, Milena Šeborová, Kornelie Nejedlá, Hana Šebetovská-Housková

Procházková und Leontina Neuman- und Jarmila Taussigová engagierten sich

nová ihr politisches Engagement in der erneut in der Erinnerungsarbeit, in der

Nachkriegszeit mit der Volkssozialis- sie nun offen in über ihre früheren

tischen Partei verbunden hatten, nach Ansichten und Haltungen reflektieren

dem Februar 1948 der Verfolgung bis konnten.

hin zu langjährigen Gefängnisstrafen

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 111

 

Anmerkungen

 

1 So hat die Kommunistische Partei in der Leben. Tschechoslowakische Frauen im

Tschechoslowakei in der ersten Parla- KZ Ravensbrück 1939-1945], Prag 2021.

mentswahl nach dem Krieg im Mai 1946 7 Es handelte sich vor allem um eine mili-

31 % der Stimmen erhalten (gegenüber tärische Widerstandsorganisation, deren

10 % im Jahr 1935), in Frankreich er- Mitglieder sich überwiegend aus Ange-

reichte die Kommunistische Partei in der hörigen der aufgelösten tschechoslowa-

Parlamentswahl 1946 26 % (gegenüber kischen Armee, der Stráž obrany státu

15 % im Jahr 1936), in Italien erhielt die (Staatlichee Verteidigungsgarde) und an-

Kommunistische Partei 1946 19 %. derer Streitkräfte und der Turnvereine

2 Als »Erste Republik« wird die Tsche- Sokol sowie aus ehemaligen Angehöri-

choslowakei zwischen 1918 und 1938 gen der Tschechoslowakischen Legio-

bezeichnet, also von der Entstehung nen (militärische Freiwilligenverbände

bis zur Eingliederung der Grenzgebie- im Ersten Weltkrieg) und Angestellten

te in das Deutsche Reich nach dem staatlicher Behörden zusammensetzten.

Münchner Abkommen vom 30. Septem- Zu den Tätigkeiten, Aufgaben und Ver-

ber 1938. änderungen der Organisation siehe Sta-

3 Als »Dritte Republik« wird die Tsche- nislav Kokoška (Hg.): Obrana národa

choslowakei zwischen 1945 und 1948 v dokumentech 1939-1942 (Historický

bezeichnet. Die Widerherstellung der a archeografický úvod) [Verteidigung

ČSR war das Ergebnis der Bemühungen der Nation in Dokumenten 1939-1942

der Exilregierung in London mit den (Historische und archeografische Ein-

siegreichen westlichen Verbündeten der führung)], Prag 2018, S. 5-12.

Anti-Hitler-Koalition. 8 Die Organisation vereinte u. a. Mitglie-

4 Es wurde die Nationale Front der Tsche- der von Gewerkschaften, Sport-, Erzie-

chen und Slowaken gebildet, in der sich hungs-, Lehrer- und anderen Organisa-

tschechische Kommunistische, Volks- tionen, Intellektuelle, Freimaurer. Vgl.

sozialistische, Sozialdemokratische Par- Detlef Brandes: Češi pod německým

tei und Volkspartei sowie slowakische protektorátem. Okupační politika, ko-

Kommunistische und Demokratische laborace a odboj [Tschechen unter dem

Partei zusammenschlossen. Nur Kandi- deutschen Protektorat. Besatzungspo-

datinnen und Kandidaten der Nationa- litik, Kollaboration und Widerstand],

len Front durften bei Wahlen antreten Prag 1999, S. 72-74, 77 f.

und teilten sich anschließend die Macht 9 Aufgabe des PÚ war die Koordinierung

im Staat. Entscheidungen der Nationalen des inländischen nicht kommunistischen

Front waren für Regierung, Parlament Widerstands. Ihm gehörten vor allem

und staatliche Verwaltung bindend. bedeutende heimische Politiker und Po-

5 Die Schätzung von 1400 bis Ende 1944 litikerinnen an. Vgl. Brandes (Anm. 8),

in das KZ Ravensbrück deportierten S. 67-71, 74 f.

Tschechinnen stammt von dem His- 10 Vgl. Plachá (Anm. 6), S. 309-313.

toriker Bernhard Strebel. Vgl. Bern- 11 Vgl. ebd., S. 228 f.

hard Strebel: Das KZ Ravensbrück. Ge- 12 Der sogenannte Tschechische Block

schichte eines Lagerkomplexes, Pader- (Nr. 8) war 1942 nach dem hohen Zu-

born 2003, S. 146. In tschechischen und wachs an inhaftierten Tschechinnen nach

polnischen Publikationen finden sich dem Attentat auf Reinhard Heydrich

höhere Zahlen. Die Differenzen sind eingerichtet worden. 1944 wurden die

offenbar auf unterschiedliche Definiti- Frauen des Blocks 8 auf andere, national

onen der Gruppen zurückzuführen, so gemischte Blocks verteilt.

hat Strebel tschechische Jüdinnen und 13 Ravensbrück, hg. v. Dagmar Hájková /

Romnja und Sintize nicht einbezogen. Božena Holečková / Hana Housková /

6 Vgl. hierzu wie zum Folgenden meine Vlasta Kladivová / Lída Krutinová /

Dissertation über tschechoslowakische Miroslava Berdychová / Marina K řižová /

Frauen im KZ Ravensbrück: Pavla Plachá: Jindřich Veselý, Prag 1960, S. 153 f.

Zp řetrhané životy. Československé ženy 14 Ebd., S. 154.

v nacistickém koncentračním táboře Ra- 15 Vgl. Hana Housková: Ravensbrück – tá-

vensbrück v letech 1939-1945 [Zerrissene bor u jezera [Ravensbrück – Das Lager

112 PAVLA PLACHÁ

 

am See], Manuskript, nicht dat., S. 23, sönlichen Brief an Anna Kvapilová aus

Kopie im Besitz der Verf. dem Jahr 1986 im Zusammenhang mit

16 Vgl. Plachá (Anm. 6), S. 272-282. ihrer geplanten Beteiligung am Dreh

17 Vgl. ebd., S. 256-271. eines Dokumentarfilms über Ravens-

18 So z. B. Klára Červinková, die in einem brück in Paris (an dem sie schließlich

kleinen Kreis Vorträge über Geschich- nicht teilnahm): »Weißt du, ich war ent-

te hielt (vgl. Ravensbrück [Anm. 13], schlossen, denen dort vom Verhalten der

S. 202). Ludmila Peškařová (1890-1987) Kommunistinnen im R. [Revier] zu er-

erklärte ihren Mitgefangenen die Mu- zählen. Ohne Milka Skrbková, obwohl

sikgeschichte (vgl. Ludmila Peškařová, Kommunistin, wäre es kaum möglich

Lebenslauf, S. 2, Vojenský ústřední ar- gewesen, Medikamente oder eine Bett-

chiv – Vojenský historický archiv [Mi- karte zu bekommen. Dabei spreche ich

litärisches Zentralarchiv Prag – Militär- nicht nur von mir, sondern auch von

historisches Archiv], Prag [VÚA-VHA], anderen.« Brief von Milena Šeborová

Sammlung Osv ědčení podle zákona, an Anna Kvapilová, Weihnachten 1986,

č. 255/1946 Sb. [Bescheinigung laut Ge- Archiv Libri prohibiti, Prag (ALP),

setz 255/1946] [OPZ], 46152/68, Lud- Nachlass Anna Kvapilová, Karton 2,

mila Peška řová). Ordner Knoll S. Milena. 19 Zu den politischen Kontroversen un- 27 Vgl. Akte Zdenka Nedvědová-Nejedlá,

ter den Tschechinnen vgl. Insa Esche- Národní archiv [Nationalarchiv], Prag

bach: Milena Jesenská und Ravensbrück. (NA), Bestand Policejní ředitelství [Po-

Ein Beitrag zur Erinnerungsgeschichte lizeidirektion] Praha II – všeobecná

des Frauen-Konzentrationslagers / Mile- spisovna [allgemeine Registratur] 1941-

na Jesenská a Ravensbrück. P říspěvek k 1950, Karton 7783, N 353/33; MGR,

d ějinám paměti ženského koncentračního Nachlass Zdenka Nedvědová-Nejedlá,

tábora, in: Pavla Plachá / Věra Zemanová NL 97, S. 38-42; Josef Adamec / Ludmila

(Hg.): Milena Jesenská: biografie, histo- Hlaváčková / Petr Svobodný (Hg.): Bio-

rie, vzpomínky / Milena Jesenská: Bio- grafický slovník pražské Léka řské fa-

grafie, Zeitgeschichte, Erinnerung, Prag kulty 1348-1939 [Biografisches Wörter-

2016, S. 122-142. buch der Medizinischen Fakultät 1348-

20 Ravensbrück (Anm. 13), S. 154. 1939], Teil II: L-Ž, Prag 1993, S. 188 f. 21 Vgl. ebd. 28 Margarete Buberová-Neumannová: Kaf-

22 Vgl. Eschebach (Anm. 19), S. 132-135. kova přítelkyně Milena [Kafkas Freundin 23 Vgl. Hilda Synková: Sjezd ravens- Milena], Prag 1992, S. 182, Übers. aus d.

brückých žen [Kongress der Ravensbrü- Tschechischen: Marika Jakeš.

cker Frauen], in: Rudé právo, Nr. 105, 29 Zusammen mit ihrem Ehemann über-

4.5.1946, S. 4. nahm sie nachrichtendienstliche Aufga-

24 Vgl. z. B. die Einladung zum Gedenk- ben, versteckte Waffen und Sprengstoff

abend für die im Konzentrationslager in ihrer Wohnung und half, Unter-

Ravensbrück Gestorbenen am 18. Ok- schlupf für tschechoslowakische Fall-

tober 1945 oder die Einladung zum Vor- schirmspringer aus Großbritannien zu

trag des Vereins der Nationalrevolution finden. Vgl. Petr Hampl: Jaroslav Klei-

»T. G. Masaryk und sein Einfluss auf die ner. Z rozhlasových studií do Mauthau-

Beteiligung von Frauen an Widerstand senu [Aus den Rundfunkstudios nach

und Aufbau« am 3. März 1946 in Prag, Mauthausen], https://www.rozhlas.cz/

Archiv der Mahn- und Gedenkstätte bitvaorozhlas/rozhlasoveobeti/_zpra

Ravensbrück / Stiftung Brandenburgi- va/kleiner-jaroslav--1476304, Zugriff:

sche Gedenkstätten (MGR), Nachlass 2.9.2019.

Zdenka Nedvědová-Nejedlá, NL 97/2- 30 Im September 1943 wurde sie in Prag

2, S. 4-5 bzw. 25-26. vor Gericht gestellt (Untersuchungser-

25 Vgl. Synková (Anm. 23). gebnis und Urteil sind nicht bekannt)

26 Vgl. Plachá (Anm. 6), S. 40-43. Es gab und anschließend vorübergehend im

auch Kritikerinnen am Wirken der Frauengefängnis Leipzig-Meusdorf in-

Kommunistinnen im Krankenrevier, haftiert. Im Mai 1944 wurde sie wieder

deren Stimmen jedoch in der Tsche- nach Ravensbrück überstellt, wo sie bis

choslowakei kein Gehör fanden. So Kriegsende blieb. Vgl. Ravensbrück-Zu-

schrieb Milena Šeborová in einem per- gangslisten, Archiv des Instytut Pamięci

TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 113

 

Narodowej [Institut für nationale Erin- 36 Vgl. Pavla Štěpánková: Společnost pro

nerung], Warschau, F. Obóz Koncen- obnovu Lidic (1945) 1946-1959 [Ge-

tracyjny w Ravensbrück [Konzentra- sellschaft zum Wiederaufbau von Lidi-

tionslager Ravensbrück], GK 135/59/1, ce], Brno, Historický ústav Filozofické

S. 96, u. GK 135/66/2, S. 92. fakulty Masarykovy univerzity Brno

31 Akte der Abgeordneten Anto- [Historische Anstalt der Philosophi-

nie Kleinerová, Archiv Poslanecké schen Fakultät der Masaryk-Universität

sněmovny [Archiv des Abgeordneten- Brno], Dipl.-Arb., 2006, S. 18-21.

hauses], Prag (APS), Bestand Poslan- 37 Vgl. Akte der Abgeordneten Helena

ci a senátoři Národního a Federálního Leflerová, APS, PSNFS, 1496; Zemřela

shromážd ění [Abgeordnete und Sena- soudružka Leflerová-Krajčírová [Die

toren der Nationalen- und Föderati- Genossin Leflerová-Krajčírová ist ge-

ven Versammlung] (PSNFS), 1174. Vgl. storben], in: Rudé právo, Nr. 51,

auch KLEINEROVÁ, Antonie, rozená 1.3.1979, S. 1.

Štainicová (23.3.1901 Praha - 23.8.1982 38 Vgl. Akte der Abgeordneten Marie

Praha), https://www.ustrcr.cz/uvod/ Jarošová, APS, PSNFS, 1010.

skupina-vyzkumu/kleinerova-anto- 39 Flugblatt »Osvobozený Ravensbrück«

nie-23-3-1901, Zugriff: 30.6.2018. [Befreites Ravensbrück], Übers. aus

32 Vgl. Antonie Kleinerová, https://www. d. Tschechischen: Marika Jakeš, NA,

psp.cz/sqw/detail.sqw?id=2043&org Bestand Český svaz protifašistických

=286, Zugriff: 9.6.2021. bojovník ů – ústřední výbor, Praha, 33 Vgl. Buberová-Neumannová (Anm. 28), Mezinárodní výbor Ravensbrück

S. 180. (neuspořádáno) – sjezdy v zahraničí. 34 Vgl. zu den Angaben über Matylda Setkání – aktivy v Praze. [Tschechischer

Synková František Štverák: Schema- Verband antifaschistischer Kämpfer –

tismus k dějinám Komunistické stra- Zentralausschuss, Prag, Internationales

ny Československa (1921-1992) Komitee Ravensbrück (nicht inventari-

Základní informace o ústředních or- siert) – Kongresse im Ausland. Zusam-

gánech a biografické údaje o vedoucích mentreffen – Tagungen in Prag].

představitelích strany [Überblick zur 40 Vilma Locherová wird z. B. von Zdenka

Geschichte der Kommunistischen Par- Nedvědová-Nejedlá in ihren Erinnerun-

tei der Tschechoslowakei (1921-1992). gen erwähnt. Siehe Bärbel Schindler-

Basisinformation über Zentralorga- Saefkow: Erinnerungen von Dr. Zdenka

ne und biografische Angaben zu füh- Nedwedowá-Nejedlá an das faschisti-

renden Parteivertretern], Prag 2018, sche Frauenkonzentrationslager Ravens-

S. 413; Milena Kovaříková: Ulice v brück, in: Jahrbuch für Forschungen

našem městě [Straßen unserer Stadt], in: zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2

Městský zpravodaj Brumov [Stadtnach- (2003), Nr. 1, S. 98-127, hier S. 118 f.

richten Brumov] 22 (2016), Nr. 7, S. 1; 41 Lev Prchala (1892-1963) war ein tsche-

Anděla Dvořáková (Hg.): Nebylo be- choslowakischer Armeegeneral, der im

zejmenných [Sie waren nicht namenlos], Londoner Exil die Widerstandskonzep-

Prag 1986, S. 177-182; Akte der Abge- tion von Edvard Beneš kritisierte. Nach

ordneten Matylda Synková, APS, PSNFS, dem Kriegsende blieb er mit seinen An-

2555. hängern in Großbritannien und kämpfte

35 Vgl. Akte der Abgeordneten Jarmila politisch gegen das Regime in der ČSR.

Taussigová-Potůčková, APS, PSNFS, In der Tschechoslowakei wurden unbe-

2740; Osobní spis účastníka národ- gründete Gerüchte verbreitet, dass er in

ního boje za osvobození [Personalakte westlichen Besatzungszonen Deutsch-

des Teilnehmers am nationalen Befrei- lands eine eigene Armee zusammen-

ungskampf] (OSÚNBO), VÚA-VHA, stelle. 1945 wurde in der ČSR gegen

Sammlung OPZ, 105720/69, Jarmi- mehrere Personen, unter ihnen auch Vil-

la Potůčková; Petr Anev / Matěj Bílý ma Locherová, wegen Verteilung politi-

(Hg.): Biografický slovník vedoucích scher Flugblätter Prchalas ermittelt. Vgl.

funkcionářů KSČ (1921-1989) [Biogra- Jiří Plachý: Třetí republika a armáda

fisches Wörterbuch führender Funktio- generála Prchaly [Die Dritte Republik

näre der KS Č (1921-1989)], Teil II, Prag und die Armee des Generals Prchala], in:

2018, S. 456-459. Ivo Pejčoch / Prokop Tomek (Hg.): Od 114 PAVLA PLACHÁ

 

svobody k nesvobod ě 1945-1956 [Von Volkssozialistische Partei – Zentralse-

der Freiheit zur Unfreiheit 1945-1956], kretariat, Prag], k. 46, 35-105-7.

Prag 2016, S. 33-37, hier S. 34-36. 47 Vgl. KLEINEROVÁ, Antonie, rozená 42 Vgl. Plachý (Anm. 41), S. 36, Anm. 112. Štainicová (23.3.1901 Praha-23.8.1982

43 Vgl. Akte Vilma Locherová, NA, Be- Praha), https://www.ustrcr.cz/uvod/sku

stand Policejní ředitelství [Polizeidi- pina-vyzkumu/kleinerova-antonie-23-

rektion] Praha II – všeobecná spisov- 3-1901, Zugriff: 30.6.2018.

na 1941-1950, Karton 6758, L 2204/3; 48 Vgl. OSÚNBO, VÚA-VHA, Samm-

OSÚNBO, VÚA-VHA, Sammlung OPZ, lung OPZ, 50742/68, Procházko-

177891/76, Vilma Locherová. vá Kornelie; Truhlá ř František a spol. 44 Vgl. Rozsudek Státního soudu [Urteil [Truhlář František und andere], ABS, f.

des Staatsgerichtshofs] z 27.9.1948, Ar- Vyšetřovací spisy – Centrála [Ermitt-

chiv bezpečnostních složek [Archiv der lungsakten – Zentralstelle], a. č. V-6387

Sicherheitskräfte], Prag (ABS), V 5621- MV.

MV-03, S. 3-5. 49 Vgl. OSÚNBO, VÚA-VHA, Sammlung 45 Ihr Ehemann Josef Ulver, im Krieg u. a. OPZ, 26498/66, Neumannová Leonti-

Mitarbeiter des tschechischen Gestapo- na; Kateřina Volková (Hg.): Malá velká

Zuträgers Jaroslav Bednář, war 1952 žena. Pocta Anně Kvapilové [Kleine

von der kommunistischen Staatssicher- große Frau. Würdigung von Anna Kva-

heit StB angeworben worden. Die Ehe- pilová], Prag 2014, S. 82.

schließung mit Milena Šeborová und 50 Die Kommission zur Parteikontrol-

ihre nachfolgende gemeinsame Emigra- le war ein Organ des Zentralausschus-

tion waren ihm aufgetragen. Ulver alias ses der KS Č und hatte die Aufgabe,

Agent Hájek sollte in den engeren Kreis »persönliche Angelegenheiten der Par-

um Milenas Bruder Miloš Šebor eindrin- teimitglieder« zu lösen; sie verhängte

gen, der nach Informationen der StB für auch »Parteistrafen«. Vgl. Karel Ka-

den französischen Geheimdienst arbei- plan (Hg.): Aparát ÚV KS Č v letech

tete und eine bedeutende Stellung unter 1948-1968. Studie a dokumenty [Der

den tschechoslowakischen Emigrantin- Apparat des Zentralkomitees der Kom-

nen und Emigranten einnahm. Das Ehe- munistischen Partei in den Jahren 1948-

paar emigrierte unter der Regie der StB, 1968. Studien und Dokumente], Prag

ohne dass Milena etwas ahnte. Ihr Mann 1993, Beilage 12 (Stručný popis úkolů

arbeitete später als Doppelagent (StB oddělení a odborů aparátu ÚV KSČ,

und norwegischer Geheimdienst). Die schválený předsednictvem ÚV KSČ

Ehe wurde 1968 in den USA geschie- 1.10.1951 [Kurze Beschreibung der Auf-

den. Vgl. Terje B. Englund: Špion, který gaben der Abteilungen und Hauptab-

přišel pozdě. Československá rozvědka teilungen des Apparats des Zentralaus-

v Norsku [Der Spion, der zu spät kam. schusses der KSČ 1.10.1951]), S. 88.

Tschechoslowakischer Geheimdienst in 51 Zur Geschichte der K-231 vgl. Aby se

Norwegen], Prag 2018, S. 107-125. to už neopakovalo. Katalog k výstavě o

46 Vgl. Milena Šeborová: Česká trilogie. dějinách sdružení bývalých politických

Vězeňkyní Stalina i Gottwalda [Tsche- vězňů K 231 [Damit sich das nicht wie-

chische Trilogie. Gefangene von Stalin derholt. Ausstellungskatalog über die

und Gottwald], Prag 2019; OSÚNBO, Geschichte der Vereinigung der poli-

VÚA-VHA, Sammlung OPZ, 93417/47, tischen Häftlinge K-231], hg. v. Petr

Milena Šeborová; Trestní oznámení Blažek / Tomáš Bursík / Josef Halla / Ji ří

na řídicí orgány a spolupracovníky Hoppe, Prag 2008. Im Februar 1990

vyzvědačské kanceláře dr. Vladimí- wurde die Konföderation Politischer

ra Krajiny v ústředním sekretariátu Häftlinge der Tschechoslowakei Nach-

čls. strany národně socialistické v Praze folgerin der K-231.

[Strafanzeige an die leitenden Organe 52 Vgl. zu den Angaben über Jarmila Taus-

und Mitarbeiter des Nachrichtendienstes sigová Akte der Abgeordneten Jarmila

von Dr. Vladimír Krajina im Zentralse- Taussigová-Pot ůčková, APS, PSNFS,

kretariat der Volkssozialistischen Partei 2740; OSÚNBO, VÚA-VHA, Sammlung

in Prag], NA, Bestand Československá OPZ, 105720/69, Jarmila Potůčková;

strana národn ě socialistická – ústřední Anev/Bílý (Anm. 35), S. 456-459.

sekretariát, Praha [Tschechoslowakische 53 Im Vorstand des Bundes gab es TSCHECHISCHE EHEMALIGE HÄFTLINGE 115

 

ter von vier Parteien: für die Volksso- blés et présentés par Tzvetan Todorov,

zialistische Partei Prokop Drtina, für Paris 2009, S. 268 f.

die Sozialdemokratische Partei Bohumil 60 Šeborová: Česká trilogie (Anm. 46),

Laušman, für die Kommunistische Par- S. 238, Übers. aus d. Tschechischen: Ma-

tei Rudolf Slánský und für die Volkspar- rika Jakeš. In dem Schreiben wird eben-

tei Jan Šrámek. falls angeführt, dass die L’Association

54 Gespräch Anna Kvapilovás mit dem nationale des anciennes déportées et in-

Redakteur von »Svobodné slovo« [Frei- ternées de la Résistance [Nationalver-

es Wort] Aleš Fuchs, nicht dat., ALP, band ehemaliger deportierter Häftlinge

Nachlass Anna Kvapilová, Karton 8, und Widerstandskämpfer] sie zusammen

S. 3. mit Zdenka Nedvědová-Nejedlá und 55 Lille Graah, eigentlich Anna Knudsdat- Matylda Synková für die höchste fran-

ter Graah, geboren in Kristiania (später zösische Auszeichnung, das Kreuz der

Oslo). Vor dem Krieg hatte sie in Mos- Ehrenlegion, vorgeschlagen habe.

kau Theaterwissenschaft studiert. Ab 61 1968 protestierten öffentlich einige ehe-

1946 arbeitete sie beim norwegischen öf- malige Häftlinge des KZ Ravensbrück

fentlich-rechtlichen Fernsehsender NKR gegen den Einmarsch der Truppen des

als Sprecherin und Reporterin. Vgl. Lille Warschauer Pakts in die ČSR, mit dem

Graah, in: Norsk biografisk leksikon, die Reformbewegung in der ČSR un-

https://nbl.snl.no/Lille_Graah, Zugriff: terdrückt wurde. Am 25. August 1968

5.8.2018. schickten einige der führenden Vertre-

56 Zum Leben von Anna Kvapilová vgl. terinnen der Ravensbrücker Vereini-

Volková (Anm. 49). gung an die Ravensbrück-Ausschüsse

57 Wertvoll sind hier die Erinnerungen von in Ausland einen Brief, in dem sie ge-

Milena Šeborová (Anm. 46). gen die Invasion protestierten, sich zum

58 Im Mai 1948 schlossen sich die tsche- Sozialismus und zur Reformbewegung

chischen Widerstandsorganisationen im in der ČSR bekannten und um mora-

Svaz bojovníků za svobodu (Verband lische Unterstützung baten. Laut den

der Freiheitskämpfer) zusammen. 1951 Erinnerungen von Hana Šebetovská-

folgte ein gesamtstaatlicher Zusammen- Housková (1911-1995) unterzeichne-

schluss (bis dahin war die Entwicklung ten den Brief außer ihr noch Zden-

in der Slowakei separat erfolgt) im Svaz ka Nedv ědová-Nejedlá und Františka

protifašistických bojovníků (Verband Hrubá (geb. 1904). Vgl. Christa Schulz:

antifaschistischer Kämpfer). Hanka Housková, Berlin 1995, S. 35 f.

59 Der Brief wurde von der Präsidentin der Aufgrund ihrer Einstellung verloren

Assoziation, Irène Delmas, unterschrie- die Reformistinnen in den darauffol-

ben. Auch Germaine Tillion erinnert genden Monaten bzw. Jahren ihre poli-

sich an die Initiative. Vgl. Germaine Til- tischen Funktionen. Vgl. hierzu Plachá

lion: Fragments de vie. Textes rassem- (Anm. 6), S. 71-76.