Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Karl von Holtei · Kapitel 104 von 166

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Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Kapitel II

Auch das Trauerspiel, dessen Plan sie einst lasen, (doch hoffe ich, Sie würden ihn in dieser Umstaltung kaum wieder erkennen, denn ich habe nur die Grundzüge beibehalten) ist vollendet, und wenn unsre gute Stadt in einer directen Verbindung mit Ihrem Aufenthaltsort, oder wenigstens mit Frankfurt an der Oder stünde, so würde ich so frei gewesen seyn, auch über dieses mir Ihr Urtheil zu erbitten. Graf Herzan — welcher den redlichen Mahner bei mir macht, wenn ich faul bin — war damit zufrieden, und mehrere, zum Theil strenge Kritiker sprachen Bemerkungen über dasselbe aus, mit denen ich zufrieden seyn kann. Wenn ich nicht irre, so äußerten sie einst (was ich selbst befürchtete), der weissagende Knabe werde zu wenig thätig, gleichsam nur als Chorus erscheinen — mit Vergnügen kann ich Ihnen sagen, daß dieß nicht der Fall ist, und Hebenstreit — der strenge Gegner Müllners und der Schicksalstragödien — meinte, ich würde nichts aus dem Jungen bringen, und gestand mir, als er fertig war, das habe er nicht erwartet.

Sie sehen, daß ich ein wenig in das Ding vernarrt bin, wie es gewöhnlich mit den jüngsten Kindern geht — je nun! es ist seiner öffentlichen Prüfung entgegen gegangen und Directionen und Publikum werden mich vielleicht bald eines andern belehren; es ist einstweilen in Wien verboten worden, weil es — eine Schicksalstragödie ist, und nach Dresden und Berlin habe ich es auch gesandt, wir wollen sehen, was daraus wird.

Was halten Sie von Grillparzer? ich wäre sehr begierig, Ihr Urtheil über seine Ahnfrau und Sappho zu hören; auch Graf Herzan — der sich Ihnen herzlich empfiehlt — würden Sie durch diese Mittheilung eine große Freude machen.

Ich empfehle mich Ihrem freundlichen Andenken, und bin mit Verehrung

der Ihrige

Gerle .

 

II.

 

Prag 19. Juny XX.

Verehrtester Herr und Freund!

 

Empfangen Sie vor allem meinen herzlichen Dank für die große Freude, die Sie mir durch Ihren lieben, gütigen Brief gemacht haben — es ist mir ein großer Stein vom Herzen, seit ich mir schmeicheln darf, Sie seyen nicht ganz unzufrieden mit den Veränderungen, die ich gemacht — Ja selbst Ihr Tadel ist mir doppelt angenehm, weil ich selbst, als ich die Mährchen gedruckt zur Hand bekam, etwas Aehnliches zu bemerken glaubte. — Daß Sie sich nun in Dresden befinden ist mir sehr lieb, da ich doch nun eher wieder hoffen darf mich eines Zusammentreffens zu erfreuen, und, wenn Sie unsre gute alte Stadt nicht besuchen, gewiß trachten werde, einmahl einen Ausflug nach Ihrer freundlichen Elbstadt zu machen. Auch Graf Herźan, welcher sich Ihnen herzlich empfiehlt, hofft gewiß Sie diesen Herbst dort zu besuchen, er war sehr vergnügt, endlich wieder einmahl etwas von Ihnen zu hören, nachdem wir uns so unzählige Mahle von Ihnen unterhalten und das Jahr 1813 zurückgewünscht hatten (doch er wahrscheinlich ohne Verwunderung.) Leitenberger wohnt wieder hier und seine Adresse ist: „Auf dem Roßmarkt im Marmorhaus.“

Auch für die Bekanntschaft des würdigen und kunstsinnigen Herrn Superintendenten Spieker bin ich Ihnen sehr dankbar und bedaure nur, daß die Kürze seines Aufenthaltes mir nicht erlaubte, ihm mehr dienstlich zu seyn, auch ließ das unfreundliche und unsichere Wetter eine Fahrt auf den Karlstein nicht wohl zu.

Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Sie mir so bald wieder ein paar Zeilen schenken werden, doch kann ich Sie versichern, wenn Sie eine Viertelstunde daran wenden wollen, einen frohen Menschen zu machen, so thun Sie es gelegentlich einmahl wieder, und sollten Sie in den nächsten Monaten der Abendzeitung ein Mährchen: „St. Stephens Freydthof“ finden, so lassen Sie mich doch wissen, ob ich vor- oder rückwärts gegangen, ob ich das Mährchenschreiben aufgeben oder fortsetzen soll? Hätte ich nicht gefürchtet, Ihre Güte zu sehr zu mißbrauchen, so würde ich Ihnen einen dramatischen Versuch, dessen ich schon in meinem vorigen Briefe erwähnte, mittheilen — doch ich bescheide mich, Ihnen nicht zu viel von Ihrer kostbaren Zeit zu rauben — möchten Sie uns doch recht bald und mit recht viel beschenken. Ihre Genoveva ist noch nicht hier in Prag. Graf Herzan und ich warten mit Schmerzen darauf.

Ich muß schließen, denn ich soll diesen Brief Ihrem Freunde heute noch ins Theater bringen — von dem er Ihnen selbst erzählen mag, es wird nicht viel Tröstliches seyn.

Ich empfehle mich Ihrem gütigen Andenken und bin mit Freundschaft und inniger Verehrung