Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Karl von Holtei · Kapitel 81 von 166

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Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Kapitel III

Nach langem Ueberlegen habe ich mich entschieden, Ihnen das Spezielle meiner Einrichtung nicht mitzutheilen, wenn Sie es anders nicht begehren. Billigen können Sie es schwerlich, denn Sie haben ja die Gestalt Ihres Gedichts anders gedacht, die Form, welche mir nothwendig erschien, kann Ihnen nie natürlich werden; warum sollte ich Sie also mit der Beurtheilung belästigen? Lassen Sie mich den Versuch auf meine Gefahr wagen, selbst sein Mißlingen kann ja dem Gedichte nicht schaden, das in 4 bis 5 Ausgaben längst ein Eigenthum Deutschlands geworden ist. Besser also, Sie haben gar keinen Antheil an seiner Erscheinung auf der Bühne, als daß ein Antheil des Mißlingens auf Sie geworfen werden dürfte. Diese Schuld trage ich dann allein. Wenn aber mein Unternehmen gelingt — und ich rechne zuversichtlich darauf — so ist der Erfolg natürlich der Ihrige und ich habe mir eine lebenslange stille Genugthuung bereitet.

Dies ist meine Ansicht von der Angelegenheit, ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Sie darauf eingehen möchten. Daß ich mit ehrerbietiger Scheu und begeisterter Liebe an das Werk gegangen bin, daß ich jede Scene, jedes Wort auf das Bedenklichste abgewogen, ehe ich mich zu einer Verkürzung oder Umstaltung entschlossen und nur das an dem Gedichte geändert habe, was nothwendig sein Heimischwerden auf der heutigen Bühne gehindert hätte — davon sind Sie gewiß überzeugt, und wie ich dieses Zutrauens nicht unwerth zu sein glaube, hoffe ich auch, Sie werden Sich entschließen können, mir die erbetene Erlaubniß zu ertheilen.

In den nächsten Tagen habe ich dem Grafen Redern das Stück, wie es nun ist, vorzulesen, er ist sehr erwärmt für diese Unternehmung. Ich möchte nun schnell die nöthige Musik componiren und die anderweitigen Vorbereitungen treffen lassen, damit die Aufführung wo möglich schon im Anfange des neuen Jahres Statt finden könne. Fast alle Rollen werden bei uns gut zu besetzen sein, wo es am inneren Verständniß des Werkes fehlen sollte, wird sich nachhelfen lassen. Den Simon denke ich zu spielen, und trage ein sehnsüchtiges Verlangen nach der Lösung der Schwierigkeiten, welche diese Rolle bietet. Kurz mein Herz ist so ganz erfüllt von diesem Vorhaben, daß ich zuversichtlich hoffe, Gott werde ihm das Gedeihen und Sie Ihre Zustimmung nicht versagen.

Ganz der Ihrige

Eduard Devrient.

 

III.

Berlin 6/4. 38.

Hochgeehrter Herr Hofrath!

 

Die innigste Freude hat mir Ihr Schreiben erregt, das mir einen so wohlwollenden Antheil für mein Stück, eine so tröstliche und ermuthigende Billigung meiner Intentionen bekundete. Ich weiß sehr wohl, daß Sie das bürgerliche Drama nicht verwerfen, aber ich fürchtete: die Tendenz meines Stückes möchte Ihnen nicht bestimmt genug ausgedrückt erscheinen, freilich hätte ich Ihrem ebenso scharfen, feinen als wohlwollendem Blicke mehr vertrauen sollen, aber ich war durch manches Mißverstehen von einigen Seiten her zaghaft gemacht worden. Man erkannte nicht, oder wollte nicht erkennen, daß ich die Kleinlichkeit und misère unsrer Zustände nicht um ihrer selbst willen habe schildern wollen, sondern um sie vor unsren Augen in ihrer Nichtigkeit zerbröckeln zu lassen und uns an einer idealen Anschauung, an einer Tüchtigkeit der Gesinnung aufzurichten. Ich habe eben zeigen wollen, daß wer Gesetze von unsrer socialen Elendigkeit annimmt, ebenso verloren ist, als wer alle Bande und Schranken phantastisch überfliegt, daß aber das Verfolgen eines höheren, geistigen Zieles, das Maaßhalten in den Forderungen an das Leben, zuletzt auch in allen Beziehungen das Leben bezwingen muß. Darum konnte ich auch alles mögliche Geld verloren gehn lassen und die Hauptfiguren zuletzt glücklich machen, ohne dies in den meisten bürgerlichen Stücken nöthige Hülfsmittel. Dies ist wol eine Art von Rechnenprobe über die geistige Bedeutung des Stückes, aber nur die Wohlwollenden nehmen sie an.

Ihr Beifall hat nun all den Genuß gekrönt, den mir die Aufführung dieses Stückes bereitet, das Publikum hat durch sechs gefüllte Häuser und den lebhaftesten Beifall seine Theilnahme ausgesprochen, die Schauspieler sind mit Lust bei der Darstellung, viele gute und tüchtige Menschen habe ich gerührt und erfreut, Sie billigen, was ich gethan — welch menschliches Unternehmen könnte einen schöneren Erfolg haben? Gespannt bin ich auf die Wirkung, welche das Stück von andren Bühnen herab machen wird; einige der gezeichneten Zustände sind ganz lokal. Ein rasches, lebhaftes Zusammenspiel ist hier Hauptbedingung, das Stück empfängt auf der Bühne ein ganz neues Leben und ich möchte Sie, verehrter Herr, bitten, die beabsichtigten Abkürzungen noch bis zu den Theaterproben aufzuschieben und erst darüber zu entscheiden, wenn das Spiel schon im Zuge ist.

Welche Rolle mein Bruder am förderlichsten für das Stück übernehmen möchte, darüber kann ich in der That nicht entscheiden, da ich das jetzige Personal Ihrer Bühne nicht kenne. — So eben habe ich einen Brief meines Bruders erhalten, aus dem ich ersehe, daß Herr Baison bei Ihrer Bühne angestellt ist, ich habe denselben hier als „Landwirth“ gesehen und mein Wunsch ist daher unbedenklich, daß er den Christoph, mein Bruder den Born spielen möge; ich werde meinem Bruder darüber schreiben, der mir größere Lust zum Christoph zu haben scheint. Obschon die Rolle des Born nicht groß ist, so repräsentirt sie doch, (trotz ihres Antheiles an den Verirrungen in pedantischem Besserungseifer) den Typus des Edlen und Tüchtigen, für die Darstellung ist es daher von großer Wichtigkeit, daß ein Schauspieler sie übernehme, der in edlen und idealen Gestalten anerkannt ist vom Publikum. Daß mein Bruder das mir so neidenswerth erscheinende Verhältniß zu Ihnen nicht benutzt, thut mir recht herzlich leid, ich möchte nur glauben, daß er mehr Ihre Sprache, als Ihre Intentionen mißversteht, da ich in ihm immer eine so edle, künstlerische Natur gesehen, daß ich mir im allgemeinen kein Abweichen von Ihrer Richtung bei ihm denken kann. Der Beifall der Menge ist freilich ein gefährlich Ding, und ich fühle zu genau, wie der Schauspieler alltäglich sich die eigentliche Würde und Höhe seines Berufes vor’s Auge halten muß, um sich nicht der weichen Beifallswoge zu überlassen, die, wie Sie nur zu richtig sagen, durch so kleine Künste zu erreichen ist. So unähnlich der Künstler dem Prediger sein soll, darin muß er ihm gleich stehen, daß er den Leuten zeige, was sie erfahren sollen, nicht was sie erfahren wollen. Ueberhaupt giebt es vielleicht keinen Stand, von dem so sehr eine Fülle der Tugenden gefordert wird, als der unsrige. Selbstverläugnend sollen wir sein, beim größten Anreiz zu Eitelkeit und Selbstsucht, uns aufgeben an das Total einer Darstellung, wo es so leicht ist sich abgesonderten Vortheil und Beifall zu verdienen, das Höchste und Vergeistigte immerfort anbieten, wo es wenig geschätzt, dagegen das Geringe und Gemeine begierig verlangt wird und reichlich gelohnt. — In der That, das Abweichen von den Berufstugenden rächt sich in jedem Stande auch äußerlich, beim Schauspieler wird es belohnt und gefeiert, dennoch soll er getreu bleiben — wahrlich um der Größe der Aufgabe willen ist es fast zu verzeihen, daß wir sie so miserabel lösen. Und das ist es doch überhaupt, woran die ganze Bühne krankt und ehe der Staat ihr nicht eine strenge Forderung stellt, ehe die Gesellschaft nicht anfängt Ernst und Bedeutsamkeit vom Theater zu verlangen, wird der bessere oder schlechtere Zustand, wie die Wellen des Meeres, immer von den zufälligen Winden abhängen... Die herrschende aria cattiva hat auch den Schauspielerverein, den ich mit einigen erfrischenden Hoffnungen gestiftet, bis auf 3 Mitglieder heruntergebracht, und keine Wirksamkeit für das Ganze ist mehr von ihm zu hoffen. Ich dachte, dieser Verein sollte eine Gesinnung unter uns erwecken, vergaß aber, daß sie für das Bestehen des Vereines schon vorhanden sein müßte. Jetzt sehe ich ein, diese Gesinnung muß, mit der Bildung zugleich, in Schauspielerschulen gepflanzt werden, die es aber nicht giebt. Im allgemeinen haben die Schauspieler keinen Respect vor ihrem Berufe und daher mißbrauchen sie ihn. Es scheint, der Mensch achtet nur, was ihm sauer wird; wenn die jungen Schauspieler arbeiten müßten, bevor sie zur Production zugelassen würden, wie alle andren Künstler, so würden sie mit mehr Ernst und Achtung daran gehn, sie würden beim Studiren gelernt haben, wie himmelweit wir immer von dem Ideale unsres Berufes entfernt bleiben.