Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band
Kapitel V
Ch. Grabbe.
(Besonders feindseelig scheint mir jetzt der hiesige Superintendent zu seyn, weil er, wie ich vermuthe, durch einen Landsmann, der mich in Berlin besuchte, erfahren hat, daß sich in meinem Lustspiel der Teufel für einen Generalsuperintendenten ausgibt.)
V.
Detmold den 30st. Oct. 1827.
Verehrtester Herr und Meister!
Die schönste und größte Zeit meines Lebens war die, wo ich mich persönlich von Ihnen belehren lassen konnte. Sie flößten mir durch Ihr Urtheil soviel Vertrauen zu meinen Werken ein, daß ich es gewagt habe, sie drucken zu lassen, und zwar um so mehr, als ich jetzt, wie Sie verehrtester Meister! zu wünschen schienen, auch im bürgerlichen Leben als Advocat und Substitut des Auditeurs fest und sicher stehe. Einigemal streiten meine Ansichten (insbesondere in der Abhandlung über Shakspeare) zum Theil mit den Ihrigen. Die Ihrigen sind gewiß die geistreicheren und besseren, — aber grade Sie, verehrtester Herr, werden als großer umfassender Dichter auch die freie Aeußerung meiner Ansichten nicht mißkennen.
Ein Exemplar meiner Werke ist angebogen, und innig hoffe ich um eine geneigte Antwort aus Ihrer Feder.
Mit größter Hochachtung und Liebe verharre ich
verehrtester Herr und Meister!
Ihr
gehorsamster Grabbe.
(Dieser Brief ist während meiner
Anwesenheit in Frankfurt a. M.
abgeschickt.)