Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band
Kapitel V
Theuerster Freund!
Sie werden aus beyliegendem 8t. Bande der Jahrbücher ersehen, daß selbst Friedrich Schlegel fleißig geworden, und eine vortreffliche Abhandlung geliefert hat. Aus einem Briefe des H. v. Schütz, den ich vorgestern erhielt, ersehe ich, daß Sie einen Ausflug nach Dresden gemacht. Möchte doch Ihre Gesundheit endlich wieder zurückkehren! Schreiben Sie doch wenigstens, wie Sie sich befinden, wenn ich auch keine Arbeit erhalte. Ueber letzteren Punkt bitte ich Sie aber mir aufrichtig zu sagen, ob ich in einem halben Jahre die Recension des Voßischen Shakespeare erhalte oder nicht? weil ich im letztern Falle doch trachten müßte, einen andern Recensenten zu finden. Möchten Sie doch alles thun, wovon Sie sich eine solide dauernde Besserung Ihrer Gesundheit versprechen können. Leben Sie wohl!
Ihr
Freund und Diener
Collin.
Herrn Ludwig Tieck.
V.
Wien , 12t. Febr. 1823.
Verehrter Freund!
Ich bin so frey, Ihnen in der Anlage einen Abdruck meiner Recension über die neuere dramatische Literatur zuzusenden, und bitte Sie diese Zusendung als ein Zeichen meiner Hochachtung zu betrachten. Wenn ich mich in Hinsicht des Werthes neuerer dramatischer Dichtung mit Ihnen in Opposition befinde, so ist dieß in Folge einer, von den Aussagen der Vorrede zu Kleist, verschiedenen Ansicht, die ich Sie mir zu gute zu halten bitte. Diese Sache wollte öffentlich ausgesprochen seyn; daß ich übrigens gegen Sie und Ihre Dichtungen die schuldige Achtung hege, wird Ihnen diese Recension selbst am besten bewähren. Hochachtungsvoll
Ihr
Freund und Diener
Collin.