Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band
Kapitel IV
Mein Wunsch, Sie auf der Rückreise von Berlin nochmals zu besuchen, ist mir leider durch das langweilige Kalte Fieber vereitelt worden, welches mich Zehn Tage nach meiner Ankunft in der vielgepriesenen Stadt befallen, dann mit seinen schlimmen Folgen mich Monate lang geplagt und endlich mich aber und abermals heimgesucht hat. Alle meine Plane sind mir durch dieses verwünschte Fieber verdorben worden; erst vor einigen Tagen hat es mich wieder verlaßen, und ich wage noch kaum zu hoffen, daß es das letzte Mal gewesen sey.
Die kurze Zeit, die ich bei Ihnen zugebracht, gewährt mir immer die liebste Erinnerung von der ganzen Reise. Könnte ich es möglich machen, meinen Besuch bald zu wiederholen, oder einstweilen auch nur einen Briefwechsel mit Ihnen anzuknüpfen, von dem ich hoffen dürfte, daß Sie ihn gerne unterhalten möchten! Heute kann ich nur diese Wünsche ausdrücken, ich bin auf alle Weise zu sehr bedrängt. Es wird aber wohl die gute Stunde kommen, wo mir ein Mehreres gelingt, ich werde sie nicht vorbeigehen laßen. Das Leben ist so kurz, daß man kein Mittel vernachläßigen sollte, sich mit denen zu unterhalten, die uns die liebsten Freunde sind; und es gehört mit zu meinen Leiden, daß ich durch das Fieber abgehalten worden, gleich im ersten Nachhall unserer Gespräche Ihnen zu schreiben, wie ich mir es vorgesetzt hatte. Also bis Nächstens.
Meine Frau, mein Bruder und Bertram grüßen mit mir Sie und die lieben Ihrigen auf das freundschaftlichste und unter den herzlichsten besten Wünschen
ganz
Der Ihrige
Sulpiz Boisserée .
Auch den gemeinschaftlichen Freunden alles Liebe und Gute.
IV.
München, 14. October 1835.
Geliebter Freund.
Ich benutze die Rückreise des Hofr. Hase, um Ihnen die schon seit dem Juni für Sie bereit liegende Abhandlung über den Tempel des Heil. Grabes zu senden. Es ist die Frucht einer früh angefangenen, oft wieder fortgesetzten und erst vor anderthalb Jahren ganz vollendeten Arbeit, der Sie so Liebe wie Beharrlichkeit ansehen werden. Der Entwurf der Zeichnungen hat mich gleich in der ersten Zeit beschäftigt und hat mir zu allen Zeiten, besonders auch später bei der näheren Ausführung viele Freude gemacht. — Es ist das erste, was ich seit den Ergäntzungen zum köln. Dom von meinen Entwürfen architecton. Zeichnungen bekannt mache. Möchten Sie auch einige Freude daran haben. Möchte Ihnen überhaupt die ganze Abhandlung gefallen und Veranlaßung geben, mir zu schreiben. Ich würde Ihnen dafür recht sehr dankbar seyn; an Erwiederung sollte es nicht fehlen. Ich sehne mich oft von ganzem Herzen nach Ihrer geistreichen, belebenden Unterhaltung; denn es giebt eine Menge Dinge und Verhältnisse von dem höchsten Werth, über die ich mich nur Wenigen mittheilen und mit Niemand so gut verständigen kann, als mit Ihnen, theuerster Freund. Diesen Sommer hoffte ich Sie in Baden zu finden, aber gerade dieses mal sind Sie nicht gekommen, und in vorigem Jahr ist mir die Hoffnung, daß Sie uns hier besuchen würden vereitelt worden. —
Wie es im nächsten Jahr werden wird? wer kann es wissen! Darum lassen Sie uns, zwar immer das günstigste hoffend, in der Gegenwart das Gewisse vorziehen und Briefe wechseln, bis uns so wohl wird, uns des Wiedersehens zu erfreuen. Vorigen Winter habe Ihrer ganz besonders oft gedacht indem ich die Einleitung zu meinen Beiträgen zur Geschichte der altdeutschen Malerei geschrieben. Die Berufung zur General-Inspection der Denkmale des Mittelalters in Bayern und andere mir ganz unerwartete, keineswegs mit diesem Geschäft zusammenhängende Arbeiten (— Vertretung der Akademie der Wissenschaften und des General-Conservatoriums aller hiesigen wissenschaftlichen Sammlungen und Anstalten bei dem Ministerium des Innern —) hat mich in der Redaction jener Beiträge unterbrochen. Auch kamen vielerlei Leiden dazu, wovon ich mich jedoch in Baden und Heidelberg glücklich erholt habe. Bleibe ich gesund, so hoffe ich diesen Winter den Faden wieder aufzunehmen, und so lange fortzuspinnen bis ich fertig bin. Wie steht es denn mit Ihrem Vorhaben in Betreff des Sternbald? Sagen Sie mir doch etwas darüber. Ich komme mir, wenn ich in die Zeiten der Jugend zurückdenke, immer einsamer vor; es sind schon viele dahingegangen, die wir geliebt, an denen wir uns belehrt, erfreut und erhoben haben; und nun ist die Welt großentheils so verwirrt abgeschmackt und niederträchtig geworden, daß ich das Bedürfniß doppelt fühle, mit den wenigen Bewährten und Verehrten Männern alter Zeit desto fester zusammen zu halten. Nehmen Sie dieses Geständniß zu Herzen und lassen Sie mich es nicht vergebens gemacht haben.
Meine Frau, Bruder und Freunde grüßen mit mir Sie, die lieben Ihrigen und alle gemeinsamen Freunde, von ganzem Herzen alles Gute, Schöne, Glückliche: Gottes-Seegen wünschend!
Sulpiz Boisserée .