Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Karl von Holtei · Kapitel 68 von 166

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Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Kapitel III

Helmine.

 

III.

 

Berlin d. 6. Merz 1817.

Verehrter Freund!

 

Es ist wohl nur Scherz, daß Sie in meinem Brief den Wunsch ausgedrückt gefunden, Sie möchten Antheil an dem Gesellschafter nehmen? Oder es ist ein Mißverständniß, denn ich habe Gubitz zu einem wohlthätigen Zweck eine Novelle gegeben, die ich selbst liebte, und zum Theil nach Calderon gearbeitet habe, nach el Conde Lucanor; zu diesem Zweck glaubte ich Sie von Gubitz eingeladen, und legte ein Vorwort ein. Was Zeitschrifts Artikel, welche es sey, betrifft, so würde mir das nicht ein gleiches Interesse eingeflößt haben, wenn gleich Gubitz in der Seinigen von Arnim, u. m. A. freundlich unterstützt wird, und herzlich zu wünschen scheint ihr einen bleibenden Werth zu geben. Nun zum Wichtigsten! Ich werde vor Anfang May Berlin schwerlich verlaßen, weiß aber dann noch nicht bestimmt wo ich seyn werde. Ich liebe hier die Natur nicht, die rauhe Luft ist mir ungesund, das Leben wird Einem hier nicht leicht, wie im Süden, allein ich möchte gern Pommern und Rügen und Schlesien einmahl bereisen, und vor Allem der Heymath nicht mehr so fern wieder seyn, denn es ist doch ein liebes Band an das Leben. Ich glaube also nicht daß ich, wenn ich nach Heidelberg gehe, länger als bis künftigen Winter dort bleibe, und in Dresden suchen werde meine Kinder auszubilden. Wilhelm neigt entschieden zur Malerey, Max entschieden zur Musik, beyde sind geborne Dichter, das sind mir liebliche Sterne der Zukunft, vor Allen lieb ist mir die innere ungetrübte Unschuld, die Glaubenskraft und Wahrheit der Natur dieser Kinder. So darf ich denn hoffen Sie hier im April und im August in Heidelberg zu sehen, wo ich vermuthlich seyn werde! —

Ich darf hoffen, daß mein Werk Ihnen eine wahrhaffte Freude machen wird. Ich könnte es nun längst abgesendet haben, doch fürchte ich mich es der Post zu vertrauen, da es noch nicht abgeschrieben, und ich selten oder nie Koncepte mache. Auf jeden Fall kommt es dann rasch in die Hände der Theilnehmenden. Müllers Leben ist so einfach und gottgefällig, daß man ihn lieben muß, wenn man ihn kennt, sicher bedarf ich seiner nicht zum Glauben, nur würde es mir lieb seyn, wenn sich Gott wieder unmittelbarer als bisher durch wunderbare Zeichen der Welt nähern wollte, wie wohl sonst geschah. Ihr Freund Schelver hat den Müller auch lieb. Sollte das Schicksal Müller ein démenti geben, so behielten wir ja den Frieden, nach dem die Welt seufzt, die Welt sieht mir aber gar nicht friedlich aus! — Loebens Hesperiden gedenk ich selbst fortzusetzen, sie enthalten bis jetzt viel Schönes, ich finde aber daß er seine Sache nicht geschickt angefangen. Die Fantasie über die Zahlen ist nicht anziehend, das Theegespräch u. A. gefällt mir nicht, er mußte aus einem schönen Vorrath vom Schönsten sogleich geben, ich weiß auch gar nicht warum und wie er von seinen früheren Gedanken abgekommen, das Buch mit mir herauszugeben, und ihm so unsre Freunde alle zu gewinnen? Ich bin noch nicht so glücklich gewesen Ihre neusten Werke zu lesen, freue mich ganz unaussprechlich darauf. In den Old Plays habe ich den Fortunat mit wahrem Vergnügen gelesen, ist er Ihnen bekannt? In Heidelberg hoffe ich viel von den zurückgekommenen Manuskripten. Wie mit Bleigewichten bin ich seit 2 verhängnißvollen Jahren dergestalt in das Praktische hineingezogen, daß ich sogar aus mir selbst Novellen, Erzählungen und Romane schreiben kann, ich konnt es ehedem nicht, jetzt aber bedarf ich wieder Natur und Einsamkeit, und sehne mich herzlich danach, um eine Ueberfülle von Bildern zur Ruh und Klarheit zu bringen, und sie der Welt zu geben. Sie nur zu sehen, würde mich fast betrüben, denn was ich in Ihren Schöpfungen liebe ist nicht der irdische Reiz der sie schmückt, sondern der himmlische Quell, aus welchem dieser hervorgeht.