Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Karl von Holtei · Kapitel 113 von 166

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Briefe an Ludwig Tieck, Erster Band

Kapitel IV

Weimar, den 9t. May 1824.

 

Ew. Wohlgeb.

stelle mit wenigen Worten einen jungen Sänger und Schauspieler, Eduard Genast, vor; er ist auf unserm Theater einem verdienten Vater geboren, verließ es jung um sich anderweit für die bürgerliche Gesellschaft zu bilden, kehrte darauf, wegen bedeutender Stimme zur Bühne zurück, zog von uns weg, und von der Ausbildung seines Talents weiß ich daher nichts zu sagen. Sie werden ihn bald beurtheilen und vielleicht mit wenigen kräftigen Worten zu fördern geneigt seyn.

Von Herrn Helbig hoffe ich bey seinem hiesigen Aufenthalt zu vernehmen, daß Sie Sich wohl befinden; er ist in der Schopenhauerischen Familie gut aufgenommen und soll auch mir willkommen seyn.

Der ich zugleich die Gelegenheit ergreife, Sie meiner vollkommenen Hochschätzung und aufrichtigen Theilnahme zu versichern

ergebenst

J. W. v. Goethe.

 

IV.

 

Weimar , den 9. Septbr. 1829.

Gar wohl erinnere ich mich, theuerster Mann, der guten Abendstunden, in welchen Sie mir die neuentstandene Genoveva vorlasen, die mich so sehr hinriß, daß ich die nah ertönende Thurmglocke überhörte und Mitternacht unvermuthet herbeykam. Die freundliche Theilnahme, die Sie nachher dem Gelingen meiner Arbeiten gegönnt, wie Sie manche davon durch Vorlesen erst anschaulich und eindringlich gemacht, ist mir nicht unbemerkt geblieben; so daß ein endliches Wiedersehen die frühsten wohlwollenden Gesinnungen freundlichst erneuen mußte.

Nunmehr erhalt ich durch die Aufführung von Faust und die demselben vorgeschickten gewogenen Worte die angenehmste Versicherung aufs Neue.

Wenn ich nun zeither mich alles desjenigen zu erfreuen hatte, was Ihnen zum Aufbau und zur Ausbildung unsrer Literatur fortschreitend beyzutragen gelungen ist und ich manche Winke sehr gut zu verstehen glaubte, um zu so löblichen Absichten mitzuwirken; so bleibt mir einen reinen Dank zu entrichten kaum mehr übrig als der Wunsch: es möge fernerhin ein so schönes und eignes Verhältniß, so früh gestattet und so viele Jahre erhalten und bewährt, mich auch noch meine übrigen Lebenstage begleiten.

Meine besten Empfehlungen an die lieben Ihrigen, deren Erinnerung ich immer gegenwärtig zu seyn wünsche.

Hochachtungsvoll

in treuer Anhänglichkeit

J. W. v. Goethe.