Venetianische Epigramme

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 23 von 44

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Venetianische Epigramme

Kapitel LXXXIX

Ist es dir Ernst, so zaudre nun länger nicht; mache mich glücklich! Wolltest du scherzen? Es sey, Liebchen, des Scherzes genug!

 

LXXXIX.

Daß ich schweige, verdrießt dich? Was soll ich reden? Du merkest Auf der Seufzer, des Blicks leise Beredsamkeit nicht. Eine Göttinn vermag der Lippe Siegel zu lösen;

Nur Aurora, sie weckt einst dir am Busen mich auf. Ja, dann töne mein Hymnus den frühen Göttern entgegen, Wie das Memnonische Bild lieblich Geheimnisse sang.

 

XC.

Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe, Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf! Seht, so schein' ich Herz, bald dieser Schönen, bald jener Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück.

 

XCI.

O, wie achtet' ich sonst auf alle Zeiten des Jahres; Grüßte den kommenden Lenz, sehnte dem Herbste mich nach! Aber nun ist nicht Sommer noch Winter, seit mich Beglückten Amors Fittig bedeckt, ewiger Frühling umschwebt.

 

XCII.

Sage, wie lebst du? Ich lebe! und wären hundert und hundert Jahre dem Menschen gegönnt, wünscht' ich mir morgen, wie heut.