Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 9 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 5

Ihr

 

Sie ewig liebender A l c i b i a d e s

 

J. M. R. L.

 

5.

 

F o r t - L o u i s , den 5ten oder 6ten August, oder

10ten 1772.

 

Sie bekommen heut’ einen sehr elenden Brief von mir, darum wollt’ ich anfangs

lieber gar nicht schreiben. Aber non omnia possumus omnes dacht’ ich, mit

Herrn Rebhuhn und geantwortet muß doch seyn. Ich komme eben aus der

Gesellschaft dreier lieben Mädchen und einer schönen, schönen Frau und in

allen solchen Gesellschaften wird das Fleisch willig und der Geist schwach. Wie

dieser Brief in Ihre Hände kommt weiß ich noch nicht. Es soll ein Hauptmann

nach Straßburg gehen, der dorthin allerlei mitnehmen wird, unter anderm Ihren

Hobbes civem Malmesburgiensem, den ich mich nicht überwinden kann zu Ende

zu bringen. Es geht mir wie einem Kinde, das über ein neues Spielzeug eines

alten vergißt, das es doch so fest mit seiner kleinen Patsche umklammert hatte,

als ob es ihm erst der Tod herausreißen sollte. Der Zustand meines Gemüthes ist

wie er ist; den Haß kann man wohl auswurzeln, aber die Liebe nie, oder es

müßte ein Unkraut seyn, das nur die äußere Gestalt der Liebe hätte. Wenn mir

Einer Mittel vorschlagen wollte, Sie nicht mehr zu lieben, glauben Sie, daß diese

Mittel bei mir kräftig seyn würden? Vergeben Sie mir mein böses Maul, ich

wünschte es allemal böser als mein Herz. Ich habe einen vortrefflichen Fund von

alten Liedern gemacht, die ich Ihnen, sobald ich nach Straßburg komme,

mittheilen werde. Wollen Sie meine letzte Uebersetzung aus dem Plautus lesen,

so fodern Sie sie unserm guten Ott ab, denn ich glaube schwerlich, daß sie so

bald in der Gesellschaft wird vorgelesen werden. Sie haben mir keine Nachricht

gegeben, wie sie mit der letztern gegenwärtig zufrieden sind. Vernachläßigen Sie

diese Pflanzschule Ihrer Vaterstadt nicht, theurer Freund, vielleicht könnten

wohlthätige Bäume draus gezogen werden, auf welche Kindeskinder, die sich

unter ihrem Schatten freuten, dankbar schnitten: Auch dich hat Er pflanzen

helfen. Es sieht noch ziemlich wild und traurig in Ihrer Region aus — aber der

erste Mensch ward in den Garten Eden gesetzt um ihn zu bauen. Wollten Sie

wohl einst so gütig seyn, mir, zum aequivalent für Hobbes, noch eine glühende

Kohle aufs Haupt zu sammeln und etwa Puffendorfs historiam juris schicken.

Oder ein anderes juristisches Buch, denn Jurist muß ich doch werden, wenn mir

anders die Theologie nicht verspricht mich zum Pabst von Rom zu machen. Ich halte viel auf die Extreme und Niklaus Klimm’s aut Schulmeister aut Kaiser ist