Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 3
wir sind getrennt: und eben da ich diesen Verlust am heftigsten fühle, kommen
Briefe aus Straßburg und — Vergeben Sie mir meinen tollen Brief! Mein
Verstand hat sich noch nicht wieder eingefunden. Wollte der Himmel, ich hätte
nicht nöthig, ihn mit Vetter Orlando im Monde suchen zu lassen. Ich bin, um
mich zu zerstreuen, die Feiertage über, bei einem reichen und sehr gutmüthigen
Amtsschulz in Lichtenau zu Gast gewesen. Ich habe mich an meinem Kummer
durch eine ausschweifende Lustigkeit gerächt: aber er kehrt jetzt nur desto
heftiger zurück, wie die Dunkelheit der Nacht hinter einem Blitz. — Ich werde
nach Straßburg kommen und mich in Ihre Kur begeben. Eins muß ich mir von
Ihnen ausbitten: schonen Sie mich nicht, aber — lassen Sie meine Freundin
unangetastet. Den Tag nach meinem letzten Briefe an Sie, gieng ich zu ihr: Wir
haben den Abend allein in der Laube zugebracht; die bescheidene,
englischgütige Schwester unterbrach uns nur selten und das allezeit mit einer so
liebenswürdigen Schalkheit. — Unser Gespräch waren Sie — ja Sie, und die
freundschaftlichen Mädchen haben fast geweint für Verlangen, Sie kennen zu
lernen. Und Sie wollten, mit gewaffneter Hand, auf sie losgehen, wie Herkules
auf seine Ungeheuer? — Nein, Sie müssen sie kennen lernen und ihre Blicke
allein werden Sie entwaffnen. Ich habe meiner Friedericke gesagt, ich könnte für
Sie nichts geheim halten. Sie zitterte, Sie würden zu wenig Freundschaft für eine
Unbekannte haben. Machen Sie diese Furcht nicht wahr, mein guter Sokrates!
Uebrigens thun Sie was Ihnen die Weisheit räth. Ich will mich geduldig
unterwerfen. Es ist gut, daß Sie meinen freundschaftlichen Ott nicht mit meiner
Thorheit umständlich bekannt machten. Ich verbärge mich gern vor mir selbst,
nur nicht vor Ihnen. Leben Sie wohl!
Gestern ist der Herr Landpriester bei mir zu Gast gewesen. Es ist ein
Fielding’scher Charakter. Jeder Andere würde in seiner Gesellschaft Langeweile
gefunden haben; ich habe aber mich recht sehr darin amusirt; denn ein Auge,
womit ich ihn ansah, war poetisch, das andere verliebt. — Er läßt sein Leben für
mich und ich für seine Tochter.
3.
F o r t - L o u i s , den 28. Juni.
Gütigster Herr Aktuarius!
Ich habe einen empfindlichen Verlust gehabt, Herr Kleist hat mir Ihren und
meines guten Ott’s Briefe recht sorgsam aufheben wollen und hat sie so
verwahrt, daß er sie selbst nicht mehr wieder finden kann. Ich bin noch zu sehr von der Reise ermüdet, als daß ich Ihnen jetzt viel Vernünftiges schreiben