Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
II. Briefe von Lenz an den Aktuar Salzmann, aus den Jahren 1772 und 1776.
II.
Briefe von Lenz
a n d e n A k t u a r S a l z m a n n ,
a u s d e n J a h r e n 1 7 7 2 u n d 1 7 7 6 .
Aus Salzmann’s literarischem Nachlasse.
(Straßb. Stadtbibliothek.)
1.
F o r t - L o u i s , den 3. Juni 1772.
Mein theuerster Freund!
So nenn’ ich Sie, die Sprache des Herzens will ich mit Ihnen reden, nicht des
Ceremoniels. Kurz aber wird mein Brief werden, denn sie ist lakonisch,
lakonischer als Sallustius, lakonischer als der schnellste Gedanke eines Geistes
ohne Körper. Darum hasse ich die Briefe. Die Empfindungen einer so
geläuterten Freundschaft als Sie mich kennen gelehrt, gleichen dem geistigen
Spiritus, der wenn er an die Luft kömmt, verraucht. Ich liebe Sie — mehr
verbietet mir mein Herz zu sagen, der plauderhafte Witz ist nie sein
Dollmetscher gewesen. Ich bin wieder in Fort-Louis, nach einigen kleinen
Diversionen, die meine kleine Existenz hier, auf dem Lande herum, gemacht hat.
Ob ich mein Herz auch spatzieren geführt — — —
Ich habe die guten Mädchen von Ihnen gegrüßt: sie lassen Ihnen Ihre ganze Hochachtung und Ergebenheit versichern. Es war ein Mädchen, das sich
vorzüglich freute, daß ich so glücklich wäre, Ihre Freundschaft zu haben.
Mündlich mehr. Ich komme in der Frohnleichnamswoche zuverläßig nach
Straßburg. — Schon wieder eine Visite — und schon wieder eine — Ich bin mit
einigen Offiziers bekannt und diese Bekanntschaft wird mir schon, in ihrer
Entstehung lästig. Ich liebe die Einsamkeit jetzt mehr, als jemals — und wenn
ich S i e nicht in Straßburg zu finden hoffte, so würde ich mein Schicksal
hassen, das mich schon wieder zwingt, in eine lärmende Stadt zurückzukehren.
Was werden Sie von mir denken, mein theuerster Freund? Was für
Muthmaßungen — Aber bedenken Sie, daß dieses die Jahre der Leidenschaften
und Thorheiten sind. Ich schiffe unter tausend Klippen — auf dem Negropont,
wo man mir mit Horaz zurufen sollte
Interfusa nitentes
Vites aequora Cycladas.
Wenn ich auf einer dieser Inseln scheitre — wäre es ein so großes Wunder? Und
sollte mein Salzmann so strenge seyn, mich auf denselben, als einen zweiten
Robinson Crusoe, ohne Hilfe zu lassen? Ich will es Ihnen gestehen (denn was
sollte ich Ihnen nicht gestehen?), ich fürchte mich vor Ihrem Anblick. Sie
werden mir bis auf den Grund meines Herzens sehen — und ich werde wie ein
armer Sünder vor Ihnen stehen und seufzen, anstatt mich zu rechtfertigen. Was
ist der Mensch? Ich erinnere mich noch wohl, daß ich zu gewissen Zeiten stolz
einen gewissen G. tadelte und mich mit meiner sittsamen Weisheit innerlich
brüstete, wie ein welscher Hahn, als Sie mir etwas von seinen Thorheiten
erzählten. Der Himmel und mein Gewissen strafen mich jetzt dafür. Nun hab’ ich
Ihnen schon zu viel gesagt, als daß ich Ihnen nicht noch mehr sagen sollte. Doch
nein, ich will es bis auf unsere Zusammenkunft versparen. Ich befürchte, die
Buchstaben möchten erröthen und das Papier anfangen zu reden. Verbergen Sie
doch ja diesen Brief vor der ganzen Welt, vor sich selber und vor mir. Ich
wünschte, daß ich Ihnen von Allem Nachricht geben könnte, ohne daß ich nöthig
hätte zu reden. Ich bin boshaft auf mich selber, ich bin melancholisch über mein
Schicksal — ich wünschte von ganzem Herzen zu sterben.
Den Sonntag waren wir in Ses.[18]; den Montag frühe gieng ich wieder hin und
machte in Gesellschaft des guten Landpriesters und seiner Tochter eine Reise
nach Lichtenau. Wir kamen den Abend um 10 Uhr nach S. zurück: diesen und
den folgenden Tag blieb ich dort. Nun haben Sie genug. Es ist mir, als ob ich auf
einer bezauberten Insel gewesen wäre, ich war dort ein andrer Mensch, als ich
hier bin, alles was ich geredt und gethan, hab’ ich im Traume gethan.