Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 14
D. H.
14.
K o c h b e r g , den 23sten Oktober 1776.
Wollten Sie so freundschaftlich seyn, lieber Aktuarius, Röderern, falls er noch in
Straßburg ist, zu sagen, er möchte mir das Paket von Herrn von Kleist, nur mit
der Post zuschicken, weil ich sehr ungeduldig darauf bin; die Briefe könnt’ er
mir selbst mitbringen.
Ich bin in Kochberg bei der liebenswürdigsten und geistreichsten Dame, die ich
kenne, mit der ich seit vier, fünf Wochen den englischen Shakspeare lese.
Künftige Woche gehts leider schon wieder nach Weimar.
Der Herzog hat neulich hier einen sonderbaren Zufall gehabt: er fiel von einem
Floß im Schloßgraben ins Wasser, ich sprang nach und hatte das Glück ihn, ohne
Schaden, heraus zu ziehen. H e r d e r ist mit ihm hier gewesen und find’t
allgemeinen Beifall. Wer sollte ihm auch den streitig machen können? Er und
W i e l a n d sind, wie der Letzte es von Jedem seyn muß, Freunde und werden
es noch immer mehr werden.
G ö t h e hab’ ich nun lang nicht gesehen; er ist so von Geschäften absorbirt in
W., daß er den Herzog nicht einmal hat herbegleiten können.
Leben Sie wohl und grüßen alle guten Freunde, auch Jungfer Lauth.
L e n z .
Am Rande:
Wäre es nicht möglich, daß ich, durch Ihre Vermittlung einige der neuesten
Allemanden in Straßburg abgeschrieben herbekommen könnte. Was Sie dafür
auslegen, will ich wieder erstatten. Die von Edelmann würde Ihnen hier ein
ewiges Denkmal setzen.
Nachschrift, mit Bleistift geschrieben:
Kennen Sie K a u f m a n n ? Er ist, wie mir die Herzogin Mutter gesagt, durch
Weimar gegangen und hat sehr gefallen. Auch ist er im Merkur.
Grüßen Sie die d e u t s c h e G e s e l l s c h a f t und melden Sie mir recht viel
Neues aus Straßburg und Paris. Ist eine gewisse Exzellenz von V i e t i n g h o f
durch Straßburg gegangen? Er ist ein Vetter von General bei Baviere. — Vielleicht sehen Sie mich einmal in herzoglich sächsischer Uniform wieder.
Doch das unter uns.
Melden Sie mir doch ob Herr F r i e s , mit dem ich nach Italien wollte, noch in
Straßburg ist und grüßen ihn, wenn Sie ihn sehen.
Sollte Röderer etwa gar das benannte Paket von Herrn von Kleist noch nicht
erhalten haben, so seyen Sie doch so gütig und begrüßen ihn selbst darum. Er
weiß schon wovon die Rede ist. Und versichern ihm von mir viele
Empfehlungen.