Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 12
Ich bin dazu bestimmt, mir selbst das Leben traurig zu machen — — aber ich
weiß, daß, so sehr ich mir jetzt die Finger am Dorne zerritze, daß ich doch
einmal eine Rose brechen werde —
Zu allem diesem werde ich Ihnen die Schlüssel in Straßburg geben —
Der älteste Hr. von Kleist hat mir geschrieben, daß Briefe von meinem Vater da
wären; er schickt sie mir aber nicht; ich soll sie selbst abholen.
Nun aber stößt sich meine Hinreise noch an vielen Dingen.
Ich muß schließen, ich sehe, ich kann dieß Blättchen nicht mehr zusiegeln, aber
wenn es auch nicht unser Freund Ott wäre, durch dessen Hände es gienge, so
sind unsere Briefe von der Art, als die spartanischen Ephori an ihre Feldherrn
schickten, die an einen gemeinschaftlichen Stab müßten gewickelt werden, wenn
man sie lesen wollte.
Ich bin bis ins Grab
Ihr
L e n z .
12.
L a n d a u , im Oktober 1772.
Mein — —
Doch ich will, von jetzt an, immer ohne Titel an Sie schreiben. Wenn Geister zu
einander treten und sich miteinander besprechen, so können sie, mein’ ich den
Scharrfuß wohl weglassen. Ich schreibe an Sie, um Ihnen eine Veränderung zu
melden, die mit mir vorgegangen. Ich bin ein Christ geworden — glauben Sie
mir wohl, daß ich es vorher nicht gewesen? Ich habe an allem gezweifelt und bin
jetzt, ich schreib’ es mit von dankbarer Empfindung durchdrungenem Herzen, zu
einer Ueberzeugung gekommen, wie sie mir nöthig war, zu einer
philosophischen, nicht blos moralischen. Der theologische Glaube ist das
complementum unserer Vernunft, das dasjenige ersetzt, was dieser zur
gottfälligen Richtung unsers Willens fehlt. Ich halte ihn also blos für eine
Wirkung der Gnade, zu der wir nichts beitragen, als daß unser Herz in der
rechten Verfassung sey, sie anzunehmen; diese Verfassung aber besteht in einer
vollkommen ernstlichen Liebe zur Tugend, zum Wahren, Guten und Schönen.
Dieser Glaube ist eine notwendige Gabe Gottes, weil bei den meisten Menschen
die Vernunft noch erst im Anfange ihrer Entwicklung ist, bei vielen aber niemals entwickelt wird. Je mehr sich aber unsere Vernunft entwickelt (das geht bis ins
Unendliche), desto mehr nimmt dieser m o r a l i s c h e Glaube, der in der That
mehr in den Empfindungen als in der Erkenntniß gegründet ist, ab und
verwandelt sich in das Schauen, in eine Ueberzeugung der Vernunft. Ueberhaupt
bedürfen wir nicht mehr und nicht weniger moralisch zu glauben, als zur
Seligkeit nothwendig ist, das Uebrige haben wir immer noch die Freiheit in
suspenso zu lassen. Aber auch dieses müssen wir viel mehr suchen in Erkenntniß
und Anschauen zu verwandeln, weil, nach der Ordnung Gottes, unser Wille sich
nach unserer Erkenntniß richtet.
Dieses sind die Prämissen, die ich Ihnen voranschicke, um Ihnen eine
vollständige Idee von meiner Überzeugung von unsrer Religion zu geben. Ich
habe bisher die Erlösung unsere Heilands für nichts, als ein in die Augen
fallendes Beispiel der Folgen der Sünde gehalten, das uns an der Person des
vollkommensten Menschen, zur heilsamen Warnung aufgestellt worden. Denn,
hab’ ich gedacht, die Idee eines Verdienstes, und wär’ es auch des
vollkommensten, widerspricht der allervollkommensten Barmherzigkeit Gottes,
als welche nicht braucht erst durch ein Verdienst sich die Vergebung unserer
Sünden gleichsam abfodern und abzwingen zu lassen. Aber ich habe gefunden,
daß ich sehr irrte. Gott ist die Liebe — allein die übeln Folgen der Sünde
aufzuheben (denn das heißt Sünde vergeben) ohne die Sünde durch eben diese
übeln Folgen zu strafen, hieße die Natur dessen, was gut und böse ist, verändern
und uns eben so viel Aufmunterung zum Bösen, als zum Guten, geben. Aber —
diese übeln Folgen der Sünden einer ganzen Welt, auf einen dritten Gegenstand
lenken, das konnte Gott, das wird der Vernunft nicht schwer zu begreifen, das
war das einzige Mittel, Sünde zu vergeben, ohne sie zu strafen. Und eben dieß
läßt seine Barmherzigkeit in dem nemlichen Glanze. Freilich könnt’ es scheinen,
daß sie, gegen diesen dritten Gegenstand, welchen wir so lange unsern Heiland
nennen wollen, nicht ausgeübt worden, allein eben dieses ist der Gegenstand
unsers Glaubens, hier kann die Vernunft nicht weiter. Die Offenbarung sagt uns,
dieser Heiland sey ein ganz reiner vollkommener Mensch, vielleicht das Ideal
der menschlichen Natur gewesen, dem sich die Gottheit selbst, auf eine, uns
unbegreifliche, Weise offenbart und mitgetheilet (das Wort vereinigt find’ ich
nicht in der Bibel und ist schon ein Schritt zu weit von unsern Theologen), den
die Gottheit selbst, zu diesem großen Geschäft unterstützt; den die Gottheit
selbst, nach Vollendung desselben belohnt und ihm einen Namen gegeben, der
über alle Namen ist. Dieser Heiland aber, hat uns, außer seiner Lehre und
Beispiel, auch sein Verdienst gelassen, dessen er uns durch die Sakramente
theilhaftig macht. Indem er sich besonders durch das Sakrament des Abendmals auf eine, zwar unbegreifliche, aber doch der Vernunft nicht widersprechende,