Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 4
könnte. Denn ich habe noch fast keine Minute gehabt, in der ich zu mir selbst
hätte sagen können: nun ruhe ich. Eigene und fremde, vernünftige und
leidenschaftliche, philosophische und poetische Sorgen und Geschäfte zertheilen
mich. Mein Schlaf selber ist so kurz und unruhig, daß ich fast sagen möchte, ich
wache des Nachts mit schlafenden Augen, so wie ich des Tages mit wachendem
Auge schlafe. In Sesenheim bin ich gewesen. Ist es Trägheit oder
Gewissensangst, die mir die Hand zu Blei macht, wenn ich Ihnen die kleinen
Scenen abschildern will, in denen ich und eine andere Person, die einzigen
Akteurs sind. Soviel versichere ich Ihnen, daß Ihre weisen Lehren bei mir
gefruchtet haben und daß meine Leidenschaft dieses Mal sich so ziemlich
vernünftig aufgeführt. Doch ist und bleibt es noch immer Leidenschaft — nur
das nenne ich an ihr vernünftig, wenn sie mich zu Hause geruhig meinen
gewöhnlichen centrischen und exzentrischen Geschäften nachhängen läßt, und
das thut sie, das thut sie. Die beiden guten Landnymphen lassen Sie mit einem
tiefen Knicks grüßen. — — Mein Trauerspiel (ich muß den gebräuchlichen
Namen nennen) nähert sich mit jedem Tage der Zeitigung. Ich habe von einem
Schriftsteller aus Deutschland eine Nachricht erhalten, die ich nicht mit vielem
Golde bezahlen wollte. Er schreibt mir, mein Verleger, von dem ich, durch ihn,
ein unreifes Manuscript zurück verlangte, habe ihm gesagt, es wäre schon an
mich abgeschickt. Noch sehe ich nichts. Lieber aber ist mir dies, als ob mir Einer
einen Wechsel von 1000 Thalern zurückschenkte. Lesen Sie dieß andere Blatt[19]
in einer leeren Stunde. Unsere letzte Unterredung und die darauf folgende
schlaflose Nacht, hat diese Gedanken veranlaßt. Schreiben Sie Ihr Urtheil drüber
Ihrem ergebensten L e n z .
4.
Mein theurer Sokrates!
Ich umarme Sie mit hüpfendem Herzen und heiterer Stirne, um Ihnen eine Art
von Lebewohl zu sagen, das in der That nicht viel zu bedeuten hat. Einige
Stunden näher oder ferner machen, für den Liebhaber erschrecklich viel, für den
Freund aber nichts. Der Erste ist zu sinnlich eine körperliche Trennung zu
verschmerzen, der andere aber behält, was er hat, die geistige Gegenwart seines
Freundes, und achtet die zwei Berge oder Flüsse mehr oder weniger nicht, die
zwischen ihm und seinem Gegenstande stehen. Nur das thut mir wehe, daß ich
nicht so oft werde nach Straßburg kommen können, indessen soll es dafür
jedesmal auf desto längere Zeit geschehen. Ich denke, Sie werden mich nicht vergessen, meinerseits sind die Bande der Freundschaft so stark, daß sie noch
hundert Stunden weiter gedehnt werden können, ohne zu reißen. Bis in mein
Vaterland hinein — bis ins Capo de Finisterre, wenn Sie wollen. — In Ihrem
letzten Briefe haben Sie mir Unrecht gethan. Wie, mein liebenswürdiger Führer,
ich sollte wie ein ungezähmtes Roß allen Zaum und Zügel abstreifen, den man
mir überwirft? Wofür halten Sie mich? Ach jetzt bekomm’ ich einen ganz andern
Zuchtmeister. Entfernung, Einsamkeit, Noth und Kummer, werden mir Moralen
geben, die weit bitterer an Geschmack seyn werden, als die Ihrigen, mein sanfter
freundlicher Arzt. Wenn ich mit Ihnen zusammenkomme, werde ich Ihnen viel,
sehr viel zu erzählen haben, das ich jetzt nicht mehr der Feder anvertrauen kann.
Auftritte zu schildern, die weit rührender sind, als alles, was ich jemals im
Stande wäre zu erdichten, Auftritte, die, wenn Sie Ihnen zugesehen haben
würden, Sie selbst noch (meinen Sokrates) zu weinen würden gemacht haben.
Noch ist meine Seele krank davon. Sie sind mein bester Freund auf dem
Erdboden, Ihnen, aber auch nur Ihnen, will ich Alles erzählen, sobald ich Sie
spreche. Zeigen Sie diese Stelle meines Briefes, nicht meinem guten Ott —
wenn er nicht noch Jüngling wäre, wenn er die Stufe der Weisheit erstiegen
hätte, würde ich über diesen Punkt nicht gegen ihn zurückhaltend seyn.
Heute komme ich von Lichtenau, aus einer sehr vergnügten Gesellschaft, in
welcher ich vielleicht allein die Larve war. Ich will meinen Brief an Sie zum
Ende bringen, ich erwarte heute Abend noch einen Gnadenstoß. O lassen Sie
mich, mein beschwertes Herz an Ihrem Busen entladen. Es ist mir Wollust zu
denken, daß Sie nicht ungerührt bei meinem Leiden sind, obschon es Ihnen noch
unbekannt ist. Denn Trennung ist nicht die einzige Ursache meines Schmerzens.
— Wir wollen von andern Sachen reden.
Ich werde noch, vor meiner Abreise, einmal aus Fort-Louis an Sie schreiben und
alsdann aus Landau, sogleich nach meiner Ankunft. Mein Studiren steht jetzt
stille. Der Sturm der Leidenschaft zu heftig. Ich wünsche mich schon fort von
hier, alsdann, hoffe ich, wird er sich wieder kümmerlich legen. In Landau will
ich, so viel es mein zur andern Natur gewordenes Lieblingsstudium erlaubt, das
Jus eifrig fortsetzen. Auf den Winter denk’ ich mit Herrn von Kleist, der sich
Ihnen gehorsamst empfehlen läßt, einige Monate in Mannheim, einige in
Straßburg zuzubringen. Wo zuerst weiß ich nicht. Seyen Sie so gütig und sagen
es der Jungfer Lauthen noch nicht, daß ich von Fort-Louis weggehe, ich will es
ihr, wenn ich noch einen Posttag abgewartet, selber schreiben. Das weibliche
Herz ist ein trotzig und verzagt Ding. Leben Sie wohl bis auf meinen nächsten
Brief. Ich bin von ganzem Herzen