Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 8
und koketter Prüderie — in der That, meinen kleinen Plautus hinterdrein gelesen
und ich brauche kein Theater. Melden Sie mir doch, was das Ihrige in Straßburg
macht und ob dort kein deutsches zu erwarten sey. Beim Herrn Senior, der fast
die alleinige Materie des Gesprächs meiner Wirthsleute ist (ausgenommen den
gestrigen vortrefflichen Abend, wo wir lauter Haupt- und Staatsaktionen
ausmachten) bin ich noch nicht gewesen. Der Bürgermeister Schademann soll
schon seit geraumer Zeit todt seyn. Vielleicht erlange ich die Bekanntschaft
seines Sohnes, der sehr reich seyn soll. Ein Rektor bei der hiesigen Schule, der
im Kloster einen Sohn hat, der schon Magister ist (wo mir recht ist, hab’ ich ihn
dort gesehen) soll eine gute Bibliothek haben: da muß ich suchen
unterzukommen. Seyen Sie doch so gütig und schreiben mir in Ihrem nächsten
Briefe den Namen des Churfürsten von der Pfalz; wie auch den Charakter und
die Adresse des Herrn Lamey[20], ein Name, den ich in Straßburg oft gehört. Sie
lachen — wozu das? Nun, nun, es hat nichts zu bedeuten, ein guter Freund hat
mich um beide in einem Briefe ersucht. Einen Nachmittagsprediger habe ich hier
gehört, der keine Pfeife Toback werth vorgebracht. Ich gieng nach Hause und las
Spalding, vom Werth der Gefühle im Christenthum. Welch ein Kontrast! Dieses
Buch müssen Sie auch lesen, mein Sokrates! es macht wenigstens Vergnügen zu
finden, daß Andere mit uns nach demselben Punkt visiren. Ich freue mich, daß
man in einem Tage von hier nach Straßburg kommen kann, wer weiß wenn ich
Sie überrasche. Fahren Sie fort mit Ihrer Gewogenheit für mich. —
L e n z .
8.
L a n d a u , den 18ten.
Guter Sokrates!
„Ohne mich nicht ganz glücklich“ — Fürchten Sie sich der Sünde nicht, einen
jungen Menschen stolz zu machen, dessen Herz nach allen Passionen offen steht
und durch Zeit und Erfahrung nur noch sehr wenig verbollwerkt ist? Da ich so
tief in Ihr System geguckt, da ich weiß, daß Ihre Religion die Glückseligkeit ist
— so konnte mir kein größeres Kompliment gemacht werden, als, daß ich im
Stande sey, mit etwas dazu beizutragen, wenn’s auch nur so viel ist, als ein
Mäuschen zum Rhein. — Spaß bei Seite, die Glückseligkeit ist ein sonderbares
Ding, ich glaube immer noch, daß wir schon hier in der Welt so glücklich seyen,
als wir es nach der Einrichtung unseres Geistes und Körpers werden können. Die Tugend ist das einzige Mittel diese Glückseligkeit in ihrer höchsten Höhe zu
erhalten und die Religion versichert uns, sie werde auch nach dem Tode währen
und dient also dieser Tugend mehr zur Aufmunterung, als zur Richtschnur. Da
kommt nun aber die verzweifelte Krankheit, von der Sie schreiben und wirft mir
mein ganzes Kartenhaus über den Haufen. Allein sie muß doch auch wozu
heilsam seyn, vielleicht, wie Sie sagen, ist sie das Fegfeuer unserer Tugend,
wenigstens macht sie uns die Gesundheit desto angenehmer und trägt, durch den
Contrast, also zu dem Ganzen unserer Glückseligkeit auch mit das Ihre bei.
Wiewohl, ich habe gut philosophiren, da ich sie, dem Himmel sey Dank, schon
seit so langer Zeit, blos vom Hörensagen kenne. Ich bin jetzt auch von lauter
Kranken eingeschlossen und denke dabei beständig an Sie. Wiewohl ich aus dem
Schluß Ihres letzten Briefes zu meiner Beruhigung schließe, daß Sie jetzt wieder
völlig hergestellt seyen. Sie werden von Herrn Ott hören, wie ich mich amusire.
Wenig genug und doch sehr viel. Wenn man Käse und Brod hat, schmeckt uns
die Mahlzeit eben so gut, als wenn das Regiment de Picardie traktirt,
vorausgesetzt, daß wir in einem Fall, wie im andern, recht derben Hunger haben.
Um also glücklich zu seyn, sehe ich wohl, werde ich künftig nur immer an
meinem Magen arbeiten, nicht an der Mahlzeit, die ich ihm vorsetze. Die
Umstände, in denen wir uns befinden, müssen sich schon nach uns richten, wenn
wir selbst nur fähig sind, glücklich zu seyn. — Bin ich doch ganz Philosoph
geworden, werden Sie nur über mein Geschwätz nicht von Neuem krank! Den
Herrn Senior habe ich nur in seiner Kirche besucht und noch nicht recht das
Herz, ihn näher kennen zu lernen. Den Rektor der hiesigen Schule hab’ ich in
seinem Hause besucht und möchte wohl schwerlich wieder hingehen. Ich fragt’
ihn nach den hiesigen Gelehrten: er lachte. Das war vortrefflich geantwortet, nur
hätte der gute Mann die betrübte Ahndung, die dieses Lachen bei mir erregte,
nicht bestätigen sollen. Er beklagt sich über den Schulstaub und die häuslichen
Sorgen — da, da, mein theuerster Freund, fühlte ich eine Beklemmung über die
Brust, wie sie Daniel nicht stärker hat fühlen können, als er in den Löwengraben
hinabsank. In seiner Jugend, sagt’ er, hätte er noch fait vom Studieren gemacht,
jetzt — o mein Freund, ich kann Ihnen das Gemälde nicht auszeichnen, es
empört meine zartesten Empfindungen. Den heiligen Laurentius auf dem Rost
hätt’ ich nicht mit dem Mitleiden angesehen, als diesen Märtyrer des
Schulstandes, eines Standes, der an einem Ort wie Landau, mir in der That ein
Fegfeuer scheint, aus dem man alle guten Seelen wegbeten sollte. Er hatte seine
Bibliothek nicht aufgestellt, es waren bestäubte, verweste Bände, die er
vermuthlich nur in seiner Jugend gebraucht — ausgenommen die allgemeine
Welthistorie figurirte, in Franzband eingebunden, besonders. — Vielleicht daß
ich da mich einmal bei ihm zu Gast bitte. Er scheint übrigens der beste Mann von der Welt — o Gott, eh’ so viel Gras über meine Seele wachsen soll, so wollt’