Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 12 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 8

und koketter Prüderie — in der That, meinen kleinen Plautus hinterdrein gelesen

und ich brauche kein Theater. Melden Sie mir doch, was das Ihrige in Straßburg

macht und ob dort kein deutsches zu erwarten sey. Beim Herrn Senior, der fast

die alleinige Materie des Gesprächs meiner Wirthsleute ist (ausgenommen den

gestrigen vortrefflichen Abend, wo wir lauter Haupt- und Staatsaktionen

ausmachten) bin ich noch nicht gewesen. Der Bürgermeister Schademann soll

schon seit geraumer Zeit todt seyn. Vielleicht erlange ich die Bekanntschaft

seines Sohnes, der sehr reich seyn soll. Ein Rektor bei der hiesigen Schule, der

im Kloster einen Sohn hat, der schon Magister ist (wo mir recht ist, hab’ ich ihn

dort gesehen) soll eine gute Bibliothek haben: da muß ich suchen

unterzukommen. Seyen Sie doch so gütig und schreiben mir in Ihrem nächsten

Briefe den Namen des Churfürsten von der Pfalz; wie auch den Charakter und

die Adresse des Herrn Lamey[20], ein Name, den ich in Straßburg oft gehört. Sie

lachen — wozu das? Nun, nun, es hat nichts zu bedeuten, ein guter Freund hat

mich um beide in einem Briefe ersucht. Einen Nachmittagsprediger habe ich hier

gehört, der keine Pfeife Toback werth vorgebracht. Ich gieng nach Hause und las

Spalding, vom Werth der Gefühle im Christenthum. Welch ein Kontrast! Dieses

Buch müssen Sie auch lesen, mein Sokrates! es macht wenigstens Vergnügen zu

finden, daß Andere mit uns nach demselben Punkt visiren. Ich freue mich, daß

man in einem Tage von hier nach Straßburg kommen kann, wer weiß wenn ich

Sie überrasche. Fahren Sie fort mit Ihrer Gewogenheit für mich. —

 

L e n z .

 

8.

 

L a n d a u , den 18ten.

 

Guter Sokrates!

 

„Ohne mich nicht ganz glücklich“ — Fürchten Sie sich der Sünde nicht, einen

jungen Menschen stolz zu machen, dessen Herz nach allen Passionen offen steht

und durch Zeit und Erfahrung nur noch sehr wenig verbollwerkt ist? Da ich so

tief in Ihr System geguckt, da ich weiß, daß Ihre Religion die Glückseligkeit ist

— so konnte mir kein größeres Kompliment gemacht werden, als, daß ich im

Stande sey, mit etwas dazu beizutragen, wenn’s auch nur so viel ist, als ein

Mäuschen zum Rhein. — Spaß bei Seite, die Glückseligkeit ist ein sonderbares

Ding, ich glaube immer noch, daß wir schon hier in der Welt so glücklich seyen,

als wir es nach der Einrichtung unseres Geistes und Körpers werden können. Die Tugend ist das einzige Mittel diese Glückseligkeit in ihrer höchsten Höhe zu

erhalten und die Religion versichert uns, sie werde auch nach dem Tode währen

und dient also dieser Tugend mehr zur Aufmunterung, als zur Richtschnur. Da

kommt nun aber die verzweifelte Krankheit, von der Sie schreiben und wirft mir

mein ganzes Kartenhaus über den Haufen. Allein sie muß doch auch wozu

heilsam seyn, vielleicht, wie Sie sagen, ist sie das Fegfeuer unserer Tugend,

wenigstens macht sie uns die Gesundheit desto angenehmer und trägt, durch den

Contrast, also zu dem Ganzen unserer Glückseligkeit auch mit das Ihre bei.

Wiewohl, ich habe gut philosophiren, da ich sie, dem Himmel sey Dank, schon

seit so langer Zeit, blos vom Hörensagen kenne. Ich bin jetzt auch von lauter

Kranken eingeschlossen und denke dabei beständig an Sie. Wiewohl ich aus dem

Schluß Ihres letzten Briefes zu meiner Beruhigung schließe, daß Sie jetzt wieder

völlig hergestellt seyen. Sie werden von Herrn Ott hören, wie ich mich amusire.

Wenig genug und doch sehr viel. Wenn man Käse und Brod hat, schmeckt uns

die Mahlzeit eben so gut, als wenn das Regiment de Picardie traktirt,

vorausgesetzt, daß wir in einem Fall, wie im andern, recht derben Hunger haben.

Um also glücklich zu seyn, sehe ich wohl, werde ich künftig nur immer an

meinem Magen arbeiten, nicht an der Mahlzeit, die ich ihm vorsetze. Die

Umstände, in denen wir uns befinden, müssen sich schon nach uns richten, wenn

wir selbst nur fähig sind, glücklich zu seyn. — Bin ich doch ganz Philosoph

geworden, werden Sie nur über mein Geschwätz nicht von Neuem krank! Den

Herrn Senior habe ich nur in seiner Kirche besucht und noch nicht recht das

Herz, ihn näher kennen zu lernen. Den Rektor der hiesigen Schule hab’ ich in

seinem Hause besucht und möchte wohl schwerlich wieder hingehen. Ich fragt’

ihn nach den hiesigen Gelehrten: er lachte. Das war vortrefflich geantwortet, nur

hätte der gute Mann die betrübte Ahndung, die dieses Lachen bei mir erregte,

nicht bestätigen sollen. Er beklagt sich über den Schulstaub und die häuslichen

Sorgen — da, da, mein theuerster Freund, fühlte ich eine Beklemmung über die

Brust, wie sie Daniel nicht stärker hat fühlen können, als er in den Löwengraben

hinabsank. In seiner Jugend, sagt’ er, hätte er noch fait vom Studieren gemacht,

jetzt — o mein Freund, ich kann Ihnen das Gemälde nicht auszeichnen, es

empört meine zartesten Empfindungen. Den heiligen Laurentius auf dem Rost

hätt’ ich nicht mit dem Mitleiden angesehen, als diesen Märtyrer des

Schulstandes, eines Standes, der an einem Ort wie Landau, mir in der That ein

Fegfeuer scheint, aus dem man alle guten Seelen wegbeten sollte. Er hatte seine

Bibliothek nicht aufgestellt, es waren bestäubte, verweste Bände, die er

vermuthlich nur in seiner Jugend gebraucht — ausgenommen die allgemeine

Welthistorie figurirte, in Franzband eingebunden, besonders. — Vielleicht daß

ich da mich einmal bei ihm zu Gast bitte. Er scheint übrigens der beste Mann von der Welt — o Gott, eh’ so viel Gras über meine Seele wachsen soll, so wollt’