Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 10
Herr Simon kommt zurück eh’ ich ihn haben will: ich kann Ihnen also das
Versprochene nicht zuschicken. Es war mein Trauerspiel, welches ich jetzt eben
für Sie abschreibe. Ich werde schon eine andre Gelegenheit finden es Ihnen
zukommen zu lassen. Nicht einmal einen langen Brief erlaubt mir seine
beschleunigte Abreise. Gut, daß ich dann und wann, bei Lesung des Leibnitz ein
hingeworfenes Blatt für Sie beschrieben habe. Vergeben Sie mir, daß ich es nicht
abschreibe und meine Gedanken in Ordnung bringe. Ihnen, als einem
unverwöhnten Auge, darf ich sie auch im Schlafrock zeigen; wenn sie wahr sind,
werden sie Ihnen auch alsdann besser gefallen, als falsche in einem Gallakleide.
— Wie ich Ihnen gesagt habe, meine philosophischen Betrachtungen dürfen
nicht über zwo, drei Minuten währen, sonst thut mir der Kopf weh. Aber wenn
ich einen Gegenstand fünf, zehnmal so flüchtig angesehen habe, und finde, daß
er noch immer da bleibt und mir immer besser gefällt, so halt’ ich ihn für wahr
und meine Empfindung führt mich darin richtiger als meine Schlüsse. Nro. II. ist
eine Apologie meines allerersten Briefes über die Erlösung. Nachdem ich aber
Ihre Antwort wieder durchgelesen, finde ich, daß wir fast einerlei gedacht und
dasselbe mit andere Worten ausgedrückt haben. Sie haben mich unrecht
verstanden, wenn Sie glaubten, ich ließe Gott die übeln Folgen der Sünde auf
den Mittler lenken, blos um seine strafende Gerechtigkeit zu befriedigen.
Leibnitz glaubt dieses; er sagt, es ist eine Convenienz, die ihn zwingt Gutes zu
belohnen und Böses zu bestrafen. Ich denke aber, es geschieht blos um
unsertwillen, weil, auf das moralische Uebel kein physisches Uebel, als eine
Strafe folgt; wir lieber Böses als Gutes thun würden, da das Böse leichter zu
thun ist. Und warum Gott das Gute für unsere Natur schwerer gemacht hat,
davon ist die Ursache klar, damit wir nicht müßig gehen; unsere Seele ist nicht
zum Stillsitzen, sondern zum Gehen, Arbeiten, Handeln geschaffen.
Doch seriosa in crastinum. — Ich werde hoffentlich noch mit Ihnen diesen
Winter zusammenkommen; wiewohl das Regiment jetzt die letzte Ordre erhalten
hat, hier zu bleiben. Wenn ich Sie sehe — Jetzt fühle ich, daß die ideale
Gegenwart eines Freundes die persönliche nicht ersetzen kann, so werde ich
Ihnen viel zu sagen haben. Meine Seele hat sich hier zu einem Entschlusse
ausgewickelt, dem alle Ihre Vorstellungen — dem die Vorstellungen der ganzen
Welt vielleicht, keine andere Falte werden geben können. Wenn ich anders ihn
einem Menschen auf der Welt mittheile, ehe er ausgeführt ist. — Mein guter
Sokrates, entziehen Sie mir um dessentwillen Ihre Freundschaft nicht; bedenken
Sie, daß die Welt ein Ganzes ist, in welches allerlei Individua passen; die der Schöpfer jedes mit verschiedenen Kräften und Neigungen ausgerüstet hat, die