Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 14 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 10

 

Herr Simon kommt zurück eh’ ich ihn haben will: ich kann Ihnen also das

Versprochene nicht zuschicken. Es war mein Trauerspiel, welches ich jetzt eben

für Sie abschreibe. Ich werde schon eine andre Gelegenheit finden es Ihnen

zukommen zu lassen. Nicht einmal einen langen Brief erlaubt mir seine

beschleunigte Abreise. Gut, daß ich dann und wann, bei Lesung des Leibnitz ein

hingeworfenes Blatt für Sie beschrieben habe. Vergeben Sie mir, daß ich es nicht

abschreibe und meine Gedanken in Ordnung bringe. Ihnen, als einem

unverwöhnten Auge, darf ich sie auch im Schlafrock zeigen; wenn sie wahr sind,

werden sie Ihnen auch alsdann besser gefallen, als falsche in einem Gallakleide.

— Wie ich Ihnen gesagt habe, meine philosophischen Betrachtungen dürfen

nicht über zwo, drei Minuten währen, sonst thut mir der Kopf weh. Aber wenn

ich einen Gegenstand fünf, zehnmal so flüchtig angesehen habe, und finde, daß

er noch immer da bleibt und mir immer besser gefällt, so halt’ ich ihn für wahr

und meine Empfindung führt mich darin richtiger als meine Schlüsse. Nro. II. ist

eine Apologie meines allerersten Briefes über die Erlösung. Nachdem ich aber

Ihre Antwort wieder durchgelesen, finde ich, daß wir fast einerlei gedacht und

dasselbe mit andere Worten ausgedrückt haben. Sie haben mich unrecht

verstanden, wenn Sie glaubten, ich ließe Gott die übeln Folgen der Sünde auf

den Mittler lenken, blos um seine strafende Gerechtigkeit zu befriedigen.

Leibnitz glaubt dieses; er sagt, es ist eine Convenienz, die ihn zwingt Gutes zu

belohnen und Böses zu bestrafen. Ich denke aber, es geschieht blos um

unsertwillen, weil, auf das moralische Uebel kein physisches Uebel, als eine

Strafe folgt; wir lieber Böses als Gutes thun würden, da das Böse leichter zu

thun ist. Und warum Gott das Gute für unsere Natur schwerer gemacht hat,

davon ist die Ursache klar, damit wir nicht müßig gehen; unsere Seele ist nicht

zum Stillsitzen, sondern zum Gehen, Arbeiten, Handeln geschaffen.

 

Doch seriosa in crastinum. — Ich werde hoffentlich noch mit Ihnen diesen

Winter zusammenkommen; wiewohl das Regiment jetzt die letzte Ordre erhalten

hat, hier zu bleiben. Wenn ich Sie sehe — Jetzt fühle ich, daß die ideale

Gegenwart eines Freundes die persönliche nicht ersetzen kann, so werde ich

Ihnen viel zu sagen haben. Meine Seele hat sich hier zu einem Entschlusse

ausgewickelt, dem alle Ihre Vorstellungen — dem die Vorstellungen der ganzen

Welt vielleicht, keine andere Falte werden geben können. Wenn ich anders ihn

einem Menschen auf der Welt mittheile, ehe er ausgeführt ist. — Mein guter

Sokrates, entziehen Sie mir um dessentwillen Ihre Freundschaft nicht; bedenken

Sie, daß die Welt ein Ganzes ist, in welches allerlei Individua passen; die der Schöpfer jedes mit verschiedenen Kräften und Neigungen ausgerüstet hat, die