Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Die Geschichte auf der Aar.
Wird die mit einem Lied’ umkleidet,
Erhöhet und verbessert sich.
Was hält mich ab dir dieses Lied zu zeigen?
Ach du verstehst es nicht. Doch zeig’ ich’s hier
Den Bäumen, die wie du ihr Glück verschweigen.
Heut’ Abend sitz hieher, dann rauschen sie es dir.
Die Geschichte auf der Aar.
Aus einem Briefe an Herrn Pf. Mäder in Mühlhausen, von Herrn Pf. Luce in Münster, vom 14. August
1806; im alsatischen Taschenbuch 1807.
„Sie haben vermuthlich den guten Lenz, Verfasser des Hofmeisters und anderer
geistreichen Schriften, persönlich gekannt. Er hatte sich, in den siebziger Jahren,
lange zu Straßburg aufgehalten, und war auch manchmal in unsere obern
Gegenden gekommen. Einst nach meiner Zurückkunft von der Helvetischen
Gesellschaft zu Olten, erzählte ich ihm die traurige Begebenheit, die einige Zeit
vorher in jener Gegend vorgefallen war. Es verunglückte ein Schiff auf der Aar.
Eine Bürgersfrau, die mit ihrem Manne ein Raub der Wellen geworden, ergriff
ein Stück des zertrümmerten Schiffes und hielt sich an demselben über dem
Wasser. Der Mann hatte sie beim Rocke gefaßt, und zog sie, durch die Last
seines entnervten Körpers, beinahe ganz unter die Fluthen. — Ach! lieber Mann,
rief sie in der Angst, wie schwer bist du! ich gehe zu Grunde! So lebe wohl,
liebe Frau! sprach der Edle und sorge für unsere Kinder! — Den andern Morgen
brachte mir Lenz diese rührende Geschichte in Versen, und erst die vorige
Woche fand ich sein Manuscript wieder unter meinen Collectaneen. Bewundern
Sie mit mir, mein Lieber, wie meisterhaft der Dichter den Gegenstand behandelt
hat, und urtheilen Sie, ob sein Gedicht, da es gleichsam auf unserm Grund und
Boden gewachsen ist, nicht verdiente, in einer vaterländischen Schrift
aufgewahrt zu werden?“[22]
„Was machst du hier, lieb Mägdelein!
Am Wasser tief und schnelle?
Und sitzest da am Bach allein,
Mit nassen, rothen Bäckelein,
Und guckst auf e i n e Stelle?
Hat dich der Vater was bedroht?
Bekommst du heut kein Morgenbrod?
Hat Bruder dich geschlagen?
Du kannst mir alles sagen.“
Das Mägdlein schaut ihm ins Gesicht,
Sieht, kehrt sich weg und redet nicht.
„Sag, wo bist du zu Hause?“
„„Herr, dort in jener Klause.““ —
Er kriecht zur kleinen Thür hinein,
Und findt ein hagres Mütterlein
Auf schlechten Binsen liegen.
„Sagt, gute Frau, was fehlt dem Kind?
Es sitzt da draußen in dem Wind,
Und ist nicht still zu kriegen.“
„„Ach, lieber Herr!““ das Mütterlein
Mit schwerem Husten saget,
„„Es geht den ganzen Tag allein
Und leidt nicht, daß man’s fraget;
Es hat von seiner Kindheit an
Nichts als beständig weinen ’than.““
„So wahr ein Gott im Himmel ist!
Euch muß was heimlich quälen;
Ihr sagt nicht alles, was ihr wißt,
Ihr sollt mir nichts verhehlen.“
„„Nun, lieber Herr““ — und faßt den Mann
Mit beiden welken Händen an —
„„Geht an den Strom, fallt auf die Knie,
Und dann kommt wieder morgen früh;
Wird sich mein Husten kehren,
So sollt ihr alles hören.““
Der Blick, der Ton, der Händedruck
Dem Fremden an die Seele schlug.
Er geht zum Bach, fällt auf die Knie,
Kömmt zu dem Weiblein Morgens früh,
Findt sie in bittern Zähren.
„„Ach Herr! was uns verloren gieng,
Kann dieses Blatt und dieser Ring
Am besten euch erklären.““
Mit diesem Wort zieht sie ein Tuch
Aus ihrer Brust, darin ein Buch
Und in dem Buch ein Blättlein war,
Bemalt mit bunten Farben zwar,
Und an dem Farbenblättlein hieng,
Als Siegel ihr Verlöbnißring.
Auf diesem Blättlein schwamm ein Weib
Im höchsten Strom mit halbem Leib.
Ihr Kahn war umgeschlagen;
Und an des Weibes Rocke faßt
Ihr Ehmann sich, doch diese Last
Schien’s Wasser nicht zu tragen.
Je mehr der Fremd’ aufs Blättlein sieht,
Je mehr ihm Aug und Stirne glüht, Und darf sie nicht mehr fragen.
Das Weiblein weint, heult außer sich,
Beginnt die Brust zu schlagen:
„„Seht, lieber Herr, das Weib bin ich,
Um mich mußt er ertrinken!
Ich, in dem Schrecken, rief ihm: Mann,
Ach, warum faßt du mich denn an?
Und gleich sah ich ihn sinken.““
„Er rief“ — bei dieser Stelle quoll
Ihr starrend Auge minder —
„„Er rief im Sinken: Frau, leb wohl,
Und sorg für unsre Kinder!““