Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 4 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

I. Lenz im Elsaß.

 

„Er stößt mich eben so sehr ab, als er mich anzieht; so zart, rührend, kräftig, ja groß er zu Zeiten sein kann, so klein, widerwärtig und roh erscheint er dann wieder, und zwar aus Willkür, um mit dem Enthusiasmus ein verhöhnendes Spiel, und mit dem Spiele selbst ein anderes, ganz außer der Poesie liegendes zu treiben, welches dieses und jede Poesie vernichtet.“

L . T i e c k, Einleitung zu Lenz’s Schriften.

 

J a k o b M i c h a e l R e i n h o l d L e n z wurde zu Seßwigen in Liefland

den 12. Jänner 1750 geboren. Er studirte 1768 in Königsberg, und begab sich

von da aus nach Berlin, wo er mit Ramler und Nicolai verkehrte. Im Jahr 1771

begleitete er einen jungen Edelmann, Herrn von Kleist, nach der damals weit

berühmten, alten Universität Straßburg. Hier verband er sich auf’s Innigste mit

seinem g u t e n S o k r a t e s, dem freundlichen, gemüthreichen

A k t u a r i u s S a l z m a n n[2], von welchem Göthe und Jung-Stilling in ihren

Selbstbiographien mit so vieler Ehrfurcht sprechen. Salzmann hatte einen Kreis

talentvoller Jünglinge um sich her versammelt, deren literarische Arbeiten er

leitete. Die heiterste Lebensphilosophie, verbunden mit reichen, vielseitigen

Kenntnissen, einem richtigen Blick und feinem Geschmacke gewannen ihm bald

alle Herzen. Besonders Lenz, dessen Geist sich in diesem Zirkel schwärmerisch

allen Eindrücken des Schönen aufschloß, gewann ihn für das Leben lieb. Auch

Herder, Stilling und Lerse lernte er hier kennen, und was für sein Dichten von

bedeutenderm Einflusse war, Göthe. Es gieng ihm eine neue, schönere Welt auf.

Shakspeare namentlich übte auf die jungen Gemüther einen mächtigen Zauber

aus. Göthe äußert sich in dieser Hinsicht also: „Will jemand unmittelbar

erfahren, was damals in dieser lebendigen Gesellschaft gedacht, gesprochen und

verhandelt worden, der lese den Aufsatz H e r d e r ’s über Shakspeare, in dem

Heft von deutscher Art und Kunst; ferner Lenzens Bemerkungen über das

Theater, denen eine Uebersetzung von Lowe’s labours lost hinzugefügt war.

Herder dringt in das Tiefere von Shakspeare’s Wesen und stellt es herrlich dar;

L e n z beträgt sich mehr bilderstürmerisch gegen die Herkömmlichkeit des

Theaters, und will denn eben all und überall nach Shakspeare’scher Weise

gehandelt haben. Da ich diesen so talentvollen als seltsamen Menschen hier zu

erwähnen veranlaßt werde, so ist wohl der Ort, versuchsweise, einiges über ihn

zu sagen. Ich lernte ihn erst gegen das Ende meines Straßburger Aufenthaltes kennen. Wir sahen uns selten; seine Gesellschaft war nicht die meine, aber wir

suchten doch Gelegenheit uns zu treffen, und theilten uns einander gern mit, weil

wir, als gleichzeitige Jünglinge, ähnliche Gesinnungen hegten. Klein, aber nett

von Gestalt, ein allerliebstes Köpfchen, dessen zierlicher Form etwas

abgestumpfte Züge vollkommen entsprachen; blaue Augen, blonde Haare, kurz

ein Persönchen, wie mir unter nordischen Jünglingen von Zeit zu Zeit eins

begegnet ist; einen sanften, gleichsam vorsichtigen Schritt, eine angenehme

nicht ganz fließende Sprache, und ein Betragen, das zwischen Zurückhaltung

und Schüchternheit sich bewegend, einem jungen Manne gar wohl anstand.

Kleinere Gedichte, besonders seine eigenen, las er sehr gut vor, und schrieb eine

fließende Hand. Für seine Sinnesart wüßte ich nur das englische Wort whimsical,

welches, wie das Wörterbuch ausweist, gar manche Seltsamkeiten in Einem

Begriff zusammenfaßt. Niemand war vielleicht eben deßwegen fähiger als er, die

Abschweifungen und Auswüchse des Shakspear’schen Genies zu empfinden und

nachzubilden. Die obengedachte Uebersetzung giebt ein Zeugniß hievon. Er

behandelt seinen Autor mit großer Freiheit, ist nichts weniger als knapp und treu,

aber er weiß sich die Rüstung oder vielmehr die Possenjacke seines Vorgängers

so gut anzupassen, sich seinen Gebärden so humoristisch gleichzustellen, daß er

demjenigen, den solche Dinge anmutheten, gewiß Beifall abgewann.“

 

Im Sommer 1772 verließ Lenz Straßburg und zog mit Herrn von Kleist nach

Fort-Louis, einer jetzt zerstörten Inselfestung auf dem Rheine. In der Nähe liegt

S e s e n h e i m [3] ; Lenz machte die Bekanntschaft des Pfarrers B r i o n, und

wurde von der patriarchalischen Familie auf’s Freundschaftlichste

aufgenommen. F r i e d e r i c k e ’ s liebliche Gestalt trat ihm entgegen und

fesselte ihn mit unauflöslichen Banden. Er trank einen vollen Kelch der süßesten

Wonne, die sich leider in der Folge in den bittersten Schmerz verwandelte und

seine Seele mit jenem tiefen Gram erfüllte, der sie verzehrte. Der Gedanke an

Sie absorbirte ihn ganz; in ihm giengen alle andern Gedanken unter und nur das

Studium seiner beiden Lieblingsdichter Plautus und Shakspeare, die er mit

schwärmerischer Verehrung las, studirte und bearbeitete, brachte ihn wieder, auf

Augenblicke wenigstens, zu sich selbst zurück. Sein Sinnen und Dichten, in

Licht und Schatten, sind aus seinem Gemüthszustande in jener Zeit erklärlich.

Gegen das Spätjahr 1772 begab sich Lenz nach Landau, und kehrte hierauf, wie

es schien, mit erneuetem Lebensmuthe nach Straßburg zurück, wo er, einige

Zwischenreisen ausgenommen, bis in den März 1776 blieb.

 

Salzmann hatte den 2. November 1775 eine neue Gesellschaft „zur Ausbildung

der deutschen Sprache“ gegründet. Das Protokoll der Sitzungen beginnt also:

„Den 2. November des Jahres 1775 ist unter göttlichem Beistande zu der Eröffnung einer Gesellschaft deutscher Sprache in dem Hause des Herrn

Aktuarius Salzmann, gegenüber dem Rathhause, Nachmittags um 3 Uhr,

geschritten worden.“ Lenz hielt, als Sekretär, eine Anrede an die Mitglieder

„über die Vortheile einer Verbindung dieser Art zu einer hoffentlich zu

erwartenden allgemeinen deutschen Sprache“, und hat darin zu zeigen gesucht,

wie sehr eine Provinz von ihren Rechten vergebe, wenn sie die Ausbildung des

sogenannten Hochdeutschen, einer einzigen Provinz oder einem einzigen Kreise

Deutschlands überließe. Tieck hat diese Anrede aufbewahrt (Lenz, Schriften Th.

II. S. 326 u. ff.). Lenz war das thätigste Mitglied dieses Vereins, mit dem er auch

M i c h a e l i s von Göttingen und S c h l o s s e r von Emmendingen, in

Verbindung brachte. Er gab folgende Beiträge, von welchen sich die mit *

bezeichneten in Tieck’s Ausgabe seiner Schriften vorfinden:

 

1. * Anrede an die Gesellschaft (S. oben).

2. * Vorzüge der deutschen vor der französischen Sprache.

3. * Ueber die Bearbeitung der deutschen Sprache im Elsaß, Breisgau

und den benachbarten Gegenden.

4. Nachahmung von Plautus Captirei.

5. * Die beiden Alten, ein Familiengemälde (dramatisch), nach einer

Zeitungsanekdote.

6. Ballade aus Dodley’s Sammlung altenglischer Gedichte.

7. * Neujahrsgedicht.

8. * Etwas über die Veränderung des Theaters beim Shakspeare.

9. Etwas über den Charakter des Sokrates, aus dem Xenophon.

10. Briefe über die Moralität des jungen Werthers.

11. Koriolan von Shakspeare.

 

Die merkwürdigsten unter den übrigen Mitgliedern waren, außer Salzmann, der

das Präsidium führte, Magister [4] L e y p o l d (1730 zu Straßburg geboren,

gestorben als Professor am Gymnasium daselbst 1792), ein Schützling

Schöpflin’s, auf dessen Veranlassung er gelehrte Reisen nach Italien, der

Schweiz und nach Holland machte; ein gründlicher Philologe und

geschmackvoller Dichter; als Republikaner eifrig und seine Schüler für wahre

Vaterlandsliebe begeisternd; übrigens ein Original, von dem noch jetzt die

drolligsten Anekdoten kreisen. Er trug in der Gesellschaft eine Charakteristik

von Sebastian Brant’s Narrenschiff vor. — Dr. J . L o r e n z B l e s s i g,

Professor der Theologie (gestorben 1816), als anregender Lehrer der

akademischen Jugend und geistlicher Redner ausgezeichnet. — Der gelehrte, geistreiche Dr. I s a a c H a f f n e r (gest. 1831), zuletzt Dekan der

theologischen Fakultät zu Straßburg, dessen Predigten, hinsichtlich der Form, als

klassische Muster anerkannt sind. — J o h a n n e s v o n T ü r k h e i m,

dessen Geschichte von Hessen, in drei Theilen, berühmt geworden. — O t t o ,

ein Gehülfe des Philologen Brunk, ein Mann von großem politischem Einflusse;

zuletzt französischer Gesandter in London. — S c h ö n f e l d , ein Komponist

und launiger Knittelversemacher. — L e o p o l d W a g n e r (geb. zu Straßburg

1747, gest. 1779), ein Kraftgenie, mit der Lenzischen Muse verwandt. Göthe hat

ihn im Faust verewigt, es ist der Famulus Wagner. Er hat mehrere Dramen

geschrieben, voller Excentrität und gräulicher Scenen: „die Kindesmörderin“

(1776), deren Stoff er Göthe weggenommen hat; „die Reue nach der That“

(1775); Gervinus hält ihn auch für den Verfasser des kleinen Nachspiels „die

frohe Frau“ (1775).[5] — Graf R a m o n d , aus Kolmar, gestorben als Staatsrath

und Präfekt der obern Pyrenäen. Als Schriftsteller zeichnete er sich durch sein

(im Geiste von Shakspeare und von Göthe’s Götz von Berlichingen

geschriebenen) guerre d’Alsace, einem historischen Drama (Bâle 1780), und

durch les dernières aventures du jeune d’Olban, fragment des amours

alsaciennes (Yverdun 1777) aus. Ramond kann als Vorläufer der romantischen

Schule Frankreichs gelten. Er schloß sich namentlich an Lenz an, dem die

letztere Schrift zugeeignet ist, und mit dem er in seiner leidenschaftlichen Liebe

zu Shakspeare sympathisirte. — Als Mitglieder der Gesellschaft kommen noch

vor: B r e u , L o b s t e i n , M e y e r , M ü l l e r , F r i e s , R ö d e r e r und

C o r v i n u s [6] .

 

Im Frühjahr 1776 verließ Lenz Straßburg und hielt sich in Weimar auf, wo er mit

Göthe umgieng und mit Herder und Wieland näher bekannt wurde.

 

Wie von einem unvermeidlichen Schicksale getrieben, kam er aber gegen das

Ende des folgenden Jahres wieder in das Elsaß. Nun brach sein oft in dumpfes

Hinbrüten, in bange Schwermuth versunkenes Gemüth in vollen Wahnsinn aus,

der zuweilen zur unbändigsten Raserei wurde. Er irrte im tiefen Winter, in

Schnee und Wind, durch die Vogesen und kam im Jänner 1778, in seinem

Aeußern aufs Höchste vernachläßigt und die traurigsten Spuren der Verirrung

tragend, nach Waldbach, in’s Steinthal, wo der würdige Pfarrer O b e r l i n ihn

mit hingebender Liebe aufnahm. Nachfolgender Aufsatz, der sich in Oberlin’s

Papieren vorfand, mag dem Leser die herzzerreißenden Scenen, die während

Lenz’s Aufenthalt im Steinthale vorfielen, schildern.[7]

 

„Den 20. Januar 1778 kam er hieher. Ich kannte ihn nicht. Im ersten Blick sah

ich ihn, den Haaren und hängenden Locken nach für einen Schreinergesellen an; seine freimüthige Manier aber zeigte bald, daß mich die Haare betrogen hatten.

— „Seien Sie willkommen, ob Sie mir schon unbekannt.“ — „ich bin ein Freund

K...’s[8] und bringe ein Compliment von ihm.“ — „Der Name, wenn’s beliebt?“

— „L e n z . “ — „Ha, ha, ist er nicht gedruckt?“ (Ich erinnerte mich einige

Dramen gelesen zu haben, die einem Herrn dieses Namens zugeschrieben

wurden.) Er antwortete: „Ja; aber belieben sie mich nicht darnach zu

beurtheilen.“

 

Wir waren vergnügt unter einander; er zeichnete uns verschiedene Kleidungen

der Russen und Liefländer vor; wir sprachen von ihrer Lebensart, u. s. w. Wir

logirten ihn in das Besuchzimmer im Schulhause.

 

Die darauf folgende Nacht hörte ich eine Weile im Schlaf laut reden, ohne daß

ich mich ermuntern konnte. Endlich fuhr ich plötzlich zusammen, horchte,

sprang auf, horchte wieder. Da hörte ich mit Schulmeisterstimme laut sagen:

Allez donc au lit — qu’est-ce que c’est que ça — hé dans l’eau par un temps si

froid! — Allez, allez au lit.

 

Eine Menge Gedanken durchdrangen sich in meinem Kopf. Vielleicht, dachte

ich, ist er ein Nachtwandler und hatte das Unglück in die Brunnbütte zu stürzen;

man muß ihm also Feuer, Thee machen, um ihn zu erwärmen und zu trocknen.

Ich warf meine Kleider um mich und hinunter an das Schulhaus. Schulmeister

und seine Frau, noch vor Schrecken blaß, sagten mir: Herr Lenz hätte die ganze

Nacht nicht geschlafen, wäre hin und her gegangen, auf’s Feld hinter dem

Hause, wieder herein, endlich hinunter an den Brunnentrog, streckte die Hände

ins Wasser, stieg auf den Trog, stürzte sich hinein und plattscherte drin wie eine

Ente; sie, Schulmeister und seine Frau, hatten gefürchtet, er wolle sich ertränken,

riefen ihm zu — er wieder aus dem Wasser, sagte, er wäre gewohnt sich im

kalten Wasser zu baden, und gieng wieder auf sein Zimmer. — Gottlob, sagte

ich, daß es weiter nichts ist; Herr K... liebt das kalte Bad auch, und Herr L... ist

ein Freund von Herrn K...

 

Das war für uns Alle der erste Schreck; ich eilte zurück um meine Frau auch zu

beruhigen.

 

Von dem an verrichtete er, auf meine Bitten, sein Baden mit mehrerer Stille.

 

Den 21sten ritt er mit mir nach Belmont, wo wir die allgemeine Großmutter, die

176 Abstämmlinge erlebt, begruben. Daheim communicirte er mir mit einer

edeln Freimüthigkeit, was ihm an meinem Vortrag u. s. w. mißfallen; wir waren

vergnügt bei einander, es war mir wohl bei ihm; er zeigte sich in allem als ein

liebenswürdiger Jüngling.

Herr K... hatte mir sagen lassen: er würde, seiner Braut das Steinthal zu zeigen,

zu uns kommen und einen Theologen mitbringen, der gerne hier predigen

möchte.

 

Ich bin nun bald eilf Jahre hier; anfangs waren meine Predigten vortrefflich,

nach dem Geschmacke der Steinthaler. Seitdem ich aber dieser guten Leute

Fehler kenne und ihre äußerste Unwissenheit in Allem, und besonders in der

Sprache selbst, in der man ihnen predigt, und ich mich daher so tief mir immer

möglich herunterlassen und dem mir nun bekannten Bedürfniß meiner Zuhörer

gemäß zu predigen mich bemühe, seitdem hat man beständig daran auszusetzen.

Bald heißt es: ich wäre zu scharf; bald: so könne es Jeder; bald: meine Mägde

hätten mir meine Predigt gemacht u. s. w. Ueberdieß macht mir das Predigen oft

mehr Mühe als alle andern Theile meines Amtes zusammengenommen. Ich bin

daher herzlich froh, wann bisweilen jemand anders für mich predigen will.

 

Herr L..., nachdem er die Schulen der Conductrices und Anderes in Augenschein

genommen, und er mir seine Gedanken freimüthig über Alles mitgetheilt,

äußerte mir seinen Wunsch für mich zu predigen. Ich fragte ihn, ob er der

Theolog wäre, von dem mir Herr K... hätte sagen lassen? „Ja,“ sagte er, und ich

ließ mir’s, um obiger Ursachen willen, gefallen; es geschah den darauf folgenden

Sonntag, den 25sten. Ich gieng vor den Altar, sprach die Absolution, und Herr

L... hielt auf der Kanzel eine schöne Predigt, nur mit etwas zu vieler

Erschrockenheit. Herr K... war mit seiner Braut auch in der Kirche. Sobald er

konnte, bat er mich, mit ihm besonders zu gehen, und fragte mich mit

bedeutender Miene, wie sich Herr L... seitdem betragen und was wir mit

einander gesprochen hätten. Ich sagte ihm, was ich noch davon wußte; Herr K...

sagte: es wäre gut. Bald darauf war er auch mit Herrn L... allein. Es kam mir

dieß alles etwas bedenklich vor, wollte da nicht fragen, wo ich sah, daß man

geheimnißvoll wäre, nahm mir aber vor, meinen Unterricht weiter zu suchen.

 

Herr K... lud mich freundschaftlich ein, mit ihm zu seiner Hochzeit in die

Schweiz zu gehen. So gern ich längst die Schweiz gesehen, einen Lavater, einen

Pfenninger und andere Männer gekannt und gesprochen hätte, so sehr meinem

Leibe und Gemüthe (ich hatte einige harte Monate gehabt), eine Aufmunterung

und Stärkung durch eine Reise wünschbar war, so unübersteigliche Hindernisse

fand ich auf allzuvielen Seiten. Herr K... räumte einen großen Theil durch

Mittheilung seines Reiseplanes aus dem Wege: ich überlegte den Rest und fand

Möglichkeit.

 

Am Montag, den 26sten, nachdem ich meine letzten damaligen Patienten

begraben hatte, gieng ich den nächsten Weg über Rhein. Herr L... sollte die Kanzel und mein Herr Amtsbruder die eigentlichen Actus pastorales, die den

damaligen Umständen nach sparsam oder gar nicht vorkommen sollten,

versehen.

 

Ich kam nicht weiter als bis nach Köndringen und Emmendingen, wo ich Herrn

Sander, und am zweiten Ort, Herrn Schlosser zum ersten Mal sah und besprach;

sodann über Breisach nach Kolmar, wo ich Herrn Pfeffel und Lerse kennen

lernte; und zurück ins Steinthal.

 

Ich hatte nun hinlänglichen Unterricht in Ansehung Herrn L... bekommen, und

übrigens so viel Satisfaction von meiner Reise, daß, so rar bei einem Steinthaler

Pfarrer das Geld ist, ich sie nicht um hundert Thaler gebe.

 

Ueber meine unvermuthete Rückkunft war Herr L... betroffen und etwas

bestürzt, meine Frau aber entzückt, und bald darauf, nach einiger Unterredung,

auch Herr L...

 

Ich hörte, daß in meiner Abwesenheit Vieles, auf Herrn L...’s Umstände

Passendes und für ihn Nützliches, gesprochen worden, ohngeachtet meine Frau

die Umstände selbst, die ich erst auf meiner Reise erfuhr, nicht wußte.

 

Ich erfuhr ferner, daß Herr L..., nach vorhergegangenen eintägigen Fasten,

Bestreichung des Gesichtes mit Asche, Begehrung eines alten Sackes, den 3.

Hornung ein zu Fouday so eben verstorbenes Kind, das Friedericke hieß,

aufwecken wollte, welches ihm aber fehlgeschlagen.

 

Er hatte eine Wunde am Fuß hieher gebracht, die ihn hinken machte und ihn

nöthigte hier zu bleiben. Meine Frau verband sie ihm täglich, und man konnte

baldige Heilung hoffen. Durch das unruhige Hin- und Herlaufen aber, da er das

Kind erwecken wollte, verschlimmerte sich die Wunde so sehr, daß man die

Entzündung mit erweichenden Aufschlägen wahren mußte. Auf unsre und Herrn

K...’s häufige Vorstellungen hatte er sein Baden eingestellt, um die Heilung der

Wunde zu befördern. In der Nacht aber, zwischen dem 4. und 5. Hornung,

sprang er wieder in den Brunnentrog, mit heftiger Bewegung, um, wie er

nachher gestand, die Wunde auf’s Neue zu verschlimmern.

 

Seit Herrn K...’s Besuch logirte Herr L... nicht mehr im Schulhaus, sondern bei

uns in dem Zimmer über der Kindsstube. Den Tag hindurch war er auf meiner

Stube, wo er sich mit Zeichnen und Malen der Schweizergegenden, mit

Durchblättern und Lesen der Bibel, mit Predigtschreiben, und Unterredung mit

meiner Frau beschäftigte.

 

Den 5. Hornung kam ich von meiner Reise zurück; er war, wie ich oben gesagt, anfangt darüber bestürzt, und bedauerte sehr, daß ich nicht in der Schweiz

gewesen. Ich erzählte ihm, daß Herr Hofrath Pfeffel die Landgeistlichen so

glücklich schätzt, und ihren Stand beneidenswerth hält, weil er so unmittelbar

zur Beglückung des Nächsten aufweckt. Es machte Eindruck auf ihn. Ich

bediente mich dieses Augenblicks, ihn zu ermahnen, sich dem Wunsche seines

Vaters zu unterwerfen, sich mit ihm auszusöhnen u. s. w.

 

Da ich bei manchen Gelegenheiten wahrgenommen, daß sein Herz von

fürchterlicher Unruhe gemartert wurde, sagte ich ihm, er würde sodann wieder

zur Ruhe kommen, und schwerlich eher, denn Gott wüßte seinem Worte: „Ehre

Vater und Mutter,“ Nachdruck zu geben u. s. w.

 

Alles, was ich sagte, waren nur meistens Antworten auf abgebrochene, oft

schwer zu verstehende Worte, die er in großer Beklemmung seines Herzens

ausstieß. Ich merkte, daß er bei Erinnerung gethaner, mir unbekannter, Sünde

schauderte, an der Möglichkeit der Vergebung verzweifelte; ich antwortete ihm

darauf; er hob seinen niederhängenden Kopf auf, blickte gen Himmel, rang die

Hände, und sagte: „Ach! ach! göttlicher Trost — ach — göttlich, o — ich bete

— ich bete an!“ Er sagte mir sodann ohne Verwirrung, daß er nun Gottes

Regierung erkenne und preise, die mich so bald, ihn zu trösten, wieder

heimgeführt.

 

Ich gieng im Zimmer hin und her, packte aus, legte in Ordnung, stellte mich zu

ihm hin. Er sagte mit freundlicher Miene: „Bester Herr Pfarrer, können Sie mir

doch nicht sagen, was das Frauenzimmer macht, dessen Schicksal mir so

zentnerschwer auf dem Herzen liegt?“ Ich sagte ihm, ich wisse von der ganzen

Sache nichts, ich wolle ihm in allem, was ihn wahrhaft beruhigen könne, aus

allen Kräften dienen, er müßte mir aber Ort und Personen nennen. Er antwortete

nicht, stand in der erbärmlichsten Stellung, redete gebrochene Worte: „Ach! ist

sie todt? Lebt sie noch? — Der Engel, sie liebte mich — ich liebte sie, sie war’s

würdig — o, der Engel! — Verfluchte Eifersucht! ich habe sie aufgeopfert — sie

liebte noch einen Andern — aber sie liebte mich — ja herzlich — aufgeopfert —

die Ehe hatte ich ihr versprochen, hernach verlassen — o, verfluchte Eifersucht

— — O, gute Mutter! auch die liebte mich — ich bin euer Mörder!“

 

Ich antwortete wie ich konnte, sagte ihm unter Anderm, vielleicht lebten diese

Personen alle noch, und vielleicht vergnügt; es mag sein wie es wolle, so könnte

und würde Gott, wenn er sich zu ihm bekehrt haben würde, diesen Personen auf

sein Gebet und Thränen, so viel Gutes erweisen, daß der Nutzen, den sie sodann

von ihm hätten, den Schaden, so er ihnen zugefügt, leicht und vielleicht weit

überwiegen würde. — Er wurde jedoch nach und nach ruhiger und gieng an sein Malen.

 

Herr C... hatte mir zu Emmendingen einige in Papier gepackte Gerten nebst

einem Brief für ihn mitgegeben. Eines Males kam er zu mir; auf der linken

Schulter hatte er ein Stück Pelz, so ich, wenn ich mich der Kälte lange aussetzen

muß, auf den Leib zu legen gewohnt bin. In der Hand hielt er die noch

eingepackten Gerten; er gab sie mir, mit Begehren, ich solle ihn damit

herumschlagen. Ich nahm die Gerten aus seiner Hand, drückte ihm einige Küsse

auf den Mund und sagte: dieß wären die Streiche, die ich ihm zu geben hätte, er

möchte ruhig sein, seine Sachen mit Gott allein ausmachen; alle möglichen

Schläge würden keine einzige seiner Sünden tilgen, dafür hätte Jesus gesorgt, zu

dem möchte er sich wenden. Er gieng.

 

Beim Nachtessen war er etwas tiefsinnig. Doch sprachen wir von allerlei. Wir

giengen endlich vergnügt von einander und zu Bette. — Um Mitternacht

erwachte ich plötzlich; er rannte durch den Hof, rief mit harter, etwas hohler

Stimme einige Sylben, die ich nicht verstand; seitdem ich aber weiß, daß seine

Geliebte [9] F r i e d e r i c k e hieß, kommt es mir vor, als ob es dieser Name

gewesen wäre, — mit äußerster Schnelle, Verwirrung und Verzweiflung

ausgesprochen. Er stürzte sich, wie gewöhnlich, in den Brunnentrog, patschte

drin, wieder heraus und hinauf in sein Zimmer, wieder hinunter in den Trog, und

so einige Mal — endlich wurde er still. Meine Mägde, die in dem Kindsstübchen

unter ihm schliefen, sagten, sie hätten oft, insonderheit aber in selbiger Nacht,

ein Brummen gehört, das sie mit nichts als mit dem Ton einer Habergeise zu

vergleichen wüßten. Vielleicht war es sein Winseln mit hohler, fürchterlicher,

verzweifelnder Stimme.

 

Freitag den 6ten, den Tag nach meiner Zurückkunft, hatte ich beschlossen, nach

Rothau zu Herrn Pfarrer Schweighäuser zu reiten. Meine Frau gieng mit. Sie war

schon fort, und ich im Begriff auch abzureisen. Aber welch ein Augenblick!

Man klopft an meiner Thüre, und Herr L... tritt herein mit vorwärts gebogenem

Leibe, niederwärts hängendem Haupt, das Gesicht über und über und das Kleid

hier und da mit Asche verschmiert, mit der rechten Hand an dem linken Arm

haltend. Er bat mich, ihm den Arm zu ziehen, er hätte ihn verrenkt, er hätte sich

vom Fenster heruntergestürzt; weil es aber Niemand gesehen, möcht’ ich’s auch

Niemand sagen.

 

Ich that was er wollte, und schrieb eilends an Sebastian Scheidecker, Schullehrer

von Bellefosse, er solle herunter kommen, Herrn L... hüten. Ich eilte fort.

Sebastian kam und richtete seine Commission unvergleichlich aus, stellte sich,

als ob er mit uns hätte reden wollen, sagte ihm, daß, wenn er wüßte, daß er ihm nicht überlästig oder von etwas abhielte, wünschte er sehr, einige Stunden in

seiner Gesellschaft zu seyn. Herr L... nahm es mit besonderem Vergnügen an,

und schlug einen Spaziergang nach Fouday vor, — gut. Er besuchte das Grab

des Kindes, das er hatte erwecken wollen, kniete zu verschiedenen Malen nieder,

küßte die Erde des Grabes, schien betend, doch mit großer Verwirrung, riß etwas

von der auf dem Grabe stehenden Krone ab, als ein Andenken, gieng wieder

zurück gen Waldersbach,[10] kehrte wieder um, und Sebastian immer mit.

Endlich mochte Herr L... die Absicht seines Begleiters errathen; er suchte Mittel

ihn zu entfernen. Sebastian schien ihm nachzugeben, fand aber heimlich Mittel,

seinen Bruder Martin von der Gefahr zu benachrichtigen, und nun hatte Herr L...

zween Aufseher statt einen. Er zog sie wacker herum; endlich gieng er nach

Waldersbach zurück, und da sie nahe am Dorf waren, kehrte er wie ein Blitz um,

und sprang, ungeachtet seiner Wunde am Fuß, wie ein Hirsch gen Fouday

zurück. Sebastian kam zu uns, um das Vorgegangene zu berichten, und sein

Bruder setzte dem Kranken nach. Indem er ihn zu Fouday suchte, kamen zwei

Krämer und erzählten ihm, man hätte in einem Hause einen Fremden gebunden,

der sich für einen Mörder ausgäbe, und der Justiz ausgeliefert sein wollte, der

aber gewiß kein Mörder sein könne. Martin lief in das Haus und fand es so; ein

junger Mensch hatte ihn, auf sein ungestümes Anhalten, in der Angst gebunden.

Martin band ihn los und brachte ihn glücklich nach Waldersbach. Er sah verwirrt

aus; da er aber sah, daß ich ihn wie immer freundschaftlich und liebreich

empfieng und behandelte, bekam er wieder Muth, sein Gesicht veränderte sich

vortheilhaftig, er dankte seinen beiden Begleitern freundlich und zärtlich, und

wir brachten den Abend vergnügt zu.

 

Ich bat ihn inständig nicht mehr zu baden, die Nacht ruhig im Bette zu bleiben,

und wann er nicht schlafen könnte, sich mit Gott zu unterhalten u. s. w. Er

versprach’s, und wirklich that er’s die folgende Nacht; unsere Mägde hörten ihn

fast die ganze Nacht hindurch beten.

 

Den folgenden Morgen, Samstag den 7ten, kam er mit vergnügter Miene auf

mein Zimmer. Ich hoffte, wir würden bald am Ende unserer gegenseitigen Qual

seyn; aber leider der Erfolg zeigte was anders.

 

Nachdem wir Verschiedenes gesprochen hatten, sagte er mir mit ausnehmender

Freundlichkeit: „Liebster Herr Pfarrer, das Frauenzimmer, von dem ich ihnen

sagte, ist gestorben, ja gestorben — o, der Engel!“ — Woher wissen Sie das? —

„Hieroglyphen — Hieroglyphen!“ — und dann gen Himmel geschaut und

wieder: „Ja — gestorben — Hieroglyphen!“ — Er schrieb einige Briefe, gab mir

sie sodann zu, mit Bitte, ich möchte noch selbst einige Zeilen darunter setzen.

Ich hatte mit einer Predigt zu thun und steckte die Briefe indessen in meine

Tasche. In dem einen an eine adelige Dame in W. schien er sich mit Abadonna

zu vergleichen; er redete von Abschied. — Der Brief war mir unverständlich,

auch hatte ich nur einen Augenblick Zeit ihn zu übersehen, eh ich ihn von mir

gab. In dem andern an die Mutter seiner Geliebten, sagt er, er könne ihr dießmal

nicht mehr sagen, als daß ihre Friedericke nun ein Engel sey und sie würde

Satisfaktion bekommen.

 

Der Tag gieng vergnügt und gut hin. Gegen Abend wurde ich nach Bellefosse zu

einem Patienten geholt. Da ich zurückkam, kam mir Herr L... entgegen. Es war

gelind Wetter und Mondschein. Ich bat ihn, nicht weit zu gehen und seines Fußes

zu schonen. Er versprach’s.

 

Ich war nun auf meinem Zimmer und wollte ihm Jemand nachschicken, als ich

ihn die Stieg herauf in sein Zimmer gehen hörte. Einen Augenblick nachher

platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es mir unmöglich von dem Fall

eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd kam todtblaß

und am ganzen Leibe zitternd zu meiner Frau: Herr L... hätte sich zum Fenster

hinausgestürzt. Meine Frau rief mir mit verwirrter Stimme — ich sprang heraus,

und da war Herr L... schon wieder in seinem Zimmer.

 

Ich hatte nur einen Augenblick Gelegenheit einer Magd zu sagen: «Vite, chez

l’homme juré, qu’il me donne deux hommes,» und hierauf zu Herrn Lenz.

 

Ich führte ihn mit freundlichen Worten auf mein Zimmer; er zitterte vor Frost am

ganzen Leibe. Am Oberleib hatte er nichts an als das Hemd, welches zerrissen

und sammt der Unterkleidung über und über kothig war. Wir wärmten ihm ein

Hemd und Schlafrock und trockneten die seinigen. Wir fanden, daß er in der

kurzen Zeit, die er ausgegangen war, wieder mußte versucht haben sich zu

ertränken, aber Gott hatte auch da wieder gesorgt. Seine Kleidung war durch und

durch naß.

 

Nun, dachte ich, hast du mich genug betrogen, nun mußt du betrogen, nun ist’s

aus, nun mußt du bewacht seyn. Ich wartete mit großer Ungeduld auf die zwei

begehrten Mann. Ich schrieb indessen an meiner Predigt fort und hatte Herrn L...

am Ofen, einen Schritt weit von mir sitzen. Keinen Augenblick traute ich von

ihm, ich mußte harren. Meine Frau, die um mich besorgt war, blieb auch. Ich

hätte so gerne wieder nach den begehrten Männern geschickt, konnte aber

durchaus nicht mit meiner Frau oder sonst Jemand davon reden; laut, hätte er’s

verstanden, heimlich, das wollten wir nicht, weil die geringste Gelegenheit zu

Argwohn auf solche Personen allzu heftig Eindruck macht. Um halb neun giengen wir zum Essen; es wurde, wie natürlich, wenig geredet; meine Frau

zitterte vor Schrecken und Herr L... vor Frost und Verwirrung.

 

Nach kaum viertelstündigem Beisammensitzen fragte er mich, ob er nicht hinauf

in mein Zimmer dürfte? — Was wollen sie machen, mein Lieber? — etwas lesen

— gehen Sie in Gottes Namen; — er gieng, und ich, mich stellend, als ob ich

genug gegessen, folgte ihm.

 

Wir saßen; ich schrieb, er durchblätterte meine französische Bibel mit

furchtbarer Schnelle, und ward endlich stille. Ich gieng einen Augenblick in die

Stubkammer, ohne im allergeringsten mich aufzuhalten, nur etwas zu nehmen,

das in dem Pult lag. Meine Frau stand inwendig in der Kammer an der Thür und

beobachtete Herrn L...; ich faßte den Schritt wieder herauszugehen, da schrie

meine Frau mit gräßlicher, hohler, gebrochener Stimme: „Herr Jesus, er will sich

erstechen!“ In meinem Leben habe ich keinen solchen Ausdruck eines

tödtlichen, verzweifelten Schreckens gesehen, als in dem Augenblick, in den

verwilderten, gräßlich verzogenen Gesichtszügen meiner Frau.

 

Ich war haußen. — Was wollen Sie doch immer machen, mein Lieber? — Er

legte die Scheere hin. — Er hatte mit scheußlich starren Blicken umher geschaut,

und da er Niemand in der Verwirrung erblickte, die Scheere still an sich

gezogen, mit fest zusammengezogener Faust sie gegen das Herz gesetzt, alles

dieß so schnell, daß nur Gott den Stoß so lange aufhalten konnte, bis das

Geschrei meiner Frau ihn erschreckte und etwas zu sich selber brachte. Nach

einigen Augenblicken nahm ich die Scheere, gleichsam als in Gedanken und wie

ohne Absicht auf ihn, hinweg; dann, da er mich feierlich versichern wollte, daß

er sich nicht damit umzubringen gedacht hätte, wollte ich nicht thun, als wenn

ich ihm gar nicht glaubte.

 

Weil alle vorigen Vorstellungen wider seine Entleibungssucht nichts bei ihm

gefruchtet hatten, versuchte ich’s auf eine andere Art. Ich sagte ihm: Sie waren

bei uns durchaus ganz fremd, wir kannten sie ganz und gar nicht; ihren Namen

haben wir ein einzigmal aussprechen hören, ehe wir Sie gekannt; wir nahmen

Sie mit Liebe auf, meine Frau pflegte Ihren kranken Fuß mit so großer Geduld,

und Sie erzeigen uns so viel Böses, stürzen uns aus einem Schrecken in den

andern. — Er war gerührt, sprang auf, wollte meine Frau um Verzeihung bitten;

sie aber fürchtete sich nun noch so viel vor ihm, sprang zur Thüre hinaus; er

wollte nach, sie aber hielt die Thüre zu. — Nun jammerte er, er hätte meine Frau

umgebracht, das Kind umgebracht, so sie trage; Alles, Alles bring’ er um, wo er

hin käme. — Nein, mein Freund, meine Frau lebt noch und Gott kann die

schädlichen Folgen des Schreckens wohl hemmen, auch würde ihr Kind nicht davon sterben, noch Schaden leiden. — Er wurde wieder ruhiger. Es schlug bald

zehn Uhr. Indessen hatte meine Frau in die Nachbarschaft um schleunige Hülfe

geschickt. Man war in den Betten; doch kam der Schulmeister, that, als ob er

mich etwas zu fragen hätte, erzählte mir etwas aus dem Kalender, und Herr L...,

der indessen wieder munter wurde, nahm auch Theil am Discurs, wie wenn

durchaus nichts vorgefallen wäre.

 

Endlich winkte man mir, daß die zwei begehrten Männer angekommen — o wie

war ich so froh! Es war Zeit. Eben begehrte Herr L... zu Bette zu gehen. Ich

sagte ihm: „Lieber Freund, wir lieben Sie, Sie sind davon überzeugt, und Sie

lieben uns, das wissen wir eben so gewiß. Durch Ihre Entleibung würden Sie

Ihren Zustand verschlimmern, nicht verbessern; es muß uns also an Ihrer

Erhaltung gelegen seyn. Nun aber sind Sie, wenn Sie die Melancholie überfällt,

Ihrer nicht Meister; ich habe daher zwei Männer gebeten in Ihrem Zimmer zu

schlafen (wachen dachte ich), damit Sie Gesellschaft, und wo es nöthig, Hülfe

hätten.“ Er ließ sich’s gefallen.

 

Man wundere sich nicht, daß ich so sagte, und mit ihm umgieng; er zeigte immer

großen Verstand und ein ausnehmend theilnehmendes Herz; wenn die Anfälle

der Schwermuth vorüber waren, schien alles so sicher und er selbst war so

liebenswürdig, daß man sich fast ein Gewissen daraus machte, ihn zu argwohnen

oder zu geniren. Man setze noch das zärtlichste Mitleiden hinzu, das seine

unermeßliche Qual, deren Zeuge wir nun so oft gewesen, uns einflößen mußte.

Denn fürchterlich und höllisch war es, was er ausstund, und es durchbohrte und

zerschnitt mir das Herz, wenn ich an seiner Seite die Folgen der Principien, die

so manche heutige Modebücher einflößen, die Folgen seines Ungehorsams

gegen seinen Vater, seiner herumschweifenden Lebensart, seiner

unzweckmäßigen Beschäftigungen, seines häufigen Umgangs mit

Frauenzimmern, durchempfinden mußte. Es war mir schrecklich und ich

empfand eigene, nie empfundene Marter, wenn er, auf den Knieen liegend, seine

Hand in meiner, seinen Kopf auf meinem Knie gestützt, sein blasses, mit kaltem

Schweiß bedecktes Gesicht in meinen Schlafrock verhüllt, am ganzen Leibe

bebend und zitternd; wenn er so, nicht beichtete, aber die Ausflüsse seines

gemarterten Gewissens und unbefriedigten Sehnsucht nicht zurückhalten konnte.

— Er war mir um so bedauerungswürdiger, je schwerer ihm zu seiner

Beruhigung beizukommen war, da unsere gegenseitigen Principien einander

gewaltig zuwider, wenigstens von einander verschieden schienen.

 

Nun wieder zur Sache: Ich sagte, er ließ sich’s gefallen, zwei Männer auf seinem

Zimmer zu haben. Ich begleitete ihn hinein. Der eine seiner Wächter durchschaute ihn mit starren, erschrockenen Augen. Um diesen etwas zu

beruhigen, sagte ich dem Herrn L... nun vor den zwei Wächtern auf Französisch,

was ich ihm schon auf meinem Zimmer gesagt hatte, nämlich, daß ich ihn liebte,

so wie er mich; daß ich seine Erhaltung wünschte und wünschen müßte, da er

selbst sähe, daß ihm die Anfälle seiner Melancholie fast keine Macht mehr über

ihn ließen; ich hätte daher diese zwei Bürger gebeten bei ihm zu schlafen, damit

er Gesellschaft und, im Fall der Noth, Hülfe hätte. Ich beschloß dieß mit einigen

Küssen, die ich dem unglücklichen Jüngling von ganzem Herzen auf den Mund

drückte, und gieng mit zerschlagenen, zitternden Gliedern zur Ruhe.

 

Da er im Bett war, sagte er unter Anderm zu seinen Wächtern: «Ecoutez, nous ne

voulons point faire de bruit, si vous avez un couteau, donnez-le moi

tranquillement et sans rien craindre.» Nachdem er oft deßwegen in sie gesetzt

und nichts zu erhalten war, so fieng er an sich den Kopf an die Wand zu stoßen.

Während dem Schlaf hörten wir ein öfteres Poltern, das uns bald zu-, bald

abzunehmen schien, und wovon wir endlich erwachten. Wir glaubten, es wäre

auf der Bühne, konnten aber keine Ursache davon errathen. — Es schlug drei,

und das Poltern währte fort; wir schellten, um ein Licht zu bekommen; unsere

Leute waren alle in fürchterlichen Träumen versenkt und hatten Mühe sich zu

ermuntern. Endlich erfuhren wir, daß das Poltern von Herrn L... käme und zum

Theil von den Wächtern, die, weil sie ihn nicht aus den Händen lassen durften,

durch Stampfen auf den Boden Hülfe begehrten. Ich eilte auf sein Zimmer. So

bald er mich sah, hörte er auf sich den Wächtern aus den Händen ringen zu

wollen. Die Wächter ließen dann auch nach ihn festzuhalten. Ich winkte ihnen

ihn frei zu lassen, saß auf sein Bette, redete mit ihm, und auf sein Begehren, für

ihn zu beten, betete ich mit ihm. Er bewegte sich ein wenig, und einsmals

schmiß er seinen Kopf mit großer Gewalt an die Wand; die Wächter sprangen zu

und hielten ihn wieder.

 

Ich gieng und ließ einen dritten Wächter rufen. Da Herr L... den dritten sah,

spottete er ihrer, sie würden alle drei nicht stark genug für ihn seyn.

 

Ich befahl nun in’s geheime mein Wäglein einzurichten, zu decken, noch zwei

Pferde zu suchen zu dem meinigen, beschickte Seb. Scheidecker, Schullehrer

von Bellefosse, und Johann David Bohy, Schullehrer von Solb, zween

verständige, entschlossene Männer und beide von Herrn L... geliebt. Johann

Georg Claude, Kirchenpfleger von Waldersbach, kam auch; es wurde lebendig

im Haus, ob es schon noch nicht Tag war. Herr L... merkte was, und so sehr er

bald List, bald Gewalt angewendet hatte los zu kommen, den Kopf zu

zerschmettern, ein Messer zu bekommen, so ruhig schien er auf einmal.

Nachdem ich alles bestellt hatte, gieng ich zu Herrn L..., sagte ihm, damit er

bessere Verpflegung nach seinen Umständen haben könnte, hätte ich einige

Männer gebeten, ihn nach Straßburg zu begleiten, und mein Wäglein stünde ihm

dabei zu Diensten.

 

Er lag ruhig, hatte nur einen einzigen Wächter bei sich sitzen. Auf meinen

Vortrag jammerte er, bat mich nur noch acht Tage mit ihm Geduld zu haben

(man mußte weinen, wenn man ihn sah). — Doch sprach er, er wolle es

überlegen. Eine Viertelstunde darauf ließ er mir sagen: Ja, er wolle verreisen,

stund auf, kleidete sich an, war ganz vernünftig, packte zusammen, dankte

Jedem in’s Besondere auf das Zärtlichste, auch seinen Wächtern, suchte meine

Frau und Mägde auf, die sich vor ihm versteckt und stille hielten, weil kurz

vorher noch, so bald er nur eine Weiberstimme hörte oder zu hören glaubte, er in

größere Wuth gerieth. Nun fragte er nach Allen, dankte Allen, bat Alle um

Vergebung, kurz, nahm von Jedem so rührenden Abschied, daß Aller Augen in

Thränen gebadet stunden.

 

Und so reiste dieser bedauerungswürdige Jüngling von uns ab, mit drei

Begleitern und zwei Fuhrleuten. Auf der Reise wandte er nirgends keine Gewalt

an, da er sich übermannt sah; aber wohl List, besonders zu Ensisheim, wo sie

über Nacht blieben. Aber die beiden Schulmeister erwiederten seine listige

Höflichkeit mit der ihrigen, und Alles gieng vortrefflich wohl aus.

 

So oft wir reden, wird von uns geurtheilt, will geschweigen, wenn wir handeln.

Hier schon fällt man verschiedene Urtheile von uns; die Einen sagten: wir hätten

ihn gar nicht aufnehmen sollen, — die Andern: wir hätten ihn nicht so lange

behalten, — und die Dritten: wir hätten ihn noch nicht fortschicken sollen.

 

So wird es, denke ich, zu Straßburg auch sein. Jeder urtheilt nach seinem

besonderen Temperament (und anders kann er nicht) und nach der Vorstellung,

die er sich von der ganzen Sache macht; die aber unmöglich getreu und richtig

sein kann, wenigstens mußten unendlich viele Kettengleiche darin fehlen, ohne

die man kein richtig Urtheil fällen kann, die aber außer uns nur Gott bekannt

seyn und werden können; weil es unmöglich wäre sie getreu zu beschreiben, und

doch oft in einem Ton, in einem Blick, der nicht beschrieben werden kann, etwas

steckt, das mehr bedeutet, als vorhergegangene erzählbare Handlungen.

 

Alles, was ich auf die nun, auch die zu erwartenden, einander zuwiderlaufenden,

sich selbst bestreitenden Urtheile antworten werde, ist: Alles, was wir hierin

gethan, haben wir vor Gott gethan, und so, wie wir jedesmal allen Umständen

nach glaubten, daß es das Beste wäre.

Ich empfehle den bedauerungswürdigen Patienten der Fürbitte meiner Gemeinen

und empfehle ihn in der nämlichen Absicht Jedem, der dieß liest.[11]“

 

In Straßburg blieb Lenz einige Wochen und gieng sodann nach Emmendingen,

wo er den Tod von Schlosser’s Gattin, Göthe’s Schwester, erfuhr, was seine

reizbare Seele von Neuem heftig ergriff. „Lenz ist bei mir,“ schreibt

S c h l o s s e r an O b e r l i n (2. März 1778) „und drückt mich erstaunlich. Ich

habe gefunden, daß seine Krankheit eine wahre Hypochondrie ist. Ich habe ihm

heut eine Proposition gethan, wodurch ich ihn gewiß curiren würde. Aber er ist

wie ein Kind, keines Entschlusses fähig; ungläubig gegen Gott und Menschen.

Zweimal hat er mir große Angst eingejagt; sonst ist er zwischen der Zeit ruhig.

Ich würde Euch mit mehr Freiheit schreiben, wenn er nicht da wäre, aber er

schlägt mich mit Fäusten und verengt mein armes Herz.“ Wie dankbar Lenz

Schlosser’s freundschaftliche Bemühungen anerkannte, sagen folgende Verse,

die aus jener Zeit herrühren:

 

Wie freundlich trägst du mich auf deinem grünen Rücken,

Uralter Rhein,

Wie suchest du mein Aug’ empfindlich zu erquicken

Durch Ufer voller Wein,

Und hab ich doch die tausend Lustgestalten

Tief im Gedächtniß zu behalten.

Nun weder Dinte noch Papier,

Nur dieses Herz, das sich empfindet hier!

Es scheinet fast, du liebest, Allzugroßer,

Nicht mehr der Maler Prunk, der Dichter Klang,

Es scheint, du willst, wie S c h l o s s e r ,

Nur stummen Dank.

 

Der Wahnsinn des Unglücklichen brach in Schlosser’s Hause mit solcher

Heftigkeit aus, daß man ihn in Ketten legen mußte.[12] Schlosser übergab ihn

einem Schuster in der Nachbarschaft zur Pflege. Er wurde ruhiger und erlernte

von ihm das Schusterhandwerk. Er schloß sich in schwärmerischer Liebe an

einen jungen Gesellen, Namens Konrad, an, der sich aber nach drei Monaten auf

die Wanderschaft begeben mußte. Diese Trennung schmerzte Lenz auf’s Tiefste.

Die rührenden Briefe, welche er deswegen an S a r a s i n in Basel richtete, theilt

Tieck mit. Ich lasse sie hier folgen; sie sind gewiß manchem Leser noch

unbekannt und werden durch ihren wehmüthigen Ton und kindlichen Sinn sein

inniges Mitgefühl erregen. Merkwürdig contrastiren sie mit denjenigen an

Salzmann: Hier erscheint er leidend, zutrauensvoll, bittend; dort, seiner Kraft bewußt, stürmisch und leidenschaftlich.

 

1.

 

„Lieber Herr S. Es freut mich, daß ich Ihnen wieder schreiben kann. Ich habe

eine große Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen werden: daß Sie so gütig

sind, und meinem besten Freunde und Kameraden, dem Herrn Konrad Süß, doch

einen Meister verschaffen, wenn er außer der Zeit nach Basel kommt, weil jetzt

die Handwerksburschen stark gehen, und ich den Herrn Hofrath[13] bitten will,

daß er seinem Vater zureden soll, ihn noch länger als Johannis bei sich zu

behalten, damit ich die Schusterei bei ihm fortlernen kann, die ich angefangen

habe, und er ohnedem bei seinem Herrn Vater und mir viel versäumt. Es wird

das nicht schwer fallen, da er gewiß ein guter und fleißiger Arbeiter und sonst

wohlerzogenes Kind ist, und Sie werden mich dadurch aus vieler Noth retten, die

ich Ihnen nicht sagen kann. Ausgehen ist mir noch nicht gesund, und was würd’

ich anfangen, wenn er auch fortgienge, da ich gewiß wieder in meine vorige

Krankheit verfallen müßte. Hier bin ich dem Herrn Hofrath gegenüber, und ist

mir so wohl, bis es besser mit mir wird. Wenn es nur einige Wochen nach

Johannis sein könnte! Melden Sie mir doch, ob sich dort keine Meister finden,

die auf die Zeit einen Gesellen brauchen. Wenn Sie nur wollten probiren, sich

von ihm Schuhe machen zu lassen, ich bin versichert, daß er sie gut machen

wird; besonders wenn er einige Zeit in Basel gewesen, und weiß, wie Sie sie

gerne tragen. Fleißig ist er gewiß, davon bin ich Zeuge, und er arbeitet recht nett,

besonders wenn er sie angreift. Viel tausend Grüße an Ihre Frau Gemahlin und

an den Herrn Hofmeister und an die Kleinen. Ich bin bis an’s Ende Ihr

gehorsamer Freund und Diener

 

L e n z .“

 

„Er soll jetzt das erstemal auf die Wanderschaft, und ich bin jetzt bei seinen

Eltern ein Vierteljahr lang wie das Kind im Hause gewesen. Er ist mein

Schlafkamerad und wir sitzen den ganzen Tag zusammen. Thun Sie es doch,

bester Herr Sarassin, lieber Herr Sarassin, es wird Sie nicht gereuen.

E m m e d i n g e n , einige Tage vor Johanni 1778. Ich könnte mich gewiß nicht

wieder so an einen Andern gewöhnen, denn er ist mir wie ein Bruder.“

 

2.

 

„Lieber Herr S. Ich habe ein großes Anliegen; ich weiß, daß Sie meine Bitte erhören werden. Es betrifft meinen Bruder Konrad, der für mich auf der

Wanderschaft ist: daß Sie ihm dazu verhelfen, daß er für Sie in der Fremde

arbeiten kann. Er war schon fort, als ich Ihr werthes Schreiben erhielt, und seine

Abreise war so plötzlich und unvermuthet, daß ich ihm kein Briefchen an Sie

mitgeben konnte. Seitdem hab’ ich immer auf Nachricht von ihm gewartet, bis er

endlich schrieb, daß er in Basel keine Arbeit bekommen, sondern in Arlesheim,

einem katholischen Orte, anderthalb Stunden von Basel. Nun hab’ ich kein

Anliegen auf der Welt, das mich mehr bekümmert, als wenn ich nur so glücklich

sein könnte zu hören, daß er bei Ihrem Schuhmacher wäre, und Ihnen arbeiten

thäte. Das würde mich in kurzer Zeit gesund machen. Erzeigen Sie mir diese

Freundschaft und Güte. Die Freude und der Trost, den ich daran haben werde,

wird unaussprechlich seyn: denn das Wasser[14] allein hilft mir nicht, wenn

meine Freunde nicht mit wollen dazu beitragen. Ich kann Ihnen das nicht so

beschreiben, warum ich so ernstlich darum bitte: er ist auf Mannsschuhe

besprochen, und ich hoffe, wenn er nur erst Ihre Gedanken weiß, wie Sie’s gerne

tragen, Sie werden gewiß mit seiner Arbeit zufrieden sein, wenn auch das erste

Paar nicht gleich gerathen sollte. Herr Süß hat mir versprochen, so bald Sie ihn

unterbringen, soll er seinem Meister in Arlesheim aufkündigen; und ich bin

versichert, er wird es aus Liebe für mich thun, und aus Liebe für sich selbst,

welches einerlei ist: denn ich werde keine ruhige Stunde haben, wenn er an dem

katholischen Orte bleibt, und wenn er jetzt schon weiter wandern sollte in der

großen Hitze, das würde mir auch keine Ruhe lassen.

 

Es freut mich recht sehr, daß Sie wieder einen Hofmeister haben und Ihre Frau

Gemahlin sich gesegneten Leibes befindet. Gott wolle ihr eine glückliche

Entbindung schenken, daß Ihre Freude vollendet werde, und Sie auf dieser Welt

nichts mehr zu wünschen haben mögen. Dann werde ich auch gesund werden,

und wenn der Konrad für Sie arbeitet.

 

Weiter weiß ich nichts zu schreiben, als, ich gehe alle Morgen mit meinem

lieben Herrn Süß spazieren, und bekomme auch alle Tage den Herrn Hofrath zu

sehen. Nun fehlt mir nichts, als daß es Alles so bleibt, und Gott meine Wünsche

erhört, und Sie meine Bitte erfüllen, daß der arme Konrad wieder zu seinen

Glaubensgenossen kommt. Und ich verharre unaufhörlich und zu allen Zeiten

 

Ihr

 

bereitwilliger Diener und gehorsamer Freund,

 

J. M. R. L e n z .“

 

„Ich trage Ihren Brief immer bei mir, und überlese ihn oft: er hat mir eine große Freude gemacht, und daß Sie sich auch meines Konrad’s so annehmen.“

 

3.

 

„Ich kann in der Eile Ihnen, theurer Herr und Gönner, nichts schreiben als

hundertfältigen Dank, für die Freundschaft und Güte, die Sie für mich und

meinen lieben Konrad haben, an den ich mir die Freiheit nehme, einige Zeilen

mit beizulegen, und Ihnen zu melden, daß ich jetzt nach Wiswyll hinaus reisen

soll, wo ich brav werde Bewegung machen können, mit der Jagd und Feldarbeit.

Ich bin so voller Freude über so viele glückliche Sachen, die alle nach meines

Herzens Wunsch ausgeschlagen sind, daß ich für Freude nichts Rechtes zu sagen

weiß, als Sie zu bitten, daß Sie doch so gütig sind und Ihr Versprechen erfüllen,

dem ehrlichen Konrad für Sie Arbeit zu geben, weil es mir nicht genug ist, wenn

er bei Ihrem Meister Schuhmacher ist, und nicht auch für Sie arbeitet. Verzeihen

Sie meine Dreistigkeit, ich bitte doch um Nachricht von Ihnen und Ihrer Familie,

auch nach Wiswyll. Zwar ist der Herr Hofrath jetzt nach Frankfurt verreist; der

Konrad wird mir aber Ihr Briefchen schon durch seinen Vater zuschicken: ich

werde wohl einige Zeit ausbleiben. Hunderttausend Grüße Ihrer Frau Gemahlin

und sämmtlichen Angehörigen.

 

Ihr gehorsamer Freund und Diener

 

L e n z .“

 

4.

 

„Eben jetzt, theurer Gönner, erhalte ich noch den Brief von Konrad zu dem

Ihrigen und muß hunderttausend Dank wiederholen, daß Sie so gütig sind, und

für uns beide so viel Sorge tragen, und sich auch nach mir erkundigen wollen.

Auch Herr Süß und seine Frau haben mir aufgetragen, Ihnen doch recht viele

Danksagungen zu machen, für die Güte, die Sie für ihren Sohn gehabt, und daß

der Herr Hofrath nach Frankfurt verreist sey, sonst würden sie es auch durch ihn

haben thun lassen. Gott wolle Ihnen alles das auf andere Art wieder vergelten,

was Sie mir für Freude gemacht haben. Ich habe jetzt auf lange Zeit genug an

des Konrad’s Brief, den ich im Walde recht werde studiren können. Sagen Sie

nur dem Konrad, er soll Wort halten und seine Eltern vor Augen haben, am

meisten aber Sie, seinen Wohlthäter, und dann auch den Herrn Hofrath Sch., und

dann auch mich, und meinen Zustand der Zeit her, daß es ihm nicht auch so

ergehe, wenn er nicht folgt. Sey’n Sie hunderttausend Mal gegrüßt alle zusammen, nochmals von Ihrem gehorsamsten

 

L e n z .“

 

Lenz brachte, ehe er nach Emmendingen kam, einige Monate im obern Elsaße

zu, bei dem ehrwürdigen Patriarchen des Thals, Pfarrer L u c e , der durch seine

lieblichen Beiträge im a l s a t i s c h e n T a s c h e n b u c h e bekannt ist. In

Kolmar erfreute er sich P f e f f e l ’s Umgang, und besuchte ihn öfters. Pfeffel

schrieb, nachdem er durch Oberlin von jenen unglücklichen Verirrungen

Nachricht erhalten hatte, an diesen: (25. Hornung 1778) „L e n z schrieb uns erst

heute von Emmendingen aus, er habe eine weite Reise vor und wolle uns zuvor

noch besuchen. Unser Mitleid für den armen Menschen übersteigt allen

Ausdruck.“ In Freiburg verkehrte er mit J a k o b i , dem er Beiträge für seine Iris

lieferte.[15]

 

Der Wahnsinn des Unglücklichen hatte nach und nach eine mildere Gestalt

angenommen und sich in stille Schwermuth verwandelt. Da aber an völlige

Genesung nicht zu denken war, und er auch für jede ernste Beschäftigung und

einen Beruf untauglich blieb, schrieben seine Freunde an seine Familie, sie

möchte ihn zu sich nehmen. Sein älterer Bruder K a r l H e i n r i c h

G o t t l i e b holte ihn daher im Sommer 1779 ab und brachte ihn in seine

Heimath. Ein Brief desselben an Salzmann lautet also:

E r f u r t , den 3. Julius 1779.

 

„Ich hoffe in der gemachten und mir sehr schmeichelhaften Bekanntschaft mit

Ihnen, schon dahin gekommen zu seyn, daß Sie, wegen der bisherigen

Nichterfüllung meines Versprechens keine große Entschuldigung erwarten, oder

gar mich einer vorsätzlichen Nachlässigkeit hierin fähig halten werden. Kurz

gesagt, so war es die große Eilfertigkeit meiner Rückreise und die beständige

Gegenwart meines Bruders, die mich bisher dieser Beruhigung beraubt haben,

Ihnen die Versicherungen meiner Hochachtung und Ergebenheit wiederholen zu

können.

 

Ich habe meinen Bruder aus Hertingen (an den Gränzen der Schweiz und nur

drei Stunden von Basel) abholen müssen. Von jener Scene, da ich ihn nach eilf

Jahren wieder gesehen, da er stumm seine Freude blicken ließ — lassen Sie mich

nichts sagen, weil sie nur gefühlt werden kann. Ich fand ihn, bis auf eine

unglaubliche Schüchternheit, völlig wieder hergestellt, und auch diese verliert

sich von Zeit zu Zeit. Straßburg mußte ich mit ihm vermeiden, so leid es mir

auch that. Die Reise scheint ihm sehr zuträglich zu seyn, und ich hoffe, daß

vaterländische Luft und geschwisterliche Pflege das Letzte zu seiner völligen Genesung beitragen werden. Er läßt sich Ihnen bestens empfehlen und hofft

nächstens selbst zu schreiben. — Unsere Reise geht gegenwärtig, so schleunig

als möglich, nach Lübeck zu, um von dort aus noch zeitig in die See gehen zu

können.

 

Ueberaus angenehm würde es mir seyn, wenn ich mich einer gütigen Antwort,

unter beiliegender Adresse nach Jena, schmeicheln dürfte: der benannte Freund

wird mir selbige allemal zuzustellen wissen.

 

Den Herren Simon und Schweighäuser[16] bitte ich ergebenst gelegentlich die

besten Komplimente zu machen. Die Zeit ist mir dießmal zu kurz, ihnen für die

bewiesene gütige Freundschaft schriftlich Dank sagen zu können.

 

Leben Sie wohl! und trauen den Versicherungen meiner aufrichtigen

Hochachtung und Ergebenheit.

 

C a r l H e i n r i c h G o t t l o b L e n z.“

 

L e n z [17] starb in Moskau, nicht, wie Tieck vermuthet, bald nach 1780, sondern

erst den 24. Mai 1792. „Er starb,“ heißt es in der allgemeinen Literaturzeitung

(1792, Intelligenzblatt Nr. 99) „von Wenigen betrauert, und von Keinem

vermißt. Dieser unglückliche Gelehrte, den in der Mitte der schönsten

Geisteslaufbahn eine Gemüthskrankheit aufhielt, die seine Kraft lähmte und den

Flug seines Genie’s hemmte, der demselben wenigstens eine unordentliche

Richtung gab, verlebte den besten Theil seines Lebens in nutzloser

Geschäftigkeit ohne eigentliche Bestimmung. Von Allen verkannt, gegen

Mangel und Dürftigkeit kämpfend, entfernt von allem, was ihm theuer war,

verlor er doch nie das Gefühl seines Werthes; sein Stolz wurde durch unzählige

Demüthigungen noch mehr gereizt, und artete endlich in jenen Trotz aus, der

gewöhnlich der Gefährte der edeln Armuth ist. Er lebte von Almosen, aber er

nahm nicht von Jedem Wohlthaten an, und wurde beleidigt, wenn man ihm

ungefordert Geld oder Unterstützung anbot, da doch seine Gestalt und sein

ganzes Aeußere die dringendste Aufforderung zu Wohlthätigkeit waren. Er

wurde auf Kosten eines großmüthigen russischen Edelmannes, in dessen Hause

er auch lange Zeit lebte, begraben.“