Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 24 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 2

O Glück! mein Bild,

Das halb voll Schlaf und träumend

Die Musen schilt.

Erröthen und erblassen

Sieh’ sein Gesicht,

Der Schlaf hat ihn verlassen,

Doch wacht er nicht.

 

Die Nachtigall im Schlafe

Hast du versäumt,

Drum höre nun zur Strafe

Was ich gereimt.

Schwer lag auf meinem Busen

Des Reimes Joch,

Die schönste meiner Musen,

Du — schliefst ja noch.

 

2.

 

Ein grauer trüber Morgen

Bedeckt mein liebes Feld,

Im Nebel tief verborgen

Liegt um mich her die Welt.

O liebliche Friedricke,

Dürft’ ich nach dir zurück,

In e i n e m deiner Blicke

Liegt Sonnenschein und Glück.

 

Der Baum, in dessen Rinde

Mein Nam’ bei deinem steht,

Wird bleich vom rauhen Winde

Der jede Lust verweht.

Der Wiesen grüner Schimmer

Wird trüb wie mein Gesicht,

Sie sehn die Sonne nimmer

Und ich Friedricken nicht.

 

Bald geh’ ich in die Reben

Und herbste Trauben ein,

Umher ist Alles Leben,

Es sprudelt neuer Wein.

Doch in der öden Laube,

Ach, denk’ ich, wär’ Sie hier?

Ich brächt’ ihr diese Traube,

Und Sie — was gäb’ Sie mir?

 

3.

 

Ach, bist du fort? aus welchen güldnen Träumen Erwach’ ich jetzt zu meiner Qual!