Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 4
Kein Bitten hielt dich auf, du wolltest doch nicht säumen,
Du flogst davon zum zweitenmal.
Zum zweitenmal sah ich dich Abschied nehmen,
Dein göttlich Aug’ in Thränen stehn,
Für deine Freundinnen — des Jünglings stummes Grämen
Blieb unbemerkt, ward nicht gesehn.
O warum wandtest du die holden Blicke
Beim Abschied immer von ihm ab?
O warum ließest du ihm nichts, ihm nichts zurücke
Als die Verzweiflung und das Grab?
Wie ist die Munterkeit von ihm gewichen!
Die Sonne scheint ihm schwarz, der Boden leer,
Die Bäume blühn ihm schwarz, die Blätter sind verblichen,
Und Alles welket um ihn her.
Er läuft in Gegenden wo er mit dir gegangen,
Im krummen Bogengang, im Wald, am Bach —
Und findet dich nicht mehr — und weinet voll Verlangen
Und voll Verzweiflung dort dir nach.
Dann in die Stadt zurück, doch die erweckt ihm Grauen,
Er findet dich nicht mehr, Vollkommenheit!
Ein andrer mag nach jenen Puppen schauen,
Ihm sind die Närrinnen verleid’t.
O laß dich doch, o laß dich doch erflehen,
Und schreib’ ihm einmal nur — ob du ihn liebst!
Ach, oder laß ihn nie dich wiedersehen,
Wenn du ihm diesen Trost nicht giebst!
Wie? nie dich wiedersehn? — Entsetzlicher Gedanke!
Ström’ alle deine Qual auf mich!
Ich fühl’, ich fühl’ ihn ganz — es ist zu viel — ich wanke —
Ich sterbe, Grausame — für dich!
4.
Jetzt fühlt der Engel was ich fühle,
Ihr Herz gewann ich mir beim Spiele,
Und Sie ist nun von Herzen mein.
Du gabst mir, Schicksal, diese Freude,
Nun laß auch morgen sein wie heute,
Und lehr’ mich ihrer würdig sein.
Nun sitzt der Ritter an dem Ort,
Den ihr ihm nanntet, liebe Kinder,
Sein Pferd gieng langsam fort
Und seine Seele nicht geschwinder.
Da sitz’ ich nun vergnügt bei Tisch, Und endige mein Abentheuer
Mit einem Paar gesott’ner Eier
Und einem Stück gebratnem Fisch.
Die Nacht war wahrlich ziemlich düster,
Mein Falke stolperte wie blind,
Und doch fand ich den Weg so gut als ihn der Küster
Des Sonntags früh zur Kirche find’t.
Ich komme bald, ihr goldnen Kinder,
Vergebens sperret uns der Winter
In unsre warmen Stuben ein.
Wir wollen uns zum Feuer setzen,
Und tausendfältig uns ergötzen,
Uns lieben wie die Engelein;
Wir wollen kleine Kränze winden,
Wir wollen kleine Sträußchen binden,
Wir wollen wie die Kinder sein!
Handschrift