Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 11 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 7

Verlust entschädigen, denn wenn man gute Gesellschaft hat, sagte sie, so kann

man nicht viel lesen. Ich habe so brav auf Ihre Güte gethan, daß ich ihr mein

Wort drauf gegeben, Sie würden es verzeihen, wenn sie Ihnen denselben erst

durch Mamsell Schell zuschickte; ja Sie würden sogar so gütig seyn und ihr

noch die zween letzten Theile alsdann dazu leihen, wenn sie die ersten wieder

gegeben. Das heißt gewagt, mein bester Sokrates, aber Jugend ist allezeit ein

Waghals, und bricht doch nur selten den Hals; ich denke, Sie werden meine

tollkühne Freundschaft noch nicht fallen lassen: wenn sie älter wird, soll sie

weiser und vorsichtiger werden. Für Ihre Adressen in Landau danke ich Ihnen

unendlich, wer weiß, wozu sie gut sind. Ich hoffe eher nach Straßburg zu

kommen, als nach Mannheim. Ich kann nicht mehr, theuerster, bester, würdigster

Freund! ich bin schon ein Jahr über meine bestimmte Stunde ausgeblieben.

Leben Sie recht sehr glücklich; mein Großfürst heirathet eine darmstädtische

Prinzessin; leben Sie allezeit gleich heiter und vergnügt; ich möchte gerne den

Namen des Russischen Envoyé an diesem Hofe wissen; erinnern Sie sich meiner

zuweilen; der Friede soll auch schon geschlossen seyn; grüßen Sie die

Lauth’sche Gesellschaft und die Mademoiselles tausendmal; doch was berichte

ich Ihnen Neuigkeiten, die bei Ihnen schon in der Hitze werden sauer geworden

seyn — und bleiben Sie gewogen

 

Ihrem verschwindenden A l c i b i a d e s

 

J. M. R. L.

 

7.

 

L a n d a u , den 7. September.

 

So wenig Zeit mir auch übrig ist, so muß ich Ihnen doch sagen, daß ich Sie in

Landau noch eben so hoch schätze, eben so liebe, als in Fort-Louis. Unser

Marsch war angenehm genug: vor Tage zu Pferde, und vom Mittag, bis in die

Nacht gerastet. Ich möchte so durch die Welt reisen. Weißenburg hat mir

gefallen, die dortige Schweizergarnison glich den Priestern der Cybele, so

erfreute sie die Ankunft eines deutschen Regiments. Landau kann in der That

das Schlüsselloch von Frankreich heißen, da es nur zween Thore hat, eins nach

vorne, das andere nach hinten. Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang —

— Ich wohne bei einem Herrn Schuch, der ein naher Verwandter vom Herrn

Türkheim seyn will. Seine Frau und er spielen mir alle Abende Komödie, wobei

mein Herz mehr lacht, als bei allen Farcen des Herrn Montval und Ribou. Er ist

ein gutwilliger Schwätzer, gegen seine Frau, ein rechter Adventsesel und auch gegen die Füllen bei ihr. Sie trägt Hosen und Zepter, eine Teintüre von Andacht