Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 22 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

IV. Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung der Ossianischen Gesänge von Selma.

IV.

 

Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung

 

der

 

Ossianischen Gesänge von Selma.

 

Aus Friederickens Nachlasse

und nach Göthe’s Handschrift abgedruckt.

 

Die Gesänge von Selma.[23]

 

Stern der niedersinckenden Nacht! Schön ist dein Licht im Westen! Du hebest

dein lockiges Haupt aus deiner Wolke: ruhig wandelst du über deinen Hügel.

Was siehst du nach der Ebne? Es ruhen die stürmischen Winde. Das Murmeln

der Ströme kommt aus der Ferne. Brüllende Wellen klettern den entlegenen

Felsen hinan. Die Fligen des Abends schweben auf ihren zarten Schwingen, das

Summen ihres Zug’s ist über dem Fels. Wo nach blickst du, schönes Licht? Aber

du lächlest und gehst. Fahrewohl du schweigender Stral, dass das Licht in

Ossians Seele heraufsteige.

 

Und es steigt herauf in seiner Stärcke. Ich sehe meine verschiedenen Freunde.

Ihre Versammlung ist auf Lora, wie in den Tagen die vorüber sind. Fingal kömmt

wie eine wässrige Säule von Nebel; seine Helden sind um ihn her. Und sieh! die

Sänger der Lieder; grauhariger Ullin! ansehnlicher Ryno! Alpin mit der

melodischen Stimme! und die sanfte Klage von Minona! O wie habt ihr euch

verändert, meine Freunde, seit den festlichen Tagen von Selma; da wir wetteiferten wie Lüffte des Frühlings, sie fliegen über den Hügel und beugen

wechselnd das sanftlispelnde Gras. Minona trat hervor in ihrer Schönheit, mit

niedergeschlagenem Blick und weinendem Auge. Schwer flossen ihr die Locken

am Wind, der nur manchmal vom Hügel her sties. Die Seelen der Helden wurden

trüb, da sie die liebliche Stimme erhub; denn offt hatten sie das Grab Salgars

gesehen, und die dunckle Behausung der weisbusigen Colma. Colma blieb allein

auf dem Hügel mit ihrer melodischen Stimme. Salgar hatte versprochen zu

kommen, aber die Nacht stieg rings umher nieder. Hört die Stimme von Colma

da sie allein sas am Hügel.

 

C o l m a .

 

Es ist Nacht; — Ich binn allein verlohren auf dem stürmischen Hügel. Der Wind

braust zwischen dem Berge. Der Wasserfall sausst den Felsen hinab. Keine Hütte

nimmt mich vorm Regen auf. Ich bin verloren auf dem stürmischen Hügel.

 

Tritt, o Mond! hervor hinter deiner Wolcke; Sterne der Nacht erscheint. Ist denn

kein Licht das mich führe zum Platz wo mein Liebster ausruht von der Mühe der

Jagd! Sein Bogen neben ihm ohngespannt. Seine Hunde schnobend um ihn her.

Aber hier muss ich allein sitzen an dem Felsen des mosigen Stroms. Und der

Strom und der Wind sausst, und ich kann nicht hören die Stimme meines

Geliebten.

 

Und wie, mein Salgar, wie, der Sohn des Hügels hält sein Versprechen nicht?

Hier ist der Felsen und der Baum, und hier der wilde Strom. Du versprachst mit

der Nacht hier zu seyn. Ach! wohin ist mein Salgar gangen. Mit dir wollt ich

meinem Vater entfliehn; mit dir meinem stolzen Bruder. Unsre Stämme sind

lange schon Feind, aber wir sind nicht Feinde, o Salgar.

 

Ruh eine Weile, o Wind! Strom sey eine Weile still, dass meine Stimme über die

Haide schalle, und mich mein Wandrer höre. Salgar! Ich binn’s das rufft. Hier ist

der Baum und der Fels. Salgar mein Liebster! ich binn hier. Warum zögerst du

zu kommen?

 

Sieh! der Mond erscheint, die Flut glänzt in dem Thal. Die Felsen sind grau an

dem Hange des Hügels. Aber ich seh ihn nicht auf dem Pfad. Keine Hunde vor

ihm her verkünden dass er kommt. Hier muss ich sitzen allein.

 

Aber wer sind die, die vor mir auf der Haide liegen? Ist’s nicht mein Liebster

und mein Bruder? Redet, o meine Freunde! Sie antworten nicht. Ach, ich fürchte

— Ah! Sie sind todt. Ihre Schwerter sind roth vom Gefecht. O mein Bruder!

mein Bruder! warum hast du meinen Salgar erschlagen? warum, o Salgar, hast

du meinen Bruder erschlagen? Lieb wart ihr mir beyde! Was soll ich zu euerm Ruhm sagen? Du warst schön auf dem Hügel unter tausenden; er war

schröcklich in dem Gefecht. Redet; hört meine Stimme, Söhne meiner Liebe.

Aber ach! sie sind stumm; Stumm für ewig, ihr Busen ist kalt wie das Grab.

 

Oh! von dem Felsen des Hügels; von dem Gipfel des windigen Berges, redet ihr

Geister der Todten! Redet ich will nicht erschröcken. — Wohin seyd ihr zu ruhen

gegangen? In welcher Höhle des Hügels kann ich euch finden? Keine schwache

Stimme vernehm ich im Wind, keine halbverwehte Antwort in den Stürmen des

Hügels.

 

Ich sitze in meinem Jammer. Ich erwarte den Morgen in meinen Trähnen. Erhebt

das Grab ihr Freunde der Todten; aber schliesst es nicht biss Colma kommt.

Mein Leben fliegt weg wie ein Traum: wie könnt ich zurück bleiben? Hier will

ich mit meinen Freunden ruhn, an dem Strom des schallenden Fels. Wenn die

Nacht über den Hügel kommt; wenn der Wind über die Haide bläst; dann soll

mein Geist im Winde stehn, und meiner Freunde Todt betrauern. Der Jäger höret

mich unter seinem Reiserdach, und fürchtet meine Stimme und liebet sie. Denn

süss soll meine Stimme seyn um meine Freunde, denn lieb waren sie beyde mir.

 

So war dein Gesang, Minona, sanft erröthendes Mädgen von Torman. Unsere

Trähnen flossen um Colma, und unsre Seelen waren trüb. Ullin kam mit der

Harfe, und sang Alpins Lied. Die Stimme Alpins war lieblich, die Seele Rynos

war ein Feuerstral. Aber sie ruhten schon im engen Haus, und ihre Stimme hörte

man nicht in Selma. Ullin kam einst zurück von der Jagd eh die Helden fielen.

Er vernahm ihren Streit am Hügel, ihr Gesang war sanft aber traurig. Sie

betrauerten den Fall Morars, des ersten der sterblichen Menschen. Seine Seele

war wie die Seele Fingals; sein Schwert wie das Schwert Oskars. Aber er fiel,

und sein Vater trauerte: seiner Schwester Augen waren voll Trähnen.

 

Minona’s Augen waren voll Trähnen der Schwester des edelgebohrenen Morar.

Sie wich zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond im Westen, wenn er den

Regen voraussieht, und sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt. Ich rührte die

Harfe mit Ullin, der Trauergesang begann.

 

R y n o .

 

Der Wind und der Regen sind vorüber, still ist die Mitte des Tags. Die Wolken

sind getheilt am Himmel. Ueber die grünen Hügel fliegt die unbeständige Sonne.

Roth durch das steinige Thal kommt nieder der Strom von dem Hügel. Süs ist

dein Gemurmel, o Strom, aber süser ist die Stimme die ich höre. Es ist die

Stimme Alpins; der Sohn des Gesangs trauert um den Todten. Von Alter ist sein

Haupt gebeugt und roth sein trähnevoll Aug. Alpin du Sohn des Gesangs, wie so allein auf dem schweigenden Hügel. Warum klagst du wie ein Windhauch im

Wald; wie eine Well’ um das ferne Gestade.

 

A l p i n .

 

Meine Trähnen, o Ryno! sind für den Todten; meine Stimme für die Bewohner

des Grabs. Schlanck bist du auf dem Hügel; schön unter den Söhnen der Ebne.

Aber du wirst fallen wie Morar; und auf deinem Grabe wird der Klagende sitzen.

Die Hügel werden dich nicht mehr kennen; dein Bogen wird in deiner Halle

liegen ohngespannt. Du warst leicht, o Morar! wie ein Reh auf dem Hügel,

schröcklich wie ein feurig Meteor. Dein Grimm war wie der Sturm. Dein

Schwert in der Schlacht wie das Wetterleuchten im Feld. Deine Stimme war wie

ein Strom nach dem Regen; wie der Donner auf fernen Hügeln. Viele stürzten

durch deinen Arm; sie wurden verzehrt in den Flammen deines Zorns.

 

Aber wenn du zurück kehrtest vom Krieg, wie friedlich war deine Stirne. Dein

Gesicht war gleich der Sonne nach dem Regen; gleich dem Mond in dem

Schweigen der Nacht; still wie der Busen des Teichs wenn der laute Wind sich

gelegt hat.

 

Eng ist nun deine Wohnung; finster der Platz deines Aufenthalts. Mit drey

Schritten mess’ ich dein Grab, o du der du sonst so gros warst. Vier Steine mit

ihren mosigen Häuptern sind dein einziges Denkmal. Ein halb verdorrter Baum,

langes Gras das im Winde flüstert zeigen dem Auge des Jägers das Grab des

mächtigen Morars. Morar, fürwahr, du bist tief gesuncken. Du hast keine Mutter

die dich beweinte, kein Mädgen mit ihren Trähnen der Liebe. Todt ist sie die

dich gebahr, gefallen ist die Tochter von Morglän.

 

Wer ist der auf seinem Stabe? Wer ist der, dessen Haupt von Alter so grau ist,

dessen Augen von Trähnen so roth sind, der bei jedem Schritte wanckt. — Es ist

dein Vater, o Morar! der Vater keines Sohnes ausser dir. Er hörte von deinem

Ruhm in der Schlacht; er hörte von zerstreuten Feinden. Er hörte von Morars

Ruhm, wie? und hörte nichts von seiner Wunde? Weine du Vater von Morar!

weine; aber dein Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Todten, tief ihr

Küssen von Staub. Nimmer wird er deine Stimme vernehmen, nimmer wird er

erwachen wenn du ihm rufst. Wann wird es Morgen im Grabe werden, der den

Schlummerer erwecke.

 

Fahre wohl du edelster der Menschen; du Erobrer im Feld. Doch das Feld wird

dich nimmer mehr sehen; nimmer der Wald mehr erleuchtet werden vom Glanze

deines Strals. Du hast keinen Sohn hinterlassen; aber der Gesang soll deinen

Nahmen erhalten. Künftige Zeiten sollen von dir hören, sie sollen hören von dem gefallenen Morar.

 

Nun erhub sich die Trauer der Helden, aber am meisten Armins berstender

Seufzer. Er dacht’ an den Tod seines Sohns; er fiel in den Tagen seiner Jugend.

Carmor sas nächst an dem Helden, der Führer des schallenden Galmal. Warum

birstet der Seufzer von Armin, sagt er? Ist hier eine Ursach zum Jammer. Der

Gesang kommt mit seiner Musick, die Seele zu schmelzen, und zu vergnügen. Es

ist wie der sanfte Nebel, der von einem Teiche heraufsteigt, und über das

schweigende Thal zieht; die grünen Blumen füllen sich mit Thau, aber die Sonne

kehrt zurück in ihrer Stärcke, und der Nebel ist weg. Warum bist du so trüb o

Armin, Führer des seeumgebenen Gorma.

 

Trüb! das binn ich fürwahr: und nicht gering die Ursach meines Jammers.

Carmor, du hast keinen Sohn verlohren; du hast keine Tochter verlohren in ihrer

Schönheit. Colgar der tapfere lebt; und Annira die schönste der Mädgen. Die

Zweige deines Geschlechtes blühen, o Carmor! Aber Armin ist der letzte seines

Stamms. Dunckel ist dein Bed o Daura! und tief dein Schlaf in dem Grabe.

Wann wirst du erwachen mit deinem Gesang mit deiner Stimme der Lieder. Auf

ihr Winde des Herbsts, auf; stürmt über die finstere Haide! Ihr Ströme der Berge,

brüllt! heult ihr Stürme in dem Gipfel der Eiche! wandele durch zerrissene

Wolcken o Mond! Zeige manchmal dein blasses Gesicht! Bring vor meine Seele

jene schröckliche Nacht da alle meine Kinder fielen; Arindal der mächtige fiel;

Daura die liebe dahinsanck. Daura meine Tochter du warst schön; schön wie der

Mond auf den Hügeln von Fura; weis wie der gefallene Schnee; süs wie die

athmende Luft. Arindal dein Bogen war starck, dein Speer war schnell in dem

Feld. Dein Blick war wie Nebel über der Welle, dein Schild eine rothe Wolcke

im Sturm. Armar berühmt im Kriege, kam und suchte Daura’s Liebe, er ward

nicht lang verschmäht; schön war die Hoffnung ihrer Freunde.

 

Erath der Sohn von Odgal, ergrimmte; seinen Bruder hatte Armar erschlagen. Er

kam verkleidet in einen Sohn der See: schön war sein Kahn auf der Welle; weis

seine Locken des Alters; ruhig seine ernstliche Stirne. Schönste der Mädgen,

sprach er; liebliche Tochter von Armin! Ein Fels nicht weit in der See trägt an

seiner Seit’ einen Baum, roth scheinet die Frucht aus der Ferne. Dort wartet

Armar auf Daura. Ich kam seine Liebe zu holen, hinüber die rollende See.

 

Sie ging, und rief nach Armar. Niemand antwortete als der Sohn des Felsens[24].

Armar! Mein Liebster! Mein Liebster? Wie lange ängstest du mich mit Furcht?

Höre, Sohn von Ardnart höre; es ist Daura die dich ruft. Erath der Verräther floh

lachend zurück nach dem Land. Sie hub ihre Stimme auf, und rief nach ihrem

Bruder und ihrem Vater. Arindal, Armin! Keiner, seiner Daura zu helfen. Ihre Stimme kam über die See. Arindal mein Sohn stieg nieder vom Hügel, wild in

der Beute der Jagd. Seine Pfeile rasselten an seiner Seite; sein Bogen war in

seiner Hand; fünf dunkelgraue Docken strichen um seine Tritte. Er sah den

kühnen Erath an dem Ufer, ergriff und band ihn an eine Eiche. Fest mit Riemen,

rings um die Lenden gebunden beladet er den Wind mit seinem Geheule.

 

Arindal besteigt in seinem Nachen die Welle Dauren zum Lande zu bringen.

Armar kam in seinem Grimm und schoss den graubefiederten Pfeil. Er klang; er

sanck in dein Herz, o Arindal mein Sohn; für Erath den Verräther stirbst du. Das

Ruder starrt in seiner Hand, er sanck über den Felsen und verschied. Ach

welcher Jammer, Daura, ringsher um deine Füsse quillt deines Bruders Blut.

 

Den Nachen schlagen die Wellen entzwey. Armar stürzt sich in die See, seine

Daura zu retten oder zu sterben. Ein Windstos vom Hügel kommt schnell über

die Wellen. Er sanck, ich sah ihn nicht mehr.

 

Allein von dem seeumstürmten Felsen hörte man meine Tochter jammern. Viel

und laut war ihr Schreyn, und ihr Vater konnt sie nicht erlösen. Die ganze Nacht

stund ich am Ufer. Ich sah sie beym schwachen Stral des Monds. Die ganze

Nacht hört ich ihr Geschrey. Laut war der Wind, und der Regen schlug hart an

die Seite des Felsens. Eh der Morgen erschien, ward ihre Stimme schwach. Sie

starb weg wie der Abendhauch zwischen dem Gras auf dem Felsen. Verzehrt von

Jammer verschied sie. Und ließ dich Armin allein: hin ist meine Stärcke im

Krieg, gefallen mein Stolz unter den Mädgen.

 

Wenn die Stürme des Bergs kommen. Wenn der Nord die Wellen in die Höh’

hebt; Sitz ich am schallenden Gestad, und schau auf den schröcklichen Felsen.

Offt am niedersinckenden Mond seh’ ich die Geister meiner Kinder. Halb

unsichtbaar wandeln sie in traurigem Gespräch neben einander.[25] Will keins

von euch aus Mitleiden reden? Sie sehen ihren Vater nicht an. Ich bin trüb o

Carmor; aber nicht gering die Ursach meines Schmerzens!

 

So waren die Worte der Barden in den Tagen des Gesangs; da der König den

Klang der Harfen hörte, und die Geschichte vergangener Zeiten. Die Fürsten

erschienen von allen ihren Hügeln, und hörten den lieblichen Ton. Sie priesen

die Stimme von[26] Cona des ersten unter tausend Barden. Aber das Alter ist nun

auf meiner Zunge, mein Geist ist weggeschwunden. Ich höre manchmal die

Geister der Barden und lerne ihren lieblichen Gesang. Aber das Gedächtnis

schwindet in meiner Seele. Ich höre den Ruf der Jahre. Sie sagen wie sie

vorübergehn, wie? singt Ossian. Bald wird er liegen im engen Haus, kein Barde

seinen Ruhm erheben. Rollt hin ihr dunkelbraunen Jahre, ihr bringt mir keine Freude in eurem Lauf. Eröffnet Ossian sein Grab, denn seine Stärcke ist dahin.

Die Söhne des Gesangs sind zur Ruhe gegangen, meine Stimme bleibt über wie

ein Hauch der fern um den seeumgebenen Felsen saust, wenn sich der Sturm

gelegt hat. Das finstere Moos rauscht, und aus der Ferne sieht der Schiffer die

wallenden Bäume.