Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
IV. Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung der Ossianischen Gesänge von Selma.
IV.
Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung
der
Ossianischen Gesänge von Selma.
Aus Friederickens Nachlasse
und nach Göthe’s Handschrift abgedruckt.
Die Gesänge von Selma.[23]
Stern der niedersinckenden Nacht! Schön ist dein Licht im Westen! Du hebest
dein lockiges Haupt aus deiner Wolke: ruhig wandelst du über deinen Hügel.
Was siehst du nach der Ebne? Es ruhen die stürmischen Winde. Das Murmeln
der Ströme kommt aus der Ferne. Brüllende Wellen klettern den entlegenen
Felsen hinan. Die Fligen des Abends schweben auf ihren zarten Schwingen, das
Summen ihres Zug’s ist über dem Fels. Wo nach blickst du, schönes Licht? Aber
du lächlest und gehst. Fahrewohl du schweigender Stral, dass das Licht in
Ossians Seele heraufsteige.
Und es steigt herauf in seiner Stärcke. Ich sehe meine verschiedenen Freunde.
Ihre Versammlung ist auf Lora, wie in den Tagen die vorüber sind. Fingal kömmt
wie eine wässrige Säule von Nebel; seine Helden sind um ihn her. Und sieh! die
Sänger der Lieder; grauhariger Ullin! ansehnlicher Ryno! Alpin mit der
melodischen Stimme! und die sanfte Klage von Minona! O wie habt ihr euch
verändert, meine Freunde, seit den festlichen Tagen von Selma; da wir wetteiferten wie Lüffte des Frühlings, sie fliegen über den Hügel und beugen
wechselnd das sanftlispelnde Gras. Minona trat hervor in ihrer Schönheit, mit
niedergeschlagenem Blick und weinendem Auge. Schwer flossen ihr die Locken
am Wind, der nur manchmal vom Hügel her sties. Die Seelen der Helden wurden
trüb, da sie die liebliche Stimme erhub; denn offt hatten sie das Grab Salgars
gesehen, und die dunckle Behausung der weisbusigen Colma. Colma blieb allein
auf dem Hügel mit ihrer melodischen Stimme. Salgar hatte versprochen zu
kommen, aber die Nacht stieg rings umher nieder. Hört die Stimme von Colma
da sie allein sas am Hügel.
C o l m a .
Es ist Nacht; — Ich binn allein verlohren auf dem stürmischen Hügel. Der Wind
braust zwischen dem Berge. Der Wasserfall sausst den Felsen hinab. Keine Hütte
nimmt mich vorm Regen auf. Ich bin verloren auf dem stürmischen Hügel.
Tritt, o Mond! hervor hinter deiner Wolcke; Sterne der Nacht erscheint. Ist denn
kein Licht das mich führe zum Platz wo mein Liebster ausruht von der Mühe der
Jagd! Sein Bogen neben ihm ohngespannt. Seine Hunde schnobend um ihn her.
Aber hier muss ich allein sitzen an dem Felsen des mosigen Stroms. Und der
Strom und der Wind sausst, und ich kann nicht hören die Stimme meines
Geliebten.
Und wie, mein Salgar, wie, der Sohn des Hügels hält sein Versprechen nicht?
Hier ist der Felsen und der Baum, und hier der wilde Strom. Du versprachst mit
der Nacht hier zu seyn. Ach! wohin ist mein Salgar gangen. Mit dir wollt ich
meinem Vater entfliehn; mit dir meinem stolzen Bruder. Unsre Stämme sind
lange schon Feind, aber wir sind nicht Feinde, o Salgar.
Ruh eine Weile, o Wind! Strom sey eine Weile still, dass meine Stimme über die
Haide schalle, und mich mein Wandrer höre. Salgar! Ich binn’s das rufft. Hier ist
der Baum und der Fels. Salgar mein Liebster! ich binn hier. Warum zögerst du
zu kommen?
Sieh! der Mond erscheint, die Flut glänzt in dem Thal. Die Felsen sind grau an
dem Hange des Hügels. Aber ich seh ihn nicht auf dem Pfad. Keine Hunde vor
ihm her verkünden dass er kommt. Hier muss ich sitzen allein.
Aber wer sind die, die vor mir auf der Haide liegen? Ist’s nicht mein Liebster
und mein Bruder? Redet, o meine Freunde! Sie antworten nicht. Ach, ich fürchte
— Ah! Sie sind todt. Ihre Schwerter sind roth vom Gefecht. O mein Bruder!
mein Bruder! warum hast du meinen Salgar erschlagen? warum, o Salgar, hast
du meinen Bruder erschlagen? Lieb wart ihr mir beyde! Was soll ich zu euerm Ruhm sagen? Du warst schön auf dem Hügel unter tausenden; er war
schröcklich in dem Gefecht. Redet; hört meine Stimme, Söhne meiner Liebe.
Aber ach! sie sind stumm; Stumm für ewig, ihr Busen ist kalt wie das Grab.
Oh! von dem Felsen des Hügels; von dem Gipfel des windigen Berges, redet ihr
Geister der Todten! Redet ich will nicht erschröcken. — Wohin seyd ihr zu ruhen
gegangen? In welcher Höhle des Hügels kann ich euch finden? Keine schwache
Stimme vernehm ich im Wind, keine halbverwehte Antwort in den Stürmen des
Hügels.
Ich sitze in meinem Jammer. Ich erwarte den Morgen in meinen Trähnen. Erhebt
das Grab ihr Freunde der Todten; aber schliesst es nicht biss Colma kommt.
Mein Leben fliegt weg wie ein Traum: wie könnt ich zurück bleiben? Hier will
ich mit meinen Freunden ruhn, an dem Strom des schallenden Fels. Wenn die
Nacht über den Hügel kommt; wenn der Wind über die Haide bläst; dann soll
mein Geist im Winde stehn, und meiner Freunde Todt betrauern. Der Jäger höret
mich unter seinem Reiserdach, und fürchtet meine Stimme und liebet sie. Denn
süss soll meine Stimme seyn um meine Freunde, denn lieb waren sie beyde mir.
So war dein Gesang, Minona, sanft erröthendes Mädgen von Torman. Unsere
Trähnen flossen um Colma, und unsre Seelen waren trüb. Ullin kam mit der
Harfe, und sang Alpins Lied. Die Stimme Alpins war lieblich, die Seele Rynos
war ein Feuerstral. Aber sie ruhten schon im engen Haus, und ihre Stimme hörte
man nicht in Selma. Ullin kam einst zurück von der Jagd eh die Helden fielen.
Er vernahm ihren Streit am Hügel, ihr Gesang war sanft aber traurig. Sie
betrauerten den Fall Morars, des ersten der sterblichen Menschen. Seine Seele
war wie die Seele Fingals; sein Schwert wie das Schwert Oskars. Aber er fiel,
und sein Vater trauerte: seiner Schwester Augen waren voll Trähnen.
Minona’s Augen waren voll Trähnen der Schwester des edelgebohrenen Morar.
Sie wich zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond im Westen, wenn er den
Regen voraussieht, und sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt. Ich rührte die
Harfe mit Ullin, der Trauergesang begann.
R y n o .
Der Wind und der Regen sind vorüber, still ist die Mitte des Tags. Die Wolken
sind getheilt am Himmel. Ueber die grünen Hügel fliegt die unbeständige Sonne.
Roth durch das steinige Thal kommt nieder der Strom von dem Hügel. Süs ist
dein Gemurmel, o Strom, aber süser ist die Stimme die ich höre. Es ist die
Stimme Alpins; der Sohn des Gesangs trauert um den Todten. Von Alter ist sein
Haupt gebeugt und roth sein trähnevoll Aug. Alpin du Sohn des Gesangs, wie so allein auf dem schweigenden Hügel. Warum klagst du wie ein Windhauch im
Wald; wie eine Well’ um das ferne Gestade.
A l p i n .
Meine Trähnen, o Ryno! sind für den Todten; meine Stimme für die Bewohner
des Grabs. Schlanck bist du auf dem Hügel; schön unter den Söhnen der Ebne.
Aber du wirst fallen wie Morar; und auf deinem Grabe wird der Klagende sitzen.
Die Hügel werden dich nicht mehr kennen; dein Bogen wird in deiner Halle
liegen ohngespannt. Du warst leicht, o Morar! wie ein Reh auf dem Hügel,
schröcklich wie ein feurig Meteor. Dein Grimm war wie der Sturm. Dein
Schwert in der Schlacht wie das Wetterleuchten im Feld. Deine Stimme war wie
ein Strom nach dem Regen; wie der Donner auf fernen Hügeln. Viele stürzten
durch deinen Arm; sie wurden verzehrt in den Flammen deines Zorns.
Aber wenn du zurück kehrtest vom Krieg, wie friedlich war deine Stirne. Dein
Gesicht war gleich der Sonne nach dem Regen; gleich dem Mond in dem
Schweigen der Nacht; still wie der Busen des Teichs wenn der laute Wind sich
gelegt hat.
Eng ist nun deine Wohnung; finster der Platz deines Aufenthalts. Mit drey
Schritten mess’ ich dein Grab, o du der du sonst so gros warst. Vier Steine mit
ihren mosigen Häuptern sind dein einziges Denkmal. Ein halb verdorrter Baum,
langes Gras das im Winde flüstert zeigen dem Auge des Jägers das Grab des
mächtigen Morars. Morar, fürwahr, du bist tief gesuncken. Du hast keine Mutter
die dich beweinte, kein Mädgen mit ihren Trähnen der Liebe. Todt ist sie die
dich gebahr, gefallen ist die Tochter von Morglän.
Wer ist der auf seinem Stabe? Wer ist der, dessen Haupt von Alter so grau ist,
dessen Augen von Trähnen so roth sind, der bei jedem Schritte wanckt. — Es ist
dein Vater, o Morar! der Vater keines Sohnes ausser dir. Er hörte von deinem
Ruhm in der Schlacht; er hörte von zerstreuten Feinden. Er hörte von Morars
Ruhm, wie? und hörte nichts von seiner Wunde? Weine du Vater von Morar!
weine; aber dein Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Todten, tief ihr
Küssen von Staub. Nimmer wird er deine Stimme vernehmen, nimmer wird er
erwachen wenn du ihm rufst. Wann wird es Morgen im Grabe werden, der den
Schlummerer erwecke.
Fahre wohl du edelster der Menschen; du Erobrer im Feld. Doch das Feld wird
dich nimmer mehr sehen; nimmer der Wald mehr erleuchtet werden vom Glanze
deines Strals. Du hast keinen Sohn hinterlassen; aber der Gesang soll deinen
Nahmen erhalten. Künftige Zeiten sollen von dir hören, sie sollen hören von dem gefallenen Morar.
Nun erhub sich die Trauer der Helden, aber am meisten Armins berstender
Seufzer. Er dacht’ an den Tod seines Sohns; er fiel in den Tagen seiner Jugend.
Carmor sas nächst an dem Helden, der Führer des schallenden Galmal. Warum
birstet der Seufzer von Armin, sagt er? Ist hier eine Ursach zum Jammer. Der
Gesang kommt mit seiner Musick, die Seele zu schmelzen, und zu vergnügen. Es
ist wie der sanfte Nebel, der von einem Teiche heraufsteigt, und über das
schweigende Thal zieht; die grünen Blumen füllen sich mit Thau, aber die Sonne
kehrt zurück in ihrer Stärcke, und der Nebel ist weg. Warum bist du so trüb o
Armin, Führer des seeumgebenen Gorma.
Trüb! das binn ich fürwahr: und nicht gering die Ursach meines Jammers.
Carmor, du hast keinen Sohn verlohren; du hast keine Tochter verlohren in ihrer
Schönheit. Colgar der tapfere lebt; und Annira die schönste der Mädgen. Die
Zweige deines Geschlechtes blühen, o Carmor! Aber Armin ist der letzte seines
Stamms. Dunckel ist dein Bed o Daura! und tief dein Schlaf in dem Grabe.
Wann wirst du erwachen mit deinem Gesang mit deiner Stimme der Lieder. Auf
ihr Winde des Herbsts, auf; stürmt über die finstere Haide! Ihr Ströme der Berge,
brüllt! heult ihr Stürme in dem Gipfel der Eiche! wandele durch zerrissene
Wolcken o Mond! Zeige manchmal dein blasses Gesicht! Bring vor meine Seele
jene schröckliche Nacht da alle meine Kinder fielen; Arindal der mächtige fiel;
Daura die liebe dahinsanck. Daura meine Tochter du warst schön; schön wie der
Mond auf den Hügeln von Fura; weis wie der gefallene Schnee; süs wie die
athmende Luft. Arindal dein Bogen war starck, dein Speer war schnell in dem
Feld. Dein Blick war wie Nebel über der Welle, dein Schild eine rothe Wolcke
im Sturm. Armar berühmt im Kriege, kam und suchte Daura’s Liebe, er ward
nicht lang verschmäht; schön war die Hoffnung ihrer Freunde.
Erath der Sohn von Odgal, ergrimmte; seinen Bruder hatte Armar erschlagen. Er
kam verkleidet in einen Sohn der See: schön war sein Kahn auf der Welle; weis
seine Locken des Alters; ruhig seine ernstliche Stirne. Schönste der Mädgen,
sprach er; liebliche Tochter von Armin! Ein Fels nicht weit in der See trägt an
seiner Seit’ einen Baum, roth scheinet die Frucht aus der Ferne. Dort wartet
Armar auf Daura. Ich kam seine Liebe zu holen, hinüber die rollende See.
Sie ging, und rief nach Armar. Niemand antwortete als der Sohn des Felsens[24].
Armar! Mein Liebster! Mein Liebster? Wie lange ängstest du mich mit Furcht?
Höre, Sohn von Ardnart höre; es ist Daura die dich ruft. Erath der Verräther floh
lachend zurück nach dem Land. Sie hub ihre Stimme auf, und rief nach ihrem
Bruder und ihrem Vater. Arindal, Armin! Keiner, seiner Daura zu helfen. Ihre Stimme kam über die See. Arindal mein Sohn stieg nieder vom Hügel, wild in
der Beute der Jagd. Seine Pfeile rasselten an seiner Seite; sein Bogen war in
seiner Hand; fünf dunkelgraue Docken strichen um seine Tritte. Er sah den
kühnen Erath an dem Ufer, ergriff und band ihn an eine Eiche. Fest mit Riemen,
rings um die Lenden gebunden beladet er den Wind mit seinem Geheule.
Arindal besteigt in seinem Nachen die Welle Dauren zum Lande zu bringen.
Armar kam in seinem Grimm und schoss den graubefiederten Pfeil. Er klang; er
sanck in dein Herz, o Arindal mein Sohn; für Erath den Verräther stirbst du. Das
Ruder starrt in seiner Hand, er sanck über den Felsen und verschied. Ach
welcher Jammer, Daura, ringsher um deine Füsse quillt deines Bruders Blut.
Den Nachen schlagen die Wellen entzwey. Armar stürzt sich in die See, seine
Daura zu retten oder zu sterben. Ein Windstos vom Hügel kommt schnell über
die Wellen. Er sanck, ich sah ihn nicht mehr.
Allein von dem seeumstürmten Felsen hörte man meine Tochter jammern. Viel
und laut war ihr Schreyn, und ihr Vater konnt sie nicht erlösen. Die ganze Nacht
stund ich am Ufer. Ich sah sie beym schwachen Stral des Monds. Die ganze
Nacht hört ich ihr Geschrey. Laut war der Wind, und der Regen schlug hart an
die Seite des Felsens. Eh der Morgen erschien, ward ihre Stimme schwach. Sie
starb weg wie der Abendhauch zwischen dem Gras auf dem Felsen. Verzehrt von
Jammer verschied sie. Und ließ dich Armin allein: hin ist meine Stärcke im
Krieg, gefallen mein Stolz unter den Mädgen.
Wenn die Stürme des Bergs kommen. Wenn der Nord die Wellen in die Höh’
hebt; Sitz ich am schallenden Gestad, und schau auf den schröcklichen Felsen.
Offt am niedersinckenden Mond seh’ ich die Geister meiner Kinder. Halb
unsichtbaar wandeln sie in traurigem Gespräch neben einander.[25] Will keins
von euch aus Mitleiden reden? Sie sehen ihren Vater nicht an. Ich bin trüb o
Carmor; aber nicht gering die Ursach meines Schmerzens!
So waren die Worte der Barden in den Tagen des Gesangs; da der König den
Klang der Harfen hörte, und die Geschichte vergangener Zeiten. Die Fürsten
erschienen von allen ihren Hügeln, und hörten den lieblichen Ton. Sie priesen
die Stimme von[26] Cona des ersten unter tausend Barden. Aber das Alter ist nun
auf meiner Zunge, mein Geist ist weggeschwunden. Ich höre manchmal die
Geister der Barden und lerne ihren lieblichen Gesang. Aber das Gedächtnis
schwindet in meiner Seele. Ich höre den Ruf der Jahre. Sie sagen wie sie
vorübergehn, wie? singt Ossian. Bald wird er liegen im engen Haus, kein Barde
seinen Ruhm erheben. Rollt hin ihr dunkelbraunen Jahre, ihr bringt mir keine Freude in eurem Lauf. Eröffnet Ossian sein Grab, denn seine Stärcke ist dahin.
Die Söhne des Gesangs sind zur Ruhe gegangen, meine Stimme bleibt über wie
ein Hauch der fern um den seeumgebenen Felsen saust, wenn sich der Sturm
gelegt hat. Das finstere Moos rauscht, und aus der Ferne sieht der Schiffer die
wallenden Bäume.