Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 6
eine Satire auf Ihren
Ihnen stets ergebenen
L e n z .
Herr von Kleist befindet sich wohl und empfiehlt sich Ihnen bestens.
6.
Mein theuerster Freund!
Auf einem Fuß, wie ein reisefertiger Kranich, steh’ ich jetzt und schmiere Ihnen
mit dem andern mein Adieu auf’s Papier. Ich glaube zum wenigsten, daß dieß
mein letzter Brief von Fort-Louis seyn wird. Ich gehe jetzt nach Sesenheim
hinaus, um den letzten Tag recht vergnügt dort zuzubringen. Recht vergnügt —
Nicht wahr, Sie lächeln über meine stolze platonische Sprache, mittlerweile mein
Herz mit dem Ritter Amadis (oder was weiß ich, wie der Liebhaber der Banise
hieß) von nichts als Flammen, Dolchen, Pfeilen und Wunden deklamirt. Was soll
ich sagen? Ich schäme mich meiner Empfindungen nicht, wenn sie gleich nicht
allezeit mit festem Schritt hinter der Vernunft hergehen. O! und Salzmann
bedauert mich — sehen Sie die Schürze von Feigenblättern, die meine gefällige
Vernunft mir allezeit vor die Blöße meines Herzens bindet. Ich habe in
Sesenheim gepredigt, sollten Sie das glauben? Den Sonnabend Nachmittags
karessirt; nach Fort-Louis gegangen; das Thor zu gefunden; zurückgegangen;
den Pfarrer am Nachtessen unruhig gefunden, daß er so viel zu thun habe; mich
angeboten; bis vier Uhr in der Laube gesessen; mich von meinen Fatiguen
erholt; eingeschlafen; den Morgen eine Bibel und eine Concordanz zur Hand
genommen und um 9 Uhr vor einer zahlreichen Gemeine, vor vier artigen
Mädchen, einem Baron und einem Pfarrer gepredigt. Seh’n Sie, daß der
Liebesgott auch Kandidaten der Theologie macht, daß er bald in Alexanders
Harnisch wie eine Maus kriecht, bald in die Soutane eines Pfarrers von
Wackefield, wie ein der Liebesgelahrtheit Beflissener. Mein Text war das
Gleichniß vom Pharisäer und Zöllner und mein Thema die schädlichen Folgen
des Hochmuths. Die ganze Predigt war ein Impromptu, das gut genug ausfiel. —
Himmel die Uhr schlägt sechs und ich sollte schon vor einer Stunde in S. seyn.
Dießmal sollen Sie mich dort entschuldigen. Ihren Heineccius nehme ich mit.
Ohne Erlaubniß — ach, mein Freund, dura necessitas läßt mich nicht erst lange
fragen, ich greife zu — aber ich gebe auch wieder. Allein was werden Sie sagen,
wenn ich Ihnen Ihren Tom Jones noch nicht zurückschicke? Ich bin schuld daran, daß ihn mein faules Mädchen noch etwas länger behält, er soll sie für meinen