Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 10 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 6

eine Satire auf Ihren

 

Ihnen stets ergebenen

 

L e n z .

 

Herr von Kleist befindet sich wohl und empfiehlt sich Ihnen bestens.

 

6.

 

Mein theuerster Freund!

 

Auf einem Fuß, wie ein reisefertiger Kranich, steh’ ich jetzt und schmiere Ihnen

mit dem andern mein Adieu auf’s Papier. Ich glaube zum wenigsten, daß dieß

mein letzter Brief von Fort-Louis seyn wird. Ich gehe jetzt nach Sesenheim

hinaus, um den letzten Tag recht vergnügt dort zuzubringen. Recht vergnügt —

Nicht wahr, Sie lächeln über meine stolze platonische Sprache, mittlerweile mein

Herz mit dem Ritter Amadis (oder was weiß ich, wie der Liebhaber der Banise

hieß) von nichts als Flammen, Dolchen, Pfeilen und Wunden deklamirt. Was soll

ich sagen? Ich schäme mich meiner Empfindungen nicht, wenn sie gleich nicht

allezeit mit festem Schritt hinter der Vernunft hergehen. O! und Salzmann

bedauert mich — sehen Sie die Schürze von Feigenblättern, die meine gefällige

Vernunft mir allezeit vor die Blöße meines Herzens bindet. Ich habe in

Sesenheim gepredigt, sollten Sie das glauben? Den Sonnabend Nachmittags

karessirt; nach Fort-Louis gegangen; das Thor zu gefunden; zurückgegangen;

den Pfarrer am Nachtessen unruhig gefunden, daß er so viel zu thun habe; mich

angeboten; bis vier Uhr in der Laube gesessen; mich von meinen Fatiguen

erholt; eingeschlafen; den Morgen eine Bibel und eine Concordanz zur Hand

genommen und um 9 Uhr vor einer zahlreichen Gemeine, vor vier artigen

Mädchen, einem Baron und einem Pfarrer gepredigt. Seh’n Sie, daß der

Liebesgott auch Kandidaten der Theologie macht, daß er bald in Alexanders

Harnisch wie eine Maus kriecht, bald in die Soutane eines Pfarrers von

Wackefield, wie ein der Liebesgelahrtheit Beflissener. Mein Text war das

Gleichniß vom Pharisäer und Zöllner und mein Thema die schädlichen Folgen

des Hochmuths. Die ganze Predigt war ein Impromptu, das gut genug ausfiel. —

Himmel die Uhr schlägt sechs und ich sollte schon vor einer Stunde in S. seyn.

Dießmal sollen Sie mich dort entschuldigen. Ihren Heineccius nehme ich mit.

Ohne Erlaubniß — ach, mein Freund, dura necessitas läßt mich nicht erst lange

fragen, ich greife zu — aber ich gebe auch wieder. Allein was werden Sie sagen,

wenn ich Ihnen Ihren Tom Jones noch nicht zurückschicke? Ich bin schuld daran, daß ihn mein faules Mädchen noch etwas länger behält, er soll sie für meinen