Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 23 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

V. Gedichte von Göthe an Friedericke.

V.

 

Gedichte von Göthe an Friedericke.[27]

 

1.

 

Erwache Friedericke,

Vertreib’ die Nacht,

Die einer deiner Blicke

Zum Tage macht.

Der Vögel sanft Geflüster

Ruft liebevoll,

Daß mein geliebt Geschwister

Erwachen soll.

 

Ist dir dein Wort nicht heilig

Und meine Ruh?

Erwache! Unverzeihlich!

Noch schlummerst du?

Horch, Philomelens Kummer

Schweigt heute still,

Weil dich der böse Schlummer

Nicht meiden will.

 

Es zittert Morgenschimmer

Mit blödem Licht,

Erröthend durch dein Zimmer

Und weckt dich nicht.

Am Busen deiner Schwester,

Der für dich schlagt,

Entschläfst du immer fester

Je mehr es tagt.

 

Ich seh dich schlummern, Schöne!

Vom Auge rinnt

Mir eine süße Thräne

Und macht mich blind.

Wer kann es fühllos sehen,

Wer wird nicht heiß —

Und wär’ er von den Zehen

Zum Kopf von Eis!

 

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