Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 13 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 9

ich lieber, daß nie eine Pflugschaar drüber gefahren wäre. Jetzt bin ich ganz

traurig, ganz niedergeschlagen, blos durch die Erinnerung an diesen Besuch.

Nein, ich darf nicht wieder hingehen. Wie glücklich sind Sie, mein Sokrates,

wenigstens glänzt eine angenehme Morgenröthe des Geschmacks in Straßburg

um Sie herum, da ich hier in der ödesten Mitternacht tappend einen Fußsteig

suchen muß. Keine Bücher! ha Natur, wenn du mir auch dein großes Buch vor

der Nase zuschlägst (in der That regnet es hier seit einigen Tagen anhaltend),

was werd’ ich anfangen? Dann noch über die Glückseligkeit philosophiren, wenn

ich von ihr nichts als das Nachsehen habe? Doch vielleicht kriegt mich ein guter

Engel beim Schopf und führt mich nach Straßburg. — — Meine Lektüre

schränkt sich jetzt auf drei Bücher ein: Eine große Nürnbergerbibel mit der

Auslegung, die ich überschlage, ein dicker Plautus, mit Anmerkungen, die mir

die Galle etwas aus dem Magen führen und mein getreuster Homer. Ich habe

schon wieder ein Stück aus dem Plautus übersetzt und werd’ es ehestens nach

Straßburg schicken. Es ist nach meinem Urtheil das beste, das er gemacht hat

(doch ich kenne noch nicht alle). Noch an eins möcht’ ich mich machen: es ist

eine Art von Dank, den ich dem Alten sage, für das herzliche Vergnügen, das er

mir macht. Ist es nicht reizend, nach so vielen Jahrhunderten, noch ein

Wohlthäter des menschlichen Geschlechts zu seyn?

 

Heut’ möcht’ ich Ihnen einen Bogen voll schreiben, aber ich besinne mich, daß

das, was mir ein Präservativ für eine Krankheit ist, Ihnen leicht ein Recidiv

geben kann. Ich bin ganz der Ihrige

 

L e n z .

 

9.

 

Aus Landau.

 

Würdiger Mann!

 

Ich sehe in Ihrem Raritätenkasten — alles, was uns die Herrn Modephilosophen

und Moralisten, mit einer marktschreierischen Wortkrämerei, in großen

Folianten hererzählen, in zwei Worten zusammengefaßt und so glücklich

zusammengefaßt, daß sich dazu weder zusetzen noch davon abnehmen läßt. Das

ist vortrefflich — also das Ziel ist gesteckt, nun Ihre Hand her, mein Sokrates,

wir wollen darauf zugehen, wie auf ein stilles und friedelächelndes Zoar und die

hinterlassenen Vorurtheile immer in Feuer und Schwefel aufgehen lassen, ohne

uns darnach umzusehen. Mögen furchtsame Weiber sich darnach umsehen und drüber zu Salzsäulen werden.

 

Um noch eine Stelle Ihres ohnendletzten Briefes zu berühren, wo Sie mir zu

bedenken aufgaben, ob Gott wohl uns das Gute könne schwerer machen, als das

Böse, oder (um mit Ihren Worten mich auszudrücken) ob er wohl die vim

inertiae in uns stärker könne gemacht haben, als die vim activam. so antworte

ich, daß ich keine vim inertiae glaube. Bedenken Sie doch, mit welchem Fug,

wir wohl für die Unthätigkeit eine K r a f t annehmen können? Vereinigung

einer Kraft ist sie, Vernachläßigung der vis activa, welche in Wirksamkeit und

Thätigkeit zu setzen, allemal in unserm Belieben steht oder nicht. Es ist aber die

Natur einer jeden Kraft, daß sie nur durch Uebung erhalten und vermehrt, durch

Vernachläßigung aber, so zu sagen eingeschläfert und verringert wird. Und daß

die Uebung dieser Kraft schwerer, als ihre Vernachläßigung sey, liegt in der

Natur der Sache und konnte von Gott nicht verändert werden. Positio ist allemal

schwerer als negatio, wirken schwerer als ruhen, thun schwerer als nicht thun.

 

Was die Einwirkung Gottes in die Menschen betrifft, so kann ich mir nur vier

Arten davon denken. Er unterstützt und erhält die in uns gelegten Kräfte und

Fähigkeiten — diese ist n a t ü r l i c h , das heißt, unsere Vernunft kann sie auch

ohne Offenbarung erkennen; und u n m i t t e l b a r — hernach, er leitet die

äußern Umstände und Begebenheiten in der Welt so, daß eine oder die andere

Fähigkeit in uns entwickelt oder vergrößert werde, je nachdem es sein

Rathschluß für gut befindet, diese ist gleichfalls n a t ü r l i c h aber

m i t t e l b a r . Zum dritten wirkt er durch die in uns geoffenbarten Wahrheiten

— diese ist also, ihrem ersten Ursprung nach, ü b e r n a t ü r l i c h , aber

zugleich m i t t e l b a r und den Gesetzen der Natur gemäß. Zum vierten wirkt

er übernatürlich und unmittelbar, wie in den Propheten und Aposteln; diese

Einwirkung ist über die Gesetze der Natur erhaben, läßt sich also nicht mehr

erklären (wiewohl wir auch nicht das Recht haben, sie noch jetzt aus der

gegenwärtigen Welt auszuschließen, im Fall die Gottheit gewisse

außerordentliche Endzwecke dadurch befördern wollte, welchen Fall aber,

meiner Meinung nach, unsere Vernunft nie determiniren kann, sondern vielmehr

jedes Phänomen für verdächtig halten muß, welches nicht die dazu

erforderlichen Kennzeichen bei sich hat).

 

Jetzt möge meine philosophische Muse ruhen, sich still zu Ihren Füßen setzen

und von Ihnen lernen. Spekulation ist Spekulation, bläset auf und bleibt leer,

schmeichelt und macht doch nicht glücklich. Zusammen mögen sich die Fittige

des Geistes halten, und im Thal ruhen, ehe sie, wenn sie der Sonne zu nahe

kommen, in zerlassenem Wachs heruntertröpfeln und den armen Geist, welcher auf dem Lande so sicher und lustig hätte einher gehen können, aus der Luft in

das Meer herab wirft.

 

— — Hier ist mein Trauerspiel mit dem Wunsch: möchte dieser Raritätenkasten

des Ihrigen werth seyn. Das Beste ist, daß wir beim Tausch nicht verlieren, denn

unter sympathisirenden Seelen ist communio bonorum.

 

Es ist wahr, meine Seele hat bei aller anscheinenden Lustigkeit, jetzt mehr als

jemals, eine tragische Stimmung. Die Lage meiner äußern Umstände trägt wohl

das Meiste dazu bey, aber — sie soll sie, sie mag sie nun höher oder tiefer

stimmen, doch nie verstimmen. Eine sanfte Melancholei verträgt sich sehr wohl

mit unserer Glückseligkeit und ich hoffe — nein ich bin gewiß, daß sie sich noch

einst in reine und dauerhafte Freude auflösen wird, wie ein dunkler

Sommermorgen, in einen wolkenlosen Mittag. Auch fehlen mir jetzt öftere

Sonnenblicke nicht, nur kann freilich ein Herz, dem die süßen Ergötzungen der

Freundschaft und — der Liebe — sogar einer vernünftigen Gesellschaft

genommen sind, bisweilen einen Seufzer nicht unterdrücken. An den Brüsten der

Natur hange ich jetzt mit verdoppelter Inbrunst, sie mag ihre Stirne mit

Sonnenstrahlen oder kalten Nebeln umbinden, ihr mütterliches Antlitz lächelt

mir immer und oft werd’ ich versucht, mit dem alten Junius Brutus, mich auf den

Boden niederzuwerfen und ihr mit einem stummen Kuß für ihre Freundlichkeit

zu danken.

 

In der That, ich finde in der Flur, um Landau, täglich neue Schönheiten und der

kälteste Nordwind kann mich nicht von ihr zurückschrecken. Hätt’ ich doch

eines göttlichen Malers Pinsel, ich wollte Ihnen gleich einige Seiten von diesem

vortrefflichen Amphitheater der Natur hinmalen, so lebhaft hat’s sich in meiner

Fantasei abgedrückt. Berge, die den Himmel tragen, Thäler voll Dörfnern zu

ihren Füßen, die dort zu schlafen scheinen, wie Jakob am Fuß seiner

Himmelsleiter. —

 

Doch ich würde nur schwärmen, wenn ich fortführe und dafür muß ich meinen

Geist in Acht nehmen. Ich hatte vor einigen Tagen einen Brief an Sie fertig, aber

ich verbrannte ihn, denn ich hatte darin geschwärmt. Ich habe schon viel Papier

hier verbrannt — ein guter Genius hat über dies Trauerspiel gewacht, sonst —

und vielleicht hätten Sie nichts dabei verloren. So viel muß ich Ihnen sagen, daß

ich es bei diesem ersten Versuch nicht werde bewenden lassen, denn ich fühle

mich dazu — Ich muß abbrechen und Ihnen gute Nacht sagen. Möchten Sie doch

aus Ihren Träumen lachend erwachen, wie ich heute Morgen aus den meinigen.

 

L e n z .