Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 15 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 11

ihre Bestimmung in sich selbst erforschen und hernach dieselbe erfüllen müssen;

sie seye welche sie wolle. Das Ganze giebt doch hernach die schönste Harmonie

die zu denken ist und macht daß der Werkmeister mit gnädigen Augen darauf

hinabsieht und g u t f i n d e t was er geschaffen hat.

 

Nicht wahr, ich rede mystisch, Ihnen fehlten die Prämissen, um meine

Folgesätze zu verstehen. Sie werden sie verstehen, nur Geduld. — In der

Erwartung will ich Ihnen nur mit der größten logischen Deutlichkeit sagen, daß

ich von ganzem Herzen bin und bleibe

 

Ihr drollichter A l c i b i a d e s .

 

Sagen Sie doch dem Ott, daß er den L e n z nicht über dem H e r b s t vergesse.

 

11.

 

Ich will Sie auch drücken, mein Sokrates, aber erst, wenn ich Sie g a n z kennen

gelernt und von ferne bewundert habe. — Recht so — wir stehen ganz

beisammen; allen Ihren übrigen Meinungen unterschreibe ich. Wir müssen das

Ordentliche von dem Außerordentlichen, das Natürliche vom Uebernatürlichen

unterscheiden, nur müssen wir das Uebernatürliche nicht für unnatürlich halten,

oder aus einer Welt verbannen, in der Gott nach einem höhern Plane arbeitet, als

unser kurzsichtiger schielender Verstand übersehen kann. Ich bin sehr für das

Ordentliche, für das Natürliche — nur eine aufmerksame Lesung der Briefe

Pauli (der wirklich ein großer — ein übernatürlicher Mann war) zwingt mich

eine übernatürliche Einwirkung nicht allein für möglich, sondern auch in

gewissen Fällen (wie das z. E. da die Religion erst im Keimen war) für

nothwendig zu halten. — —

 

Um auf dem hohen Berge nicht stehen zu bleiben, sondern auch im Thale

herumzuhüpfen — muß ich Ihnen sagen, daß Friedericke aus Straßburg an mich

geschrieben und mir gesagt hat, sie habe dort eine besondere Freude gehabt, die

ich vielleicht boshaft genug seyn würde, zu errathen. Und das war die, Sie am

Fenster gesehen zu haben. Sie schreibt ferner, sie wäre durch Ihren bloßen

Anblick so dreist geworden, nach dem andern Theile des Tom Jones zu schicken

und bittet mich sie desfalls zu entschuldigen. — Ist das nicht ein gutes

Mädchen? —

 

Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. —

 

Was ist das für ein Zusammenhang? — Ein trauriger —