Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 11
ihre Bestimmung in sich selbst erforschen und hernach dieselbe erfüllen müssen;
sie seye welche sie wolle. Das Ganze giebt doch hernach die schönste Harmonie
die zu denken ist und macht daß der Werkmeister mit gnädigen Augen darauf
hinabsieht und g u t f i n d e t was er geschaffen hat.
Nicht wahr, ich rede mystisch, Ihnen fehlten die Prämissen, um meine
Folgesätze zu verstehen. Sie werden sie verstehen, nur Geduld. — In der
Erwartung will ich Ihnen nur mit der größten logischen Deutlichkeit sagen, daß
ich von ganzem Herzen bin und bleibe
Ihr drollichter A l c i b i a d e s .
Sagen Sie doch dem Ott, daß er den L e n z nicht über dem H e r b s t vergesse.
11.
Ich will Sie auch drücken, mein Sokrates, aber erst, wenn ich Sie g a n z kennen
gelernt und von ferne bewundert habe. — Recht so — wir stehen ganz
beisammen; allen Ihren übrigen Meinungen unterschreibe ich. Wir müssen das
Ordentliche von dem Außerordentlichen, das Natürliche vom Uebernatürlichen
unterscheiden, nur müssen wir das Uebernatürliche nicht für unnatürlich halten,
oder aus einer Welt verbannen, in der Gott nach einem höhern Plane arbeitet, als
unser kurzsichtiger schielender Verstand übersehen kann. Ich bin sehr für das
Ordentliche, für das Natürliche — nur eine aufmerksame Lesung der Briefe
Pauli (der wirklich ein großer — ein übernatürlicher Mann war) zwingt mich
eine übernatürliche Einwirkung nicht allein für möglich, sondern auch in
gewissen Fällen (wie das z. E. da die Religion erst im Keimen war) für
nothwendig zu halten. — —
Um auf dem hohen Berge nicht stehen zu bleiben, sondern auch im Thale
herumzuhüpfen — muß ich Ihnen sagen, daß Friedericke aus Straßburg an mich
geschrieben und mir gesagt hat, sie habe dort eine besondere Freude gehabt, die
ich vielleicht boshaft genug seyn würde, zu errathen. Und das war die, Sie am
Fenster gesehen zu haben. Sie schreibt ferner, sie wäre durch Ihren bloßen
Anblick so dreist geworden, nach dem andern Theile des Tom Jones zu schicken
und bittet mich sie desfalls zu entschuldigen. — Ist das nicht ein gutes
Mädchen? —
Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. —
Was ist das für ein Zusammenhang? — Ein trauriger —