Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 17 von 29

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Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim

Kapitel 13

Art, mit uns geistig verbindet, so daß wir jetzt gleichsam Alle an seiner

vollkommnen menschlichen Natur Antheil nehmen. Die Pflichten des

Christenthums aber, laufen alle dahin zusammen, diese Wahrheiten, die Christus

uns verkündigt, zu glauben, gegen ihn voll Liebe und Dankbarkeit sein Leben

immer besser zu studiren, damit wir ihn immermehr lieben und nachahmen, von

ihm aber (welches die Hauptsache ist) zu Gott, als dem höchsten Gut, hinauf zu

steigen, ihn immer besser erkennen zu lernen, ja, alle Erkenntnisse, die wir hier

erwerben, zu ihm, als dem letzten Ziel zu lenken, um ihn als die Quelle alles

Wahren, Guten und Schönen mit allen Kräften unserer Seele zu lieben und (das

ist die natürliche Folge davon) seinen Willen auszuüben, d. h. ihn von ferne, im

Schatten, nachzuahmen, wie er ganz Liebe und Wohlthätigkeit gegen das

menschliche Geschlecht, so kein größeres Glück kennen, als Andere glücklich

zu machen.

 

Sehen Sie hier den Extrakt meiner Religion, das Fazit einer aufmerksamen

Lesung der Evangelisten, deren göttliche oder menschliche Begeisterung ich

unausgemacht lasse, und sie bloß als aufrichtige Erzähler ansehe. Denn dieses ist

gut zu wissen, aber nicht verderblich nicht zu wissen.

 

Ich habe es für nöthig gehalten, Ihnen den Zustand meiner Seele zu schildern,

damit wir uns ganz kennen lernen. Ich bin also jetzt ein guter evangelischer

Christ, obgleich ich kein orthodoxer bin. Kann ich in meiner Ueberzeugung

weiter kommen, so will ich dem Gott dafür danken, der es weiß, daß dieses das

Lieblingsstudium meiner Seele ist und ewig bleiben wird.

 

Doch hoffe ich, niemals Prediger zu werden. Die Ursachen — da müßt’ ich

Ihnen Bogen voll schreiben. Ich fühle mich nicht dazu. Dieß ist aber kein

dunkles, sinnliches — sondern das Gefühl meines ganzen Wesens, das mir so gut

als Ueberzeugung gilt. — Aber ich fühle mich als Ihren Freund

 

L e n z .

 

13.

 

L a n d a u , den — Oktober 1772.

 

Es scheint, daß Sie dazu gemacht sind, mir meine kleinen Systeme alle zu

zerstören und zu schleifen. Kaum habe ich eine recht artige bunte Seifenblase

vor dem Munde, so fahren Sie unbarmherzig drüber her und lachen mich aus,

wenn ich stehe und den Kopf kratze. Ich muß Ihnen aber auch sagen, daß ich

meine Kartenhäuser gern niederreißen lasse, weil in einer Stunde wieder ein neues da ist. An mir ist von Kindesbeinen an ein Philosoph verdorben, ich

hasche immer nach der ersten besten Wahrscheinlichkeit, die mir in die Augen

flimmert, und die liebe, bescheiden nackte Wahrheit kommt dann ganz leise von

hinten und hält mir die Augen zu. Eine lange Kette von Ideen, wo eine die

andere gibt, bis man, wenn man eine Weile gereist hat, die letzte find’t und sich

seines Zieles freuen kann, ist für meine Seele eine wahre Sklavenkette — wie

glücklich bin ich, wieder an Ihrer Hand zu gehen, wenn ich lange genug auf

blumigen Wiesen herumgesprungen. —

 

Welch’ ein Wust von Allegorien! kann ich doch nicht davor, daß meine Seele

jetzt so gestimmt ist. Mein Hauptsystem bleibt dennoch unverrückt, und das ist

freilich einfach genug, aber darum für meine Seele zuträglicher, weil sie Pein

empfindet, wenn sie sich l a n g e bei Wahrheiten aufhalten soll. Und das ist

dieß: es geht mir gut in der Welt und wird mir in Ewigkeit gut gehen, so lang ich

selbst gut bin, denn ich habe dort oben einen sehr guten Vater, der alles was er

gemacht hat, sehr gut gemacht hat — und wenn sich dieß letztere mir nicht

allezeit so darstellt, so liegt die Schuld an meinem dummen Verstande. Eine

gewisse Offenbarung bestätigt dieß mein Gefühl — tant mieux! sie sagt mir, das

anscheinend und wirklich Böse, in der Welt, fange jetzt schon an und solle

dereinst ganz aufgehoben werden, und das hab’ ich dem Sohne Gottes zu

danken, ob nun seiner Lehre allein, oder auch wirklich seinem Verdienste (wenn

anders, um von Gott nicht menschlich zu reden, bei Gott ein Verdienst statt

finden kann, denn bei ihm ist Alles Gnade), tant mieux! sage ich, das ist eine

schöne frohe Botschaft (Evangelium); ich glaube sie herzlich gern und freue

mich darüber und dieß, denk’ ich, ist der Glaube, der mich selig machen soll und

schon hier glückselig oder selig macht, denn diese beiden Wörter, denk’ ich, sind

auch eins. So werden wir, denk’ ich, in dem Extrakt unserer Religion ziemlich

nahe bei einander stehen. Freilich haben Sie in vielen Punkten, die ich mir

unterstrichen habe, mich so unter sich gekriegt, daß ich mich kaum noch rühren

kann, in andern bin ich noch in suspenso, als daß Gott gar nichts in uns wirken

kann u. a. m., wovon ich mündlich mehr mit Ihnen zu reden hoffe.

 

Das Eine bitte ich mir aus, nicht so verächtlich von dieser Welt zu sprechen. Sie

ist gut, mein Gönner, mit allen ihren eingeschlossenen Uebeln, das Reich Gottes,

wovon Christus immer red’t, ist nicht allein in jenem Leben zu hoffen, denn er

selbst hat uns im Vaterunser beten gelehrt „dein Wille geschehe im Himmel, wie

auf Erden.“ Wenn’s Glück gut ist, bin ich noch immer ein heimlicher Anhänger

vom tausendjährigen Reiche, wenigstens glaub’ ich gewiß, daß der Zustand

unserer Welt nicht immer derselbe bleiben wird. Und christlich-physisches

Uebel muß immer mehr drin abnehmen, wenn das Moralische darin abnimmt, und das wollt’ ich beinahe beweisen, wenn anders eine Seele, die immer

entrechats macht, wie eine Närrin, in ihrem Leben jemals etwas wird beweisen

können.

 

— — Eine Lieblingsidee haben Sie, mein Theurer, und das freut mich, weil ich

auch e i n e habe. So bin ich Ihnen doch in einem Stück ähnlich, denn, wenn es

auf eine Aussicht in eine aneinanderhangende Reihe von Wahrheiten ankömmt,

da kann ich mich mit Ihnen nicht messen. Wissen Sie worin unsere

Lieblingsideen bestehn? Die Ihrige ist — die L i e b e — und die Meinige, die

S c h ö n h e i t . Vielleicht stehn diese, beide, nahe bei einander, oder fließen gar

zusammen — — wenn nur meine Brille schärfer wäre! So viel ist gewiß, daß die

letztere die einzige Idee ist, auf die ich alle andern zu reduziren suche. Aber es

muß die ächte Schönheit seyn, die auf Wahrheit und Güte gegründet ist, und in

der höchsten und faßlichsten Uebereinstimmung — der Henker mag sie

definiren; ich fühle sie und jag’ ihr nach; freilich tritt sie mir noch oft hinter eine

Wolke, aber ich werde sie einmal finden — diese allein kann mein Herz mit

Liebe gegen Gott (die Schönheit in abstracto) und gegen alles was geschaffen

(die Schönheit in concreto) füllen. Freilich so nach Graden, so wie die Schönheit

selber Grade hat. Da haben Sie meine Brille — Ihre ist vortrefflich, aber ich

kann noch nicht dadurch sehen, darum sind wir Individua. Genug, wir passen in

das Ganze das Gott geschaffen hat und das ihm gefällt, so verschieden wie es ist,

denn in der Natur sind keine vollkommene Aehnlichkeiten, sagen die

Philosophen. Genug, ich fühle eine Affinität zu Ihnen, die ganz erschrecklich ist

und obgleich ich die Lichtstralen, die Sie mir zuschicken, nicht mit den meinigen

vereinigen kann, so mag ich sie doch gern damit verschwägern.

 

Nun ist’s Zeit, daß ich vom Pegasus herabsteige, sonst wirft er mich ins Meer.

Kaum hab’ ich so viel Athem Ihnen zu sagen, daß ich, zu der höchsten

Uebereinstimmung der Welt das Zutrauen habe, daß sie mich nach Straßburg in

Ihre Armen führen wird.

 

L e n z .

 

Von 1772 bis 1776 ist nur noch folgender Brief vorhanden; Lenz hielt sich in der

Zwischenzeit meistens in Straßburg auf. Die Schrift in diesem Briefe ist eine

ganz veränderte, und von derjenigen der vorigen dadurch unterschieden, daß sie

etwas mehr gezogen und flüchtig ist, während jene gedrängter und kleiner ist.

Die ganze zweite Hälfte desselben ist mit noch sehr gut erhaltenem Bleistift geschrieben.