Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim
Kapitel 13
Art, mit uns geistig verbindet, so daß wir jetzt gleichsam Alle an seiner
vollkommnen menschlichen Natur Antheil nehmen. Die Pflichten des
Christenthums aber, laufen alle dahin zusammen, diese Wahrheiten, die Christus
uns verkündigt, zu glauben, gegen ihn voll Liebe und Dankbarkeit sein Leben
immer besser zu studiren, damit wir ihn immermehr lieben und nachahmen, von
ihm aber (welches die Hauptsache ist) zu Gott, als dem höchsten Gut, hinauf zu
steigen, ihn immer besser erkennen zu lernen, ja, alle Erkenntnisse, die wir hier
erwerben, zu ihm, als dem letzten Ziel zu lenken, um ihn als die Quelle alles
Wahren, Guten und Schönen mit allen Kräften unserer Seele zu lieben und (das
ist die natürliche Folge davon) seinen Willen auszuüben, d. h. ihn von ferne, im
Schatten, nachzuahmen, wie er ganz Liebe und Wohlthätigkeit gegen das
menschliche Geschlecht, so kein größeres Glück kennen, als Andere glücklich
zu machen.
Sehen Sie hier den Extrakt meiner Religion, das Fazit einer aufmerksamen
Lesung der Evangelisten, deren göttliche oder menschliche Begeisterung ich
unausgemacht lasse, und sie bloß als aufrichtige Erzähler ansehe. Denn dieses ist
gut zu wissen, aber nicht verderblich nicht zu wissen.
Ich habe es für nöthig gehalten, Ihnen den Zustand meiner Seele zu schildern,
damit wir uns ganz kennen lernen. Ich bin also jetzt ein guter evangelischer
Christ, obgleich ich kein orthodoxer bin. Kann ich in meiner Ueberzeugung
weiter kommen, so will ich dem Gott dafür danken, der es weiß, daß dieses das
Lieblingsstudium meiner Seele ist und ewig bleiben wird.
Doch hoffe ich, niemals Prediger zu werden. Die Ursachen — da müßt’ ich
Ihnen Bogen voll schreiben. Ich fühle mich nicht dazu. Dieß ist aber kein
dunkles, sinnliches — sondern das Gefühl meines ganzen Wesens, das mir so gut
als Ueberzeugung gilt. — Aber ich fühle mich als Ihren Freund
L e n z .
13.
L a n d a u , den — Oktober 1772.
Es scheint, daß Sie dazu gemacht sind, mir meine kleinen Systeme alle zu
zerstören und zu schleifen. Kaum habe ich eine recht artige bunte Seifenblase
vor dem Munde, so fahren Sie unbarmherzig drüber her und lachen mich aus,
wenn ich stehe und den Kopf kratze. Ich muß Ihnen aber auch sagen, daß ich
meine Kartenhäuser gern niederreißen lasse, weil in einer Stunde wieder ein neues da ist. An mir ist von Kindesbeinen an ein Philosoph verdorben, ich
hasche immer nach der ersten besten Wahrscheinlichkeit, die mir in die Augen
flimmert, und die liebe, bescheiden nackte Wahrheit kommt dann ganz leise von
hinten und hält mir die Augen zu. Eine lange Kette von Ideen, wo eine die
andere gibt, bis man, wenn man eine Weile gereist hat, die letzte find’t und sich
seines Zieles freuen kann, ist für meine Seele eine wahre Sklavenkette — wie
glücklich bin ich, wieder an Ihrer Hand zu gehen, wenn ich lange genug auf
blumigen Wiesen herumgesprungen. —
Welch’ ein Wust von Allegorien! kann ich doch nicht davor, daß meine Seele
jetzt so gestimmt ist. Mein Hauptsystem bleibt dennoch unverrückt, und das ist
freilich einfach genug, aber darum für meine Seele zuträglicher, weil sie Pein
empfindet, wenn sie sich l a n g e bei Wahrheiten aufhalten soll. Und das ist
dieß: es geht mir gut in der Welt und wird mir in Ewigkeit gut gehen, so lang ich
selbst gut bin, denn ich habe dort oben einen sehr guten Vater, der alles was er
gemacht hat, sehr gut gemacht hat — und wenn sich dieß letztere mir nicht
allezeit so darstellt, so liegt die Schuld an meinem dummen Verstande. Eine
gewisse Offenbarung bestätigt dieß mein Gefühl — tant mieux! sie sagt mir, das
anscheinend und wirklich Böse, in der Welt, fange jetzt schon an und solle
dereinst ganz aufgehoben werden, und das hab’ ich dem Sohne Gottes zu
danken, ob nun seiner Lehre allein, oder auch wirklich seinem Verdienste (wenn
anders, um von Gott nicht menschlich zu reden, bei Gott ein Verdienst statt
finden kann, denn bei ihm ist Alles Gnade), tant mieux! sage ich, das ist eine
schöne frohe Botschaft (Evangelium); ich glaube sie herzlich gern und freue
mich darüber und dieß, denk’ ich, ist der Glaube, der mich selig machen soll und
schon hier glückselig oder selig macht, denn diese beiden Wörter, denk’ ich, sind
auch eins. So werden wir, denk’ ich, in dem Extrakt unserer Religion ziemlich
nahe bei einander stehen. Freilich haben Sie in vielen Punkten, die ich mir
unterstrichen habe, mich so unter sich gekriegt, daß ich mich kaum noch rühren
kann, in andern bin ich noch in suspenso, als daß Gott gar nichts in uns wirken
kann u. a. m., wovon ich mündlich mehr mit Ihnen zu reden hoffe.
Das Eine bitte ich mir aus, nicht so verächtlich von dieser Welt zu sprechen. Sie
ist gut, mein Gönner, mit allen ihren eingeschlossenen Uebeln, das Reich Gottes,
wovon Christus immer red’t, ist nicht allein in jenem Leben zu hoffen, denn er
selbst hat uns im Vaterunser beten gelehrt „dein Wille geschehe im Himmel, wie
auf Erden.“ Wenn’s Glück gut ist, bin ich noch immer ein heimlicher Anhänger
vom tausendjährigen Reiche, wenigstens glaub’ ich gewiß, daß der Zustand
unserer Welt nicht immer derselbe bleiben wird. Und christlich-physisches
Uebel muß immer mehr drin abnehmen, wenn das Moralische darin abnimmt, und das wollt’ ich beinahe beweisen, wenn anders eine Seele, die immer
entrechats macht, wie eine Närrin, in ihrem Leben jemals etwas wird beweisen
können.
— — Eine Lieblingsidee haben Sie, mein Theurer, und das freut mich, weil ich
auch e i n e habe. So bin ich Ihnen doch in einem Stück ähnlich, denn, wenn es
auf eine Aussicht in eine aneinanderhangende Reihe von Wahrheiten ankömmt,
da kann ich mich mit Ihnen nicht messen. Wissen Sie worin unsere
Lieblingsideen bestehn? Die Ihrige ist — die L i e b e — und die Meinige, die
S c h ö n h e i t . Vielleicht stehn diese, beide, nahe bei einander, oder fließen gar
zusammen — — wenn nur meine Brille schärfer wäre! So viel ist gewiß, daß die
letztere die einzige Idee ist, auf die ich alle andern zu reduziren suche. Aber es
muß die ächte Schönheit seyn, die auf Wahrheit und Güte gegründet ist, und in
der höchsten und faßlichsten Uebereinstimmung — der Henker mag sie
definiren; ich fühle sie und jag’ ihr nach; freilich tritt sie mir noch oft hinter eine
Wolke, aber ich werde sie einmal finden — diese allein kann mein Herz mit
Liebe gegen Gott (die Schönheit in abstracto) und gegen alles was geschaffen
(die Schönheit in concreto) füllen. Freilich so nach Graden, so wie die Schönheit
selber Grade hat. Da haben Sie meine Brille — Ihre ist vortrefflich, aber ich
kann noch nicht dadurch sehen, darum sind wir Individua. Genug, wir passen in
das Ganze das Gott geschaffen hat und das ihm gefällt, so verschieden wie es ist,
denn in der Natur sind keine vollkommene Aehnlichkeiten, sagen die
Philosophen. Genug, ich fühle eine Affinität zu Ihnen, die ganz erschrecklich ist
und obgleich ich die Lichtstralen, die Sie mir zuschicken, nicht mit den meinigen
vereinigen kann, so mag ich sie doch gern damit verschwägern.
Nun ist’s Zeit, daß ich vom Pegasus herabsteige, sonst wirft er mich ins Meer.
Kaum hab’ ich so viel Athem Ihnen zu sagen, daß ich, zu der höchsten
Uebereinstimmung der Welt das Zutrauen habe, daß sie mich nach Straßburg in
Ihre Armen führen wird.
L e n z .
Von 1772 bis 1776 ist nur noch folgender Brief vorhanden; Lenz hielt sich in der
Zwischenzeit meistens in Straßburg auf. Die Schrift in diesem Briefe ist eine
ganz veränderte, und von derjenigen der vorigen dadurch unterschieden, daß sie
etwas mehr gezogen und flüchtig ist, während jene gedrängter und kleiner ist.
Die ganze zweite Hälfte desselben ist mit noch sehr gut erhaltenem Bleistift geschrieben.