Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 5. Dezember.
Meinem Versprechen gemäß hatte ich der Redaktion der W e l k e n B l ä t t e r
— Wimmerianischen Angedenkens — einige der Federzeichnungen meines
Nachbars Strobel vorgeführt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme unter
die Zeichner jenes witzigen Journals ankündigen. Da ich seine Nase hinter den
Scheiben seiner Fenster einigemal hatte hervorlugen sehen, so machte ich mich
auf den Weg hinüber zu meiner alten Wohnung, in der ich, seit ich sie verlassen,
so viele ein- und ausziehen gesehen habe.
Die dicke Madame Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger
Person über den Vorräten des Viktualienladens zu thronen, sie hat sich in einen
gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen zurückgezogen, von wo
aus sie oft genug Dorette — auch Rettchen genannt — ihre hagere Tochter und
Nachfolgerin im Reich der Käse, der Butter und der Milch zur Verzweiflung zu
bringen vermag.
Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. Elf steht augenblicklich leer, indem
nach heftigen Kämpfen mit dem Parterre, treppauf und ab, die letzten
Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretärin Trampel und
ihre zwei sehr ältlichen und sehr ansäuerlichen Töchter Heloise und Klara —
Öllise und Knarre von der Madame Pimpernell genannt — abgezogen sind.
Klavier, Harfe und Guitarre, die drei Marterinstrumente der Sperlingsgasse,
nahmen sie glücklicherweise mit, sowie auch den edlen Kater Eros und den
ebenso edlen, schiefbeinigen Teckelhund Anteros — Geschenke eines neuen und
doch schon antediluvianischen Abälards und Egmonts.
Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und hinabgeklettert;
jetzt einen Haufen Bücher unter dem Arm, jetzt einen, wie ich glaubte, Furore
machensollenden Leitartikel in der Rocktasche. Wie oft haben Mariens kleine
Füße diese schmutzigen Stufen betreten, wenn sie mit Franz zu einem prächtigen
Teeabend kam, dem ich immer mit so untadelhafter, hausväterlicher Würde
vorzustehen wußte! Wie ich dann ihr helles Lachen, welches die feuchten,
schwarzen Wände so fröhlich wiedergaben, erwartete; wie sie so reizend über
meine verwilderte Stube spötteln konnte, und dann trotz aller meiner vorherigen
stundenlangen Bemühungen erst durch fünf Minuten i h r e r Anwesenheit einen
menschlichen Aufenthaltsort daraus machte! Wie ich dann später von der kleinen
Quälerin gezwungen wurde, eine unglückliche Flöte hervorzuholen und
steinerweichend eine klägliche Nachahmung von: „Guter Mond, du gehst so
stille“ hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat, oder mir der Atem ausging, oder der kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige Abende, und ich
nahm das Andenken daran mit hinauf bis zur Tür des Zeichners. Auf mein
Anklopfen erschallte drinnen ein unverständliches Gebrumme; ich trat ein.
Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennen gelernt und kann viel
vertragen in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler Müller, den
Musiker Schmidt, den Kandidaten der Theologie Schulze habe ich in ihrer
Häuslichkeit gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu sprechen, aber
eine solche malerische Liederlichkeit war mir doch noch nicht vorgekommen.
Eine Phantasie, durch Justinus Kerners kakodämonischen Magnetismus in
Verwirrung geraten, könnte, gefroren, versteinert, verkörpert in einem
anatomischen Museum ausgestellt, keinen tolleren Anblick gewähren! Auf
einem unaussprechlich lächerlichen Sofa, viel zu kurz für ihn, lag, den Kopf
gegen die Tür, die Beine über die Lehne weg gestreckt, und die Füße gegen die
Fensterwand gestemmt, der lange Zeichner, die Zigarre, die große
Trostspenderin des neunzehnten Jahrhunderts, im Munde, ein Zeichenbrett auf
den Knieen und den Stift in der Hand. Ein dreibeiniger Tisch, der ohne Zweifel
einst unter die Quadrupeden gehört hatte, war an diese Lagerstatt gezogen; ein
leerer Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste, Tuschnäpfchen, bekritzelte
Papiere und andre heterogene Gegenstände bedeckten ihn im reizendsten
Mischmasch. Drei verschiedengestaltete Stühle hatte die „Bude“ aufzuweisen;
der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliothek, der andre, ein
grünangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines Kleiderschranks,
und der dritte, von dessen früherem Polster nur noch der zerfetzte Überzug
herabhing, war o horror! — zur — Toilette entwürdigt, und ein Waschnapf,
Seife, Kämme und Zahnbürsten machten sich viel breiter auf ihm als irgend
nötig war. In einer Ecke des Zimmers lehnte der Ziegenhainer des
wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf ihm hing sein breitrandiger Filz.
In einem andern Winkel hing eine umfangreiche Reisetasche, und die Wände
entlang war mit Stecknadeln eine tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt.
Das Ganze ein wahres Pandämonium von Humor und skurrilem Unsinn.
„Ah, mein Nachbar!“ rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem
Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit der
andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. „Das ist sehr edel von Ihnen,
daß Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlich gegrüßt und nehmen
Sie Platz!“ Mit diesen Worten ließ er die Last des Bibliothekstuhls zur Erde
gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er ebenfalls die meisten Gegenstände
an beliebige Plätze schleuderte.
„Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, daß Ihre Blätter großen
Anklang bei der Redaktion der ‚Welken Blätter‘ gefunden haben, und daß dieselbe stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zählen.“
„Sehr verbunden,“ sagte der Zeichner, der sich auf mysteriöse Weise eben am
Ofen beschäftigte, „bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie mir, Ihnen
eine Tasse Kaffee anzubieten.“
Er sah und roch in einen sehr verdächtig aussehenden Topf, den er aus der
Ofenröhre nahm. „O weh,“ rief er, während ich alle Heiligen des Kalenders
anrief, „die Quelle ist versiecht!“
„Bitte, machen Sie keine Umstände, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet!“
„Ja,“ sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, „das ist der einzige
Luxus, den ich nicht entbehren könnte, und ich preise meinen Stern, der mich in
einer Zeit geboren werden ließ, wo man die Redensart: Kein Vergnügen ohne die
Damen —, in die jedenfalls passendere: Kein Vergnügen ohne eine Zigarre,
umgeändert hat.“
„Sind Sie ein solcher Weiberfeind?“
„Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem französischen
Wort: Ce que femme veut, Dieu le veut und ziehe — deshalb
gerade, die nicht so anspruchsvolle Zigarre vor, die für uns glüht, ohne das
Gleiche zu verlangen, die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und so
weiter, und so weiter!“
„Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und zu
verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das Gehenlassen,
die Athaumasie, die Apathie zur Gottheit gemacht hat.“
„Puh,“ sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, „ich
konnt’s mir denken, da sind wir schon in einem solchen Gespräche, wie sie alles
Zusammenleben jetzt verbittern: übrigens ist unsere Zeit durchaus nicht
apathisch, aber der einzelne fängt an, das wahre Prinzip herauszufinden, daß
nämlich die Sache durch die Sache gehen muß. — Nicht jeder erste und
taliter qualiter beste soll sich fähig glauben, den Wegweiser spielen zu
können, den Arm ausstrecken und schreien: Holla, da lauft, dort geht der rechte
Weg, dorthin liegt das Ziel!“
„Und die seitwärts abführenden Holzwege?…“
„Laufen alle der großen Straße wieder zu, nachdem sie an irgend einer
schönen, merkwürdigen, lehrreichen Stelle vorübergeführt haben. Ich, der
Fußwanderer, habe nie so viel Erfahrungen für den Geist, so viel Skizzen für
meine Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte.“
„Sie müssen ein eigentümliches Leben geführt haben und führen!“ sagte ich,
den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand über das
sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lächelte.
„Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentümlich!“ sagte er. „Übrigens wird jeder Mensch mit irgend einer Eigentümlichkeit geboren, die,
wenn man sie gewähren läßt — was gewöhnlich nicht geschieht — sich durch
das ganze Leben zu ranken vermag, hier Blüten treibend, dort Stacheln
ansetzend, dort — von außen gestochen — Galläpfel. Was mich betrifft, so bin
ich von frühester Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet
gewesen, mein Leben auf dem Rücken liegend hinzubringen und im Stehen und
Gehen die Hände in die Hosentaschen zu stecken. Sie lächeln — aber was ich
bin, bin ich dadurch geworden.“
„Ich lächelte nur über die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind
Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fähigkeit, das Geistervolk zu
belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflänzchen kommt nicht
gut fort unter dem Staub der Heerstraße und dem Lärm des Marktes.“
„Holla,“ rief der Zeichner, plötzlich aufspringend und nach dem Fenster
eilend, „sehen Sie, welch ein Bild!“
In der Dachwohnung über der meinigen drüben hatte sich ein Fenster
geöffnet. Die kleine Ballettänzerin, welche dort wohnt, ließ ihr hübsches
Kindchen nach den leise herabsinkenden Schneeflocken greifen. Das Kind
streckte die Ärmchen aus und jubelte, wenn sich einer der großen weißen Sterne
auf seine Händchen legte oder auf sein Näschen. Die arme, ohne die Schminke
der Bühne so bleiche Mutter sah so glücklich aus, daß niemand in diesem
Augenblick die traurige Geschichte des jungen Weibes geahnt hätte.
„Ich habe auf Ihrem Schreibtische Blätter gesehen mit der Überschrift:
C h r o n i k d e r S p e r l i n g s g a s s e,“ sagte Strobel, „das Bild da drüben
gehört hinein, wie es in meine Skizzenmappe gehört.“
„In meinen Blättern würde es eine dunkle Seite bilden,“ antwortete ich, „und
die Chronik hat deren genug. Wie wär’s aber, wenn Sie Mitarbeiter dieser
Chronik der Sperlingsgasse würden; Sie haben ein gar glückliches Auge!“
„Glauben Sie?“ fragte der Karikaturenzeichner, welcher den
Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier
kritzelte. „Sie wollen keine dunkeln Blätter; kennen Sie vielleicht die Geschichte
jenes englischen Zerrbildzeichners, der vor dem Spiegel an seinem eigenen
Gesichte die Fratzen der menschlichen Leidenschaften studierte?“
„Nein, ich kenne die Geschichte nicht, was ward mit ihm?“
„Er — schnitt sich den Hals ab,“ sagte der Zeichner dumpf, seine vollendete
Skizze fortlegend.
Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck von
Trübsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht weiter, und es
trat eine Pause ein, während welcher drüben das Kind lachte und jubelte, und die
Tänzerin den Spatzen, die sich zwitschernd auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen streute. Ich sah, daß der Zeichner allein sein wollte und ging; der
sonderbare Mensch begleitete mich bis zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand
drückend und lächelnd:
„Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signor!“
So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel.