Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 9 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 10. Dezember.

 

Es ist jetzt vollständig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in den

Straßen, als daß man den Schritt der verspäteten Fußgänger, das Rollen der

Wagen hören könnte. Es ist tiefe Nacht.

Was ist das für ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir

auftaucht? Ist das Franz — der lebensmutige, lebensglühende Franz Ralff, den

ich einst kannte?

Drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen

Ruhestätte hinausgetragen hatte. Ich saß neben meinem Freunde, der, auf die

graugrundierte Leinwand vor ihm starrend, plötzlich begann:

„Höre, Johannes, ich muß Dir eine Geschichte erzählen. Es wird gut sein, daß

Du sie kennst; auch könnte wohl der Fall eintreten, daß mein Kind sie erfahren

müßte. Letzteres will ich dann Dir überlassen, Johannes.

Ich muß weit dazu ausholen, ich muß in unsere früheste Jugendzeit

zurückgehen, wo wir glückliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes, laß

mich sie zurückrufen, diese seligen Tage! Klingt es Dir nicht auch bei jeder

Erinnerung daran, wie das Läuten jener im Wald verlorenen Kirche? O, mein

Jugend-Waldleben! — Wie ich es jetzt vor mir sehe, dieses alte, braune,

verfallende Jägerhaus, mitten in der grünen, duftenden Einsamkeit! Vorbei

plätschernd der klare Bach, der dann tiefer im Walde den stillen Teich bildet,

welchen die Sage so wundersam umschlungen hat! Wie oft bin ich, das

Kinderherz voll geheimnisvollen Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden,

wenn die Bewohner des Jägerhauses vor der Tür saßen und der alte Burchhard

das Waldhorn — Du weißt wie schön — blies, dem durch das Dunkel

glitzernden Bach nachgeschlichen, dem stillen Wasser zu, das Treiben der Nixen

und Elfen zu belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase

raschelte, oder ein Nachtvogel schwerfälligen Flugs über den glänzenden

Spiegel des Teichs hinflatterte, indem ich dachte, jetzt müsse das wundersame

Geheimnis ans Licht treten und sein Wesen und Weben beginnen um die volle

Scheibe des Mondes, die in der klaren, stillen Flut widergespiegelt lag. Erst

später erfuhr ich, woher der tiefe, geheime Zug in mir nach diesem Waldwasser

stamme.

Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bäumen rauschte, hinaufgestiegen in

eine hohe Tanne, um mich, die Arme fest um den rauhen, harzigen Stamm

geschlungen, das Herz gepreßt von Angst und unsäglicher Seligkeit — hin und

her schleudern zu lassen vom Winde.

Und dann, wenn draußen die heiße Julisonne, die in diese Waldnacht nur

vorsichtig neugierig hinein zu lugen wagte, auf der Welt lag: welch ein Träumen

war das! Welch eine Wonne war’s, im Grase zu liegen, während der Rauhbach

an meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam weiterschob,

während die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstämmen oder über den

Wellchen des Baches spielten und zitterten; die Wasserjungfer über mich

hinschoß; ringsumher die Glockenblumen ihre blauen Kelche der Erde

zuneigten, und der stolze Fingerhut sich trotzend in seiner Pracht erhob, als

spreche er jeden verirrten Strahl der Sonne für sein Eigentum an.

Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten weißbärtigen Mann, den

ich Oheim nannte, auf dem Knie saß, mit den Quasten seiner kurzen Jägerpfeife

spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, während die Hunde zu

unsern Füßen schliefen und träumten und nur von Zeit zu Zeit aufhorchten,

wenn der alte Karo draußen anschlug.

Es war ein glückliches Leben, dieses Leben im Walde, und es ist von großem

Einfluß auf meine spätere, künstlerische Entwickelung gewesen. Noch gar gut

erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes Kunstwerk an der

Stalltür zustande brachte. Es war ein Porträt unseres alten Burchhards und seines

treuen Begleiters, des kleinen Dachshundes, der die Eigentümlichkeit hatte, gar

keinen Namen zu besitzen, sondern nur auf einen besonderen Pfiff seines Herrn

hörte.

Der folgende Zeitraum meiner Geschichte, Johannes, ist Dir fast so gut als mir

bekannt, und ich könnte schneller darüber weggehen, wenn es mich nicht

überall, wo i h r Bild auftaucht, so gewaltig festhielte.

Wie viele heimliche Tränen — der Oheim liebte das Weinen nicht — wischte

ich mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner grünen

Waldesnacht Ade sagen mußte. Gern hätte ich mich an jeden Baum, an jeden

Strauch, an welchem der Weg aus dem Walde heraus vorbeiführte,

festgeklammert. Wie unermeßlich weit und groß kam mir die Welt vor. Wie eine

Eule, die man aus ihrer dunkeln Höhle in den Sonnenschein gezerrt hat, schien

ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war unglücklich, wie ein Kind von zwölf Jahren

es nur sein kann, ehe ich mich in das ungewohnte Leben hineinfand.

Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch vor dem

Gedächtnis! Der Oheim war zurückgekehrt in sein einsames Waldhaus, die Frau

Rektorin wirtschaftete in der Küche, der alte Rektor saß oben in seinem kleinen

Studierstübchen über dem Tacitus, seinem Lieblingsschriftsteller, wie ich später

erfuhr, und — ich kauerte einsam mit verquollenen tränenden Augen auf der

grünen Bank vor dem Hause und blickte in dumpfem Hinbrüten den

vorbeischießenden Schwalben nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Händchen mir einen angebissenen rotbäckigen Apfel hinhielt, ein

Lockenköpfchen sich unter meine Nase drängte und ein feines Stimmchen sagte:

„Nicht weinen … Junge … Mama auch Eierkuchen backen.“

Ich hatte damals große Lust, die kleine Trösterin zurückzustoßen, sie ließ sich

aber nicht abweisen, und als ich über ihr Mitgefühl stärker zu schluchzen anfing,

fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Tränenstrom wurden wir von dem

alten Rektor überrascht, welcher plötzlich in seinem rotgeblümten Schlafrock —

ein Porträt von ihm gibt es dort unter meinen Skizzen — und mit der langen

Pfeife im Munde hinter uns stand.

„Nun, kleines Volk,“ sagte er lächelnd, „das ist ja eine prächtige Freundschaft

zwischen Euch, die so mit Heulen anfängt! Wer hat denn dem andern etwas

zuleide getan?“

Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen

Tränenstrom zum Stehen, und auch die kleine Marie lächelte sogleich wieder

durch die hellen Tropfen, die ihr über beide Backen rollten.

„Wird schon gehen, wird schon gehen!“ brummte der alte Scholarch, fuhr mit

der Hand über meine Haare und ging dann zurück ins Haus, um seiner Frau beim

Eierkuchenbacken zuzusehen.

Die kleine Marie aber führte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine

keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein ähnliches

Feld für meine Tätigkeit. Dann zogen wir uns in die Geisblattlaube zurück, wo

der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem Nähzeuge der Frau Rektorin ein

Buch auf der Bank — ein Bilderbuch, welches mich den Wald, das Jägerhaus,

den Ohm, den alten Burchhard, mein ganzes Heimweh zuerst vergessen ließ. Es

war ein zerlesener und zerblätterter Band des welt- und kinderbekannten

Bertuchschen Werks! Welch eine neue Welt ging mir da auf! — Und die kleine

Marie lehnte neben mir; lachte, erklärte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann

kam die Frau Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verließ seinen

Tacitus; die Glocken der alten Stadtkirche läuteten den morgenden Sonntag ein;

— ich hatte mich gefunden! — Erinnerst Du Dich wohl noch, Hans, dieses

Sonntagmorgens, der auf meinen ersten Tag in Ulfelden folgte? Weißt Du wohl

noch, wie Du mir in der Kirche zunicktest, und beim Nachhausegehen unsere

Freundschaft ihren Anfang nahm durch eine Handvoll Kletten, welche Du mir in

die Haare warfest? Weißt Du wohl, Johannes, wie ich aus dem blöden

Waldjungen zu dem tollsten, verwegensten Schlingel der ganzen Gegend

heranwuchs und nur duckte, wenn mich die kleine Marie aus ihren großen

Augen so traurig ansah? Es war eine prächtige Zeit, — und das Latein war

durchaus keine so böse Krankheit wie das Scharlachfriesel; — ich hatte diese

Vorstellung aus dem Walde mitgebracht — sondern höchstens ein leichter Schnupfen, der bald wieder auszuschwitzen war.

Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst

die Welt des Schönen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner trockenen

kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an mir

vorübergleiten ließ, daß ich verlangte und mich hinaussehnte in diese so schön

blühende Welt, wo man nur die Hand auszustrecken brauchte, um Glück, Ruhm

und Reichtum zu erfassen.

Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht zurück;

hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Träume hatte ich, und in

allen schwebte Mariens holdes Bild!

Da wurde ich eines Tags zurückgerufen in das einsame Jägerhaus und fand

meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkältung, die er sich zugezogen

und nicht beachtete, hatte bei seinem vorgerückten Alter eine tödliche Wendung

genommen. Alle ärztliche und geistliche Hilfe verschmähend, hatte er nur nach

mir verlangt. Eine schreckliche Enthüllung erwartete mich am Bette des Mannes,

an dessen Seite ich nur den alten Burchhard traf, während die Waldgrete, die

bejahrte Magd des Försterhauses, ab- und zuging.

Als ich — jetzt ein neunzehnjähriger Jüngling — an das Lager meines Ohms

trat, sah mich dieser, eben aus einem kurzen unruhigen Schlummer erwachend,

starr an.

„Er gleicht ihm immer mehr,“ murmelte er. Als ich mich über ihn beugte,

küßte mich der alte strenge Mann und sagte mit erloschener Stimme:

„Franz, — Du siehst, es ist vorbei mit mir: ich brauche den Jagdranzen nicht

zu füllen und nicht für Schießzeug zu sorgen für den Gang, den ich jetzt gehen

muß. Heule nicht, Junge; weißt, ich hab’s nie leiden können. Ist Weibermode!

Ich möchte Dir aber noch etwas sagen, eh ich abmarschiere vom Anstand;

kannst dann daraus machen, was Du willst. Setze Dich und höre zu! Schau, da

hinten,“ — der Alte zeigte durch das offene Fenster, in welches grüne Zweige

schlugen, und die Abendsonne zitterte, während ein Buchfink davor sang; — „da

hinten hinter dem Walde kommst Du in die große Ebene, wo Du tagelang gehen

kannst, ohne einen Berg zu sehen. Die Leute nennen’s ein schönes Land; — mag

sein, hab’s aber nie leiden können, und mag den Wald lieber. Einen Hügel gibt’s

aber doch da, mitten in dem flachen Lande und den Kornfeldern, mit einem

Schloß, Seeburg geheißen, und am Fuße des Hügels ein Dorf desselbigen

Namens. Daher stammt unsere Familie, da bin ich geboren, da ist auch

Burchhard her.“

Der Letzterwähnte nickte hier mit dem Kopfe und brummte vor sich hin:

„Beides ne gute Art, die Ralffs und Burchhards!“

„Hast recht, Alter,“ fuhr mein Oheim fort, „hoffe auch, der da (er wies auf mich) soll nicht aus der Art schlagen, wenn er gleich unrecht Blut in den Adern

hat. Höre weiter, Junge: War ein stolz Volk, die Grafen Seeburg, die da seit alter

Zeit auf dem Neste saßen. Hab’s gelesen in alten Chroniken, wie sie die Leute

plagten und die Kaufleute fingen. Trieb’s auch die neue Art, die damals in

seidenen Strümpfen und Schuhen ging, nicht viel besser, wenn auch anders.

Halt’s Maul, Burchhard, weiß, was Du sagen willst. — Ich war damals ein

schmucker Bursch, wußte trefflich mit der Büchse umzugehen, und war Andreas

Ralff bekannt als Meisterschütze auf Kirchweihen und Vogelschießen weit und

breit, wie Deine Mutter, Franz, meine Schwester, als das schönste Mädchen im

Lande. Sagte mir damals der junge Graf, der eben von Reisen zurückkam: ‚Hör’,

Andreas, tritt in meinen Dienst, will Dich gut halten, und soll es Dein Schaden

nicht sein.‘ Da faßte mich der Satan, daß ich’s für mein Glück hielt und

einschlug.“

Der Alte stöhnte hier laut auf und barg den Kopf in den Kissen, während

Burchhard aufstand und leise eine Jägerweise aus dem Fenster pfiff. Ich

beschwor den Ohm, seine Erzählung abzubrechen und zu verschieben.

„Hab das nie getan,“ sagte der alte eiserne Mann, „ist nicht rechte

Jägermanier, eine Kreatur angeschossen umherlaufen zu lassen. Reine Büchse,

reiner Schuß. Schuf’s der böse Feind, daß der Graf die Luise zu sehen kriegte,

und — Burchhard, erzähl’s dem Jungen weiter …“

Dieser, der wieder neben dem Bette seines alten Freundes saß, nickte finster

und fuhr fort in der unterbrochenen Erzählung, den Blick auf den Boden

geheftet.

„Waren wir zusammen aufgewachsen, und hatte ich sie gar lieb die Luise mit

ihren schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Hatte aber nicht den Mut, ihr zu

sagen: Herzlieb, wolltest Du mich nicht zum Manne nehmen? Wollte Dich auch

auf’n Händen tragen! Stand ich also immer und guckte ihr nach auf den

Kirchwegen und allenthalben, wenn sie durch das Dorf hüpfte, lachend und

schäkernd, flink wie ein Reh, lustig wie eine Amsel! …“

Der Kranke seufzte tief auf, Burchhard legte ihm das Kopfkissen zurecht und

schwieg dann, von seiner Erinnerung überwältigt, einige Minuten; während

draußen die Vögel gar lustig zwitscherten, und die Sonne immer glühender dem

Untergange zusank.

Plötzlich fuhr der Erzähler fast barsch auf:

„Was ist da weiter zu berichten! War sie ein jung Blut, und hatte ihr der Pastor

mehr Gutes als Böses von den Menschen erzählt … Wurde Andreas in den Wald

geschickt auf Antrieb des Grafen; jubelte er mächtig, denn von je war’s sein

Wunsch gewesen, ein Jägersmann zu sein, und zog er sogleich fort von Seeburg,

das alte verfallene Haus, so man ihm gab, instand zu setzen, daß die Luise nachfolgen könne. War ich damals nicht daheim, sondern im fremden

Franzosenland, wo das Volk der Plackerei und Adelswirtschaft müde geworden

war und reinen Tisch machte; schlug ich mich herum in der Champagne in dem

Regiment Weimar-Kürassiere, bis der Herzog von Braunschweig und die

Preußen und alle retirieren mußten durch Dreck und Regen. Kam ich zurück auf

Urlaub, putzte den Staub von den hohen Stiefeln, rieb den Harnisch so blank als

möglich, setzte den Dreimaster verwegen aufs Ohr und faßte mir ein Herz —

war ich nicht Wachtmeister in der sechsten Schwadron? — meinen heimlichen

Schatz zu bitten um seine hübsche weiße Hand. Sahen mich die Leute so

sonderbar an, als ich durch das Dorf schritt dem kleinen Häusel zu, wo mein

Schatz wohnte, und begegnete mir auch der Kastellan vom Schloß, der mich

nicht leiden konnte, und grinzte er mich so höhnisch an, daß ich den Pallasch

fester faßte und einen welschen Fluch brummte. Ahnte ich aber nichts und schob

alles auf die Verwunderung über mein martialisch Ansehen und schritt mit einem

Herzen, das halb freudig, halb furchtsam klopfte, der kleinen Türe in dem Zaune

zu, der das Ralffsche Haus umgab. Hörte ich aus dem kleinen Stübchen eine

Stimme singen, die mir gar fremd und doch gar bekannt vorkam. Sang die

Stimme immer nur den Anfang eines alten Liedes:

 

‚Es trägt mein Lieb ein schwarzes Kleid,

Darunter trägt sie groß Herzeleid

In ihren jungen Tagen …‘

 

Nahm ich den Hut ab und trat in die Hausflur: Grüß Gott, Jungfer Lieschen, bin

zurück aus Franzosenland, — wollte ich sagen, sprach aber kein Wort, sondern

fiel mir der Hut zur Erde, und mußte ich mich am Pfosten halten, um nicht selbst

zu fallen. Da saß ein bleiches Wesen mit eingefallenen Wangen im Winkel, hatte

die Hände im Schoß gefaltet und zitterte, als ob ein heftiger Frost es schüttle.

‚Luise, Luise!‘ schrie ich auf, in die Knie vor ihr stürzend, in unmenschlicher

Angst.

Die Gestalt erhob sich, kam schwankend auf mich zu und sagte, indem sie mit

eiskalter Hand mir über die Stirne strich:

‚Ei, mein schön’s Lieb, bist zurück aus fremdem Land? Hab lange auf dich

gewartet, mein blankes Herz!‘

Schlug mir das Herz, daß mir der Harnisch zu springen drohte, den betastete

sie, und über dessen Glanz schien sie sich zu freuen.

Was weiter vorging, weiß ich nicht; noch eine Zeitlang hörte ich den Gesang

wie aus weiter Ferne:

 

‚Es trägt mein Lieb ein schwarzes Kleid,

Darunter trägt sie groß Herzeleid‘

— dann vergingen mir die Sinne, — das war meine Heimkehr aus dem

Franzosenkrieg. Ich erwachte am Abend in meinem eigenen Häuschen, das ich

vermietet hatte, und die alte Frau, die damals drinnen wohnte, saß neben mir.

Glaubte ich geträumt zu haben, — einen bösen, bösen Traum; besann mich erst

allmählich wieder, und fügte es Gott, daß ich weinen konnte. Erzählte mir die

gute Frau den Eingang und Ausgang des Leidens, und schaute ich nach meinen

Pistolen, den bübischen Grafen hinzuschicken vor Gottes Richterstuhl; erfuhr

aber, daß er auf und davon sei in ferne Länder; habe es ihn nicht mehr rasten und

ruhen lassen, und sei er auf einmal spurlos verschwunden gewesen, ohne über

sein Verbleiben etwas zu hinterlassen …“

„Und hat ihn Gott davor behütet, uns vor die Augen zu kommen,“ fiel mein

Oheim mit abgewandtem Gesicht ein.

„Schrieb ich dem Andreas am andern Morgen das Geschehene, denn er wußte

noch nichts davon; es war ein feiges Volk, so ihm auf vier Meilen Weges nichts

vermeldet hatte.“

Der Kranke im Bett stöhnte, als ob ihm das Herz zerbreche, während ich

schwindelnd und wortlos dasaß …

„Verkauften wir unsere Liegenschaften und brachten wir die Luise und Dich,

Franz, ihr kleines Kind, hierher in den grünen Wald, allwo uns des Fürsten

Durchlaucht einen Unterschlupf gab. Die Luise war immer still vor sich hin und

ward immer stiller; sie sang nicht mehr ihre alten Liederverse und saß am

liebsten in der Sonne und hielt ihre armen mageren Finger gegen das

Sonnenlicht. Dann lachte sie wohl und sagte:

‚Noch immer, — noch immer, — wie es rinnt, rinnt!‘

Und eines Morgens — — — Ja, wie war’s denn, was ich einmal im

Franzosenland von einem den Offizieren vorlesen hörte, als ich Wache vor dem

Zelt stand. Ich glaube, Herr Goethe oder so nannten sie ihn, der es las (er zog mit

des Herzogs Durchlaucht) und es handelte von einer dänischen Prinzessin, die

wahnsinnig wurde, weil ihr Liebster sich wahnsinnig gestellt hatte …“

„Bleib bei der Stange, Burchhard,“ rief mein Oheim plötzlich, sich

aufrichtend, — „eines Morgens lag sie am Rande des Hungerteiches ertrunken

im Wasser!“

Laut aufschreiend stürzte ich auf die Knie und verbarg den Kopf in dem

Kissen des alten sterbenden Mannes. Dieser saß jetzt auf den Ellenbogen gelehnt

aufrecht, unterstützt von der weinenden Waldgrete, seine Augen funkelten; er

legte mir die Hand auf den Kopf und sagte leise:

„Er war jünger als Burchhard und ich; er wird leben; — — — such ihn!“

Damit sank er erschöpft zurück, während ich betäubt liegen blieb.

Endlich legte mir der alte Burchhard die Hand auf die Schulter und führte mich hinaus.

„Ich will Dir ein Wahrzeichen geben,“ sagte er, als wir unter den grünen

Bäumen waren, die auf jene Tragödie ebenso grün und lustig herabgesehen

hatten. Wieder einmal folgte ich dem Laufe des Baches durch die freudige

Wildnis. Mit welchen Gefühlen?! — Jetzt wußte ich, woher der tiefinnere Zug

nach dem stillen Waldteiche in mir kam! Da lag die klare Fläche in der

Abendglut vor uns, der leise Wind flüsterte in den Binsen, schlug die gelben

Irisglocken aneinander und schaukelte die auf ihren breiten saftigen Blättern

schwimmenden Wasserrosen; das war alles so friedlich, so heimlich, so schön,

und doch — welch unnennbares Grauen gewährte mir der Anblick!

„Als ich sie da fand,“ sagte Burchhard, „hielt sie die eine Hand fest zu, und

das Gold eines Ringes schimmerte durch die starren Finger. Komm mit!“

Der Alte führte mich seitab in den Wald, wo ein Stein mit einem Kreuz

bezeichnet im Moose lag. Er kniete nieder, hob ihn weg und wühlte eine

Zeitlang in der Erde.

„Da!“ rief er plötzlich und schleuderte den kleinen goldenen Reif, als habe er

eine Schlange berührt, ins Gras. Es war auch eine Schlange, die einen

wappengeschmückten Rubin mit Kopf und Schweifende umschlang. Du wirst

ihn in diesem Kästchen finden, Johannes!

An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich führte seine Leiche, wie Du

weißt, Johannes, nach Ulfelden. Ich weiß nicht, der Tod des alten Mannes

erschien mir als gleichgültig im Vergleich mit dem Schrecklichen, welches mir

enthüllt war. — Es war übrigens ein seltsamer Zug; wir hatten den schwarzen

Sarg auf einen niedern Wagen, mit Zweigen und Waldblumen geschmückt,

gestellt; die Holzhauer mit ihren Äxten, die umwohnenden Köhler mit ihren

Schürstangen gaben ihm das Geleit. Dicht hinter dem Sarge schritt der alte

Burchhard, die Büchse und das Waldhorn über der Schulter, die Hunde um ihn

her. Von Zeit zu Zeit blies er eine lustige schmetternde Jägerweise, welche er

dann ergreifend und seltsam in einen Choral übergehen ließ. Unter den letzten

Bäumen hielt er an, die Holzhauer und Köhler um ihn her; noch einmal blies er

einen fröhlichen Jagdgruß, dann drückte er mir schweigend die Hand und sagte

dumpf: Lebe wohl, Franz Ralff! und schritt langsam in den Wald zurück, und

immer ferner hörte ich die Töne seines Hornes verklingen. Der Ohm wurde auf

dem Ulfeldener Kirchhof, dicht neben seiner Schwester, meiner Mutter,

begraben. Den alten Burchhard habe ich nicht wieder gesehen; ich hielt’s nun

gar nicht mehr aus in der engen Welt um mich her, ich ging nach Italien.

Burchhard aber zog nach dem Harz, wo Verwandte von ihm lebten, und wo er

auch bald gestorben ist.

Das, Johannes, ist d e r Teil meiner Geschichte, welchen selbst Du, mein F r e u n d , nicht kanntest. Ich überlasse Dir nun, welche Anwendung Du davon

einst für mein Kind wirst machen können; von j e n e m Mann habe ich nie eine

Spur entdecken können. Versunken und vergessen! Das Schloß Seeburg ist jetzt

eine Fabrik!“

Da liegt das alte vergilbte Heft vor mir, aus welchem ich diese Bogen der

Chronik der Sperlingsgasse abgeschrieben habe. Lange saß ich noch an jenem

Tage neben meinem Freunde; er sprach viel von seinem Tode und lächelte oft

trübe vor sich hin. Während seiner Erzählung hatte er mit der Reißkohle die

Umrisse eines Kopfes auf der Leinwand vor ihm gezogen. „D a s Bild male ich

Dir erst noch, Johannes,“ sagte er. Ich kannte die milden Züge zu wohl, um sie

nicht selbst in diesen leichten Linien zu erkennen.

Und so geschah es! Je heller und sonniger die Farben auf der Leinwand

aufblühten, je lieblicher der Lockenkopf Mariens aus dem Grau auftauchte, desto

bleicher wurden die Wangen meines Freundes, und eines Morgens — war er ihr

hinabgefolgt und hatte sein kleines Kind und seinen Freund allein

zurückgelassen.

 

Have, pia anima!