Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 21 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 14. März.

 

„Hören Sie, Wachholder,“ sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten

Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, „wenn Ihnen einmal Freund Hein das

Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachlaß diese Blätter

aufwühlt, und er sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu

gemeinnützigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein, wie der

alte Albrecht Dürer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte: er könne

nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde, und was die Hasen sein

sollten. Sie würfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart

zu toll durcheinander. Teuerster, wer darüber nicht konfus wird, der ist es schon!

Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernünftiger,

gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr

Mitarbeitertum der ‚Welken Blätter‘ zwischen die Beine, da putzen sie Ihre

Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hängen hier ein

Glöckchen an und da eins, und ehe man’s sich versieht, haben Sie ein Ding

hingestellt wie — wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines

Kinderbaukastens. Das ist hübsch und bunt, aber — es paßt nichts recht

zusammen, und wenn man es genau besieht — puh! — Nehmen Sie’s nicht übel;

aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines angehenden

literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getröstet hat: Avec quelque

talent qu’on puisse être né, l’art d’écrire ne

s’apprend pas tout d’un coup.“

Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört, jetzt

sagte ich, während ich erbost meine Pfeife ausklopfte: „Sie haben vor einiger

Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich nehme

Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und — lasse

Sie mit Tinte, Feder und Papier allein, daß Sie ihren Beitrag derselben auf der

Stelle anhängen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit

aufwühlen. Guten Abend!“

Der Karikaturenmaler lachte, sagte „fiat“ und begann eine Feder zu

schneiden, während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines

Menschen, der eine belebte Straße hinabzieht unter der festen Überzeugung, daß

ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom Vorhemd über den

Rockkragen baumelt. „Und recht hat er doch!“ brummte ich, indem ich die

Treppe hinabstieg. „Wenn nur die Lise erst wieder da wäre! Komm zurück,

Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, daß Euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke de vanitate weiter schreiben kann!“

Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich oben

mein Fenster öffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und

herunterrief:

„Hören Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen — ich habe

Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen! Hören Sie, meine Tante

teilt die Bücher in zwei Arten: gute, über welche sie nach Tisch einschlafen

kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik würde sie unter die

ersteren rechnen, wenn sie, aufgewühlt, ihr in die Hände fallen sollte. Adieu!“

Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte

ab.